Wibke Bruhns war sechs Jahre alt, als die Nazis ihren Vater Hans Georg Klamroth in Berlin-Plötzensee wegen Hochverrats hängten. Der Abwehroffizier war als Mitwisser der Gruppe um Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg verurteilt worden, die am 20. Juli mit einem Attentat auf Hitler scheiterte. Jahrzehnte später sah seine jüngste Tochter im Fernsehen eine Filmdokumentation über den Prozess gegen die Männer des 20. Juli. Damals habe sie beschlossen, ihren Vater «an die Hand zu nehmen», schreibt Wibke Bruhns in ihrem Buch «Meines Vaters Land. Geschichte einer deutschen Familie». Dort fragt sie sich: «Wie war denn dein Leben jenseits der Gedenktafeln, die heute im Berliner Kammergericht oder im Bundesverteidigungsministerium hängen, in Plötzensee oder in Halberstadt? Du warst nicht du - du warst immer dein Tod.» Um dies zu ändern, hat die 1938 in Halberstadt geborene Journalistin bei dem Versuch, einen Vater zu finden, ein ganzes Land in seiner düstersten Zeit beschrieben. Netzeitung: Im Prolog ihres Buches schreiben Sie: 'Verstehen will ich, wie entstanden ist, was meine, die Generation der Nachgeborenen so beschädigt hat.' Haben Sie verstanden? Wibke Bruhns: Das habe ich schon. Ich habe den Beleg gefunden, dass das Dritte Reich nicht erst 1933 anfangen hat, sondern schon weit vor dem ersten Weltkrieg, und dass die Prägungen, die diese Leute erfahren haben, die um die Jahrhundertwende geboren sind, so entscheidend waren, dass der Weg in den Nationalsozialismus nahezu folgerichtig war. Dieses in der langen Kette der Ereignisse zu verstehen, war mir wichtig. Ich hatte vorher nicht realisiert, wie viel von dem, was Hitler dann perfektioniert und grausamer und mordlüsterner umgesetzt hat, schon angelegt war. Der Nationalismus war tief verwurzelt. Womit die ja nicht alleine waren. Die Kriegsgegner waren genauso nationalistisch wie die Deutschen. Man wirft das den Deutschen immer vor, aber es war die Zeit, und sie haben sich nichts Schlimmes dabei gedacht. Im Gegenteil, das war Ehre. Und diese Ehre war mit dem Versailler Vertrag zutiefst beschädigt worden. Hitler war derjenige, der die Garantie zu geben schien, diese Ehre wieder aufzurichten. Das hat die ersten Jahre ja auch hervorragend funktioniert: Nehmen wir mal Olympia oder die vielen Staatsbesuche oder die Tatsache, dass die Kriegsgegner nicht protestiert haben, als Hitler die Wehrpflicht wieder einführte, nicht protestierten, als er die linksrheinischen Gebiete wieder mit seinem eigenen Militär auffüllte. Es schien so alles in Ordnung. Er hatte Deutschlands Größe wieder hergestellt, unter deren Verlust die Bevölkerung wie verrückt gelitten hatte.
Netzeitung: Hat dieses Verstehen auch das «Beschädigtsein» verändert? Bruhns: Die Hypothek ist natürlich die gleiche geblieben. Das ist gar keine Frage. Aber ich persönlich kann damit jetzt besser umgehen. Ich bin neulich mal gefragt worden, ob für mich diese Phase nun abgeschlossen sei. Das muss sie gar nicht. Das soll sie gar nicht. Wenn ich eins gelernt habe bei der Arbeit an diesem Buch, dann wie sehr Geschichte sich fortsetzt. Und wie sehr wir alle ein Produkt dieser Geschichte sind. Wenn wir sagen würden 'Schluss, Aus. Wir fangen bei Null wieder an', dann wären wir wurzellos. Das muss man sich gar nicht wünschen. Netzeitung: Hat es Sie verändert, dieses Buch geschrieben zu haben? Bruhns: Durchaus. Ich bin nicht mehr so rigoros wie ich vor 25 Jahren gewesen wäre. Aber das ist auch so eine Welle: Erst wurde überhaupt nicht über den Krieg geredet - wenn dann so in den 50er Jahren. Da war der 20. Juli eine Wiederauflage der Dolchstoßlegende. Mit den 68ern wurde die Generation der Eltern gezwungen, Farbe zu bekennen. Da waren die Fronten ganz klar. Die waren die Täter, und die Jüngeren waren die, denen das so nie hätte passieren können. Auch falsch. Das, was ich hier gemacht habe, wäre vor 25 Jahren auch nicht politisch korrekt gewesen. Das wäre viel zu sanft. Da hätte es geheißen: 'Was macht die denn da? Will sie mit ihrem Verständnis die Leute irgendwie exkulpieren?' Netzeitung: Inwiefern hat die Tatsache, dass Ihr Vater einer der Männer des 20. Juli war, Ihr politisches Selbstverständnis in den Sechzigern beinflusst?
Netzeitung: Aber ihr Vater hat etwas unternommen... Bruhns: Das ist richtig. Aber ich war nicht sicher, ob es das aufgewogen hat. Die Frage, ob ihm klar war, dass er mit zu den Steigbügelhaltern dieses Systems gehört hat, war für mich sehr präsent. Er war ein Steigbügelhalter. Meine Mutter allemal. Aber ich gehe heute nicht mehr so harsch damit um. Netzeitung: Ihr Blick auf Nazi-Deutschland hat sich also auch verändert. Bruhns: Nein, das hat er nicht. Es ist nach wie vor eines der düstersten Kapitel subjektiv in meiner Geschichte und in der Geschichte unseres Landes natürlich. Unverzeihlich, unentschuldbar. Aber ich kann verstehen, wie es entstanden ist. Das bedeutet aber nicht, dass ich die vielen Leute, die Schuld auf sich geladen haben, aus der Verantwortung entlassen will. Das war ein Volk von 80 Millionen, du liebe Zeit. Davon haben 95 Prozent Hitler gewählt. Alle waren sie dafür, waren sie begeistert. Hitler war so eine Art Kaiserersatz, diese eine zentrale Figur, auf die man sich ausrichten konnte. Das waren die gewöhnt. Die Weimarer Republik war dagegen Chaos. Diese ständig wechselnden Politiker waren denen unheimlich. Kaum hatte man sich an einen gewöhnt, war er schon wieder weg. So waren die nicht erzogen. Wir sitzen hier heute warm und trocken und sagen: 'Nachher liest man's anders.' Auch das war für mich so bemerkenswert: Wenn man mitten drin steckt, sieht das alles ganz anders aus. Du guckst nicht von oben, sondern du bist mitten in diesem Pulk drin - und so wahrscheinlich gegen das Verhängnis nicht gefeit. Bruhns: Absolut. Ich halte die Geschichte der Klamroths für prototypisch für das deutsche Bürgertum. Kempowski hat so etwas beschrieben beim deutschen Kleinbürger. Bei den Arbeitern ist es genauso gewesen. Die sind ja nun schließlich auch in Heerscharen zu den Nazis übergelaufen, obwohl das zunächst mal gar nicht so ihre Kragenweite war. Und ich kann es nachvollziehen: Wenn man sechs Millionen Arbeitslose hat, und zwei oder drei Jahre später sind es nur noch eine halbe Million, wenn Leute kleine Siedlungshäuschen kaufen können für wenig Geld, wenn ihnen die Kindererziehung abgenommen wird, und diese verwilderten Gören plötzlich in Reih und Glied gehen, das fanden die ordentlich. Aber viele Leute meiner Generation hat es denke ich gefeit! Wenn in dem Buch der Satz steht 'Von dir habe ich gelernt, wovor ich mich zu hüten habe', dann ist es genau dieses. Es hat mich gefeit gegen totalitäre Strukturen. Ich werde sehr hellhörig, wenn ich merke, dass nicht individuell sondern kollektiv irgendwas geregelt wird und klinke mich so schnell wie möglich aus. Das habe ich gelernt. Das passiert nicht noch mal. Das passiert dem Land nicht noch mal, das passiert der Bevölkerung nicht noch mal. Da ist Gott sei Dank Europa davor. So gesehen ist dieser verlorene Krieg ein Geschenk gewesen. Wirklich. Man stelle sich vor, sie hätten gewonnen. Ein Albtraum. Netzeitung: Waren Sie der Geschichte manchmal müde... Bruhns: Ja. Traurig auch. Es hat wirklich Phasen gegeben, da hätte ich die Geschichte gerne aufhören lassen. Ich hab hier wirklich gesessen und gesagt 'Könnte jetzt bitte Schluss sein'. Netzeitung: Aber dann haben Sie weitergemacht. Bruhns: Naja, das wird denen ja nicht gerecht, wenn ich nicht zuende erzähle. Die haben sich das ja auch nicht ausgesucht. Da muss man schon bis zum bitteren Ende mitgehen. Netzeitung: An mehreren Stellen bemerkt man eine Frustration aufgrund von Hilflosigkeit. Da heißt es 'Ich habe keine Antworten'...
Netzeitung: Wie hat Ihre Familie auf das Buch reagiert? Bruhns: Die haben mich wunderbar mit Material versorgt. Sie haben es akzeptiert. Der ganze Clan ist eigentlich einhellig begeistert. Netzeitung: Es gab keine negativen Reaktionen? Bruhns: Ich habe neulich mal eine alte Dame getroffen, bei der ich furchtbar darüber nachdenken musste, wie die denn nun schon wieder mit mir verwandt ist, die meinte, ich hätte doch nicht so viel Privatsachen von HG schreiben sollen. Da bin ich ihr ins Gesicht gesprungen. Über den Arierparagrafen oder den Juden Jacobsohn - Fehlleistungen von HG, wenn man so will - hat sie sich nicht auferegt. Aber dass der Mann seine Frau betrügt, das erzählt man nicht? Wo bin ich denn hier! Netzeitung: Haben Sie Kontakt zu anderen 20.-Juli-Nachkommen? Bruhns: Ich habe mich bei der alljährlichen Gedenkfeier Jahre nicht blicken lassen, aber als das hier reifte, bin ich wieder hingegangen. Ich wollte wissen, ob meine Erfahrungen zum Beispiel mit der Schweigsamkeit in den anderen Familien ähnlich waren. Und ich bin immer wieder auf das gleiche Phänomen gestoßen. Netzeitung: Haben die anderen einen ähnlich kritischen Blick wie Sie? Bruhns: Keine Ahnung. Vielleicht werde ich ja am Dienstag bei den Gedenkfeiern gesteinigt. Das halte ich aus. Netzeitung: Gab es aus irgendeiner Ecke negatives Feedback, «Nestbeschmutzer»-Vorwürfe oder ähnliches? Bruhns: Nein, wirklich nichts. Das ist ganz erstaunlich. Ich habe schon gedacht, dass irgendjemand spuckt. Mal gucken, wie es am Dienstag läuft. Netzeitung: Das Buch ist in seiner Erzählweise zum Teil sehr filmisch. Haben Sie Pläne, es verfilmen zu lassen? Bruhns: Ja. Das dürfen wir jetzt sogar sagen. Die FilmPool in Köln wird es machen. Gisela Marx. Für einen öffentlich-rechtlichen Sender. Wir haben wirklich lange verhandelt, weil ich mir Rechte an jeder Ecke ausbedungen habe. Erstmal muss aber das Drehbuch geschrieben werden. Netzeitung: Ist es eine angenehme Vorstellung, dass es verfilmt wird? Bruhns: Ach ja. Das ist ja ein toller Stoff. Jenseits der Tatsache, dass ich unglaublich viel gelernt habe während der Herstellung des Buches, war mir seit Jahren klar, da liegt ein ungehobener Schatz. Dafür bin ich zu professionell. Das kann man nicht unbearbeitet lassen. Netzeitung: Sie haben eine historische Figur, ihren Vater, genommen, aus der Geschichte herausgelöst, anhand einer unglaublichen Recherche wieder aufgebaut, um ihn dann wieder in die Geschichte einzufügen. Bruhns: Genau das war der Vorgang. Die treibende Kraft dabei war, dass ich, als ich die Filmaufnahmen vom Prozess gesehen habe – es ist ja doch etwas anderes, wenn sich da was bewegt – plötzlich dachte: Das geht nicht. Der war so geronnen zu irgendwelchen Inschriften auf Gedenktafeln. Das ist doch ein richtiger Mensch. Also muss man ihn auch als Menschen wahrnehmen. Nicht als Helden oder als einer unter soundso vielen. Im Gericht hängt so ein Dingens rum, da steht er halt unter all denen, die verurteilt worden sind. Oder in Plötzensee, in der Gedenkstätte. Da hängt sein Urteil an der Wand, weil es eines der wenigen ist, die erhalten sind. Aber das ist nur Papier. Vielleicht kann man sagen, dass ich ihn mir wieder lebendig gemacht habe. Aber ich habe das für ihn gemacht. Ich wollte nicht, dass er so eine Grabplatte bleibt. Netzeitung: Ist Ihr Vater ein Held gewesen?
Wenn Held bedeutet, dass sie trotzdem Menschen bleiben, dass sie trotzdem dunkle Seiten haben, dass sie keine Lichtgestalten sind, dann ja. Wer so stirbt, ist ein Held für mich. Sie haben damals gesagt, mein Vater sei aufrecht gestorben. Was sollte er auch machen? Ich kann mit Held nicht wirklich was anfangen. Aber ich finde den schon einen bemerkenswerten Mann. Bruhns: Ich weiß, das gehört sich nicht, aber es geschieht ihm wirklich recht. Da kommt wahnsinnig viel zusammen. Zum Beispiel dass die Witwe Freisler schon sofort ihre Pension hatte, während meine Mutter bis 1957 prozessieren musste. Weil es Hoch- und Landesverrat in den deutschen Vorschriften nicht gab für die Kriegsopferversorgung. All so was. Am liebsten hätte ich gehabt, irgendjemand hätte ihm ein Messer langsam im Bauch umgedreht. Aber ein Balken ist ja auch ganz schön. Netzeitung: Haben Sie Ihren Vater je verteidigen müssen? Bruhns: Nein, außer gegenüber meinem ehemaligen Schulleiter. Aber da habe ich ihn nicht verteidigt, da habe ich es nur zur Kenntnis genommen. Erwin Schmidt hieß der, und so ist er auch gewesen. Ich bin 1955 aus dem Internat in Plön geflogen – mit 16 –, und da hat er mich mit der Bemerkung verabschiedet, es sei ja wohl kein Wunder, dass ich so einen schlechten Charakter hätte, mein Vater sei schließlich Hochverräter gewesen. Und das zehn Jahre nach dem Krieg. Vorige Woche habe ich Post bekommen, da hat mir jemand alte Schülerzeitungen geschickt. Es gab dann doch tatsächlich mal einen parlamentarischen Untersuchungsausschluss wegen Herrn Schmidt. Ich habe das Thema immer vermieden. Ich kann mich nicht erinnern, in Gespräche verwickelt gewesen zu sein, wo das eine Rolle gespielt hätte. Man darf nicht vergessen, dass sich unsere Republik sehr schwer getan hat mit diesem 20. Juli. Ich glaube der zehnjährige Jahrestag ist verschlafen worden, und dann haben sie ganz verschreckt am elften Jahrestag was gemacht. Da waren keineswegs jedes Jahr Gedenkfeiern. Es hat lange gedauert. Als junges Mädchen fand ich das alles sehr doppelbödig. Wenn man überlegt, wie viele Witwen prozessieren mussten, und auf der anderen Seite gab es immer diese Sonntagsreden von Menschen, die uns den aufrechten Gang wieder beibringen wollten. Netzeitung: Wann wurden die Urteile aufgehoben? Bruhns: Das ist noch gar nicht so lange her. In den 70er Jahren. Das muss man sich mal vorstellen. Und wie lange es gebraucht hat, die Deserteure zu rehabilitieren. Das war vor ein paar Jahren. Mit Wibke Bruhns sprach Sophie Albers.
|
|