Saul Bellow, der Mann in der Schwebe
06. Apr 2005 12:56
 | Saul Bellow | Foto: dpa |
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Saul Bellow war einer der Giganten der amerikanischen Literatur, glaubt J.M. Coetzee. Mit Ironie und Scharfsinn beschäftigte er sich mit dem Leben im modernen Amerika.
Unter den amerikanischen Romanciers der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts steche Saul Bellow als einer der Giganten, vielleicht sogar der Gigant hervor, schrieb J.M. Coetzee vor gut einem Jahr in der «New York Review of Books». Anlass war die Herausgabe der ersten drei Bücher Bellows – Dangling Man (1944), The Victim (1947), and Augie March (1953) – in einem tausendseitigen Band durch die Library of America. Diese Ehre wird den meisten Schriftstellern erst postum zuteil.Bellow konnte sich im Gegensatz zu manchem Kollegen 1976 auch über den Nobelpreis für Literatur freuen. Die Verleihung bereite ihm daher «ein heimliches Gefühl der Scham, weil so viele große Schriftsteller ihn nicht bekommen haben». Den Preis erhielt er für seinen Roman «Humboldts Vermächtnis», der von den Zweifeln eines Intellektuellen an seiner Gesellschaft handelt. Für das Buch wurde er im gleichen Jahr auch mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet.
Ironie mit Erfolg
Der Protagonist von «Humboldts Vermächtnis» ist eine typische Figur Bellows, dessen Romane sich oft um die innere Auseinandersetzung von Selfmade-Intellektuellen mit ihrer Geschichte und ihren Idealen strukturieren. Bellows Helden blicken oft mit milder bis beißender Ironie auf ihre früheren Ichs, aber auch auf die Gesellschaft, in der sie leben. Bellows Figuren sind zutiefst amerikanisch, indem sie meist zwar aus nicht wohlhabenden Familien stammen, aber durch gewisse Umstände sich dennoch genügend Bildung aneignen konnten, um zumindest das Potenzial für Erfolg zu besitzen. Bellow wusste, wovon er sprach. Er selbst wurde als viertes Kind einer aus Russland eingewanderten Viertel in einem armen Viertel im kanadischen Montreal geboren. Die Erlebniswelt oftmals jüdischer Einwanderer zählt zu den Sujets, die Bellow immer wieder wählte.
Die Folgen des Traums
Trotz aller Ironie haderten seine Figuren, konstruiert ganz im Stil der großen Autoren des 19. Jahrhunderts wie Dostojewski, mit der Welt und sich selbst. Immer waren sie mit philosophischen Problemen konfrontiert und immer mussten sie sich mit dem amerikanischen Traum auseinandersetzen. Der Individualismus gefährde das Seelenheil des Menschen, glaubt etwa Joseph, der Held von «Der Mann in der Schwebe». Die aufgeklärte, liberale Gesellschaft erklärt uns, jeder einzelne könne sein Schicksal bestimmen, das Individuum habe unschätzbaren Wert. Erreiche der einzelne die hochgesteckten und womöglich ohnehin unerreichbaren Ziele aber nicht, führe dies zu Hass auf sich selbst und die anderen.Saul Bellow, der vor einigen Jahren noch einmal Vater geworden war, ist nun im Alter von 89 Jahren gestorben. (dpa/nz)