04. Jan 2005 07:45
Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinden Niedersachsens übt harsche Kritik an Plänen die Einwanderung von Juden zu begrenzen. In einem Beitrag für die Netzeitung fordert er ein Machtwort von Innenminister Schily.
Offener und versteckter Antisemitismus. Aber das ist nun alles anders. Wir haben ja des Kanzlers Freund, einen alten KGBler namens Putin. Was macht's, wenn der anlässlich der Wahlen in der Ukraine mit den alten Verschwörungstheorien des Weltjudentums kommt. Eine Männerfreundschaft beeinträchtigt dies nicht, nicht einmal Fragen werden gestellt, obgleich dies ja nun der einzige Präsident einer Großmacht ist, mit dem unser Kanzler so richtig plaudern kann, so von «Du zu Du» und nicht, wie schon Kanzler Kohl, «that is not the yellow from the egg». Das verbindet und macht die wirklichen Inhalte der Politik so nebensächlich. Also, nun haben wir keine Flüchtlinge mehr. Die waren ja sowieso nicht unsere Idee, sondern die Idee eines Honeckers (wer war das eigentlich?) im Jahre 1989. Tausche 5000 Juden gegen die amerikanische Handelsbegünstigungsklausel, tausche Orden für Bronfmann und Galinski gegen Unterstützung dieser Idee. Gesagt, getan. Was so billig anfing, wurde für das Judentum im gemeinsamen Deutschland zu einem der größten Erfolge, den wir uns vorstellen können. Rund 100.000 Mitglieder mehr als 1989, von 27.000 verfünffacht, einzelne Gemeinden und Verbände verzehnfacht und mehr, neue Gemeinden, Synagogen, jüdisches Leben in Deutschland nicht stagnierend, nicht zum langfristigen Tode verurteilt, sondern völlig neu, voller Vielfalt und Dynamik.
Es ging natürlich nicht mehr um Flüchtlinge, schon lange nicht mehr. In ihre Heimatländer durften sie nach dem Zerfall der Sowjetunion sowieso nicht mehr mit ihrem Flüchtlingsausweis zurück. Wer hatte das Recht zu fliehen, Saboteure waren es, Vaterlandsverräter, endlich sind wir die Juden los.
Gut wurden sie bei uns aufgenommen, beinahe wie die Rußland-Deutschen, sie waren integrationswilliger, integrationsfähiger, die Jugendlichen lagen nicht auf der Straße, beste Ausbildungen, deutsch lernten zumindest die jüngeren Menschen schnell und perfekt. Sie wurden von der jüdischen Ortsgemeinde fast ohne Einschränkung, von den Kirchen nicht immer, von den Kommunen anfangs begeistert aufgenommen, weil ihre Zahl auf die Asylantenzahlen angerechnet wurde – dann immer weniger, schließlich Eiseskälte, von den Landes- und Bundespolitikern.
Der Zuzug der Juden aus den ehemaligen Ländern der Sowjetunion diente der Stärkung der jüdischen Gemeinschaft und dem Aufbau neuer jüdischer Gemeinden. Dies war das erklärte Ziel. Im Hintergrund schwebte die Zahl 500.000, so viele waren es einmal in Deutschland vor 1933.
Uns ging es ja gut, 1989, 1990 ... und nun geht es uns schlecht, so richtig schlecht, so richtig, richtig schlecht, wenngleich auf allerhöchstem Niveau.
Unser neuer Bundespräsident, weniger geschliffen, wie einige seiner Vorgänger, weniger politisch - man merkt ihm seine Persönlichkeit an, seine Ernsthaftigkeit ohne rhetorischen Schnickschnack - hat scheinbar noch nicht alle erreicht. Zeit wird's.
Nun ist's genug, das Boot ist voll. Das deutsche Boot natürlich! Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ist wieder stark genug, sie streitet sich ja schon wieder. Wozu brauchen wir mehr, und dann auch noch arme Juden? Jung müssen sie sein, Kinder müssen sie kriegen können, unsere jüngeren Deutschen haben damit ja so ihr Problem, und arbeitsfähig müssen sie allemal sein. Dann sollen sie auch noch deutsch sprechen: Papa, Mama, Arbeitslosengeld, Hartz IV, Bundeskanzler, Danke (ganz besonders wichtig!) undsoweiter. Und dass die jungen nicht kommen, wenn ihre Eltern in Rußland, der Ukraine, Kasachstan undsoweiter bleiben müssen, ist leider eine zwangsläufige Folge. Das müssen sie schließlich selbst verantworten. Und wenn sie ihre Eltern und Großeltern nicht allein lassen, dann tut uns das ja so leid! Die «Exodus» ist untergegangen, schon die 27.000 Antragsteller, die sich bereits auf dem Weg in den freien Westen befanden, nur noch das Datum ihrer Einreise erwartet haben, haben kein Schiff mehr, mit dem sie sich auf große Fahrt begeben, das rettende Ufer der Demokratie erreichen können. Ein schändliches und verwerfliches Spiel bundes- und landespolitischer Politik.
War das alles nur klassische Politshow in den vergangenen 15 Jahren? Machen wir uns nichts vor: Das rechtslastige Gedankengut sitzt bei vielen tief. Bürgermeister sprechen nur das aus, was viele denken: die Juden melden sich immer dann, wenn's ums Geld geht! Die Juden sind anders, man sieht's ihnen an! Sie wollen auch anders sein, sie sind ja das auserwählte Volk! Also, wer mag uns eigentlich? Ich meine uns als Gruppe, denn natürlich mag jeder seinen Juden gern, so wie der Werkstattleiter meines Vaters im KZ Riga seine Juden gerne mochte und sie sogar gegen andere verteidigte, gelegentlich seine Juden aber fast zu Tode prügelte. Es waren ja seine Juden.
Kommen wir daher zum Anfang der Geschichte zurück: von 500.000 Juden im Deutschen Reich sind 150.000 umgebracht worden, sechs Millionen Juden waren es insgesamt in Europa. Sämtliche Entschädigungsleistungen für Tote und schwergeschädigte Überlebende, traumatisiert bis heute, Entschädigungsleistungen für jüdische und überwiegend nichtjüdische Zwangsarbeiter, Gesundheitsrenten, Stiftungsgelder unsoweiter haben bis heute 90 Milliarden Euro gekostet. Richtig, nur 90 Milliarden Euro in 60 Jahren. Die deutsche Wiedervereinigung, 17 Millionen Menschen sind dazu gekommen, hat bisher jährlich mindestens 50 Milliarden Euro gekostet.
Bundesinnenminister Schily ist offensichtlich alt geworden. Nur so ist verständlich, daß er die Ränkespiele seiner Ministerialen nicht mehr durchschaut. Er ist ein verläßlicher Freund der jüdischen Gemeinschaft. Dies muß er nun deutlich machen.