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Friedrich Christian Flick Collection: 

Zur Schuld gehört ein Gegenüber

18. Aug 2004 11:38
Friedrich Christian Flick
In der Debatte um die Kunstsammlung Friedrich Christian Flicks zeigt sich erneut die Tendenz, einen nicht existierenden Kollektivschuldvorwurf abzuwehren. Die Opfer werden damit ausgeblendet.

Von Muni Poppendiek-Kritz

Die Suche nach einem Umgang mit der NS-Hypothek ist ein schwieriger Prozess, der in sich stets aufs Neue die Gefahr des Umgehens birgt. Die öffentliche Diskussion um die «Friedrich Christian Flick Collection» ist für diesen Prozess beispielhaft. Friedrich Christian Flick, einer der Enkel des größten Rüstungslieferanten des NS-Regimes, will seine Sammlung moderner Kunst ausstellen. Explizit sollte sie von Anfang an mit dem Namen Flick verbunden werden.

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Doch Friedrich Christian Flicks Wahlheimatstadt Zürich lehnte ein Flick-Museum ab. Der Umstand, dass der Flick-Konzern das NS-Regime aktiv unterstützt und Zwangsarbeiter beschäftigt hatte, Friedrich Christian Flick, einer der Erben, aber eine Beteiligung am Zwangsarbeiterfonds ablehnte, führte zu öffentlichen Protesten. In Berlin dagegen nahm man sich seines Anliegens nahezu vorbehaltlos an. Salomon Korn und Michael Fürst, Vertreter der jüdischen Gemeinschaft, allerdings nicht eine Mehrheit im Zentralrat der Juden, sprachen sich daraufhin gegen die «Flick-Collection» aus. Sie sprachen für die Welt der Opfer, der ehemaligen KZ-Häftlinge und der so genannten Fremdarbeiter. Eine heftige Debatte entstand.

Schuld und Opfer stehen in einem Zusammenhang

Auf der Seite der Ausstellungsbefürworter wurden dabei unter anderem Kollektivschuldzuweisungen abgewehrt, die so nicht erhoben worden waren. Es wurde im Kontext der NS-Verbrechen auch von der «Wunde in der Familie Flick» und der «Wunde in Berlin» gesprochen. Die Wunden der Opfer wurden in der Debatte jedoch nicht erwähnt. Die Naziverbrechen wurden angesichts der Kunst gar zu «episodenhaften Ereignissen» erklärt und schließlich wurden die Stimmen der Gegner der Ausstellung zu «Einzelstimmen» minimiert, und damit die Opfer erneut als zu Vernachlässigendes betrachtet.

Friedrich Christian Flick selbst hatte sich für die Gründung einer Stiftung gegen Rassismus anstelle einer Einzahlung in den Zwangsarbeiterfond entschieden. Unsere Entscheidungen orientieren sich daran, wie wir die Welt wahrnehmen und das Wahrgenommene bewerten. Die Taten und Unterlassungen der Eltern und Großeltern während des Nationalsozialismus haben zu einem unermesslichen Leid geführt, das bis heute andauert. Friedrich Flick hatte einen wesentlichen Anteil daran. Großvater Flick spendete ab 1933 insgesamt 7,6 Millionen Reichsmark an die NSDAP, zum Ende des Dritten Reichs war das Flick'sche Imperium das größte Privatunternehmen Deutschlands geworden. Flick hatte von der «Arisierung» der deutschen Wirtschaft profitiert und vom Einsatz von mindestens 40.000 Zwangsarbeitern, teils aus den besetzten Gebieten, teils aus Konzentrationslagern. Bei den Nürnberger Prozessen wurde festgehalten, dass «in allen Betrieben des Flick-Konzerns besonders schlechte Bedingungen herrschten». Tausende starben an Tuberkulose und anderen Krankheiten.

Es gäbe für den Enkel und Erben eine Fülle von Möglichkeiten, die Folgen dieser Geschichte zu lindern. Zu Schuld gehört ein Gegenüber, an dem jemand schuldig geworden ist. Schuld und Opfer stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang. In seiner Vermeidung, sich mit der Welt der Opfer zu konfrontieren, stellt sich Friedrich Christian Flick in die Kontinuität zu seinem Großvater, er hält letztendlich Loyalität.

Die Schatten der Vergangenheit verlängern

Friedrich Christian Flicks Schwester Dagmar Ottmann hat sich in einem offenen Brief nun an Salomon Korn und Michael Fürst gewandt. Hier spricht eine andere Stimme aus der Familie Flick: Sie machte deutlich, dass die Familienmitglieder der Flicks sich im Umgang mit dem Nazi-Erbe unterscheiden. Dagmar Ottmann hat im Gegensatz zu ihrem Bruder «von ihrem Privatvermögen einen namhaften Millionenbetrag» an den Zwangsarbeiterfond gezahlt und vor einem Jahr «eine unabhängige wissenschaftliche Untersuchung der Geschichte der Friedrich Flick KG im 20. Jahrhundert» angestoßen und in Auftrag gegeben, wie sie schreibt.

Um ihren Bruder nicht bloßzustellen, habe sie ihr Vorgehen nicht öffentlich gemacht, aber die Familie informiert. Sie und andere Familienmitglieder distanzierten sich von dem Vorhaben ihres Bruders. Ihrer Ansicht nach erweisen die Befürworter der Ausstellung weder der Kunst noch dem Sammler einen guten Dienst, weil sie nicht Klärung sondern Verdrängung förderten und die Schatten der Vergangenheit damit nur verlängerten. Dagmar Ottmann unterstreicht nicht nur ihr Verständnis für die Symbolkraft, die der Name Flick in der Welt der Opfer haben muss, sie umgeht die Opfer nicht.

Die Kraft familiärer Loyalität

Wir erfahren durch ihren Brief von den Einstellungen und Handlungen, mit denen ein anderes Mitglied der Familie Flick dem NS-Erbe entgegentritt und versucht, dies in ihr Leben zu integrieren mittels handelnder Anerkennung des Schuld- und Opferzusammenhanges. Diese Stimme, die ohne jegliche Diffamierung einen Teil der Familie Flick vertritt, erscheint angesichts einiger Pressestimmen, die den Brief unter dem Blickwinkel von Missachtung der Familienloyalität kommentierten, umso mutiger.

Welche Rolle Familienloyalität innerhalb der Thematik Nationalsozialismus spielen kann, haben uns jüngst Sozialpsychologen in ihrer Studie «Opa war kein Nazi» (Harald Welzer et al.) offen gelegt. Sie untersuchten, was man in Familien über Haltungen und Handlungen der Familienmitglieder während der NS-Zeit weiß. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass innerhalb der Familien zwar der verbrecherische Charakter des NS-Regimes anerkannt, gleichzeitig aber die eigenen Eltern und Großeltern der Kritik entzogen werden. Im Extremfall werden Kriegsverbrechen und Mord sogar in Opfergeschichten umgedeutet. Die Loyalität zur eigenen Familie wird also offensichtlich sehr oft über die Klärung von Verwobenheit und Täterschaft der Familienmitglieder gestellt. Sicher, es ist keine repräsentative Studie, die Autoren sagen es selbst.

Schuld muss einen Adressaten haben

Dennoch legt die Studie ein Nachdenken darüber an, ob bei denjenigen, die für das Anliegen von Friedrich Christian Flick einseitig Partei genommen haben, ein lenkender Wert auch das Einverständnis mit einer Familienloyalität sein könnte, die mögliche Taten oder Unterlassungen von Familienmitgliedern im Halbdunkel lässt. Lag das Verständnis für solche Familienloyalität näher, als ein Verständnis für die Welt der Opfer ?

Schuld muss von den nachfolgenden Generationen mit den Verursachern verknüpft werden. Geschieht dies nicht, wird diese Schuld zu einer «frei flottierenden». Erst dadurch entsteht die Gefahr, jedes Sprechen über Schuld als Zuschreibung von Kollektivschuld misszuverstehen. In der Folge kann die Abwehr der vermeintlichen kollektiven Schuldzuschreibung so viel Raum einnehmen, dass eine Offenheit für die Welt der Opfer nicht mehr möglich ist. Aus einem Brief Friedrich Christian Flicks an Salomon Korn geht etwa hervor, dass er die Metapher vom «Blutgeld», die Salomon Korn in Hinblick auf das Erbe aus dem Flick-Konzern benutzte, konkret so verstand, «dass ich Blut an den Händen habe». Im weiteren Verlauf generalisierte er und sprach schließlich für ein anonymes Kollektiv: «Die Deutschen wissen, was die Deutschen getan haben. Aber die Enkel haben kein Blut mehr an den Händen.»

Sinnvolle Möglichkeit zur Identifikation

Friedrich Christian Flick, das ist das Paradox seines Unternehmens, will dem Dunklen der Familiengeschichte Helles hinzufügen, das seinen Namen trägt. In einem in der «Zeit» zitierten Brief an seinen Onkel Friedrich Karl hat er die Ansicht vertreten, die Kunstsammlung solle seinen Kindern und Nachkommen eine konstruktive und sinnvolle Möglichkeit zu einer neuen Identifikation mit dem Namen Flick ermöglichen. Dieses Anliegen allerdings lässt sich mit einer, die Vergangenheit im Halbdunkel lassenden, Familienloyalität nicht vereinbaren. Bevor eine neue Identifizierung mit dem Namen Flick für die Kinder möglich ist, brauchen diese eine differenzierte Distanzierung. Ohne eine selbstreflektierende Auseinandersetzung mit dieser dunklen Periode im Leben der Großeltern und Eltern bleibt die eigene Identität tendenziell peinvoll. Denn nur eine hellerleuchtete «dunkle Seite» ermöglicht eine Distanzierung.

Die offene, bewusste und differenzierende Rekonstruktion der Vergangenheit anzugehen ist ein schwieriger Prozess. Zu ihm gehört unter Umständen auch, eine mögliche Teilhabe an unaufrichtiger Selbstrechtfertigung der Großeltern oder Eltern zu entdecken. Ein verantwortungsbewusster Umgang mit der Vergangenheit schließt die Sorge für andere Familienmitglieder keineswegs aus, wie Dagmar Ottmann in ihrem Brief gezeigt hat. Sie hat ihre Haltung dezent in Handlung umgesetzt, auch um den Bruder nicht bloßzustellen. Darüber hinaus trägt sie zu der Möglichkeit bei, dass die Nachkommen der Flicks tatsächlich eine konstruktive und sinnvolle Möglichkeit zur neuen Identifikation mit ihrem Namen aufbauen können.

Eine beispielhafte Geschichte

Die Ausstellung wird ab 21. September zu sehen sein, nun unter dem Namen «Friedrich Christian Flick Collection am Hamburger Bahnhof». Angesichts der Kontroverse soll es nun im Umfeld der Ausstellung Diskussionsrunden geben, die die Debatte aufnehmen. Desweiteren hat der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz beim Münchner Institut für Zeitgeschichte nun ein zweites Forschungsprojekt in Auftrag gegeben, das die NS-Geschichte der Familie Flick untersuchen soll, die der Sammler finanziert. Zudem sollen Besucher der Ausstellung ein Beiblatt erhalten, in dem F. C. Flicks Haltung zur Familiengeschichte, Entnazifizierung und seinem Verhältnis zur Kunst zu lesen sein soll.

Wird bei all dem das Gegenüber der Schuld, das Leid der Opfer und ihrer Angehörigen ins Bewusstsein kommen? Der Streit um die «Flick-Collection» ist mehr als die Angelegenheit einer Familie, er zeigt beispielhaft, wie erschreckend wenig die Perspektive der Opfer im Bewusstsein vieler verankert ist, die sich an der Debatte beteiligten, und wie unverknüpft die Schuld flottiert. Gäbe es da nicht auch den ebenso beispielhaften anderen Teil der Familie Flick.

 
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