Johannes Paul II.:
Der Liberalismus und das Böse
04. Mrz 2005 09:34
 | Johannes Paul II. | Foto: AP |
|
In «Erinnerung und Identität» erklärt Johannes Paul II., auch die Demokratie sei nicht vor dem Bösen gefeit. In Europas Parlamenten werde die Vernichtung von Leben beschlossen.
Von Ulrich GutmairVor kurzem hat ein schwedisches Gericht einen Pfarrer der freikirchlichen Pfingstbewegung freigesprochen, der in einer Predigt Schwule als «Krebsgeschwulst am Körper unserer Gesellschaft» bezeichnet hatte. Das Gericht erklärte, der Priester habe lediglich seine eigene Bibelauslegung vorgetragen, die unter dem Schutz der Meinungsfreiheit stehe. Sie decke auch Äußerungen, die «einer Mehrheit der Bevölkerung fremd sind und provozierend wirken».
Der Papst hat in der Frage der Homosexualität ähnlich provozierende Ansichten, drückt sich aber vornehmer aus. In seinem neuen Buch «Erinnerung und Identität» nimmt er Bezug auf den «starken Druck des Europäischen Parlaments, homosexuelle Verbindungen anzuerkennen als eine alternative Form der Familie, der auch das Recht der Adoption zusteht». Es sei zulässig und sogar geboten, «sich zu fragen, ob nicht hier – vielleicht heimtückischer und verhohlener – wieder eine neue Ideologie des Bösen am Werk ist, die versucht, gegen den Menschen und gegen die Familie sogar die Menschenrechte auszunutzen.» Kurz vorher im Text hat der Papst den Nationalsozialismus und die kommunistischen Regime als Ausdruck der «Ideologien des Bösen» bezeichnet.
Das Böse unter den Bedingungen der Demokratie
Dass der Vatikan in der Frage der Homosexualität letztlich keine genuin theologischen Argumente in Anschlag bringt, sondern sich auf die «Stimme der Natur» beruft, ist spätestens seit den im Jahr 2003 veröffentlichten «Erwägungen zu den Entwürfen einer rechtlichen Anerkennung der Lebensgemeinschaften zwischen homosexuellen Personen» bekannt. Es ist also ein wenig verwunderlich, dass diese Passage im neuen Buch des Papsts Aufruhr hervorgerufen hat. Es sind ebensolche Äußerungen aus Rom, die seit Jahr und Tag so manchen aufgeklärten Katholiken dazu gebracht haben, den Papst einen guten Mann sein lassen und in den wesentlichen Fragen auf das eigene Gewissen zu hören. Interessanter ist der Rahmen, in dem der Papst die altbekannten Thesen über die «widernatürliche» Homosexualität aufstellt: «Erinnerung und Identität» widmet sich nicht zuletzt der Frage nach dem Bösen unter den Bedingungen der Demokratie.
Descartes und Hitler
Entgegen aller anders lautenden Gerüchte bezieht sich der Papst dabei nicht nur immer wieder positiv auf die Ergebnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils. Er konzediert auch, dass die Aufklärung die grundlegenden Forderungen des Evangeliums unter der Parole von «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» auf politischer Ebene realisiert hat. Auch wenn die Französische Revolution die Menschenrechte de facto und auf vielerlei Weise verletzt habe, habe sie doch überhaupt erst den Boden für ein besseres Verständnis dieser Rechte bereitet. Dass dies gegen die Kirche durchgesetzt werden musste, verschweigt der Autor, der Leser weiß es ohnehin. Als großer Feind der Menschenrechte habe sich bald der Kapitalismus erwiesen, der unter Berufung auf die Gesetze des Markts «die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zuließ.»
Doch auch die Wurzeln der «Ideologien des Bösen», Nationalsozialismus und Kommunismus, sind in der Aufklärung zu suchen: Mit Descartes wurde die Philosophie zu «einer Wissenschaft des reinen Denkens». Das ens subsistens, das sich selbst genügende Sein Gottes als Ausgangspunkt der Philosophie im christlichen Abendland, wurde aufgegeben; im Zentrum der Welt stand fortan das ens cogitans, das denkende Subjekt.
Das Moment der Erlösung war verschwunden, und der Mensch der Schöpfer seiner Geschichte geworden. Im Kern wird hier bereits die industriell organisierte Massenvernichtung durch die Nazis vorbereitet, glaubt der Papst: «Wenn der Mensch allein, ohne Gott, entscheiden kann, was gut und was böse ist, dann kann er auch verfügen, dass eine Gruppe von Menschen zu vernichten ist.»
Legale Vernichtung
Bereits hier kommt die dunkle Seite der Demokratie ins Spiel: «Derartige Entscheidungen wurden z.B. im Dritten Reich gefällt von Menschen, die, nachdem sie auf demokratischen Wegen zur Macht gekommen waren, sich dieser Macht bedienten, um die perversen Programme der nationalsozialistischen Ideologie zu verwirklichen, die sich an rassistischen Vorurteilen orientierten.» Vergleichbare Entscheidungen hätten auch die Exekutoren der marxistischen Ideologie getroffen. Es folgt ein Absatz, in dem die Verbrechen von Nationalsozialismus und Stalinismus munter durcheinander geworfen werden.«An diesem Punkt», fährt der Papst daraufhin fort, müsse man einen so aktuellen wie schmerzlichen Punkt ansprechen. Zwar hätten nach dem Zusammenbruch der Ideologien des Bösen die erwähnten Formen der Vernichtung aufgehört. «Was jedoch fortdauert, ist die legale Vernichtung gezeugter, aber noch ungeborener menschlicher Wesen. Und diesmal handelt es sich um eine Vernichtung, die sogar von demokratisch gewählten Parlamenten beschlossen ist, in denen man sich auf den zivilen Fortschritt der Gesellschaften und der gesamten Menschheit beruft.»
Wortlaut und Fairness
Angesichts der vom Papst vorgenommenen Wortwahl des «Fortdauerns» der Vernichtung, die außerdem von Parlamenten «beschlossen» würde, kommt auch der geneigte Leser nicht umhin, sich über die Rufe nach Gerechtigkeit für den Papst zu wundern. Der Chefredakteur der Tageszeitung «Corriere della Sera» etwa, Paolo Mieli, hatte eine faire Auseinandersetzung mit dessen Ausführungen gefordert. Einige Schlagzeilen in der italienischen Presse seien eine «verfälschende Zuspitzung» der Papstworte gewesen. Immerhin insinuiert der Papst mit der erwähnten Passage, in europäischen Parlamenten würden Gesetze beschlossen, deren Absicht die Vernichtung ungeborenen Lebens sei. Europas Parlamentarier, die Opfer der Vernichtungslager und viele Frauen, die sich unter Gewissensnöten für eine Abtreibung entschieden haben, dürfen sich von diesen Äußerungen durchaus aufs Gröbste missachtet und beleidigt fühlen.
Eine andere Form von Totalitarismus
So konnte auch der Präfekt der Römischen Glaubenskongregation, Josef Kardinal Ratzinger, nicht recht überzeugen, als er bei der Vorstellung des Buchs in Rom am Dienstag erklärte, der Papst stelle den Holocaust und die Abtreibung nicht «auf eine Ebene». Was der Papst hier womöglich sagen wollte, aber eben an der erwähnten Stelle am Anfang von «Erinnerung und Identität» gerade nicht sagt, lässt sich gegen Ende des Buches nachlesen. Dort kehrt Johannes Paul II. nach einem großen Bogen wieder zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen zurück. Hier betrachtet er die «Abtreibungsgesetze» aus der Perspektive, dass die Vernichtungslager der Nazis deutlich gemacht hätten, dass dem vom Menschen aufgestellten Gesetz Grenzen gesetzt seien, «die es nicht übertreten darf».
Heute bedrohe paradoxerweise der herrschende Liberalismus die Menschenrechte, die er sich auf die Fahnen geschrieben habe, indem er die «moralische Permissivität» propagiere. Unter sie fallen: «Die Ehescheidung, die freie Liebe, die Abtreibung, die Empfängnisverhütung, den Kampf gegen das Leben in seinem Anfangsstadium wie in seiner Endphase und die Manipulation des Lebens.»
Dieses «Programm» arbeite mit «enormen finanziellen Mitteln, nicht nur in den einzelnen Nationen, sondern auch auf Weltebene» und versuche, den Entwicklungsländern die eigenen Konditionen aufzuzwingen. Daher könne man sich zu Recht fragen, «ob das nicht eine andere Form von Totalitarismus ist, die sich heimtückisch verbirgt unter dem Anschein der Demokratie.»
Die Wahrheit aufgegeben
Die Überlegungen Johannes Pauls II. kreisen immer wieder um seine Erfahrungen als Pole im 20. Jahrhundert. So widmet sich der Papst in diesem Buch, das zum größten Teil auf bereits 1993 geführten Gesprächen mit den polnischen Philosophen Jósef Tischner und Krzysztof Michalski basiert, wiederholt der polnischen Geschichte. Da die deutsche Besatzung und auch das weitaus länger währende kommunistische Regime überwunden sind, stellt sich auch für die Polen seit geraumer Zeit die Frage nach dem rechten Gebrauch der Freiheit, über die der Papst nun philosophiert.Was der Papst in «Erinnerung und Identität» formuliert, ist in gewissem Sinn eine katholische Version der «Dialektik der Aufklärung», die von der Metaphysik nicht lassen kann: Die Moderne hat den Menschen zur Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit befreit. Das Wirken der instrumentellen Vernunft aber würdigt ihn gleichzeitig zum Objekt der Gesellschaft herab, das nach Belieben manipuliert werden kann, weil der Bezug auf Gott verloren gegangen ist. In der modernen Gesellschaft haben Positivismus und Utilitarismus die Frage nach der Wahrheit aufgegeben.
Trotz der gerechtfertigten Empörung über die eklatanten Kurzschlüsse im päpstlichen Diskurs stellt diese Diagnose die eigentliche Provokation der liberalen Gesellschaft dar, die sich weniger leicht als weitere vatikanische Entgleisung zu den Akten legen lässt. Im Kern stellt der Papst hier die Frage nach den ethischen Grenzen, die durch die Biotechnologien und die Ökonomisierung der Lebenswelt zunehmend aufgeweicht werden.
Johannes Paul II.: Erinnerung und Identität, Gespräche an der Schwelle zwischen den Jahrtausenden, Weltbild 2005. 223 Seiten, 14,90 Euro.