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Piano: 

Grimaud: Musik ist eine religiöse Erfahrung

19. Apr 2004 07:40
Hélène Grimaud
Die französische Pianistin Hélène Grimaud gastiert in der Berliner Philharmonie. Mit der Netzeitung sprach sie über Beethoven, Wölfe und das Metaphysische in der Musik.

Als Kind war Hélène Grimaud eine Rebellin, die alle Etappen überspringen wollte. Mit 13 Jahren kam sie als jüngste Schülerin an das Pariser Konservatorium. Inzwischen ist die 34-jährige Französin eine der besten und eigenwilligsten Pianistinnen der Welt. Mit dem Deutschen Symphonie-Orchester unter Leitung von Daniel Harding tritt sie am heutigen Montag in der Philharmonie in Berlin auf.

Netzeitung: Wenn Sie spielen, geht von Ihnen eine enorme Energie aus. Was ist es für ein Gefühl, vor Publikum aufzutreten?

Hélène Grimaud: Es ist eine religiöse Erfahrung, ein Einswerden mit etwas, das über uns steht. Der Austausch mit dem Publikum ist sehr intensiv. In der Philharmonie in Berlin spüre ich besonders, wie konzentriert und kritisch die Zuschauer meiner Musik folgen. Ich möchte erreichen, dass mein Spiel jeden Einzelnen von ihnen berührt.

Netzeitung: Sie werden in Berlin das 5. Klavierkonzert von Beethoven spielen. Auf Ihrer neuen CD «Credo» interpretieren Sie seine «Sturmsonate» und «Chorfantasie». Wie wichtig ist er für Ihre musikalische Entwicklung gewesen?

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  • Cecilia Bartoli: «Klassik nicht zähmen!» 29. Okt 2003 08:36, ergänzt 11:02
  • Hélène Grimaud: Beethoven hat für mich etwas Heiliges, er hat mich immer stark beeinflusst. Schon sehr früh habe ich seine Sonaten gespielt. In Beethovens Musik liegt Abenteuerlust und der Drang, bis zum Äußersten zu gehen. All das reißt einen mit.

    Netzeitung: Haben Sie ein Lieblingsstück?

    Hélène Grimaud: Lange Zeit war es das 4. Klavierkonzert, das ich vor einigen Jahren mit Kurt Masur und dem New York Philharmonic Orchestra aufgenommen habe. Inzwischen fällt es mir aber schwer, eine bestimmte Wahl zu treffen. Viele Werke Beethovens sind für mich essenziell.

    Netzeitung: Auf Ihrem Album kombinieren Sie Beethoven mit zwei zeitgenössischen Komponisten, John Corigliano und Arvo Pärt. Wie kam es dazu?

    Hélène Grimaud: Es gibt eine innere Verbindung zwischen den Stücken auf «Credo». Corigliano zitiert aus Beethovens Siebter Symphonie, Pärt aus einem Präludium von Bach. Beide Werke basieren also auf Vorbildern aus der Vergangenheit. Mit diesem Programm wollte ich die Vorstellung von Novalis umsetzen, dass alles miteinander korrespondiert und eine Einheit bildet.

    Netzeitung: Sie haben die Gabe, Töne mit bestimmten Farben zu assoziieren. Auch das verbindet Sie mit den deutschen Romantikern....

    Hélène Grimaud: Das erste Mal ist mir das mit elf Jahren passiert, als ich gerade ein Präludium von Bach übte. Plötzlich sah einen konturlosen Fleck in einem kräftigen Orangerot. Das Phänomen ist seitdem immer wieder aufgetreten, meistens beim Musizieren, aber auch, wenn ich Wind oder andere Naturgeräusche höre.

    Netzeitung: Wie sind Sie zuerst mit Musik in Berührung gekommen?

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  • Erst singen, dann rechnen 10. Mrz 2004 07:48
  • Hélène Grimaud: Als Kind war ich sehr konzentriert und brauchte ständig neue geistige Anregungen. In der Schule kam ich überhaupt nicht zurecht, ich langweilte mich schrecklich. Ich versuchte es mit Sport, Tanz und Kunst, aber nichts interessierte mich wirklich. Immer machte ich genau das Gegenteil von dem, was man von mir erwartete. Schließlich brachten mich meine Eltern zum Klavierunterricht. Ich spürte sofort, dass das genau das Richtige für mich war, und stürzte mich voll in die Musik.

    Netzeitung: Ihre Eltern sind keine Musiker?

    Hélène Grimaud: Unsere Familie ist sehr musikalisch, meine Mutter hat oft gesungen. Außer mir spielt aber niemand ein Instrument.

    Netzeitung: Sie haben großes Glück gehabt...

    Hélène Grimaud: Das ist mir sehr bewusst. Ich habe viele Menschen getroffen, die niemals die Möglichkeit hatten, ihre Begabungen zu entdecken.

    Netzeitung: Was haben Sie in Zukunft vor?

    Hélène Grimaud: In den nächsten Jahren möchte ich mich kreativ mit zeitgenössischen Werken auseinander setzen. Außerdem gibt es viele Stücke von Bach, Schubert und Mozart, die ich bisher nur privat und nicht vor Publikum gespielt habe. Mein größtes Problem ist, dass ein einziges Leben nicht ausreicht, um das gesamte Klavierrepertoire kennen zu lernen. Meine Konzerte bereite ich lange im Voraus vor, weil ich nicht einfach etwas wiederholen will, was ich schon einmal gebracht habe. Ich habe das Bedürfnis, mir jedes Werk immer wieder neu zu erschließen.

    Musik braucht Entdecker

    Netzeitung: Vor allem junge Leute interessieren sich heute kaum für Klassik. Was kann man dagegen tun?

    Hélène Grimaud: Ich finde, dass Kinder so früh wie möglich mit Musik in Kontakt kommen sollten. Klassische Musik erfordert viel Aufmerksamkeit, aber keine besondere Vorbildung. Alles, was man am Anfang braucht, sind Sensibilität und Entdeckerfreude. In den USA, wo ich seit vielen Jahren lebe, arbeite ich oft mit Jugendlichen zusammen. Es gibt dort viele Orchester, die regelmäßig Schulen besuchen, ähnlich wie es in Berlin Simon Rattle und die Philharmoniker tun.

    Netzeitung: Nahe New York haben Sie auch einen Park eröffnet, in dem Kinder Wölfe beobachten können. Warum gerade Wölfe?

    Hélène Grimaud: Wölfe sind faszinierende und komplexe Geschöpfe, ihr Verhalten ähnelt sehr dem der Menschen. Sie folgen strengen Regeln, ohne ihren freien Willen zu unterdrücken. Aber im Grunde genommen geht es mir noch um etwas ganz Anderes, nämlich darum, unsere Erde für die kommenden Generationen zu erhalten. Man muss die Leute wachrütteln, damit sie etwas gegen die Umweltzerstörung tun.

    Netzeitung: Wenn Sie keine Musik mehr machen würden...

    Hélène Grimaud: ... könnte ich mir vorstellen, Biologin zu sein. Ich habe schließlich schon eine Lizenz zum Halten von Wölfen. Die Natur gibt mir neue Impulse und hilft mir zugleich, wieder neue Kräfte zu sammeln.

    Netzeitung: Ihr Kollege François René Duchâble hat seinen Flügel in einem See versenkt, als er genug vom Konzertbetrieb hatte. Wären Sie dazu auch in der Lage?

    Hélène Grimaud: Für ihn war es sicher eine befreiende Geste. Für mich käme so etwas im Moment nicht in Frage.

    Die Fragen stellte Corina Kolbe


    Weitere Konzerttermine von Hélène Grimaud: 2.6: Wels; 3.6.: Wien, Konzerthaus; 4.6.: Baden-Baden, Festspielhaus; 12.6: Ludwigsburg

    Das Album «Credo» ist bei Deutsche Grammphon erschienen.

     
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