11. September:
Der Schatten einer Geschichte
09. Dez 2004 14:22
 | Spiegelman als Maus am Schreibtisch | Foto: Lambiek |
|
Art Spiegelmans Comic über den 11. September hat Schwierigkeiten, den Ereignissen nahe zu kommen. Stattdessen ist es ein Abriss über die Geschichte des Cartoon geworden.
Von Tal SterngastWenige Blocks von Ground Zero entfernt entwickelten vor gut hundert Jahren die Pioniere des modernen amerikanischen Journalismus während ihres heftigen Kampfs um Marktanteile den Comic Strip. Eigentlich wollte Joseph Pulitzer den ungebildeten Massen von New Yorks Einwanderern farbige Reproduktionen der großen Meisterwerke bieten, doch die Ergebnisse der zu diesem Zweck entwickelten Presse für farbigen Zeitungsdruck waren zu schlecht für diesen Zweck. Der Druck einfacher, kolorierter Zeichnungen war für die neue Technologie aber kein Problem, so dass 1893 der erste farbige Cartoon in der «Sunday World» erschien. Pulitzers Rivale William Randolph Hearst zog nach, und bald erschien auch im «New York Journal» ein Cartoon.
Eben diese Geschichte erzählt uns kein anderer als Art Spiegelman im Appendix von “In the Shadow of No Towers”. Dass sich Spiegelman hier der Geschichte der Comics widmet - vor allem seiner ursprünglichen Form, dem sonntäglichen Cartoon-Supplement - hat seine Gründe. Sein neues Buch, in diesem Jahr in den USA erschienen, versammelt zehn großformatige Seiten über den 11. September und seine Folgen. Spiegelman lehnte sich mit seinem Format an die Sonntagscartoons an. Wie ein erfolgreicher Musiker auf der Höhe seiner Karriere, der sich aus Gründen der Reminiszenz wie der Inspiration seiner Plattensammlung widmet, durchforstet Spiegelman sein eigenes zeichnerisches Vokabular und dessen Vorgeschichte, um Trost zu finden, aber auch einen Ankerpunkt, der es ihm ermöglichen soll, eine Gegenwart zu erfassen, die vom Zusammenbruch des Gewohnten geprägt ist.
Katzenjammer Kids
Spiegelmans opulent gestaltetes Comic mit seinem schwarzglänzenden Cover und seinen Seiten aus dickem Karton enthält Anhänge, auf denen neben zahlreichen Notizen des Autors einige originale Strips aus der Frühzeit der Supplements zu sehen sind. So kunstvoll sie gemacht waren, waren sie doch nur für den einen Tag gedacht, an dem sie erschienen, um dann weggeworfen zu werden. Von ihnen borgt Spiegelman eine Form der Strukturierung von Information, die heute in den Medien eher unüblich ist: Es handelt sich um ein nicht-lineares Erzählen, das so journalistisch wie persönlich und anekdotisch ist.
 | | Foto: Random House |
|
Das neue Medium des Comic verdankte sich zwar dem harten Wettbewerb im Zeitungsgeschäft, entwickelte sich aber von Anfang an als eine Form der Satire, die Kommentare zum politischen Geschehen abgab, und dabei oft wenig zimperlich war, indem sie im Stil des populären Vaudeville nihilistisch, grob und manchmal sogar rassistisch war. Das Yellow Kid aus «Hogan‘s Alley» von R.F. Outcoult, Amerikas erster Comic Star aus dem Jahr 1893, war ein frecher Straßenjunge irischer Abstammung aus einer Gang in Lower Manhattan. Die «Katzenjammer Kids» Hans und Fritz von Rudolph Dirk, die dem Yellow Kid 1897 folgten, waren eine modernisierte Version von Max und Moritz. Die beiden destruktiven Jungs mit deutschem Akzent taten den ganzen Tag nichts anderes, als die Welt der Erwachsenen aufs Korn zu nehmen und zu attackieren. Sie tauchen in den Panels von «In the Shadow of No Towers» wie Geister auf und tragen je einen der beiden Türme des WTC auf dem Kopf.
Von «Maus» zu den Türmen
Spiegelman wurde 1949 in Stockholm als Sohn zweier Überlebender von Auschwitz geboren, die sich auf dem Weg von Warschau nach New York befanden. Spiegelman, der seit den Sechzigern in der Bewegung der «underground comix» aktiv war, wurde mit seinem Comic „Maus“, für das er 1992 den Pulitzer Preis erhielt, bekannt. «Maus» basierte auf den Erinnerungen von Spiegelmans Eltern und erzählte die Geschichte des Holocaust. Juden erscheinen in dieser Fabel als Mäuse, Nazis als Katzen und Polen als Schweine. Diese überzeugende Visualisierung des Holocaust machte die Geschichte des Sterbens und Überlebens im Vernichtungslager auf eine neue Weise zugänglich. Die Konventionen des Comics schienen mit «Maus» einen Höhepunkt ihrer Effektivität erreicht zu haben, indem jedes einzelne Bild eine Unzahl von konkreten wie abstrakten Informationen enthielt.Heute scheint Spiegelman sich hingegen in der eher unbequemen Position zu befinden, aktuelle Ereignisse mit so brillanter wie unterhaltender Satire beantworten zu müssen. Wenn man sich ansieht, wie Spiegelmans visuelle Reaktion auf die Ereignisse aussieht, die nur wenige Blocks von dem Ort entfernt stattfanden, an dem er lebt und arbeitet, sieht es danach aus, als sei der Autor sprachlos und wisse eigentlich nicht, wie er sich verhalten soll. Stattdessen flüchtet er sich in die Darstellung seiner Gedanken und Vorstellungen während des 11. September und der zwei folgenden Jahre. «In the Shadow of No Towers» ist demnach ein Tagebuch, dessen in sich geschlossene Seiten alle vier bis fünf Wochen fertiggestellt wurden.
Der 11. September 1901
Es zeigt etwa, wie Spiegelman und seine Frau Francoise erst mit ungläubigem Entsetzen und dann sehr schnell mit Panik reagieren: Sie rasen los, um ihre Tochter Nadja zu suchen, die in eine Schule am Fuß der Türme geht. Es beschäftigt sich aber auch mit der „Entführung“ der Ereignisse und ihre propagandistische Ausbeutung durch die Bush-Regierung, die laut Spiegelman die Tragödie zur Travestie macht, um mit kriegerischen Mitteln auf sie antworten zu können. Das Bild, das Spiegelman als «Maus» vor seinem Schreibtisch sitzend zeigt, „gleichermaßen terrorisiert von Al Qaeda wie von der eigenen Regierung“, hat ganz besonders den Zorn der amerikanischen Medien erregt. Die Idee, dass sich für Spiegelman seit dem 11. September die Zeit in einem anderen Rhtyhmus bewegt und manchmal sogar stillzustehen scheint, illustriert ein immer wieder kehrendes Bild: Es ist die fast abstrakte Darstellung des glühenden Skeletts eines der beiden Türme kurz vor dem Zusammenbruch: «Wenn sie nicht mit solch einer Tragödie und so vielen Toten verbunden wäre, könnte ich mir die Attacke als eine Form von radikaler Architekturkritik vorstellen.»Jede Seite ist eine Collage aus fragmentierten Gedankengängen, ein Mischung verschiedener Zeichenstile und Traditionen und außerdem ein Nebeneinander von Techniken: Mit Photoshop bearbeitete Bilder stehen neben solchen, die mit Tinte auf Papier gebracht wurden. Das Innencover ist eine doppelseitige Reproduktion der Titelseite der «World» vom 9.11.1901, die vom Attentat auf den ersten «modernen» amerikanischen Präsidenten William McKinley berichten, der von einem Anarchisten erschossen wurde. So stellt Spiegelman zwei recht unterschiedliche Stufen des Informationszeitalters gegenüber: Dem trotz Terror naiven Optimismus der Berichterstattung von 1901 folgt die überwältigende Explosion der Bilder von 2001.
Viele Formen des Selbst
«In the Shadow of No Towers» illustriert somit auch den Wunsch Spiegelmans, zurückkehren zu können in eine Zeit, in der nicht die Kamera, sondern die persönliche Augenzeugenschaft im Zentrum der Berichterstattung stand und auch zu den Aufgaben der Künstler gehörte. Spiegelman selbst ließ als Redakteur der Zeitschrift «Details» den Comiczeichner Joe Sacco aktuelle politische Ereignisse illustrieren und kommentieren. Im Kern des Buches jedoch befindet sich eine Botschaft von Verhängnis und Untergang, die Spiegelman von seinen Eltern überliefert bekam und sich aus der Überzeugung speist, dass die Welt in jedem Moment zusammenstürzen kann, und man am besten immer einen gepackten Koffer bereit hält. Wenn die Katastrophe wirklich passiert, erscheint sie beinahe wie eine Erlösung, oder zumindest eine Inspiration. Sie treibt Spiegelman zur Arbeit, wie er zugibt: «Das Disaster ist meine Muse.» Comics sind möglicherweise die beste Form, um Neurosen und Paranoia, die Fragmentierung, das Fließen der Assoziationen, Übertreibungen auszudrücken. Sie bieten darüber hinaus die Möglichkeit, auf denkbar einfache Art viele Formen eines Selbst darzustellen.
Fehlende Distanz
Der Erzähler von «In the Shadow of No Towers» erscheint hin und wieder in Gestalt des Happy Hooligan, als Maus, Yellow Kid oder eben auch Art Spiegelman. Das Buch teilt mit «Maus» und vielleicht dem ganzen Genre der Underground Comics ein mit sich selbst beschäftigtes, neurotisches, hypersubjektives erzählendes Selbst. Abgesehen von einem Kommentar über den amerikanischen Narzissmus, der mit den Anschlägen ins Mark getroffen wurde, gelingt es dieser Sichtweise aber nicht, zu einem weiterführenden Verständnis der Ereignisse zu gelangen. Vielleicht gerade, weil ihm die Distanz fehlt, die manchmal nötig ist, scheitert er daran, das wahre Disaster konkret erzählerisch zu erfassen, dem Tausende zum Opfer fielen.Seine Geschichte wurde von beinahe allen Publikationen, mit denen Spiegelman sonst arbeitete, abgelehnt - abgesehen von der englisch-jiddischen New Yorker Wochenzeitung «Forward». So erschien sie zuerst auf den Seiten einer deutschen Zeitung, der «Zeit». Dort, in der Zeitung, auf dünnem Papier, das knittert und irgendwann weggworfen wird, war sie besser aufgehoben. Dennn die elegante Verpackung, der farbenprächtige Druck negieren den aktuellen, zeitgebundenen Charakter dieser Strips. Eine billigere Reproduktion hätte sie so bescheiden und ephemer belassen, wie sie sein sollten. Ob «In the Shadow of No Towers» in zehn, zwanzig Jahren noch von Belang sein wird, ist fraglich. Spiegelman selbst weiß das vielleicht am besten. Er sagt, er habe nie ein politischer Cartoonist werden wollen, weil er zu langsam sei - dreizehn Jahre habe er mit «Maus» gekämpft.
Art Spiegelman: In the Shadow of No Towers. Graphic Novel, Pantheon Books 2004, 42 Seiten, 19,90 Euro.