24. Jun 2004 17:08
Die Berliner Philharmoniker brillieren mit Wagner, wie man ihn noch nie gehört hat.
Simon Rattle kommt aus der Ecke der Aufführungspraxis: Der Chefdirigent demonstrierte am Mittwoch in der Berliner Philharmonie, wie man Richard Wagner auch sehen kann: Transparent, luftig, fast impressionistisch. Rattles Arbeit mit den Berliner Philharmonikern ist analytisch, nichts wird dem Zufall überlassen. Die schiere Perfektion - vor allem das «Siegfried-Idyll» als Konzertstück ist so, wie Rattle es macht, überwältigend. Auch die Ausschnitte aus dem «Parsifal», insbesondere der Karfreitagszauber, bestachen durch Brillanz und Leuchtkraft.Bei Isoldes «Liebestod» zeigte sich unterdessen die Grenze des konzertant Möglichen. Obwohl Karita Mattila mit einer unglaublichen Stimme aufwarten kann - der Orchesterklang erdrückte sie. Wagner hat seine Ideen nicht umsonst in Bayreuth umgesetzt sehen wollen, mit einem verdeckten Orchestergraben; damals war das eine Sensation, heute ist es Standard.
Dazwischen gab es relativ unbekannte Werke von Dvorak und Sibelius. In ihnen kehrte Rattle die Abgründe hervor und zeigte, dass Slawen und Skandinavier dem germanischen Meister der Polyphonie in nichts nahstanden.
Das Fazit: Die Berliner Philharmoniker sind, anders als die am selben Abend ausgeschiedenen deutschen Fußballer, Weltklasse. Sie können alles, was ein Dirigent will. Wenn der, wie Rattle, alles will, ist es nicht zu überbieten. (nz)