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Rechtschreibreform: 

Verschweizert die Rechtschreibung!

09. Aug 2004 00:58
Adolf Muschg
Die «NZZ» hat die Rechtschreibreform «den eigenen Bedürfnissen angepasst». Die traditionsbewussten Schweizer neigen ohnehin nicht zur Hysterie, wenn es darum geht, mit der Zeit zu gehen.

Von Michael Angele

Als Schweizer kann man die Aufregung um die «Schlechtschreib-Reform» («Bild»-Zeitung) nur mit einem Kopfschütteln betrachten. Da wir «das Hochdeutsche» in der Regel nicht mit der Muttermilch aufgesogen haben, pflegen wir notwendigerweise eine gewisse Distanz zu ihm. Sie kann jedoch heilsam sein. Wir mögen ja einen seltsamen Akzent haben, wenn wir genötigt werden, hochdeutsch zu sprechen - an unserem Umgang mit der Schriftsprache ist allemal Maß zu nehmen. Oder wie der Schweizer schreibt: Mass zu nehmen.

Denn der größte Teil der Rechtschreibreform betrifft ihn gar nicht. «Ungefähr 90% aller Zwangsänderungen des Schriftdeutschen entfallen auf die ss-Schreibung statt ß», heißt es .

Viele Schweizer kennen das Eszett überhaupt nicht. Nicht einmal vom Hörensagen. Man kann sogar sagen: daher gleich gar nicht. Warum also, so wurde schon oft gefragt, schafft man es nicht auch in Deutschland ab? Und auch jetzt wird wieder gefragt. So plädiert Marcel Reich-Ranicki - der große Wahlschweizer! möchte man ausrufen - für den völligen Verzicht auf das Eszett. «Das werde in der Schweiz bereits seit langem praktiziert.» Wie lange genau, steht in einem der Leserbriefe an diese Zeitung: «Die Schweizer schaffen es schon seit den dreißiger Jahren, ohne diesen Buchstaben auszukommen.»

So ist es. Und sogar mit Erfolg, wie gesagt werden darf. Krieg und Faschismus machten vor den Grenzen Halt, und das Wort Massenarbeitslosigkeit würden die meisten Schweizer vermutlich falsch schreiben, stünde das Eszett zur Wahl – so fremd ist uns bis heute das Übel geblieben, das hinter diesem Wort steckt.

Ein Schweizer für das Eszett

Es ist überhaupt nur ein Fall bekannt von einem Schweizer, der öffentlich eine Lanze für das Eszett gebrochen hat. Es handelt sich um den Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Adolf Muschg, der in den Schweizer Monatsheften vom November 2003 folgendes Bekenntnis ablegte : «Auf meiner alten Olivetti mit schweizerischer Tastatur, die mich 1962 nach Japan begleitete, kam es [das Eszett] gar nicht vor, und in meinem Deutschunterricht ersparte ich den Studenten, es zu lernen. Mit der Folge, daß eine der Absolventinnen bei der Aufnahmeprüfung an die Kaiserliche Universität Tokyo wegen Othographieschwäche durchfiel.

Durchgefallen wäre, hätte ich nicht in einem Entschuldigungsbrief an die Prüfungsbehörde das unterlassene deutsche 'ß' in aller Form auf mich genommen. Ich sei Schweizer und komme, orthographisch betrachtet, aus dem Busch. Um die Zukunft der Studenten nicht zu gefährden, setzte ich von da an das große 'B' meiner Olivetti als 'ß' ein. Das sah beinahe so schön aus wie später das große feministische 'I' im Wortinneren ('AutorInnen'). Seither aber verwende ich das sauer erworbene Zeichen mit Genuß und denke nicht daran, mich von einer amtl. dekretierten Orthographiereform davon wieder dispensieren zu lassen.»

Soweit Muschg. Den letzten Satz kann man getrost als Konzession des frisch gewählten Präsidenten der Berliner Akademie der Künste an die deutschen Eigenarten verstehen. Sonst aber erkennt man deutlich: Muschg hat nur aus äußerem Zwang und einem übersteigerten Verantwortungsgefühl für den Schwächeren (wie es so vielen Schweizern eigen ist) gehandelt, und dabei – um nach der Mundart zu schreiben: sich regelrecht vernütiget. Das muss nicht sein.

«Der Spiegel» ahnt es

Bleiben die restlichen zehn Prozent der Fälle, also die ohne Eszett. Auch hier hat die Schweiz die richtige Lösung parat. Der 'Spiegel' ahnt es: «Was soll das ganze Theater, fragt man sich in der dreisprachigen Schweiz. Die dortigen Zeitungen sehen zunächst keinen Handlungsbedarf, allerdings haben die dortigen Redaktionen die Reform ohnehin nicht einheitlich umgesetzt, sondern verfahren ganz nach eigenem Gusto.» Unsinn. Die Zeitungen verfahren nicht einfach «nach eigenem Gusto», nach mehr oder minder gedankenlosem Gutdünken also. Das ist ein schnodderiger Ton, wie ihn keine Rechtschreibreform und keine Abkehr von dieser verhindern kann.

Nein, dem Schweizer schmeckt tatsächlich nur, was zuvor auf Herz und Nieren geprüft wurde. Und was in der Kochkunst seit Menschengedenken ein Doktor Bircher-Benner darstellt, ist in Fragen von Geist und Sprache seit 1821 die Neue Zürcher Zeitung. Eine Instanz also.

Sie wäre es nicht länger, wenn sie nicht auch in Sachen Rechtschreibreform nach reifer Überlegung ein Dossier angelegt hätte, das den Titel «Die für die 'Neue Zürcher Zeitung' geltenden und den eigenen Bedürfnissen angepassten Regeln der neuen Rechtschreibung» trägt. Der Ausdruck «den eigenen Bedürfnissen angepasst» ist natürlich ein gut schweizerischer Bescheidenheitstopos. Tatsächlich sind in diesem Regelwerk die Bedürfnisse der gesamten deutschen Sprachgemeinschaft befriedigt.

Der akzeptable Kompromiss

Mit anderen Worten: es stellt exakt jenen «akzeptablen Kompromiss» dar, den der deutsche Philologenverband zu Recht fordert . Wie akzeptabel er wäre, erkennt man sofort. Der Blick fällt zuerst auf jene Neuerung, die da lautet: «Wenn in Zusammensetzungen drei gleiche Buchstaben zusammentreffen, bleiben alle drei erhalten.» Anders gesagt: jene stürmische Schifffahrt, die das halbe deutsche Volk seekrank macht. Dazu heißt es weiter: «Die NZZ übernimmt diese Norm, setzt aber in Nomen bei drei gleichen Vokalen einen Bindestrich.» Also Armee-Einheit, aber armeeeigen - was nicht weiter schlimm ist, denn es ist gut möglich, dass die Schweizer Armee sowieso demnächst abgeschafft wird.

Auch die neuen Regeln bei der Zusammen- und Getrenntschreibung kehren vielen hierzulande den Magen um. Die «NZZ» vertritt hier eine ebenso praktische wie nuancierte Handhabung. Nehmen wir die Verbindungen aus Verb (Infinitiv) und Verb, die nach geltender Rechtschreibung bekanntlich immer getrennt geschrieben werden. Dazu heißt es: «Die NZZ kann sich nur teilweise mit dieser Regelung anfreunden. Sie wird weiterhin zwischen wörtlichem und übertragenem Sinne unterscheiden. Beispiel: Ein Schüler ist sitzengeblieben, also nicht versetzt worden. Er ist sitzen geblieben, also nicht aufgestanden.»

Würde diese Regel auch in den deutschen Schulen konsequent gelehrt, verschwände der wörtliche Sinn freilich rasch aus Sprachraum. Und der Ausdruck er ist sitzen geblieben - wie ihn die neue Rechtschreibung heute noch zu Unrecht als einzigen vorsieht - könnte dann nur die eine Antwort nach sich ziehen: lass ihn doch, er hat ja alle Zeit der Welt.

Pioniere der Einverleibung

Nachhaltiger als durch solche Fälle wird die deutsche Alltagsprache jedoch durch das Englische geprägt. Und hier leistet die «NZZ» enorme Pionierarbeit. Man denke nur an die Schreibweise mehrgliedriger englischer und amerikanischer Fremdwörter. Jeder der in dieser Sache einmal die entsprechenden Regeln und Angaben im Duden konsultiert hat, wird der «NZZ» zustimmen müssen: «Sie lassen (...) eine klare Vorzugsschreibung vermissen und sind für die Wahrung einheitlicher Schreibweisen kaum brauchbar.» Anders die «NZZ». Nur ein Beispiel für Klartext: «Verbindungen aus Adjektiv und Nomen werden getrennt geschrieben, beide Wörter gross». Also Small Talk oder Open End.

Beides soll an dieser Stelle vermieden werden. Deshalb kommen wir zum Schluss: Die beispielhafte Regelsetzung der «NZZ» mag damit zusammenhängen, dass die Schweiz ein viersprachiges Land ist (das Rätoromanische nicht vergessen!) und zudem durch seine Wirtschaftspotenz und Weltläufigkeit starken englischsprachigen Einflüssen ausgesetzt ist.

Jedenfalls scheint man dort in zukunftsorientierten Fragen um einiges sensibler als in Deutschland. Hier hat es früher nicht groß gestört, zum Frisör statt zum Friseur zu gehen, und heute macht es wenig aus, einen Cut & Go aufzusuchen (den es überhaupt nur im deutschen Sprachraum gibt). Dagegen scheint jeder noch so absurde Aufwand gerechtfertigt, wenn es nur darum geht, aus einem aufwändig wieder ein aufwendig zu machen.

Bye bye, Quatsch: bye-bye.

Der Autor ist gebürtiger Schweizer. Er lebt in Berlin.

 

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