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Weiße Rose: 

Das Urteil stand von vornherein fest

03. Feb 2005 07:45
Hans und Sophie Scholl
Ein Wettbewerbsfilm der Berlinale wird den Prozess gegen die «Weiße Rose» in Erinnerung rufen. Die Netzeitung sprach mit dem Zeitzeugen Michael Soeder.

Am 18. Februar 1943 verhaftete die Gestapo in der Münchner Universität die Geschwister Hans und Sophie Scholl. Sie hatten ein Flugblatt verteilt, das Adolf Hitler und die Verbrechen der Nazis anklagte und zum Widerstand aufrief. Kurz nach ihnen wurde Christoph Probst als Mittäter verhaftet. Am Abend desselben Tages hielt Joseph Goebbels im Sportpalast seine berüchtigte Rede und rief den totalen Krieg aus. Vier Tage später fand vor dem eigens zusammengerufenen Volksgerichtshof der Prozess gegen die drei Angeklagten statt. Sie wurden noch am selben Tag zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Der neunzehnjährige Soldat Michael Soeder gehörte zu dieser Zeit zur selben Heeres-Sanitätsstaffel wie zahlreiche Mitglieder der «Weißen Rose», unter anderem Hans Scholl, Alexander Schmorell und Willi Graf. Soeder war als Zuschauer beim Prozess gegen die Geschwister Scholl anwesend. Später wirkte er in der Gründungsphase der Gruppe 47 mit und las auf deren dritter Tagung im Jahr 1948 den Anfang eines Romans über seine Kriegserlebnisse.

Soeder wurde im Anschluss daran Arzt, veröffentlichte im Jahr 1970 aber noch einmal einen autobiografischen Roman. Das dreiteilige Werk mit dem Titel «Die bittere Arznei der Zeit» erschien unter dem Pseudonym Achim Anderer und widmet sich auch dem Prozess, den Soeder am 22. Februar 1943 miterlebt hatte. Mit der Netzeitung sprach er über seine Erinnerungen an diesen Tag.

Netzeitung: Wie kam es dazu, dass Sie an der Gerichtsverhandlung teilnahmen?

Soeder: Ich war Mitglied der Studentenführung, weil ich die Studentenkameradschaft leitete, die ich während des Krieges übernehmen musste. Eigentlich war ich nur Mitglied im Studentenbund geworden, um an Stipendien kommen zu können, denn mein Vater konnte mein Studium nicht finanzieren. Als Mitglied der Studentenführung wurde ich dann aufgefordert, die Studentenschaft beim Prozess zu repräsentieren.

Netzeitung: Konnte man sich weigern, einer solchen Aufforderung nachzukommen?

Soeder: Nein. Und ich war auch nicht sehr mutig.

Netzeitung: Sie haben den Prozess in Ihrem Roman relativ kurz und distanziert beschrieben. Ihre Beschreibungen der beteiligten Personen gehen nicht sehr ins Detail.

Soeder: Ich habe es verabscheut, dort zu sein. Ich war sehr einsam zwischen all den Zuschauern. Um mich herum saßen lauter Nazis. Kurz vor Beginn dieser Verhandlung, von der jeder wusste, dass sie mit Todesurteilen enden würde, schwadronierten SS-Leute über ihre dollen Frauengeschichten herum, und zwar so laut, dass es jeder hören musste. Das zur Schau gestellte Desinteresse hatte etwas Abstoßendes, Ekelerregendes. Und dann wurde alles von diesem schreienden roten Richter Freisler dominiert. Außer ihm kam kaum jemand zu Wort.

Michael Soeder
Ich war tief berührt, als Hans Scholl im Schlusswort noch einmal darauf hingewiesen hat, ja, sie seien Schuld, aber man sollte doch den Christoph milder behandeln, er habe schließlich Frau und Kinder. Das wurde dann ganz barsch vom Richter zurückgewiesen. (Ahmt Freisler nach:) «Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten. Die anderen gehen Sie gar nichts an. Was fällt Ihnen ein, sich in anderer Leute Angelegenheiten zu mischen?»

Netzeitung: Welchen Eindruck hatten Sie von den drei Angeklagten?

Soeder: Sie standen Rede und Antwort und gaben alle Taten zu, die man ihnen vorwarf, aber blieben auch dabei, dass sie es immer wieder tun würden. Am meisten hat mich Hans Scholls Souveränität beeindruckt. Er hat versucht, alle Schuld auf sich zu nehmen. Die ganze Zeit über war er äußerst sachlich und wirkte sehr bescheiden. Auch Christoph Probst erschien mir sehr bescheiden, dabei aber vergrämt, voller Trauer. Schließlich hatte er schon Frau und Kinder. Sophie war genauso aufrecht wir die beiden Anderen. Sie hatte für mich fast etwas BDM-Mädchenhaftes in ihrer Überzeugtheit. Sie wussten alle, dass sie sterben würden und waren sehr gefasst.

Netzeitung: Und Freisler war nicht anzumerken, dass er in irgendeiner Form menschlich berührt war?

Soeder: Freisler machte einen absolut unmenschlichen Eindruck. Typisch zum Beispiel seine überzogene Reaktion, als Sophie sich in einer Pause im Hintergrund eine Zigarette anstecken wollte. Was ihr dabei einfiele, keifte er. Und: «Weiber haben hier nicht zu rauchen, Rauchen ist Männersache!» Freisler wollte um jeden Preis einschüchtern und alles beherrschen.

Netzeitung: Hat sie ihre Zigarette denn dann geraucht?

Soeder: Sie konnte ja nicht. Das war ihr damit untersagt.

Netzeitung: Wie agierten die Verteidiger in diesem Prozess?

Soeder: Die Prozessbeteiligten agierten nicht so, wie man es von echten Prozessen kennt. Staatsanwaltschaft und Verteidiger kamen kaum zu Wort. An die Verteidigung kann ich mich gar nicht erinnern. Die Befragung der Angeklagten wurde durch Freisler durchgeführt, der auch umgehend seine höhnischen Kommentare abgab.

Netzeitung:Ihre Romanfigur Nikolaus verlässt den Gerichtssaal vor dem Ende der Verhandlung, weil ihm schlecht wird. War es tatsächlich so?

Soeder: Ja. Ich bin nur dageblieben bis (Soeder zögert lange), bis – also kurz vor Schluss bin ich weggegangen. Es gab vor der Urteilsverkündung eine Pause, da bin ich gegangen. Ich habe es nicht ausgehalten.

Netzeitung: Was haben Sie nicht ausgehalten?

Soeder: Das Urteil. Es war von Anfang an klar, welches Urteil gefällt würde. Jeder Anwesende wusste das. Die ganze Verhandlung war eine Farce.

Netzeitung: Im Roman schreiben Sie, dass die letzte Aktion der Geschwister Scholl in der Münchner Universität viel zu riskant gewesen sei. Schließlich hätten sie eine Warnung ignoriert, die vorher an sie ergangen sei. Eine solche Warnung hat es tatsächlich gegeben. Wussten Sie damals davon und wenn ja, von wem?

Soeder:Ich fand das damals selbstmörderisch. Von der Warnung hatte ich erfahren, ich denke über ein Mitglied der Studentenkameradschaft, das über die Aktivitäten der Weißen Rose gut informiert war. Wir sympathisierten ja mit ihnen, kannten aber keine Details.

Netzeitung: Im Roman schreiben Sie weiter, dass die Verschwörer trotz der Warnung weiter an ihrem Nachruhm gearbeitet hätten. Glauben Sie wirklich, dass der Nachruhm ihrer Taten ein Motiv der Beteiligten gewesen ist?

Soeder: Oh nein, das ist als ironische Floskel gemeint. Wir anderen schimpften ja auch heimlich auf den Staat, aber taten alles, um nach außen hin nicht aufzufallen und vermieden jedes Risiko.

Netzeitung: Haben Sie die Flugblätter der Weißen Rose jemals selbst in der Hand gehabt?

Soeder: Ja.

Netzeitung: In der Uni?

Soeder: Nein. Sie wurden in unserer Studentenkameradschaft besprochen.

Netzeitung: Können Sie sich an diese Gespräche noch erinnern? Der Inhalt dieser gefährlichen Flugblätter war doch wirklich starker Tobak, politisch aber überaus fundiert und weitsichtig.

Soeder: Ja – die waren nicht unklug und vor allem ging es um Dinge, die uns alle beschäftigten. Wenn jemand so ein Flugblatt erwischt hatte und es mitbrachte, dann wurde es sehr eingehend diskutiert.

Netzeitung: Es war doch sicherlich verboten, so ein Flugblatt überhaupt zu besitzen.

Soeder: Klar. Das war sehr gefährlich.

Netzeitung: Wurde das in Ihrer Kameradschaft heimlich besprochen, oder hätte man es als Gegenstand weltanschaulicher Schulung den Instrukteuren der Partei gegenüber rechtfertigen können?

Soeder: Nein. Auf gar keinen Fall. Das konnte nur unter äußerster Geheimhaltung besprochen werden.

Netzeitung: Die knarrende Tür in Ihrem Roman, deren Scharniere nicht gefettet wurden, um rechtzeitig zu hören, wenn jemand kam, ist also auch authentisch?

Soeder: Ja. Damals gab es Flüstergespräche. Und trotz der Heimlichkeit dieser Gespräche hatten wir permanent Angst, dass jemand zuhörte und einen verriet. Opposition war ja gleich Hochverrat.

Netzeitung: Über Sie müssen Ihre Kameraden ja eigentlich gedacht haben, dass Sie ein überzeugter Nazi sind. Schließlich waren Sie der offiziell eingesetzte Leiter der Kameradschaft. Gab es da kein Misstrauen?

Soeder: Ja. Und man musste auch etwas Theater spielen. Man konnte sich nicht offen bekennen.

Netzeitung: Aber mit der Besprechung der Flugblätter sind Sie schon relativ weit gegangen?

Soeder: Aber nur im engeren Kreis. Höchstens vier Leute. Walter Grein [Dr. Walter Grein, ärztlicher Leiter der Kurklinik Nümbrecht, S.P.] war dabei und Richard Flesch. [Richard K. Flesch, seit 1962 Herausgeber der Schwarzen Reihe bei Rowohlt und Doyen der Krimiliteratur in Deutschland, S.P.]

Netzeitung: In Ihrem Roman ist der Protagonist Nikolaus am Anfang überzeugter Nazi. Sein Schlüsselerlebnis ist die Begegnung mit einem Medizinstudenten in einem Lazarett. Dieser äußert sehr freimütige Kritik am Regime. Sind Sie damals auch so schnell umgefallen?

Soeder: Nein, das gerade ist nicht autobiografisch! Ich war von Anfang an kein überzeugter Nazi. Ich hatte insbesondere durch meine familiäre Vorgeschichte eine sehr negative Einstellung zum Nationalsozialismus, weil mein Vater ja sein Amt verloren hat und lange Zeit ohne Arbeit war. [Soeders Vater, der Architekt Hans Soeder, war als Leiter der Kunsthochschule in Kassel entlassen worden und wegen seiner modernen Entwürfe bei den Nazis verpönt.] Ich war immer sehr böse darüber, dass wir deshalb sehr arm waren. (Soeder schmunzelt) Wenn man so will, hatte ich in dieser Hinsicht Glück. Mit der Konstruktion im Roman habe ich beabsichtigt, einen Erkenntnisprozess zu beschreiben, wie sie jedem Verblendeten möglich gewesen wäre. Da brauchte ich den Tumben, der an der Front erst aufgeklärt wird. Mir war wichtig, zu zeigen, dass eine Entwicklung stattgefunden hat.

Netzeitung: In Ihrem Roman beschreiben Sie, dass Sie bereits 1942 wussten, was mit den deportierten Juden geschah.

Soeder: Na ja, das wusste man. Das wussten eigentlich alle.

Netzeitung: Aber es wird doch immer noch behauptet, dass die Morde unter größter Geheimhaltung verübt wurden. Sie schilderten als furchtbares Fronterlebnis, wie Sie beobachteten, dass ein Mitglied eines Arbeitstrupps jüdischer Häftlinge von einem Offizier brutal zusammen geschlagen wurde.

Soeder: Die Brutalität, mit der insbesondere die Waffen-SS mit den Juden umging, war bekannt.

Netzeitung: Weil man es oft gesehen hat?

Soeder: Als Soldat hat man es gelegentlich gesehen. Man hat zwar nicht zwangsläufig an Erschießungen teilgenommen, aber man hat davon gehört.

Netzeitung: Hatten Sie jüdische Klassenkameraden?

Soeder: Ja. Drei. Zwei konnten emigrieren.

Netzeitung: Wissen Sie, was aus dem dritten geworden ist?

Soeder: Nein. Das habe ich nicht nachgeforscht.

Netzeitung: Sie schildern im Roman auch drastisch, mit welcher Brutalität russische Soldaten gegen Deutsche vorgingen. In einer Scheune sind junge deutsche Rekruten, fast noch Knaben, bestialisch niedergemacht worden, teilweise ausgeweidet und kastriert. War das etwas, was Sie tatsächlich erlebt haben?

Soeder: Das ist sicherlich eine Konstruktion verschiedener Beobachtungen. Es kam mir ja darauf an, auch für meine eigenen Söhne ein Bild dieser Zeit zu gestalten. Und da musste manches auch ein wenig entschärft werden. Es durfte also nicht so sein, dass es alte Bekannte waren, die da eine Rolle gespielt haben. Insofern habe ich auch nichts Unwahres geschildert, nur manches etwas akzentuiert.

Netzeitung: Haben Ihre Söhne nach ihrer Einstellung gefragt?

Soeder: Unsere Söhne waren sehr aufmerksame Zuhörer. [Soeders Söhne sind Jahrgang 53 und 54] Und sie haben den Unterschied zwischen den Aussagen ihrer Lehrer und den Aussagen ihres Vaters deutlich vermerkt. Die Lehrer haben «dolle Geschichten» vom Krieg erzählt, in denen sie manchmal sogar selbst eine Rolle spielten. Ich habe dagegen immer versucht, das Kriegshandwerk in keinem guten Licht zu schildern.

Netzeitung: Wie haben Sie die Zeit nach Kriegsende in Erinnerung?

Soeder: Man versuchte, die Dinge zu akzeptieren, über die wir nicht mehr Herr waren. Wir waren ja besetzt.

Netzeitung: Haben Sie es als Niederlage empfunden oder als Befreiung?

Soeder: Als eine Kombination von Beidem! Also: wir hatten nichts zu essen und wir wussten nicht, was wir erwerben konnten. Wir hatten Alles verloren. Mehrere Luftangriffe hatten dazu geführt, dass wir von vielem befreit waren, das uns vielleicht hätte helfen können. Und wir mussten langsam den politischen Widerspruch erlernen. Ein Staat, der keine Opposition hat, ist immer in Gefahr. Das ist aber eine Erkenntnis der späteren Jahre.

Mit Michael Soeder sprach Sabine Pamperrien.

 
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