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US-Wahl: 

Kämpfen um die Mittelklasse

07. Jul 2004 07:41
John Edwards im Februar in Atlanta
Die vom Abstieg bedrohten Teile der amerikanischen Mittelklasse könnten wahlentscheidend sein. John Kerrys Vizekandidat John Edwards soll nun für die Überwindung der Kluft im Land einstehen.

Von Anjana Shrivastava

Am vergangenen Wochenende, als Amerika seine Unabhängigkeit feierte, befand sich Vize-Präsident Richard Cheney an Bord eines Busses, der ihn durch Städte wie Parma, Ohio, und Altoona im Westen von Pennsylvanien kutschierte. Üblicherweise operiert der Politiker und ehemalige Vorstandsvorsitzende von Halliburton gerne aus dem Hintergrund. Im Kampf um Wählerstimmen aus verarmten ländlichen Regionen muss nun aber auch er an die Öffentlichkeit. Denn obwohl die Stimmen der Landbevölkerung traditionell an die Republikaner gehen, gilt in diesem Wahljahr noch nicht als ausgemacht, dass man auf dem Land mehrheitlich für Bush stimmen wird.

Deswegen wetteifern auch beide Präsidentschaftskandidaten in den selben Tagen in den selben Teilen des Landes um die Gunst der Wähler. Man bereist jene Landstriche, in denen die Männer vorwiegend Baseball-Mützen und Gewehre als Accessoires tragen, und ihre Autos dem Pferderennen vorziehen. Zu den üblichen Ritualen dieser Reisen zählt, dass sich Bushs Regierungsmitglieder hier gerne als Arbeiter geben, John F. Kerry wiederum ganz volksnah ein Grillfest in Independence, Iowa, besucht oder in Städten wie Dubuque das Feuerwerk über dem Mississippi bestaunt.

Populär werden auf dem Land

Tatsächlich sind beide Kandidaten Diplomatensöhne, Kerry stammt aus einer illustren, aber verarmten Adelsfamilie von der Ostküste, Bush aus einem weniger illustren, dafür aber nicht gerade armen Haus. Auf dem flachen Land hat Bush den Vorteil, dass er ein einfach gestrickteres Naturell zu besitzen scheint, und Loyalität mehr als geistige Wendigkeit schätzt. Den Wählern erscheint er damit als der eher ungewöhnliche Fall eines Politikers, der ziemlich genau das tut, was er sagt. Kerry dagegen hat den Vorteil, dass er wirklich als Soldat im Vietnamkrieg diente, und dass er trotz angelsächsischer Vorfahren einen irischen Namen trägt, einen typischen Nachnamen des gemeinen Mannes, der in den amerikanischen Politik viel nützlicher ist als ein königlicher Vorname wie etwa «George».

Dabei kamen die Kerrys zu diesem Namen auf eher ungewöhnliche Weise. Sein böhmisch-jüdischer Großvater Fritz Kohn hatte 1905 die kluge Idee, die am Antisemitismus erkrankte k.u.k. Monarchie zu verlassen. Die Familienlegende der Kerrys weiß zu berichten, dass der Großvater auf der Suche nach einem neuen Namen einen Bleistift auf eine Weltkarte fallen ließ. Er traf den County Kerry in Irland. So sorgte Fritz bestens für die politische Karriere seines Enkelsohns vor.

Frauen helfen Kerry

Während die Aristokraten sich am Wochenende populär gaben, sorgten zwei waschechte Mitglieder der amerikanischen Arbeiterklasse für Schlagzeilen, die mit der irisch-katholischen Gabe des Witzereißens im Übermaß gesegnet sind, nämlich Bill Clinton und Michael Moore. Doch trotz ihrer Verdienste und Erfolge zeigen die beiden auch exemplarisch, dass, wer heutzutage als Sohn der Arbeiterklasse in Amerika groß heraus kommen will, einen ans Narzisstische grenzenden, unerschütterlichen Glauben an sich selbst sein eigen nennen muss. Das wiederum ist politisch nicht unproblematisch, wenn man es einmal nach oben geschafft hat. Denn die aristokratische Reserviertheit, die sich unter anderem dem Umstand verdankt, sich nicht ständig selber verkaufen müssen, hat den Vorteil, etwas weniger bemüht zu erscheinen.

Wie also profiliert sich Kerry unter diesen Bedingungen im ländlichen Milieu? Für Kerry ist die Antwort klar: Er muss sich der nicht allzu schweren Aufgabe widmen, einen attraktiveren Vize-Präsidentschaftskandidaten als den gegnerischen Dick Cheney auszusuchen. Lange hielten sich Gerüchte in Washington, dass Kerry stark keiner anderen als Hillary Clinton zuneigte. In erster Linie ist sie weiblich, wie viele der Menschen, die über die Jahre Kerry am meisten geholfen haben. Angefangen hat es mit einer reichen Tante, die seine teure Ausbildung bezahlte. Ihr folgte Jane Fonda, die sein politisches Talent während seiner Zeit als Antikriegsaktivist entdeckt und gefördert hat. Die wohl bekannteste Unterstützerin Kerrys ist seine Frau, Theresa Heinz Kerry, die ihm seine Kriegskasse füllte.

Signale für die Mittelklasse

Darüber hinaus scheint es die demographische Gruppe der Frauen auf dem flachen Land zu sein, die Bushs Irak- und Wirtschaftspolitik zunehmend ablehnen. Hillary Clinton, so die Überlegungen der Experten, würde ein Signal senden an eine bis vor kurzem fast vergessene Gruppe: die amerikanische Mittelklasse, jene Menschen, an deren Mützen, Autos und Selbstverteidigungsmethoden niemand mehr außer sie selbst Interesse zu haben scheint.

Am Ende war es aber Senator John Edwards, der am Dienstag von Kerry als dessen Vize nominiert wurde, vielleicht weil er das positive Selbstbild dieser Mittelklasse bestens verkörpert. Selbst republikanische Wähler wissen über ihn nur das Beste zu berichten: «Ehrlich, ich denke, er ist ein treusorgender Familienvater», zitiert die «New York Times» eine eingetragene Wählerin der Republikaner. Kerry selbst wurde noch deutlicher. Er habe sich für John Edwards entschieden, weil der immer ein Vorkämpfer für die Mittelklasse gewesen sei. Amerika sei geteilt, und müsse wieder eins werden.

 
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