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Speer und er: 

Eine gar nicht liebenswerte Figur

10. Mai 2005 07:34
Adolf Hitler (Tobias Moretti) und Albert Speer (Sebastian Koch)
Heinrich Breloers Dokudrama «Speer und er» ist ein Meisterwerk der Montage und doch nicht ohne Schwächen. Besonders problematisch: Die brisantesten Szenen sind erst in der inoffiziellen vierten Folge des Dreiteilers zu sehen.

Von Christian Bartels

Im dritten Teil von «Speer und er» sitzt Albert Speer (Sebastian Koch) im Gefängnis in Berlin-Spandau erstmals seit Jahren seiner Frau Margarete (Dagmar Manzel) gegenüber. Berührungen sind ihnen nicht gestattet, sie sind durch eine Glasscheibe getrennt und werden von allerhand Soldaten überwacht. Weil die Speers seit kurzem außer in der kontrollierten Post auch über heimliche Briefe kommunizieren können, dürfen sie jetzt nichts sagen, was das verraten würde.

Bilderschau:
Aber viel haben sie einander sowieso nicht sagen, und so verstreicht die Besuchszeit langsam. Speer versucht, die zeittypische Vaterrolle auszufüllen, indem er Anweisungen für seine Kinder gibt. Das Gespräch wirkt kühl. Der mitschwingende Subtext macht die Szene dennoch aufregend: Das Dokudrama «Speer und er» funktioniert auch als psychologisch vielschichtiger Spielfilm.

Breloer ist selbst im Bild

Mittel des Spielfilms zielen durchaus darauf, dass der Zuschauer sich mit Hitlers Rüstungs-Reichsminister, dem Hauptkriegsverbrecher Speer identifiziert. Andere Szenen, dokumentarische Elemente, die Montage arbeiten dagegen. Dass der Zuschauer seine Position zum Protagonisten immer wieder neu bestimmt, macht «Speer und er» hoch spannend. Der beste Teil des im Verlauf immer stärker werdenden Dreiteilers ist dummerweise der vierte: die Dokumentation «Nachspiel - Die Täuschung», die das Werk in der Donnerstagnacht abschließt.

Teil 1 («Germania», am gestrigen Montag, den 9. Mai) begann so, wie es zum quasi 60. Jahrestag des Kriegsendes vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu erwarten ist: wie noch ein ambitionierter Historienfilm. Gegenüber «Die Manns» von 2001 sind Regisseur Heinrich Breloer und sein Co-Autor Horst Königstein im Umgang mit ihrem Material noch virtuoser geworden. Kunstvoll gehen Spielszenen, schwarzweißes und buntes Dokumentar-Material sowie neue und ältere Interviews mit Experten und «Zeitzeugen» ineinander über; manchmal scheint eine auktoriale Filmemacher-Ebene durch, und Breloer ist kurz selbst im Bild.

Das vermeintlich Unpolitische

Die Speers wiederum sind auf ihre Art beinahe so eine Architektenfamilie wie die Manns eine Literatenfamilie waren, auch das mag an den hochgelobten Vorgänger erinnern. Bloß ist eben Albert Speer «keine so liebenswerte Figur wie Thomas Mann», wie Breloer sagt. Und seine inzwischen um die 70-jährigen Kinder Hilde Schramm, Arnold Speer und Albert Speer jr., wirken als Interviewpartner anfangs wie Zeitzeugen im Geschichts-Fernsehen meistens wirken: Sie verstärken allenfalls das Offensichtliche und wären auch verzichtbar. Im Verlauf aber gewinnt das Werk ungemein.

Der zweite Teil (Mi., 11. Mai) spielt während des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses. Die in groben Zügen eingehaltene, durch das Montageprinzip immer wieder aufgebrochene Chronologie erweist genau das als Stärke, was im Zeitgeschichts-versessenen Fernsehen weithin fehlt: «Speer und er» beleuchtet den Zusammenhang zwischen Völkermord, Rüstungssteigerung, Industrieproduktion, Organisationstalent und all dem vermeintlich Unpolitischen. Statt über Gedankengebäude sozusagen spielerisch, in Spielfilmform, stellt Breloer Zusammenhänge her – letztlich zwischen dem Staat, der am 8. Mai 1945 «unterging», und dem, in dem wir heute leben.

Das funktioniert auch deshalb, weil Tobias Moretti den Hitler nicht so dröhnend darstellt wie Bruno Ganz in «Der Untergang», dem Blockbuster aus dem Führerbunker. Bei Breloer nimmt Hitler trotz des Titels keine derart beherrschende Rolle ein. «Der Untergang» erzählt die Geschichte des Nazi-Reiches vorwiegend in der 3. Person Singular: als Folge dessen, was Hitler wollte und befahl.

Speer in Spandau

«Speer und er» erzählt strukturalistisch, wie die Macht und ihr Glanz einen jungen Sympathieträger, der für viele stehen könnte, an- und in den Apparat hineinzog. Davon, wie dieser vom «Rädchen im Getriebe» rasch zu einem «Dynamo» des Getriebes wurde. Und davon, wie er danach damit umging und so das Bild der Epoche und zugleich auch deren Interpretation prägte.

Teil drei (Do., 12. Mai) spielt während Speers zwanzigjähriger Haft in Spandau. Während der Mann, der in den letzten Kriegsjahren das deutsche «Rüstungswunder» organisierte, einsitzt, läuft draußen das Wirtschaftswunder an. Rudolf Wolters (Axel Milberg in einer ganz starken Rolle), einst Speers Architekten-Partner, fährt in bonbonfarbenen Autos herum, spendet Geld für die Ausbildung der Speer-Kinder und erklärt seiner gut aussehenden Geliebten und Sekretärin (Erika Maroszan) ganz jovial und en passant, dass er die Firmenchronik «in Ordnung bringt»: indem er die «Entmietungen» Berliner Juden durch Speers Dienststelle daraus tilgt.

Für verschiedene Zielgruppen interessant

Der Film zeigt, wie er das, was früher auch als «Entjudung» geläufig war, auf dem Papier einfach säuberlich ausstreicht. Vom «kleinen rassischen Webfehler» der Sekretärin, einer Jüdin, spricht Wolters ebenfalls. Das ist nur eine der vielen aufregenden, aufschlussreichen Geschichten, die der Film unprätentiös am Rande erzählt. Der sanfte Übergang des Verfolgungs- und Vernichtungsstaats in die durchaus schuldbewusste Bundesrepublik mit dem weitgehend identischen Personal erhält hier eine filmische Form.

So gewinnt auch der Erzählstrang um die Speer-Kinder enorm an Kontur. Natürlich haben sie zu historischen Aufnahmen, die sie als Kleinkinder bei Hitler auf dem Obersalzberg zeigen, nichts zu sagen. Aber sie verkörpern Paradebeispiele der schwierigen «Vergangenheitsbewältigung», die sie allein und gegen ihre Eltern vollziehen mussten.

Wenn Teil 3 mit Speers Freilassung 1966 endet, hat der Film bereits das Kunststück vollbracht, für völlig unterschiedliche Zielgruppen interessant zu sein. Speer-Experten können auf hohem Niveau über die gewählten Ausschnitte und deren Bezug zum Stand der Forschung streiten. Jene, die in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren, als Speer als Bestseller-Autor und Interviewpartner omnipräsent war, noch zu jung waren und daher wenig über ihn wissen, haben viel erfahren.

Blick durch die Schornsteine von Auschwitz

Die Schwäche von «Speer und er» ist, dass die für die Gegenwart entscheidenden Szenen erst in der inoffiziellen vierten Folge (Do., 12. Mai, erst 23.30 Uhr) laufen. Dieses «Nachspiel», so der Untertitel, führt aus, was der Spielfilm eher andeutet. Es erzählt die Story nun überwiegend dokumentarisch weiter und greift dabei auf Spielszenen aus den ersten Teilen zurück.

Da spricht Speer etwa in einem TV-Interview von 1969 von Auschwitz als dem «Geheimnis, das Hitler vor uns allen behüten» wollte. Breloer sagt an anderer Stelle den großartigen Satz «Wir gucken heute durch den Rauch der Schornsteine von Auschwitz auf das Dritte Reich». Dann weist er vor laufender Kamera nach, dass Speer schon vor seiner Ministerzeit an KZ-Gründungen maßgeblich beteiligt war, um preiswert an Naturstein für seine geplanten Protzbauten zu gelangen.

Hauptstück nicht zur Hauptsendezeit

Er zeigt, dass die Deportation der Berliner Juden in Vernichtungslager von Speers Schreibtisch ausging, über den später auch viel Material für den Krematorien-Bau in Auschwitz bürokratisch korrekt genehmigt wurde. Der Historiker Joachim Fest, der nach 1966 als Speers «vernehmender Redakteur» (so der Verleger Wolf Jobst Siedler) fungierte und dadurch große Schritte in seiner Medienkarriere machte, beklagt, dass er sich von Speer aus heutiger Sicht «natürlich» «betrogen» fühlt.

Breloers «Speer» ist ein Meisterwerk der Montage, das ungeheuer viel Material in vier mal 90 Minuten so arrangiert, dass jede Szene den vorherigen etwas hinzufügt und alles zueinander passt. Zur Gesamtdramaturgie passt auch, dass die brisantesten Momente am Ende stehen. Es ist aber unverständlich und schade, dass dieses «Nachspiel» nicht mehr zum Hauptwerk gezählt (und in der ARD auch nicht zur Hauptsendezeit gezeigt) wird.

Speer die Deutungshoheit entziehen

Es bleibt der Eindruck, dass mit dem Renommierstück zum 60. Jahrestag des Kriegsendes noch längst nicht alles erzählt ist. Unzählige aufschlussreiche Geschichten sind noch anzufügen. Sei es eine ähnlich gestaltete Biografie Leni Riefenstahls, die Speer als jungen Mann mochte und als alten Mann mal in der Schweiz beim Wintersport traf (und kurz vor ihrem Tod zwei Sätze zu «Speer und er» beisteuerte).

Sei es die mutmaßliche Groteske der «Bildungsreise», die die Speers 1939 unter anderem mit Arno Breker und Magda Goebbels (deren Gatte, der Propagandaminister, derweil mit der tschechischen Schauspielerin Lida Baarova flirtete) 1939 nach Italien unternahmen, während die Wehrmacht die Tschechoslowakei besetzte.

Oder die Geschichte der Nürnberger Prozesse aus einer deutschen Sicht. Oder eben, wie der freigelassene Kriegsverbrecher Speer als eloquenter, international gefragter Zeitzeuge die Medien becircte, die westdeutsche Deutungshoheit über den Nationalsozialismus gewann und Zeit seines Lebens bewahrte. Er starb 1981, kurz bevor das erste wirklich kritische Buch über ihn (Matthias Schmidts «Albert Speer – Das Ende eines Mythos») erschien.

 
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