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Kekexili: 

Eine Frage des Überlebens

15. Feb 2005 07:35
Im Schneesturm von Kekexili
In der tibetischen Gebirgswüste machen Wilderer Jagd auf Antilopen und kämpfen selbst ums Überleben. «Kekexili» ist ein grandioser chinesischer Landschaftsfilm in Cinemascope.

Von Ronald Düker

Diese Landschaft ist größer als das Leben. Und immer, wenn die Männer von Ri Tais Patrouille in ihre Jeeps steigen und in die Gebirgswüste von Kekexili fahren, dann verabschieden sie sich von ihren Frauen und Freunden, als würden sie einander niemals wieder sehen. Auch, wenn sich die Männer in der Wüste trennen, um in verschiedene Richtungen aufzubrechen, dann ist jeder Umarmung anzusehen, dass es womöglich die letzte ist. Kekexili ist tödlich. Wem hier das Benzin oder der Proviant ausgeht, dem gnade Gott.

Denn in der dünnen Luft auf fünftausend Höhenmetern sind Menschen nur geringe Überlebenschancen beschieden, die sich auf lange Fußmärsche begeben müssen. Schutzlose Männer geraten ständig in Gefahr, von Schnee- und Sandstürmen verschüttet oder mit Haut und Haaren in den losen Treibsand eingesogen zu werden. All das zeigt der grandiose Film «Kekexili» des chinesischen Regisseurs Lu Chuan, der nun im Rahmen des «internationalen Forums des jungen Films» auf der Berlinale zu sehen ist.

Die heilige Antilope

Die Wüste, die Lu Chuans grandiosem Landschaftsfilm seinen Namen gab, liegt im tibetischen Teil Chinas und ist mit 40.000 Quadratkilometern heute das größte Tierschutzgebiet des Landes. Wenn diese Landschaft auch nicht für Menschen geschaffen zu sein scheint, so überleben hier doch seltene wilde Tiere wie die tibetische Antilope. Wenn man sie lässt. Denn obwohl die Antilope unter Artenschutz steht, deutete zu Beginn der neunziger Jahre einiges auf ihre baldige Ausrottung hin. Die Felle der Tiere liefern eine hervorragende Wolle, und wenn sie einmal nach Indien geschmuggelt und dort verarbeitet worden sind, erzielen sie auf dem europäischen und amerikanischen Markt Höchstpreise.

Dieser Umstand bringt die tibetische Bevölkerung der Region gegeneinander auf. Auf der einen Seite stehen bettelarme Wilderer, für die die illegale Jagd eine Überlebensfrage ist. Auf der anderen Tibeter, die in der Antilope nicht nur eine schützenswerte Spezies, sondern auch ein heiliges Tier sehen. Letztere bildeten zu Beginn der neunziger Jahre eine selbstfinanzierte und vom Staat geduldete Bergpatrouille, die der Antilopenjagd ein Ende machen sollte.

Rituelle Tierbestattung

Das spurlose Verschwinden mehrerer Patrouillenangehöriger und ein blutiger Kleinkrieg mit den Wilderern, nicht zuletzt aber das Gerücht, die Patrouille würde heimlich mit den Verbrechern kooperieren und ihrerseits Profit aus dem Verkauf von Antilopenfellen ziehen, beschert dem Thema im Jahr 1993 eine große öffentliche Aufmerksamkeit. Ga Yu, ein Journalist aus Peking, macht sich daher auf den Weg, um die Arbeit der Patrouille zu dokumentieren und die Wahrheit über die Geschehnisse auf der Hochebene von Kekexili herauszufinden.

Überlebenskampf in der tibetischen Gebirgswüste
Nach anfänglichem Misstrauen gegen den Medienvertreter aus der fernen Hauptstadt entschließt sich Ri Tai, der charismatische Anführer der Patrouille, Ga Yu mit in die Wüste zu nehmen. Am Abend vor der Abreise wird der Journalist Zeuge einer buddhistischen Trauerfeier, die zu Ehren eines ermordeten Mitstreiters Ri Tais abgehalten wird. Und als sie in der Wüste auf die ersten Antilopenkadaver stoßen, bekommt Ga Yu einen Begriff davon, dass diesen Männern nicht nur Menschen heilig sind. Hunderte von Tiergerippen werden in eine riesige Grube zusammengetragen, mit überlebenswichtigem Benzin übergossen und wie eine religiöse Opfergabe feierlich verbrannt. 10.000 Kadaver, erklärt Ri Tai dem Journalisten, bestattet die Patrouille jedes Jahr auf diese Weise.

Faustrecht der Wüste

Bald werden auch die ersten versprengten Wilderer gefasst und gefangen genommen, doch schon ihre leichte Bewaffnung beweist, dass es sich nicht um die entscheidenden Mitglieder der Gruppe handelt. Diese nämlich schießen Antilopen mit Maschinengewehren. Als ein Mitglied der Patrouille in der Höhenluft zusammenbricht, muss er zu einem Arzt gefahren werden, und Ga Yu wird erstmals mit den moralischen Ambivalenzen der Unternehmung konfrontiert: Um die Behandlung zu bezahlen, so ordnet Ri Tai an, sollen einige der mittlerweile beschlagnahmten Antilopenfelle verkauft werden.

Patrouille bewacht gefangene Wilderer
Je länger die Reise dauert, desto mehr verflüchtigen sich die Bedenken des Journalisten. Er ist bereits zu stark in das lebensgefährliche Treiben der Patrouille involviert, als dass er sie noch aus kritischer Distanz beobachten könnte. Kekexili fordert ihre Opfer. Auf Seiten der Patrouille und auf der Seite der Antilopenjäger.

In einem klassischen Showdown stehen sich schließlich Ri Tai und der Anführer der Wilderer gegenüber. Ga Yu sieht all dies mit an – und überlebt. Dass man ihn laufen lässt, dass man hier draußen also an das Faustrecht der Wüste, nicht aber an die Macht der Medien glaubt, soll sich für die Wilderer später als verhängnisvolles Missverständnis herausstellen.

So groß, wie Kino sein kann

Alleine bewältigt der Journalist den Weg ins Basislager und kehrt nach Peking zurück. Seine Reportage über Kekexili rüttelt Öffentlichkeit und Politik wach und führt zu Konsequenzen: Die Wüste wird zum Nationalpark erklärt, die Wilderer werden von offizieller Stelle niedergeschlagen und die Antilopenjagd damit weitgehend beendet. Heute hat sich die Zahl der Tiere wieder verdreifacht.

«Kekexili» erzählt eine wahre Geschichte und bleibt doch nicht dem Dokumentarischen verhaftet. Mit dem Geld des amerikanischen Columbia-Studios hat Lu Chuan nach zweijähriger Vorarbeit einen ebenso lakonischen wie atemberaubenden Film über den Überlebenskampf in einer Landschaft geschaffen, die so sicherlich noch nie im Kino zu sehen war.

Der Regisseur und sein Kameramann Cao Yu haben eine Natur auf Cinemascope gebannt, die an die Grenzen der menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit reicht. Schnee und Sandstürme, der kristallklare nächtliche Sternenhimmel und die ungeheuren Ausmaße des tibetischen Hochgebirges – wenn Kekexili größer ist als das Leben, dann ist dieser Film so groß, wie Kino nur sein kann.

Kein Problemfilm, keine Seifenoper

Leider hatte es im Anschluss an die Premiere nicht allen Zuschauern die Sprache verschlagen. Der höfliche Regisseur musste unter anderem die Frage beantworten, ob es – wo es doch um Tibet geht – nicht angemessener gewesen wäre, einen Film über bedrohte Menschen statt Tiere zu drehen. Von chinesischem Kino, das scheint hier durch, wird also entweder problemgruppenorientierter Sozialfilm oder historische Seifenoper erwartet.

Lu Chuans Film ist weder das eine noch das andere. Er ist auch kein Plädoyer für Tierschutz, sondern hat seinen ganz eigenen ästhetischen Wert. In China ist Kekexili bereits ein großer Erfolg, in Deutschland dürfte man sich bereits darüber freuen, wenn er in ausgewählten Programmkinos anlaufen würde.

 
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