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Robert Capa: 

Kämpfer mit der Kamera

25. Jan 2005 07:41
Robert Capa: Der fallende Milizionär
Robert Capa hat den Schnappschuss in die Kriegsfotografie eingeführt und die mediale Wahrnehmung der Kriege verändert. Der Berliner Martin-Gropius-Bau zeigt eine Werkschau des großen Fotografen.

Von Klemens Vogel

Es war ein folgenreiches Produkt, das Ernst Leitz auf der Leipziger Messe von 1925 vorstellte: Ein kleiner Fotoapparat mit Filmpatrone, handlich, robust und einfach zu handhaben, ohne Fotoplatten und lästiges Stativ. Die Leica. Der Prototyp der 35mm-Kamera machte das Fotografieren nicht nur zum Massenphänomen. Leica steht seitdem auch für ein Wahrnehmungsprogramm, das die Bilderwelt des Politischen grundlegend neu formatiert hat. 1925 läutete der Apparat jene Atemlosigkeit ein, durch die der Medienphilosoph Vilém Flusser das Fotozeitalter gekennzeichnet sieht: «Endlich hat die Geschichte ein Ziel, dem entgegen sie läuft, das Ziel, ins Bild gesetzt zu werden.»

Die moderne Bildsprache des Krieges wäre ohne den Kleinbild-Apparat undenkbar. Im spanischen Bürgerkrieg erprobten die Frontreporter erstmals Strategien für das Leica-Zeitalter, und die illustrierten Magazine wie «Regards», «Vu» oder «Match» druckten ihre Fotostrecken in Massenauflage. Auch der Fotograf Robert Capa schloss sich 1936 den republikanischen Kämpfern gegen Franco an – als einer von vielen.

Neue Bilder vom Sterben und Siegen

Zwei Jahre später feierte die Presse Capa als bedeutendsten Kriegsreporter überhaupt. Es gelang ihm, die Intensität beiläufiger Eindrücke freizulegen, er beförderte den Schnappschuss zu einem Geschichtsdokument. Capas berühmtes Bild des fallenden Milizionärs fixiert genau jenen «entscheidenden Augenblick», den sein Freund Henri Cartier-Bresson als neues fotografisches Maß der Dinge ausgerufen hatte. «Einen gerade eintretenden Tod festhalten und für alle Zeit bewahren – das können nur Kameras», schreibt Susan Sontag dazu in ihrem letzten Essayband «Das Leid anderer betrachten».

Robert Capas neue Kriegsfotografie brach mit gängigen Vorstellungen vom Sterben und Siegen. Das zeigt seit Samstag die erste große Retrospektive seiner Arbeiten im Berliner Martin-Gropius-Bau. Die von der Bibliothèque Nationale de France zusammengestellte Werkschau versammelt 300 zum Teil unveröffentlichte Fotografien. Zu sehen sind nicht nur Bilder vom Krieg – Capa fotografierte unter anderem Radrennen, eine Pilgerfahrt und Turbulenzen an der Börse. Den Schwerpunkt bilden aber die Aufnahmen aus dem spanischen Bürgerkrieg, von der japanischen Invasion in China 1938, dem Zweiten Weltkrieg und dem Krieg in Indochina. Dort starb Robert Capa, dem das Weltgedächtnis die Bilder der ersten alliierten Landungswelle am D-Day verdankt, 1954 durch eine Mine.

Auf den Fersen der Infanteristen

«Es ist sehr angebracht, dass diese Ausstellung in Berlin stattfindet», meint der Capa-Biograf Richard Whelan. Hier habe der Ungar Capa Anfang der dreißiger Jahre seine ersten Reportagen gemacht, noch unter seinem Geburtsnamen Friedmann. 1933 floh der Sohn einer jüdischen Familie nach Paris. Als er 1945 mit den amerikanischen Soldaten zurückkam, hatte er «den Charakter Robert Capa erfunden», sagt Whelan. Der Starreporter hatte zuvor die Kämpfe an der Westfront fotografiert und bereiste nun das zerstörte Deutschland. Die Welt hatte sich verändert. Die Art und Weise sie abzubilden ebenso.

Robert Capa, fotografiert von Ruth Orkin
Mit seiner 35mm Kamera verwandelte sich der Fotograf in einen mobilen Agenten der aufkommenden Mediengesellschaft. Capa schwamm im Geschehen, er wurde selbst zum Kämpfer mit Kamera. Viele Bilder entstanden auf den Fersen stürmender Infanteristen: GI’s klettern den Strand der Normandie hinauf, spanische Soldaten stürmen mit grotesker Haltungen voran – von der Kamera im Ablauf eingefroren. Wo Capa hinkam, war oft kurz zuvor der Tod: Ein Leichnam hängt in einem Bäumchen, ein toter US-Soldat liegt verkrümmt auf einem Balkon. An einer entstellten Kinderleiche schlendern Soldaten vorbei. Es ist eine neue, postheroische Bildsprache, die Capas Bilder ausmachen. Der Tod im Krieg ist beiläufig, erbärmlich, vergebens.

Wichtiger als tausend Gewehre

Welchen Sinn solche Aufnahmen von der «Schlachtbank der Geschichte» machen, fragte Susan Sontag bereits zu Anfang der Sechziger in ihrem berühmten Text «Platon Höhle». Ohne politisches Bewusstsein, so ihre Befürchtung, bleibe es bei einem «Abklatsch der Erkenntnis.» Tatsächlich könnten die Bilder Capas, der sich nie als Künstler gesehen hat, an der Museumswand im Gropius-Bau zum schlichten Konsum einladen. Doch die Kuratoren haben parallel die Original-Zeitschriften ausgestellt. Hier erst wird die politische Wirkung, die diese Bilder einst hatten, nachvollziehbar.

Mit der Ausnahme von Indochina fotografierte Capa einen einzigen, großen Krieg: den Kampf gegen den Faschismus, der 1936 in Spanien begann. «Dem europäischen Faschismus entgegenstellen konnte man sich nur in Spanien», erinnert sich einer der letzten lebenden Berliner, der gegen Franco gekämpft hat, Fritz Teppich. Ein Krieg, den die demokratischen Mächte Europas möglichst ignorieren wollten, brachten Capa und andere ins Bewusstsein zurück. Zeitzeuge Teppich meint: «Capas Kamera war wichtiger als tausend Gewehre.»

Neue Technik, neue Darstellung

Schockierende Aufnahmen ziviler Opfer, heute Standardinventar der Nachrichten, füllten erstmals die Gazetten. Capa und andere machten hinter dem politischen Geschäft des Kriegsführens das Private sichtbar – und sie machten es öffentlich. Da ist die Frau mit unergründlichem Blick inmitten von Trümmern auf dem Titel einer Regards-Ausgabe, oder der alte chinesische Bauer, der sich in einem Erdloch verkriecht. Bilder auf der Schwelle zum Tod: Ein tödlich Verwundeter, der seinen letzten Willen diktiert. Ein anderer, der die Sakramente erhält. Capas neuartige Fotografie zerreißt die letzten Schleier der Pietät.

«Das Bild sagt: setz’ dem ein Ende, interveniere, handle», schreibt Susan Sontag. Heute sind Bilder vielleicht der effektivste Auslöser für politisches Engagement. Bilder mobilisieren Hilfe oder Protest, entsprechend umkämpft ist ihre Verbreitung. Möglicherweise war der spanische Bürgerkrieg für die Fotografie das, was Vietnam für das Fernsehen war. Die Reporter agierten relativ frei, ein Massenpublikum sah die Gräuel des Krieges. Neue, mobile Technik ermöglichte neue, unmittelbare Darstellung.

Emanzipation vom Apparat

Die fotografischen Chiffren für die moderne Kriegsnachricht wurden in Spanien erprobt. Capa wirkte an der Definition eines Symbolkanons mit, der heute Allgemeingut ist. Frühe Aufnahmen erscheinen noch experimentell und spielerisch, eher zufällig abgeknipst. Ein Schuss Partisanenromantik ist oft dabei. Bis 1945 kristallisieren sich Kernmotive heraus: Das Elend der Flüchtlingstrecks, Kinder in Lagern, die lässige Pose amerikanischer GIs. Es handelt sich um eine neue Rationalität der Bilder, die bis heute die Kriegsnachrichten strukturiert.

In seiner «Philosophie der Fotografie» fordert Vilém Flusser, die Logik der Apparate zu durchbrechen. Es geht ihm um eine experimentelle Fotografie, die «unvorhergesehene Informationen» herstellt. Tatsächlich, Capa emanzipiert sich vom Knipsmechanismus, die Bilder erscheinen zusehends reflektierter. Die Elemente interagieren, und eine neue Bedeutung entsteht. Ein US-Soldat schlägt sich von einer Landstraße in die Büsche, davor ein windschiefes Straßenschild mit deutscher Aufschrift: Umgehungsstraße Cherbourg West. Es zeigt nach unten.

«Robert Capa – Retrospektive» ist noch bis zum 18. April im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen.

 
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