25.05.2004
Herausgeber: netzeitung.de
The day after tomorrow: Die Freiheitsstatue versinkt in den Fluten
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
«The Day after Tomorrow» ist ein Katastrophenfilm über die Klimaerwärmung. Greenpeace bastelt dazu eine Website und stellt die Frage nach der Realität hinter der Fiktion.
Wer in diesen Tagen die Website des neuen Films von Roland Emmerich besuchen möchte und es dabei versehentlich nicht gleich unter der zuständigen Dotcomadresse versucht, wird trotzdem fündig. Unter «thedayaftertomorrow.org» hat die Umweltschutzorganisation Greenpeace eine Seite nachgebaut, die der Originalhomepage auf den ersten Blick zwar zum Verwechseln ähnlich sieht, aber anstelle des zu erwartenden Promotionmaterials einen anderen Inhalt liefert:
Zum Beispiel einen eigens gedrehten Trailer, der den Film als eine «George W. Bush Production» vorstellt und anstelle der spektakulären Szenen von einem zunächst überfluteten und dann völlig vereisten New York Bilder zeigt, die jeder aus dem Fernsehen kennt: Sturmkatastrophen, Hurricans und Feuersbrünste, hungernde Menschen, verendete Eisbären und als letzte Szene eine völlig überschwemmte Esso-Tankstelle.
Während Emmerichs Film «The day after tommorow» im Untertitel die Frage «where will you be», wo wirst du sein, stellt und damit dem klassischen Plot eines in der Zukunft angesiedelten Katastrophenfilms folgt verändert Greenpeace den Filmtitel und verschiebt den Akzent auf das aktuelle ökologische Problem: Auf der imitierten Seite heißt der Film «The day is today What will you do» und an anderer Stelle: «Who will you blame».
Die Fiktion der RegierungEs geht also um die Fragen, was gegen die heute bereits virulente Umweltkatastrophe zu tun ist, und wer die Schuld an den Missständen trägt. Hierauf gibt Greenpeace eine unmissverständliche Antwort: Schuld an der Klimaerwärmung ist die amerikanische Politik unter George W. Bush und deren unheilvolle Allianz mit dem weltweit größten Ölkonzern ExxonMobil und ihrer Tochtergesellschaft Esso.
In den Vereinigten Staaten ist der Film, der am 28. Mai weltweit anläuft ein impliziter Hinweis auf die globale Relevanz der Thematik bereits jetzt zum Politikum geworden. Der ehemalige demokratische Vizepräsident Al Gore, erzählte dem «Hollywood Reporter», dass der Film und die beschleunigte Geschwindigkeit, mit der er den Verlauf der Klimakatastrophe darstelle, zwar fiktional sei ebenso zielte aber auch das Vorgehen der Bush-Administration auf eine Fiktion. Die Regierung hätte hart daran gearbeitet, den Eindruck aufrecht zu erhalten, dass sich die wissenschaftliche Welt noch uneins sei über die tatsächliche Bedeutung der Klimaerwärmung und die Gefahren, die von ihr ausgingen.
Die bösen BubenZusätzlich zu dieser Aktion im Internet hat Greenpeace, zunächst in Großbritannien, über eine Million Sticker in Umlauf gebracht, die ebenfalls das Design des Filmes kopieren und die amerikanische Regierung für die Klimakatastrophe verantwortlich machen. Die Aktivisten wähnen sich dabei in einem stillschweigenden Einverständnis mit den Filmproduzenten, die zuvor verlauten ließen, Umweltschützern durch ihren Film Auftrieb geben zu wollen.
Rob Gueterbock von Greenpeace erläutert die simple Medienstrategie der Umweltaktivisten: «Millionen Menschen werden diesen Film sehen und wollen etwas gegen die zunehmende globale Erwärmung tun. Wenn sie unsere Seite besuchen, lernen sie etwas über die realen Auswirkungen des Klimawandels ein Phänomen, für das Esso derzeit als Regisseur und George W. Bush als Produzent verantwortlich sind. Der Film mag fiktional sein, aber der Klimawandel ist real und wir wissen, wer die bösen Buben sind.»
Bush und Exxon Insbesondere im Wahljahr ist das Thema ein heißes Eisen und es ruft nicht nur direkte politische Regierungsgegner wie Gore auf den Plan. Wie die «New York Times» aufdeckte, hatte die NASA zwischenzeitlich ein Verbot für alle bei ihr angestellten Wissenschaftler erlassen, sich zu Fragen zu äußern, die den Realitätsgehalt von Emmerichs neuem Film beträfen. Erst nach Protesten einiger Wissenschaftler und für sie unvorteilhafter Berichterstattung hob die Behörde dieses Verbot wieder auf.
Dass sich die USA unter George W. Bush weigern, das Kyoto-Protokoll und damit die international verbindliche Vereinbarung zum Klimaschutz anzuerkennen, führt Greenpeace auf die engen Verbindungen zwischen der Regierung und Exxon bzw. Esso zurück. Auf ihrer gefaketen Filmseite dokumentieren die Umweltschützer diese Verquickung mit Zahlen und Daten.
Auf nach Öldorado!Mit über 1,086 Million US-Dollar, so ist zu lesen, unterstützte Esso den letzten Präsidentenwahlkampf der Republikaner, was 91 Prozent der gesamten Wahlkampfspenden des Unternehmens ausmachte. Darüber hinaus finanzierte Esso Werbekampagnen, die gegen das Kyoto-Abkommen Stimmung machten. Zwei Tage vor Bushs Amtsübernahme schaltete das Unternehmen Anzeigen, in denen es hieß, dass der «unrealistische und ökonomisch verhängnisvolle Kyoto-Prozess zu überdenken» und der Beitritt zum Kyoto-Protokoll ein «schwerwiegender Fehler» sein würde.
Dass Esso aber den direkten Zusammenhang zwischen Benzinemissionen und der Klimaerwärmung nicht nur bestreitet, sondern Öl und Erdgas zugleich ganz offensiv als die vielversprechendsten Energiequellen der Zukunft bewirbt, lässt sich nicht nur in der Dokumentation von Greenpeace nachlesen. Es steht zum Beispiel so auch in einer Werbebroschüre, die Esso Deutschland auf ihrer Homepage zum Download anbietet vielsagender Titel der Publikation: «Öldorado».
Ökostrom und MüllrecyclingDie den Grünen nahestehende Böll-Stiftung fand den Internetauftritt von Greenpeace offenbar so überzeugend, dass sie sich dazu entschlossen hat, diese Idee ganz schlicht zu kopieren. Unter day-after-tomorrow.de findet sich ein ausführliches Dossier zum Thema Klimawärmung, wenn auch nicht im Layout der amerikanischen Werbekampagne zum Film. Hier liegt der inhaltliche Akzent eher auf den Folgen, die die Klimaerwärmung für Deutschland hat und noch haben wird.
Neben möglichen politischen Konsequenzen, etwa der Förderung erneuerbarer Energiequellen, die nach Ansicht der Stiftung um die Jahrhundertmitte den nationalen Energiebedarfs decken könnten, fasst das Dossier auch die Notwendigkeit eines veränderten Verbraucherverhaltens ins Auge: das Umsteigen auf Ökostrom, Energiesparen und konsequentes Müllrecycling.
Der Film zum WahlkampfWie schnell Greenpeace und Böll-Stiftung hier auf denselben Zug gesprungen sind und wie bereitwillig sie Werbung für einen amerikanischen Film machen, der zwar die Klimaerwärmung zum Thema hat, zugleich aber auch als konventioneller Blockbuster gedacht ist, zeigt auch, wie schwierig es sonst offenbar ist, öffentliches Gehör für Ökologiethemen zu finden. Zu langfristig verlaufen die problematischen Prozesse, und zu schwach ist der Neuigkeitswert der immer wieder gleichen Erkenntnisse.
Mit dem Thema Energiesparen und Mülltrennung sind die Massen halt nur noch schwer hinter ihren Zentralheizungen hervorzulocken. Roland Emmerich hat also etwas angestoßen und darf sich dafür auf die Schulter klopfen. Und noch etwas: Ausgerechnet er, der mit «Independance Day» 1996 einen denkbar konservativen und patriotischen Film gedreht hatte, macht nun ziemlich unverhohlen linken Wahlkampf. Die amerikanischen Besucher werden an den Kinokassen entscheiden, wie sehr sich ihr Präsident über diesen Film ärgern muss.