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Lost and Found: 

Das ferne Rauschen der Niagarafälle

10. Feb 2005 07:44
Lost and found
Mit «Lost and Found» eröffnet die Berlinale das «Internationale Forum des Jungen Films». Fünf Kurzfilme erzählen darin von gescheiterten und gelungenen Fluchtversuchen.

Von Ronald Düker

Menschen, die ins Kino gehen, eint von jeher eine große Leidenschaft. Sie wollen sein, wo sie nicht sind und suchen diesen Ort auf der Leinwand. Der Film ist ein Bewegungsbild und inszeniert von seinen Anfängen an daher mit Vorliebe bewegte Menschen. Zugfahrten und Verfolgungsjagden faszinierten bereits die Zuschauer des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts.

Auch hat zumindest das amerikanische Kino seine Existenz zu einem großen Teil solchen Menschen zu verdanken, die vor deprimierenden Lebensbedingungen geflohen waren, und bevor sie in Hollywood ankamen bereits lange Reisen zurückgelegt hatten. Insbesondere aus Osteuropa stammten in den frühen Jahren des amerikanischen Studiosystems viele bedeutende Regisseure und Produzenten.

Fluchtversuche

Nun hat sich in Ländern wie Estland, Bulgarien, Rumänien, Bosnien-Herzegowina, Ungarn und Serbien-Montenegro längst eine Kinokultur entwickelt, die für sich bestehen und den globalisierten Leinwanderzeugnissen aus Übersee selbstbewusst eine eigene Filmsprache entgegensetzen kann. Ein folgerichtiger Ausweis dieser Entwicklung ist wohl, dass die Berlinale ihr «Internationales Forum des Jungen Films» in diesem Jahr mit einem Gemeinschaftsprojekt von sechs Filmteams aus ebendiesen Ländern eröffnet. «Lost and Found» enthält fünf in sich geschlossene Kurzfilme, vier davon erzählen eine fiktive Handlung, einer ist ein Dokumentarfilm. Kurze Sequenzen eines estnischen Animationsfilms bilden eine Klammer und verbinden die einzelnen Filme mit einander.

Es klingt nach einem Klischee – zumal nach einem im Westen gehegten – , und doch ist das gemeinsame Thema aller in «Lost and Found» versammelten Kurzfilme, ebenjener Komplex, der für das Medium Kino ebenso grundlegend ist, wie offenbar auch für die Realität und Bedürfnislage von Ländern, die noch nicht allzu lange von der globalisierten Moderne erfasst und verändert worden sind. Es geht um Menschen, die es an ihrem angestammten Platz nicht mehr aushalten, die also sein wollen, wo sie nicht sind, und sich daher von der Heimat und der Generation ihrer Eltern zu lösen versuchen. Alle Geschichten in diesem Film erzählen von solchen Fluchtversuchen, ganz gleich, ob sie innerhalb der gesetzten örtlichen und nationalen Grenzen stattfinden, oder aber darüber hinausgehen.

Tante X und Onkel Y

Zwei besonders gelungene Filme, nämlich der erste und letzte, erzählen diesen Versuch auf exemplarische Weise. Zunächst ein Kurzspielfilm der bulgarischen Regisseurin Nadejda Koseva: «Das Ritual» handelt von den Hochzeitsfeierlichkeiten in einem kleinen bulgarischen Dorf. An einer Tafel im Garten ist die Mutter des Bräutigams mit den letzten Vorbereitungen für ein üppiges Gelage beschäftigt. Der Tisch biegt sich bereits unter einem Berg bäuerlicher Gerichte, mit denen an diesem besonderen Tag offenbar das ganze Dorf verköstigt werden soll. Der Tisch ist reich geschmückt, unter anderem mit einem kleinen Kranz, in dessen Mitte das Brautpaar in Form zweier kleiner Plastikfiguren modelliert ist.

Hochzeitsvorbereitungen in Bulgarien
Und dann dieses alte schwarze Wählscheibentelefon. Auch das steht im Garten, damit die Mutter den Anruf ihres Sohnes nicht überhören kann. Als es tatsächlich klingelt, geht in ihrem Gesicht die Sonne auf. Stolz berichtet sie dem Jungen, dass alles bereit ist, und er jetzt losfahren kann. Ja – sagt sie, die Leute sind auch schon alle da. Tante X und Onkel Y, und der Vater? – nein der Vater noch nicht, er ist noch unterwegs, um eine zweite Hochzeitskapelle aufzutreiben. Denn mit der Anzahl der anwesenden Musikgruppen steigt das soziale Prestige der feiernden Familie.

Auf französisch 'ja'

Zugleich scheint es so, als würde der Sohn, den der Zuschauer in einer klassischen Parallelmontage am anderen Ende der Leitung telefonieren sieht, die Begeisterung und Vorfreude seiner Eltern als Belastung empfinden. Mit seiner künftigen Frau spricht er französisch, denn sie stammt nicht nur nicht aus seinem Dorf, sondern nicht einmal aus Bulgarien. Und sie trägt auch nicht die Ohrringe, die ihr die Schwiegermutter in spe aus dem Familienbesitz hat angedeihen lassen. Der Anzug des Bräutigams und das weiße Brautkleid hängen ebenfalls verschmäht am Kleiderhaken.

Die beiden haben offenbar andere, zeitgemäßere Probleme. Während die Institution Ehe für die Eltern unumstößlich und ewig ist und die familiäre und dörfliche Gemeinschaft, also die Ordnung der Dinge überhaupt, garantiert, so haben die jungen Leute längst das Vertrauen in derartige Zukunftsversprechen verloren. «Liebst du mich dann für immer?», fragt die Braut. Der Bräutigam nickt. Wie bitte – fragt sie, die ihn noch immer verdächtigt, nicht wirklich abgenabelt zu sein: «Heißt das auf französisch 'ja' oder auf bulgarisch 'nein'?»

Das Tosen der Niagarafälle

Trotz allem setzen sich Braut und Bräutigam ins Auto, und während die kakophonisch konkurrierenden Kapellen die Hochzeitsgesellschaft in Stimmung versetzen, sieht man die beiden ihrem großen Moment entgegenfahren. Die wirklich überraschende Pointe dieses Films: Das Brautpaar trifft gar nicht dort ein, wo es der Zuschauer erwartet hat. Kurz nachdem die Trauung vollzogen worden ist, klingelt in Bulgarien lediglich das schwarze Telefon.

Der Bräutigam ruft an, um Bericht zu erstatten. Hinter ihm und der Braut ist keine Blasmusik, sondern das Tosen der Niagarafälle zu hören. Der Fluchtversuch dieses Paares war also bereits längst geglückt, und zwar nicht nur aus der Enge des elterlichen Zugriffs, sondern auch geografisch: Am anderen Ende der Welt finden die beiden ihr Glück zu zweit – ohne Hochzeitskleid bei einer anonymen Schnelltrauung.

Weichenstellung in Belgrad

Weniger konsterniert als diese Parabel kultureller Entfremdung, entlässt der letzte Film in «Lost and Found» den Zuschauer. «Wunderbare Vera» des serbischen Regisseurs Stefan Arsenijevic setzt die alltägliche Arbeit einer Belgrader Straßenbahnkontrolleurin in Szene. Ganz offensichtlich ist Vera schon eine Ewigkeit auf dieser Strecke unterwegs, sie kennt die Fahrgäste persönlich, und weil sie noch ein Kleid von der Reinigung abholen muss, hält sie den Fahrer zur Eile an. Diese urbane Szenerie scheint gleichsam in einer Zeitschleife gefangen zu sein. Ein älterer Fahrgast erkundigt sich nicht zum ersten Mal danach, ob die Alliierten bereits in der Normandie gelandet sind. An diesem Tag allerdings ereignen sich zwei Dinge, die Veras Leben entscheidend verändern sollen.

Zunächst taucht ihre Tochter in der Straßenbahn auf und verkündet aus heiterem Himmel, dass sie mit ihrem neuem Freund, einem Kubaner, nach Kuba ziehen will. Sie kennt den jungen Mann seit drei Tagen. 'Aber was ist, wenn er dich verlässt', will Vera wissen. 'Na und', sagt die Tochter, 'immerhin will ich nicht so enden wie du.' Vera endet aber nicht wie erwartet. Sie entschließt sich, eine Weichenstellung, für die der Fahrer der altmodischen Tram noch das Führerhaus verlassen muss, beim Wort zu nehmen, übernimmt kurzerhand das Steuer und entscheidet sich mitsamt der ganzen Bahn für die falsche Abzweigung.

Vera rast jetzt, ohne es bereits zu wissen, ihrem Glück entgegen. Denn der Polizist, der die Bahn in einem abgelegenen Vorort schließlich stoppt, hängt in einer ebensolchen Warteschleife wie sie. Vera ist geschieden, er ist Witwer. Ganz in Ruhe fahren die beiden im Streifenwagen zur Reinigung, wo Vera noch rechtzeitig ihr Kleid abholen will. Am Ende hat sie einen neuen Mann und erklärt ihrer verdutzten Tochter, sie solle doch ihr Leben in die Hand nehmen und es in Kuba versuchen. 'Nimm das Silber von Oma', sagt Vera, 'Silber bleibt Silber'.

Filmkultur für desorientierte Menschen

«Lost and Found» erzählt noch drei weitere Geschichten. Von einer jungen Frau vom Land, die ihren Lieblingstruthahn schlachtet, um den Arzt ihrer totkranken Mutter zu bezahlen. Der Arzt aber ist ein Stadtmensch und Vegetarier. Von zwei Kindern aus Mostar, die just an jenem Tag zur Welt kamen, als die alte Brücke zwischen Ost und West gesprengt wurde.

Geliebter Truthahn
Und von einem Psychologen, der sich auf Suizidkandidaten spezialisiert hat und anlässlich der Aufbahrung seiner toten Mutter aufs Land fährt. Die Schwester, die ihn dort erwartet, hat sich erst seit kurzem von einem Selbstmordversuch erholt – wie sich herausstellt, kann der Bruder ihr dabei nicht helfen, denn das inzestuöse Verhältnis der beiden ist gerade das Problem.

«Lost and Found» erzählt von Menschen, die sein wollen, wo sie nicht sind. Offenbar leben in den Ländern, in denen dieser Film entstanden ist, einige von ihnen. Der Filmkultur dieser Länder kommt das ganz offensichtlich zu Gute. Der Berlinale ist es zu verdanken, dass exemplarische Resultate osteuropäischen Kinos nun an prominenter Stelle zu besichtigen sind. Der Berliner Verein «relations» kümmert sich um Kulturprojekte in Mittel- und Osteuropa und hat den Film mit Mitteln der Kulturstiftung des Bundes produziert. «Lost and Found» – das soll hier einmal gesagt sein – ist also auch ein Resultat gelungener deutscher Kulturförderung. Er wird am morgigen Freitag das «Internationale Forum des jungen Films» eröffnen.

 
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