«Ehrenmorde»:
Von der Zwangsheirat zum Mord
03. Mrz 2005 06:30, ergänzt 06:35
 | Dieses Foto erinnert an den Mord von Hatun Sürücü in Berlin | Foto: © dpa |
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Hatun Sürücü führte ein selbstbestimmtes Leben – und musste offenbar deswegen sterben. Vertreter der türkischen Community fordern den Ausbau von Initiativen, die jungen Frauen beistehen.
Von Daniel KilpertAls Hatun Sürücü 16 Jahre alt war, verheirateten ihre Eltern die in Berlin geborene junge Frau mit einem Cousin in der Türkei. Sürücü lebte mit ihrem Mann fortan in Istanbul. Sie wurde schwanger, aber kurz darauf trennte sich Hatun Sürücü von ihrem Mann und ging zurück nach Berlin. Zunächst kam sie bei ihren Eltern unter, nach der Geburt des Sohnes kam sie in ein Wohnheim für minderjährige Mütter. Nach dem Hauptschulabschluss begann sie eine Lehre als Elektroinstallateurin und zog mit ihrem Kind in eine eigene Wohnung.
Ganz in der Nähe wurde Hatun Sürücü am Abend des 7. Februar an einer Bushaltestelle ermordet, vermutlich von einem ihrer drei Brüder. Wochenlang verblieb die Berichterstattung über den Mordfall in den Lokalteilen der Berliner Zeitungen. Erst als Schüler der Neuköllner Thomas-Morus-Oberschule die Tat mit Sätzen wie «Die hat doch selber schuld» und «Die Hure lief rum wie eine Deutsche» kommentierten, regte sich bundesweites Interesse – nicht zuletzt, weil der Schulleiter sich entschlossen hatte, den Fall öffentlich zu machen.
Fünf Morde innerhalb weniger Monate
In einigen Berliner Stadtbezirken gibt es mittlerweile Schulen, in denen kaum noch ein Schüler deutscher Herkunft ist. An der Thomas-Morus-Oberschule etwa liegt der Ausländeranteil dieser Schüler bei über achtzig Prozent. Zum Alltag in Berlins Schulen gehört es, dass zunehmender Druck auf junge Muslima ausgeübt wird, die kein Kopftuch tragen. Hatun Sürücü ist – wenn sich der Verdacht gegen ihre Brüder bestätigen sollte – bereits die fünfte Frau, die in Berlin innerhalb weniger Monate im Namen der Ehre von eigenen Familienmitgliedern ermordet wurde. Der UNO werden weltweit jedes Jahr 5.000 solcher Fälle gemeldet. Bundesweite Statistiken, wie viele Frauen in Berlin oder in Deutschland solchen Gewalttaten zum Opfer fielen, gibt es nicht.
In einem Offenen Brief zum Thema Zwangsverheiratung erklärte der Türkische Bund Berlin-Brandenburg (TBB) aber bereits im November, im Jahr 2002 seien in Berlin 230 und in Stuttgart 120 Fälle von Zwangsheirat eindeutig dokumentiert worden. Das habe eine Umfrage in mehr als 50 Einrichtungen aus dem Jugendhilfe- und Migrationsbereich ergeben. Die Dunkelziffer sei vermutlich hoch.
Das Gesetz des Clans
Hinter den Tätern steht meist ein ganzer Familienclan, der Frauen, die nach westlichem Vorbild leben wollen, als Schande für die gesamte Familie ansehen. Auffällig ist, dass die meisten Täter in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, wie auch die drei Brüder von Sürücü. Manchmal sucht die Familie für einen Ehrenmord gezielt den jüngsten Sohn aus, da er nur mit einer Jugendstrafe zu rechnen hat. Möglicherweise haben aber in vielen solcher Fälle in Wahrheit der älteste Sohn oder sogar der Vater die Tat begangen. Nach früherem türkischen Strafrecht gab es für Morde aus Motiven der Ehrverletzung mildernde Umstände. Das Strafrecht wurde im Zuge der EU-Beitrittsbemühungen in dieser Hinsicht reformiert, was in vielen ländlichen Gebieten bis heute allerdings kaum bekannt ist. In der Türkei ist die Ehre des Mannes oft abhängig von einem «ehrbaren» Verhalten seiner weiblichen Familienangehörigen.
Die Ehre des Mannes
Die «Ehre des türkischen Mannes» kann nicht erworben, sehr wohl aber verloren werden, sagte der Chefpsychologe der Berliner Polizei, Karl Mollenhauer, gegenüber der Wochenzeitung «Die Zeit». Sie definiere sich über die sexuelle Reinheit der Frauen in der Familie. Wer die Ehre der Familie nicht verteidige, die von einer Frau «beschmutzt» wurde, weil sie vor- oder außerehelichen Sexualverkehr hatte, werde zum «ehrlosen Mann». In vielen Migrantenfamilien in Deutschland sind solche Traditionen und Wertvorstellungen erhalten geblieben. Dabei ist der «Ehrenmord» die Spitze des Eisberges einer umfassenden Vorenthaltung von fundamentalen Frauenrechten. Mindestens jede zweite türkische Ehe in Deutschland ist nach Untersuchungen des Bundesfamilienministeriums das Ergebnis einer Zwangsheirat. Auch der TBB zieht aus Untersuchungen und Interviews den Schluss, «dass ca. die Hälfte der in Deutschland geschlossenen Migrantenehen als Zwangsheiraten zu qualifizieren sind».
Zu liberal gegenüber kulturellen Traditionen?
Necla Kelek, eine deutsch-türkische Soziologin, kritisierte in einem Beitrag für die Tageszeitung «Die Welt» den Begriff «Ehrenmord». Er suggeriere einen kulturellen Hintergrund der Taten, der so manchen deutschen Richter schon einen Strafnachlass «für kulturbedingte Taten» habe gewähren lassen. Es müsse endlich Schluss sein mit dem Gerede von den «kulturellen Unterschieden», auf die man Rücksicht zu nehmen habe, so Kelek.Kelek hat ein Buch zum Thema geschrieben, das Anfang des Jahres erschienen ist. In «Die fremde Braut» geht es um den exemplarischen Fall einer Mutter von drei Kindern, die zwar schon seit zwölf Jahren in Hamburg lebt, aber kein einziges Wort Deutsch spricht und die Wohnung nur zum Einkaufen und zum Koranunterricht verlässt. Sie ist eine zwangsverheiratete «Importbraut», eine moderne Sklavin wie Tausende andere. Kelek wirft der deutschen Gesellschaft einen falschen «Multi-Kulti-Liberalismus» vor, der mit «kulturellen Traditionen» und «Glaubensfreiheit» Menschenrechtsverletzungen entschuldigt.
Die «verführerische» Frau
Kelek erklärt, dass die Ehe im Islam kein Sakrament ist, sondern ein Vertrag zwischen zwei Familien, der in der Türkei manchmal gar nicht vor dem Standesbeamten geschlossen wird, sondern allein vor Zeugen der Familie. Nach den dem Propheten zugeschriebenen Worten und Taten, den «Hadithen», ist die Frau zudem «verführerisch und teuflisch» und der Mann ein «triebhaftes Wesen», der folglich vor den Frauen geschützt werden muss – mit dem Kopftuch oder indem man die Frau einfach zu Hause versteckt. Kontakte mit den «unreinen Deutschen» machten für manchen Gläubigen auch die muslimische Frau unrein und beschmutzten die Ehre der Familie. Der TBB weist allerdings in diesem Zusammenhang darauf hin, dass es vor allem die fundamentalistische Auslegung des Koran sei, die hier entscheidend ist: «Zwangsheiraten finden nach Meinung von Experten zu 90 Prozent in Kulturen mit fundamentalistisch-islamischem Hintergrund statt. Dafür gibt es im Koran allerdings keine Grundlage. Ausdrücklich wird dort die Freiwilligkeit für beide Partner betont.»
Deutsch als Schlüssel zu den Rechten
Welche Werte gelten heutzutage in der Hauptstadt des Einwanderungslands Deutschland? In Berlin, der Stadt, in der Christen fast schon zu einer kleinen Minderheit gehören und in der es anders als in den restlichen Bundesländern keinen verpflichtenden Religions- oder Ethikunterricht gibt, wird nun überparteilich nach einer Schule gerufen, die das entstandene «Vakuum» wieder auffüllen soll. Baden-Württemberg möchte nun einen eigenen Straftatbestand einführen. Der Nötigungsparagraph des StGB wurde bereits im Februar geändert: Ein besonders schwerer Fall mit der Strafandrohung von sechs Monaten bis zu 10 Jahren Freiheitsstrafe liegt auch dann vor, wenn jemand zur Eingehung der Ehe genötigt wird.Doch das kann nicht alles sein, glaubt Necla Kelek: Wo würde denn die erzwungene «Zwangsheirat» anfangen und wo die «arrangierte Ehe» beginnen? Es sei kaum vorstellbar, dass eine Tochter, zu Gehorsamkeit erzogen, ihre Mutter oder ihren Vater anzeigen würde. Kelek spricht sich daher vehement dafür aus, jeden Einwanderer zu verpflichten, Deutsch zu lernen. Nur so könne jedem ermöglicht werden, zu erfahren, welche Rechte der und die Einzelne in unserer Demokratie haben.
Auch im Tod ohne Recht auf Selbstbestimmung
Der Türkische Bund Berlin-Brandenburg fordert vor diesem Hintergrund die verstärkte Förderung von Projekten, die bedrohten Frauen konkrete Hilfe anbieten. Neben dem Opferschutz müsste aber auch verstärkt Aufklärungsarbeit, vor allem in den Schulen, geleistet werden, sagte die Sprecherin des TBB, Eren Ünsal, der Netzeitung. Man habe der Neuköllner Schule bereits angeboten, ein Workshop in der betroffenen Klasse abzuhalten. Jetzt müsse die Diskussion am Leben erhalten werden.Emine Demibürken-Wegner, Beisitzerin im CDU-Bundesvorstand, betonte gegenüber der Netzeitung, dass gezielt das Selbstbewusstsein der jungen türkischen Frauen gestärkt werden müsse. Auch sie glaubt, dass unabhängige Initiativen unterstützt werden müssen, da sich viele Muslima nicht in deutsche Ämter trauten. Sie fordert darüber hinaus ebenfalls Anstrengungen bei der Aufklärungsarbeit an Schulen, um den Jugendlichen ein differenziertes Frauenbild zu vermitteln.
Hatun Sürücü wurde übrigens auf einem muslimischen Friedhof in Berlin nach traditionellem Brauch bestattet. Ihr Sarg trug ein grünes Tuch mit Koranversen, das Gesicht des Leichnams war gen Mekka ausgerichtet. Frauen und Männer trauerten getrennt. Für Necla Kelek ist das eine Verhöhnung der jungen Frau, die sich in ihrem Leben von der Familie und der religiösen Tradition gelöst hatte. Noch nicht einmal im Tod werde ihr Recht auf Selbstbestimmung akzeptiert.