07. Feb 2005 07:33
Gerade weil Iran seit 26 Jahren ein Gottesstaat ist, ist das politische Bewusstsein dort so gut ausgebildet wie in kaum einem anderen islamischen Land. Dies erläutert Bahman Nirumand, Exiliraner und Schriftsteller, im Gespräch mit der Netzeitung.
Vielleicht tut er das, weil er das Gefühl hat, er müsse sich von seiner eigenen Vergangenheit rein waschen. Ich bin über diese Äußerung sehr enttäuscht. Auch, was Raddatz über Rudi Dutschke gesagt hat, fand ich einfach unerhört. Rudi war nämlich einer der besten Marx-Kenner überhaupt. Man konnte ihm eine beliebige Seite aus dem «Kapital» zurufen, und er zitierte aus dem Kopf ganze Textpassagen. Er hatte ein phänomenales Gedächtnis. Netzeitung: Sie haben damals ganz konkret unter der Regierung des Schah zu leiden gehabt, wurden vom Geheimdienst verfolgt und sind deshalb 1965 nach Deutschland emigriert. Was hatten Sie der westlichen Öffentlichkeit über Iran zu berichten?
Nirumand: Zu berichten gab es vor allem von der Situation, die in Iran herrschte. Die war der deutschen Öffentlichkeit infolge einer tendenziösen Berichterstattung in den Medien weitgehend unbekannt. Ich habe darüber geschrieben, dass Iran ein sehr reiches Land mit großen Möglichkeiten war, zugleich aber von einer Diktatur beherrscht wurde, die nur eine sehr kleine Schicht unterstützt hat. Das Volk litt dagegen unter einer unerträglichen wirtschaftlichen Situation, und sehr viele hungerten sogar. Jede Kritik am Regime wurde im Keim erstickt, in den Gefängnissen wurde gefoltert, es gab zahlreiche Hinrichtungen. Man hatte es also mit einer klassischen Diktatur zu tun. Das ist das eine.
Der andere Skandal war aber, dass diese Diktatur von den westlichen Staaten unterstützt wurde, und zwar aus wirtschaftlichen Gründen. Die westliche Welt hatte sich auf die Seite des Schahs geschlagen und hörte nicht auf regierungskritische Stimmen. Das ging sogar soweit, dass der CIA den Putsch organisierte, der 1953 zum Sturz der demokratischen Regierung von Mohammad Mossadeg geführt hat. Gerade gestern habe ich gelesen, dass Bill Clinton sich für diesen Putsch nun nachträglich entschuldigt hat. Das war aber kein Einzelfall, was die westliche Politik dieser Zeit angeht, es wurden ja nicht nur in Iran Diktatoren unterstützt, deren Aufgabe im Wesentlichen darin bestand, die westlichen Interessen in ihren Ländern durchzusetzen. Um diese Probleme ging es mir damals mit meinem Buch.
Netzeitung: Würde ihr Urteil über die Schah-Regierung heute, also beinahe vierzig Jahre später, noch immer so ausfallen?
Nirumand: Wir haben ja damals an die Möglichkeit einer sozialistischen Revolution geglaubt. Und das ist natürlich aus heutiger Sicht ein völlig abwegiger Gedanke gewesen. Es war nämlich die iranische Gesellschaft dieser Zeit gar nicht in der Verfassung für eine solche Revolution. Und zwar weder politisch, noch geistig, noch kulturell. Was wir aber damals vor allem übersehen haben, war der Islam. Wir haben seine Kraft dramatisch unterschätzt. Deshalb waren wir auch alle überrascht, als die Revolution dann kam, es aber keine sozialistische, sondern eine islamische Revolution war. Hätte ich das damals gewusst, hätte ich zwar trotzdem für den Sturz des Schahs geworben, aber eher auf dem Wege von politischen Reformen. Und nicht gleich durch eine Revolution.
Netzeitung: Nun ist der Iran wieder in den Fokus der weltpolitischen Aufmerksamkeit gerückt. Nur, dass die Gegner der iranischen Regierung heute nicht mehr in der international organisierten Linken, sondern vor allem im Pentagon, im Weißen Haus und in Israel zu finden sind. Und die Mullahs stellen offensichtlich ein ganz anderes Feindbild dar, als es früher der Schah gewesen ist. Mich würde interessieren, wie Sie – vor dem Hintergrund Ihrer Erfahrungen von 68 – die aktuelle Situation beurteilen – wo Sie die Unterschiede, vielleicht aber auch Parallelen sehen.
Nirumand: Insoweit ich es beurteilen kann, hat sich die iranische Gesellschaft seit damals grundlegend verändert. Dass dies eine Veränderung zum Guten ist, hat – so paradox es zunächst klingt – gerade damit zu tun, dass das Land jetzt 26 Jahre lang unter der Diktatur des Klerus steht. Die stete Auseinandersetzung mit dieser klerikalen Macht hat das Volk sehr politisiert. Es melden sich in Iran sehr viele Regierungskritiker zu Wort, und die Debatte wird sogar innerhalb der religiösen Kreise geführt. Die reformorientierte Geistlichkeit pflegt eine sehr tiefe und grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Islam und lässt sehr progressive Tendenzen in Richtung einer Demokratisierung erkennen.
Diesen Leuten geht es um den Nachweis, dass der Islam, wie er von der herrschenden Macht seit nun 26 Jahren praktiziert wird, im Widerspruch zu den Menschenrechten steht, und im Widerspruch zur Demokratie. Man ist sogar noch einen wichtigen Schritt weitergegangen und hat festgestellt, dass die Vermischung von Staat und Religion niemals zur Demokratie führen kann. Diese Erkenntnis ist auch in der Bevölkerung mittlerweile sehr weit verbreitet. So haben die Mullahs ihren Rückhalt im Volk weitgehend verloren, im Moment stehen höchstens zehn Prozent der Bevölkerung hinter der eigenen Regierung.
Diese Aufklärungsarbeit ist nicht zuletzt den Frauen zu verdanken. Sie haben einen ungeheuren und beachtlichen Kampf geführt. Sie gelten ja im herrschenden System nur als Menschen zweiter Klasse und werden sehr stark benachteiligt. Gegen diese Situation haben sie sich in wunderbarer Weise gewehrt.
Netzeitung: Die Situation in Iran ist also nicht mit derjenigen in Irak unter dem Baath-Regime vergleichbar?
Nirumand: Nein, überhaupt nicht. Und ich denke – ohne dass da jetzt ein nationalistisches Gefühl aus mir spricht: Unter den islamischen Ländern, die ich miteinander verglichen habe, gehört Iran zu den fortschrittlichsten, zumindest, was die Auseinandersetzung mit dem Islam anbelangt. Und das liegt, wie gesagt, daran, dass die Menschen in Iran sich zwangsläufig über so lange Zeit mit einer islamischen Republik, einem Gottesstaat, auseinandersetzen mussten. Meiner Meinung nach ist das iranische Volk heute reif für eine Demokratie, und zwar viel mehr als zu Zeiten des Schahs.
Auch die Jugend hat dazu sehr viel beigetragen. Fünfzig Prozent der iranischen Bevölkerung ist ja unter 25 Jahre alt – die Bundesrepublik würde von einer solchen Quote träumen, denn dann wäre die Rentenfrage geklärt. Insbesondere die Jugendlichen wollen etwas ganz anderes, als was die Mullahs predigen. Genauso die Frauen und die Intellektuellen. Die Situation ist also tragisch und hoffnungsvoll zugleich. Das Volk will etwas anderes, als was es bekommt. Und obwohl noch immer eine umfassende Zensur greift, erscheinen doch in manchen Zeitungen immer wieder sehr kritische und mutige Analysen der gesellschaftlichen Lage. Es steht fest, dass die Mullahs heute gegen den Willen der überwiegenden Mehrheit des Volkes regieren. Das kann nicht mehr lange so weitergehen.
Netzeitung: Und wenn der Iran, wie viele bereits fürchten, demnächst zum Kriegsschauplatz werden würde?
Nirumand: Das wäre eigentlich das Einzige, was den Demokratisierungsprozess wirklich aufhalten könnte. Jeder Versuch, das Regime durch eine militärische Intervention zu stürzen, würde den gegenteiligen Effekt haben. Sobald es nämlich um die Verteidigung des Vaterlandes und den Schutz des Glaubens ginge, würden die Mullahs das Volk gegen den Feind mobilisieren können und jede kritische Stimme im Keim ersticken. Das ist das Schlimmste, was Iran zurzeit passieren könnte.
Netzeitung: Von Iran und seinem Atomprogramm, so ist zu hören, gehe eine immense Gefahr für den Weltfrieden aus. Wie schätzen Sie das iranische Atomprogramm ein, und was halten Sie von den offiziellen Beteuerungen, dass Atomenergie ausschließlich für zivile Zwecke genutzt werden soll?
Nirumand: Ich bin mir nicht sicher, dass die Mullahs nicht daran arbeiten, eine Atombombe zu besitzen. Es deutet sogar sehr viel darauf hin. Hinter vorgehaltener Hand wird gesagt, dass man es nicht einsieht, dass Indien, Pakistan aber vor allem Israel Atombomben besitzen, nur Iran nicht. Es wurde übrigens schon unter dem Schah gefordert, dass auch Iran, als wichtigster Staat in der Region, zu den Atommächten gehören sollte. Da haben die Mullahs einfach weiter gemacht.
Ich denke also, dass sie sehr wohl die Absicht haben, Atomwaffen herzustellen. Und die wären natürlich in ihrer Hand sehr gefährlich. Was ich nicht verstehe: Warum geht man nicht auf die Forderungen der Reformer ein? Die sind bereit, auf Nuklearwaffen zu verzichten, stellen aber zugleich die berechtigte Frage, warum man nicht auch andere Staaten zum Verzicht zwingt und die ganze Region zu einer atomfreien Zone erklärt.
Netzeitung: Für wie wahrscheinlich halten Sie eine militärische Aktion der Amerikaner?
Nirumand: Ich kann mir nicht vorstellen, dass die USA sich nach Afghanistan und Irak noch auf ein weiteres Abenteuer einlassen würden. Vielmehr glaube ich, dass jetzt nur gedroht wird, um Druck auf Iran auszuüben und die Kompromissbereitschaft der Mullahs zu erhöhen. Außerdem handelt es sich auch um Drohungen gegen die EU-Staaten. Denn es gibt ja in der Region auch eine wirtschaftliche Konkurrenz zwischen diesen Staaten und den USA. Während die Amerikaner zunehmend isoliert werden, fassen die EU-Staaten wirtschaftlich Fuß und sind in weiten Bereichen, auch im Iran, wirtschaftlich vertreten.
Die Bundesrepublik Deutschland zum Beispiel hat ihre Exporte nach Iran alleine im vergangenen Jahr verdoppelt. Das sehen die Amerikaner natürlich nicht gern. Wovor ich aber große Sorge habe, ist ein militärischer Schlag, der von Israel ausgehen könnte. Dass Israel also versucht, die iranischen Atomanlagen zu bombardieren. Sogar der amerikanische Vizepräsident Dick Cheney hat ja vor kurzem gesagt, dass er sich ein solches Szenario gut vorstellen kann. Das muss man sehr ernst nehmen. Und, wie man der israelischen Presse entnehmen konnte, liegen die Pläne für einen solchen militärischen Schlag bereits vor.
Netzeitung: Welche Konsequenzen hätte ein solcher Angriff?
Nirumand: Sehr schlimme Konsequenzen. Das wäre ein Geschenk des Himmels, nicht nur für das Regime in Teheran, das mit dem Hinweis auf den äußeren Feind wieder Millionen für sich mobilisieren könnte, sondern auch für die Terroristen in der ganzen Region. Außerdem verfügt Iran ja auch über Raketen mit großer Reichweite. Ich könnte mir gut vorstellen, dass er in einem solchen Fall zurückschießen würde.
Bahman Nirumand wurde 1936 in Teheran geboren und hat in Deutschland Germanistik, Philosophie und Iranistik studiert. 1967 erschien sein Buch «Persien, Modell eines Entwicklungslandes», das großen Einfluss auf das internationalistische Denken der Studentenbewegungen hatte. Er lebte immer wieder in Iran, wurde aber sowohl unter dem Schah als auch unter Khomeni ins Exil gezwungen. Nirumand veröffentlichte mehrere Bücher, darunter die Khomeni-Biografie «Mit Gott für die Macht.» Aus Journalist schreibt Nirumand unter anderem für «taz», «Spiegel» und «Zeit.»
Das Gespräch führte Ronald Düker.