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Horst Köhler: 

Wer lacht schon über Köhler?

Ottfried Fischer
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Deutsche Bundespräsidenten waren in der Vergangenheit oft ein dankbares Objekt der Satire. Als Horst Köhler ein Jahr im Amt war, zog der Kabarettist Ottfried Fischer im Gespräch mit der Netzeitung eine erste Bilanz.

«Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger» – diese launische Begrüßung, die Heinrich Lübke 1962 einem liberianischen Publikum zugerufen haben soll, war damals ein gefundenes Fressen für das deutsche Kabarett. Der Spott, der dem Bundespräsidenten künftig entgegenschlug, veranlasste den Bayerischen Rundfunk schließlich, die Sendungen der Münchner Lach- und Schießgesellschaft nicht mehr live im Fernsehen zu übertragen.

Heute ist ein solcher Vorgang nahezu undenkbar. Der amtierende Bundespräsident hat den Satirikern aber auch nur wenig Vorlagen geboten. Horst Köhler drang nur langsam ins öffentliche Bewusstsein. Zumindest ließ das der österreichische Kabarettist Alfred Dorfer vermuten:

«Herbert Köhler», so schrieb Dorfer 2005 der Netzeitung und nahm sich dabei wohl selbst auf die Schippe, «ist auf jeden Fall der populärste deutsche Bundeskanzler der letzten Zeit in Österreich, wahrscheinlich sogar populärer noch als der Bürgermeister von Hollabrunn in Deutschland».

Wie fiel ein Jahr nach Köhlers Wahl ins höchste Staatsamt die Bilanz aus Sicht eines deutschen Kabarettisten aus? Die Netzeitung sprach damals mit Ottfried Fischer, dem «Bullen von Tölz». Fischer ist nicht nur Schauspieler und Kabarettist. Er war auch Mitglied der Bundesversammlung, die sich am 23. Mai 2004 mehrheitlich auf Köhler einigte.

Netzeitung: Hat Horst Köhler sie mittlerweile überzeugen können, dass er der Richtige für das Amt ist?

Fischer: Ich halte ihn nicht für den Charismatiker unter den deutschen Bundespräsidenten, aber für einen angenehmen Präsidenten, der nicht allzu negativ auffällt. Johannes Rau fiel ja entweder gar nicht auf oder durch Sachen, die einem nicht so wichtig vorkamen. Ich bin mit Horst Köhler nicht unzufrieden. Ein Bundespräsident ist für mich der Kabarettist unter den Politikern, er kann kritisieren, ohne dass er sich gleich überlegen muss, wie man das umsetzt.

Der muss die Finger auf die Wunden legen und Missstände aufzeigen. Und er kann das ohne Rücksicht auf die Tagespolitik machen. Je mehr und überzeugender er das macht, umso mehr wirkt er. Das hat man bei Roman Herzog mit seiner berühmten Ruckrede gehört, auch bei Weizsäcker. Das sind Vorgänger, die sich gut in Szene gesetzt haben und den Mund aufgemacht haben.

Netzeitung: Horst Köhler ging aus einer Umfrage zwischenzeitlich als beliebtester deutscher Politiker hervor. Wie hat er das geschafft?

Fischer: Das kommt daher, dass Joschka Fischer zurückgefallen ist. Im Ernst: Ich glaube, dass in diesen hektischen Zeiten das Solide von Horst Köhler goutiert wird und dass das den Leuten gefällt. Er macht zumindest eine sehr anständige Figur.

Netzeitung: Viele erwarten von Köhler, dass er sich mehr in die aktuelle Politik einmischt. Sie auch?

Fischer: Das ist die Frage nach der Aufgabe des Bundespräsidenten.
Er muss Denkanstöße geben. Ich finde es nicht gut, wenn der Bundespräsident zweiter Wirtschaftsminister wäre oder der Nebenkanzler. Er muss Kritik üben, die Probleme müssen die anderen Politiker lösen.

Netzeitung: Mit seiner «Brandrede» zur Arbeitslosigkeit und seiner Intervention zur Rettung des dritten Oktobers als Feiertag hat er sich eingemischt, und es ist ihm vorgeworfen worden, er sei parteiisch.

Fischer: Er muss seinen Standpunkt suchen - das hat er wieder mit dem Kabarettisten gemeinsam - und von da aus zu Rundumschlägen ansetzen. Es wird ihm dann immer passieren, dass ihm die einen mehr und die anderen weniger zujubeln. Ob der dritte Oktober unbedingt ein Feiertag sein muss, wäre eine Diskussion, die im Volk schnell gelöst wäre – der freie Tag ist hoch willkommen. Der Anlass als solcher – darüber müsste man noch mehr diskutieren - ist gar nicht so beliebt bei der Bevölkerung.

Netzeitung: Glauben Sie, dass an Köhler ein Kanzlerkandidat der Union verloren gegangen ist?

Fischer: Ich halte ihn nicht für den optimalen Kanzlerkandidaten. Natürlich besser als Angela Merkel, das ist keine Frage. Aber ich habe nicht den Eindruck, dass er der Typ Kanzler ist. Ich habe auch schon gehört, dass sie geplant haben, er solle zurücktreten und Kanzler werden. Das halte ich für absolut absurd. Es wäre meiner Meinung nach auch mit dem Amt des Bundespräsidenten nicht vereinbar. Bundespräsident ist man, und danach wird man Altpräsident. Das gehört sich so, ich bin da ein bisschen altmodisch.

Netzeitung: Soweit sich das nach einjähriger Amtszeit sagen lässt: Womit wird Bundespräsident Köhler in die Geschichte eingehen?

Fischer: Köhler wird – bis jetzt habe ich diesen Eindruck – als der Sachliche und der Anständige eingehen, der allerdings sehr verhalten Einfluss nimmt.

Netzeitung: Eine Frage an den Kabarettisten: Eignet sich das Staatsoberhaupt als Gegenstand politische Satire?

Fischer: Ich hab bis jetzt noch nicht viel gehört über ihn. Bundespräsidenten eignen sich ja grundsätzlich durchaus als Objekte der Satire, wenn man Johannes Rau anschaut... Oder wenn man überlegt, dass Roman Herzog seine berühmte Ruckrede im Hotel Adlon gehalten hat, wo doch die, die unter dem mangelnden Ruck leiden, eher nicht anzutreffen sind.

Es sind verschiedene Welten – die Welt des Bundespräsidenten und die Welt derjenigen, die den Kakao austrinken müssen. Allein diese Tatsache ist Grundlage einer satirischen Betrachtung.

Netzeitung: Spielt Köhler in Ihren Programmen eine Rolle?

Fischer: Bis jetzt noch nicht. Aber Bundespräsidenten müssen sich immer an ihren jeweiligen Reden messen lassen. Da kommt es, aus der Sicht des Satirikers, immer drauf an, wie hoch der Prozentsatz von dummem Zeug ist. Für mich hat er noch nicht genug Vorlagen geboten.

Netzeitung: Was wünscht sich der Bürger, und was wünscht sich der Kabarettist Fischer vom Bundespräsidenten?

Fischer: Der Bürger - wenn er den Bundespräsidenten überhaupt als etwas Notwendiges sieht – sieht ihn als Anwalt für seine Belange und als Regulativ für die Mächtigen. Als einen, der aufpasst, dass alles gut geht. Der Kabarettist wünscht sich ab und zu zumindest mal ne Stilblüte.

Mit Ottfried Fischer sprach Solveig Grothe.

 
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