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Albert Speers Bekenntnisse: 

Bekenntnis und Lebenslüge

02. Mai 2005 07:16, ergänzt 07:18
Albert Speer beim Prozess in Nürnberg
Albert Speer war Hitlers Chefarchitekt und Rüstungsminister. Zu seinem hundertsten Geburtstag erscheinen nun die Gedächtnisprotokolle der Gespräche, die Joachim Fest mit ihm geführt hat.

Von Daniel Kilpert

Im Nürnberger Hauptprozess gegen die Führung der Nationalsozialisten bekannte sich Albert Speer als einziger der Angeklagten als schuldig. Gleichzeitig lehnte er aber jede Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen ab und behauptete, von der Verfolgung und Ermordung der Juden nichts gewusst zu haben. Diese Doppelstrategie habe Speer letzten Endes vor einem Todesurteil bewahrt, schrieb Joachim Fest später in seiner Speer-Biographie.

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  • Speer bezeichnete sich selbst als unpolitischen Technokraten, der sich verführen ließ – von der Faszination, die von der Person Adolf Hitler ausging, und von der Möglichkeit zur Machtausübung, die sich ihm selbst damals geboten hatte. Bei dieser Darstellung blieb Speer bis zu seinem Tod im Jahr 1981.

    Gesprächsprotokolle aus 15 Jahren

    1966, nachdem Speer aus zwanzigjähriger Haft in Berlin-Spandau entlassen worden war, verpflichtete Wolf Jobst Siedler, damals Leiter des Ullstein-Propyläen-Verlags, den Journalisten Joachim Fest als historischen Berater Speers. 1969 erschienen Speers «Erinnerungen», 1975 die «Spandauer Tagebücher». Beide Titel wurden zu Bestsellern.

    Erst 1999 erschien Fests große Speer-Biografie, die im Wesentlichen auf einer Vielzahl von Gesprächen mit Speer basierte, die der Autor mit Speer zwischen 1966 und seinem Tod geführt hatte. Joachim Fest hatte sich vorher bereits mit seiner 1973 erschienenen Hitler-Biographie einen Namen gemacht, für die er ebenfalls die Protokolle der Gespräche mit Speer nutzte.

    Lücken und Täuschungen

    Das vertrauensvolle Verhältnis zwischen Speer und Hitler, Speers Kenntnis des nationalsozialistischen Systems, zu dem er erst zum Kriegsende eine kritische Distanz einnahm, versprachen Fest einen tiefen Einblick in die Persönlichkeitsstruktur Adolf Hitlers.

    Joachim Fest
    Dabei war sich Fest durchaus bewusst, dass Speers Selbstdarstellung Gedächtnislücken und Verstellungen einschlossen: «Schon damals schien mir, dass Speers Lebensweg mit all den Selbsttäuschungen, falschen Ergriffenheiten und moralischen Erhärtungen, die dazugehören, weitaus repräsentativer war, als er je selbst begriffen hat», schrieb der Biograph.

    Allzu allgemeine Selbstbezichtigungen

    Nun sind die Aufzeichnungen erschienen, die Fest über die Jahre hinweg nach seinen Gesprächen mit Speer anfertigte. Aus den Gedächtnisprotokollen der Gespräche zwischen Fest und Speer wurden insbesondere all jene Äußerungen aufgenommen, die Speer nicht in seine «Erinnerungen» aufnehmen wollte.

    Fest schildert darin auch die Meinungsverschiedenheiten, die er mit Speer über allzu allgemein gehaltene Selbstbezichtigungen hatte, die in seinem Manuskript enthalten waren. Diese betrafen die Verhaftungen politischer Gegner, die Nürnberger Gesetze, die Konzentrationslager und die Frage, warum Speer schließlich zu einer distanzierten Haltung gegenüber Hitler gekommen sei.

    Tiefe Freundschaft zu Hitler

    Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang etwa, wenn Speer erzählt, wie er während seiner schweren Erkrankung von Hitler geschnitten wurde, der dann anschließend aber «so tat als sei nichts gewesen». Speer habe das als eine Geringschätzung empfunden, von der er sich bis dahin ausgenommen geglaubt hatte. Auf Nachfrage Fests erklärte Speer, diese persönliche Kränkung wäre wohl der Anstoß gewesen, den Bruch mit Hitler zu vollziehen, ihm also die Vernachlässigungen heimzuzahlen.

    Viele Rätsel gibt nach wie vor der Besuch Speers im Bunker auf dem Gelände der Berliner Reichskanzlei in der Nacht vom 23. auf den 24. April 1945 auf. Er habe sich von Hitler persönlich verabschieden müssen, erklärte Speer, obwohl der Abschied eigentlich schon drei Tage zuvor, nach der Feier von Hitlers Geburtstag, stattgefunden hatte, wie Fest schreibt. In dem nun vorliegenden Buch wird auf diese Begebenheit detaillierter und aufschlussreicher als in den «Erinnerungen» eingegangen. Speer habe erklärt, eine tiefe Freundschaft dürfe nicht mit einer Lüge, einem Treuebruch oder einer anderen «Gemeinheit» enden.

    Stadtsparkasse ist nicht genug

    Der «definitive Wendepunkt» in seinem Verhältnis zu Hitler kam laut Speer vielleicht erst nach dem Krieg. Die Filmvorführung in Nürnberg, in der Aufnahmen aus den Vernichtungslagern zu sehen waren, habe ihn «aufs tiefste verstört und die paar verbliebenen Sentiments abgetötet». Von da an «habe er sogar in einem Todesurteil keine Ungerechtigkeit erblicken können».

    Und dennoch: Stets stehen Speers Karrieredenken und seine Selbstentschuldung im Vordergrund. Was sei denn, auf das ganze Leben gesehen, die Alternative gewesen, fragt sich Speer. Hätte er etwa lieber als «Stadtbaurat von Göttingen seinen Lebensabend verbringen» und als Architekt «auf das Gebäude der Stadtsparkasse und die Anlage des lokalen Schwimmbads» zurückblicken sollen?

    Speer hat genug gewusst

    Eine der Hauptfragen, die die rätselhafte Persönlichkeit Albert Speers aufwirft, ist die nach dem Wissen von der Verfolgung und Ermordung der Juden. Als «Generalbauinspektor» war Speer schließlich direkt in eine Vorstufe des Holocaust einbezogen gewesen: die Vertreibung der Berliner Juden aus ihren Wohnungen. An einer Stelle erklärte er, dass nicht wenige seiner Landsleute «von den Vorgängen gewusst» hätten, zumindest gerüchteweise. «Unten», so Speer, sei man aber in allen Behörden meist besser informiert als «oben», wo «die Luft dünner» und die Kenntnisse der Einzelheiten geringer gewesen seien.

    Auch der Streit über die mögliche Anwesenheit Speers bei Himmlers Posener Rede bleibt ungeklärt. Für Fest ist es letztlich aber unerheblich, ob Speer diese Rede mit den Enthüllungen über den Massenmord an den Juden gehört hat. Er habe in jedem Fall genug von den Verbrechen des Regimes gewusst, um sich schuldig zu machen.

    Entscheidende Frage bleibt offen

    Fest ist sich sicher, dass Speer seine Kenntnis von den nationalsozialistischen Verbrechen und seine eigene Verstrickung in diese verschweigt. Es gelingt ihm aber nur ein einziges Mal, auf insistierende Fragen nach Speers möglichem Wissen von den Gräueltaten eine verschwommene, gleichwohl geständnisähnliche Antwort zu erhalten: «Lieber Herr Fest, Sie sollten mir nicht immer wieder solche unbeantwortbaren Fragen stellen.»

    Charakteristisch für die Schwierigkeiten, die Fest mit den Erinnerungsblockaden Speers hatte, ist seine Schilderung der gemeinsam mit Wolf Jobst Siedler unternommenen Bemühungen, Speer dazu zu bewegen, die Reichspogromnacht vom 9. November 1938 in seinen Erinnerungen zu erwähnen. Speer gibt schließlich zu, am 10. November die rauchenden Ruinen in der Berliner Fasanenstraße bemerkt zu haben. Was Speer aber im einzelnen tatsächlich von der Verfolgung und Ermordung der Juden wusste, muss auch in diesem Buch offen bleiben.

    Alles ist bodenlos

    Speer zeigt sich in Fests Buch als Egomane, der beharrlich an seinen Lebenslügen festhält und unfähig zur Selbstanalyse ist. Ständig wiederholt er allgemeine Schuldbekenntnisse und betont gleichzeitig seine Loyalität und Freundschaft zu Hitler, dessen rassistische Reden zur Kultur er weiterhin empfiehlt und dessen künstlerische Visionen er bewundert. Fest bezeichnet Speer als «bornierten Idealisten, der sich jeder überlegenen Kraft andiente».

    Die «Frage aller Fragen» sei, schreibt Fest in der Einleitung seines Buches, wie die Vorkehrungen beschaffen sein müssten, die eine Art Sicherung gegen solchen Verlust aller Maßstäbe gewährleisten könnten – und, vielleicht noch besorgniserregender, ob es solche Vorkehrungen überhaupt gibt.

    Was bedeutet es, fragt Fest, «wenn selbst ein Mann mit seiner Erziehung, seinen Maßstäben und seiner durchaus moralischen Sensibilität an den Verbrechen ringsum nicht nur keinen Anstoß nahm, sondern mit den Verbechern zu Tische sitzen konnte – wo wäre dann eine Grenze?» Fests Antwort ist ernüchternd und stimmig zugleich: «Offensichtlich gibt es keine. Alles ist bodenlos.»

    Joachim Fest: Die unbeantwortbaren Fragen. Gespräche mit Albert Speer, Rowohlt 2005, 192 Seiten, 19,90 Euro.

     
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