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Young: Jeder Dirigent ist ein Autokrat

08. Feb 2005 12:30
Simone Young
Simone Young gilt als die weltweit erfolgreichste Orchesterdirigentin. Mit der Netzeitung sprach die Australierin über Hippie-Mode, Vorurteile gegen Frauen mit Taktstock und ihre Zukunft an der Hamburger Oper.

Einen Grund, weshalb nur Männer für den Dirigentenberuf geeignet sein sollen, sieht Simone Young nicht. Dennoch ist sie eine der wenigen Frauen, die diesen Beruf ausüben.

Wer sie kenne, wisse, wieviel Energie sie habe, sagte die 43-jährige Australierin, die seit Jahren an Opern- und Konzerthäusern in aller Welt Erfolge feiert, im Gespräch mit der Netzeitung.

Nach dem Studium und ersten Engagements in ihrer Heimatstadt Sydney kam Young in den Achtziger Jahren nach Europa, wo ihre internationale Karriere begann.

In Deutschland war sie unter anderem Assistentin von Daniel Barenboim bei den Bayreuther Festspielen. Später dirigierte sie als erste Frau in Wien und Berlin den vollständigen «Ring des Nibelungen» von Richard Wagner.

Mit Beginn der Spielzeit 2005/2006 wird Simone Young den Posten einer Opernintendantin und Generalmusikdirektorin in Hamburg übernehmen.

Netzeitung: Als Sie vor ein paar Tagen in der Berliner Staatsoper unter den Linden Mozarts «Così fan tutte» in der Hippie-Version von Doris Dörrie dirigierten, trugen Sie einen Mantel mit Blumenmuster. Ist das Ihr ganz persönlicher Beitrag zur Inszenierung?

Simone Young: Normalerweise kleide ich mich schlicht schwarz. Aber so ein «Flower Power» passt gut zu dem Stück. Diese Freiheit habe ich, denn es gibt keine Uniform für Dirigenten. Eigentlich war es reiner Zufall: Ich kam von einem Empfang und wollte mich umziehen, doch die Sänger sagten :«Nein, lassen Sie das an, das ist doch wunderbar». Seitdem trage ich das Teil zu jeder Vorstellung.

Netzeitung: Als Dirigentin sind Sie mittlerweile international sehr anerkannt. Noch vor einigen Jahren waren Sie aber für die Medien vor allem die «Maestra on high heels». Hat Sie das geärgert?

Simone Young: Eher ein bisschen genervt, weil ich wie ein Exot behandelt wurde. Damals waren die Leute wohl überrascht, eine modebewusste Frau in einer solchen Position zu erleben. Immer wenn ich neu in eine Stadt kam, hieß es: «Ach, die langen Haare und die hohen Absätze...». Inzwischen muss ich mich aber nicht mehr beweisen. Ich gehöre zu den erfolgreichsten Dirigenten meiner Generation, und meine Arbeit wird ernst genommen. Im übrigen haben auch viele meiner männlichen Kollegen ihren eigenen Modestil. Simon Rattle etwa zieht nie einen Frack an zum Dirigieren und hat eine wilde Frisur. Nur redet darüber keiner – und das zu Recht.

Netzeitung: Was ist der Kern Ihrer Arbeit, worin liegt für Sie der besondere Reiz?

Simone Young: Mir kommt es vor allem darauf an, Musik vermitteln zu können. Ich arbeite und spiele sehr gern mit einer Palette von Klangfarben, mit der ich etwas ausdrücken kann. Für mich ist auch der Text sehr wichtig. Ich lese viel über Komponisten und die Entstehung ihrer Werke. Mit der Musik möchte ich etwas davon erlebbar machen.

Netzeitung: Jede Aufführung ist ein bisschen anders als die vorherige...

Simone Young: Ganz richtig, schon allein deshalb, weil im Repertoire-Betrieb die Musiker im Orchester rotieren. Zwar verfolge ich bei jedem Stück eine bestimmte Linie, während der Vorstellung kann aber auch etwas Spontanes passieren. Das bringt mehr Lebendigkeit hinein. In «Così fan tutte» spiele ich auch die Rezitative selber – und da es eine 60-er-Jahre-Inszenierung ist, kann ich im 2. Akt immer ein kleines Zitat aus dem Beatles-Repertoire einschieben. Bei jeder Vorstellung bringe ich ein neues Lied – und die Musiker warten schon darauf (lacht).

Netzeitung: Dirigieren spielt sich nicht nur im Kopf ab, sondern fordert auch vollen körperlichen Einsatz. Es ist fast eine Art Tanz....

Simone Young: Manche Leute meinen, dass mein Dirigierstil etwas Tänzerisches hat. Mit meinen Bewegungen möchte ich einen bestimmten Klang des Orchesters erzeugen. Beim Tanz reagiert man allerdings auf die Musik, beim Dirigieren ist die Musik die Reaktion. Es geht genau anders herum, das ist der große Unterschied. Wie ich dirigiere, hängt auch stark vom Stück ab – bei Mozart bewege ich mich ganz anders als etwa bei Bruckner.

Netzeitung: Sie haben nur wenige Kolleginnen, woran liegt das?

Simone Young: Zuallererst wohl daran, dass es ein harter, zeitintensiver Beruf ist. Es gibt nur wenige gute Dirigenten. In diesen Kreis hineinzukommen, ist sehr schwierig, für Männer ebenso wie für Frauen. Meiner Ansicht nach gibt es für diesen Beruf keine Voraussetzungen, die nicht auch Frauen erfüllen. Allerdings halten sich noch immer gewisse gesellschaftliche Vorurteile gegen Frauen in Führungspositionen – auch in anderen Berufen. Und klassische Musik war immer ein besonders konservativer Bereich. Ich würde anderen Frauen nur dann raten, Dirigentinnen zu werden, wenn sie das hundertprozentig wollen. Sie sollten auch nicht auftreten, um anderen etwas zu beweisen, sondern weil sie mit einem Orchester Musik präsentieren wollen.

Netzeitung: 1993 waren Sie die erste Frau, die die Wiener Philharmoniker dirigiert hat. Damals gab es noch nicht einmal weibliche Orchestermitglieder...

Simone Young: Ich war da sehr aufgeregt, weil ich zum ersten Mal in der Wiener Staatsoper auftreten durfte. Vor der Vorstellung habe ich mir, innerlich etwas zitternd, das beste und das schlechteste Ergebnis vorgestellt. Entweder das Orchester und ich würden das gemeinsame Musizieren spontan genießen und ich könnte viel dirigieren. Oder aber die Musiker würden mich hassen, und der Abend wäre zwar sehr peinlich, aber irgendwann auch zu Ende. Dann habe ich dirigiert und an nichts anderes mehr gedacht. Das Orchester war so fantastisch, dass ich nach dem 1. Akt am liebsten alle Sänger nach Hause geschickt hätte, um nur mit den Musikern weitermachen zu können (lacht).

Netzeitung: Kommen wir zu den Klischees zurück: Männern traut man Führungsstärke zu, Frauen eher «soft skills» wie Einfühlungsvermögen und Teamgeist ...

Simone Young: Am Dirigentenpult braucht man vor allem «hard skills», um klare Entscheidungen zu treffen. Ein Dirigent ist ein Autokrat. Davon abgesehen muss jeder Künstler, egal ob Mann oder Frau, zugleich stark und sensibel sein. Sonst kann es nicht funktionieren.

Netzeitung: In Hamburg werden Sie ab der nächsten Spielzeit Opernintendantin und Generalmusikdirektorin in einer Person sein. Einen solchen Posten gab es dort bisher nicht. Wie werden Sie diese umfangreichen Aufgaben bewältigen?

Simone Young: Es wird viel Arbeit werden, aber das schreckt mich nicht ab. Ich finde es faszinierend, in den kommenden fünf Jahren eine Institution wie die Hamburger Staatsoper künstlerisch steuern zu können. Viele administrative Aufgaben wird mir mein Operndirektor Josef Hussek abnehmen. Die meisten Dirigenten können Intendantenpflichten nur schwer wahrnehmen, weil sie so oft auf Reisen sind. Genau das werde ich aber nicht tun. Nachdem ich jahrelang fast nur aus dem Koffer gelebt habe, freue ich mich darauf, den größten Teil der Zeit in Hamburg präsent zu sein.

Netzeitung: Was wird bei Ihnen auf dem Spielplan stehen?

Simone Young: Es steht schon einiges fest, aber dazu kann im Moment nur wenig sagen. Es gibt deutliche Lücken im Repertoire, die geschlossen werden müssen. Ich möchte die Barockreihe und die Reihe mit Opern aus dem 20. Jahrhundert fortsetzen. Wagner und Strauss wird es natürlich auch geben – im ersten Jahr ist aber von keinem der beiden eine neue Inszenierung geplant. Insgesamt soll es pro Jahr fünf Opernpremieren geben. Ich werde auch interessante neue Gastdirigenten und auswärtige Solisten nach Hamburg holen.

Netzeitung: Wie sind Ihre Pläne im Konzertbereich? Ihr Vorgänger Ingo Metzmacher hat unter anderem mit seinen Silvesterkonzerten großen Erfolg gehabt....

Simone Young: Metzmachers Konzept von «Who’s afraid of 20th century music?» ist exzellent – schade, dass er es sich ausgedacht hat. So etwas hätte ich auch gern gemacht (lacht). Aber ich kann nicht einen Anzug tragen, der für jemand anderen geschneidert worden ist. Wir werden etwas ganz Neues machen, was nicht heißt, dass weniger Musik aus dem 20. Jahrhundert gespielt wird. Ich verspreche, dass mein Konzept spannend und ab und zu auch witzig wird!

Netzeitung: Als Chefdirigentin und künstlerische Leiterin der Opera Australia in Sydney sind Sie vorzeitig aus dem Vertrag ausgestiegen, weil es nicht mehr genügend öffentliche Zuschüsse gab. Befürchten Sie in Hamburg keine solchen Engpässe?

Simone Young: Ich habe den Etat für Oper und Orchester in Hamburg eng mit meinem eigenen Vertrag verbunden. Es wird im Musikbereich immer zu finanziellen Krisen kommen – man braucht dazu nur die Briefe Mahlers im Wien vor hundert Jahren zu lesen. Auch in Hamburg gab es solche Krisen schon. Sollte der Senat künftig Kürzungen planen, würde ich hart dagegen ankämpfen. Die finanziellen Aussichten für die nächsten Jahre sind insgesamt nicht gerade rosig, aber wir hoffen erfolgreich zu sein und noch mehr Tickets zu verkaufen als bisher.

Netzeitung: Was erwarten sie von privatem Kultursponsoring?

Simone Young: Ich bin sehr daran interessiert, Sponsoren für die Staatsoper und das Orchester zu finden – auch wenn dadurch noch keine langfristige Finanzsicherheit garantiert werden kann. Wenn eine Börsenkrise kommt, können auch Mäzene wie Alberto Vilar ihre hohen Geldzusagen nicht mehr einhalten. Selbst in den USA, wo die private Kulturfinanzierung eine ganz andere Tradition hat als in Deutschland, gibt es mittlerweile Probleme.

Netzeitung: Außerdem wollen Sponsoren oft auch inhaltlich stark eingreifen, wie sich erst kürzlich bei der neuen Kopenhagener Oper gezeigt hat.

Simone Young: Das ist auch in den USA der Fall. Wer genug spendet, darf im Aufsichtsrat sitzen und dann auch das Programm mitbestimmen. Dadurch verlieren die Kulturinstitutionen an Selbstständigkeit und Unabhängigkeit. Bei öffentlichen Subventionen besteht diese Gefahr dagegen nicht. Deutschland besitzt eine einzigartige Kulturlandschaft. Es wäre sehr traurig, wenn die öffentliche Hand diesen Reichtum nicht weiter fördern würde.

Mit Simone Young sprach Corina Kolbe.

 
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