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Antisemitismus und Literatur. Teil eins: 

Reich-Ranicki: «Ich habe das Ghetto weggedrängt»

31. Mrz 2004 18:23, ergänzt 01. Apr 2004 07:59
Bettina Röhl und Marcel Reich-Ranicki
Bettina Röhl sprach mit Marcel Reich-Ranicki über Antisemitismus, Nachkriegsdeutschland, Albert Speer und Ulrike Meinhof. Die Netzeitung dokumentiert das Gespräch in zwei Teilen.

Marcel Reich-Ranicki hat in einem Interview in der «Welt» im Dezember 2003 zum wiederholten Mal über seine Begegnung mit der jungen Journalistin Ulrike Meinhof gesprochen. Sie sei die erste Person in der Bundesrepublik gewesen, die ihn Anfang der sechziger Jahre nach seiner Zeit im Warschauer Ghetto gefragt habe.

Die Journalistin Bettina Röhl, eine Tochter von Ulrike Meinhof, nahm diese Geschichte zum Anlass, den Literaturkritiker um ein Gespräch zu bitten. Sie sprach mit ihm über das Hamburger Medienestablishment der sechziger Jahre, kommunistische Finanzierungen und CIA-Verbindungen von Schriftstellern und Medienschaffenden, über Antisemitismus in Deutschland, seine Zeit bei der «Zeit» und über das Interview von 1964 mit Ulrike Meinhof.


Bettina Röhl: Herr Reich-Ranicki, Sie haben in einem kürzlich erschienenen Interview beschrieben, dass Sie Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl in den sechziger Jahren kennen gelernt, auf Partys gesehen haben. Wie haben Sie – Sie waren damals Literaturkritiker bei der «Zeit» – die beiden Chefredakteure und Herausgeber der linken Zeitschrift «Konkret» erlebt?

Marcel Reich-Ranicki: Darüber ist nicht viel zu berichten. Wir haben Ihre Mutter und auch Ihren Vater – nicht immer war der Vater dabei – einige Male gesehen bei Einladungen des damaligen Rundfunk-Redakteurs Peter Coulmas und während des Urlaubs auf Sylt. Einmal waren wir einen Abend lang zusammen, wo Ihr Vater viel erzählt hat. Ich weiß nicht mehr, ob das in Eurem Haus war oder sonst bei einem gelegentlichen Treffen.

Röhl: In der «Welt» haben Sie ein eher positives Bild von Klaus Röhl gezeichnet. Sie sagten dort, Sie nahmen und nehmen Klaus Röhl seine damalige Offenheit und Ehrlichkeit nicht übel, mit der er über seine Jugenderinnerungen und seine Mitgliedschaft in der Hitlerjugend erzählt hat und äußerten sich in diesem Zusammenhang über Walter Jens und Siegfried Lenz insofern etwas kritischer, als Sie gesagt haben, es gibt Freunde von Ihnen, die Ihnen nie etwas über ihre Vergangenheit in der Hitlerzeit erzählt haben.

Reich-Ranicki: Das ist richtig. An dem Abend hat Klaus Röhl über seine Erlebnisse in der Hitlerjugend lautstark und ausführlich berichtet und das war für mich aufschlussreich, das war für mich interessant. Zu verübeln gab's da gar nichts, da war er ja noch fast ein Kind und was er da gesungen hat und dass er rummarschiert ist, das war für mich mal ein Blick von der anderen Seite.

Röhl: Und ich habe Sie so verstanden, dass Sie es gut fanden, dass da jemand überhaupt einmal ehrlich war…

Reich-Ranicki: Ja.

Röhl: …denn Ihnen ist ja gelegentlich auch Unehrlichkeit begegnet. Haben Sie in diesem Streit um Walter Jens' wissentliche oder unwissentliche Mitgliedschaft in der NSDAP Ihre Meinung inzwischen geändert, Ihre kritische Haltung?

Walter Jens
Reich-Ranicki: Ich habe gar keine kritische Haltung. Ich habe nur gesagt: Ich habe davon nichts gewusst, dass Jens Mitglied der HJ und Mitglied der NSDAP war. Er hat es niemals im Laufe unserer langjährigen Freundschaft auch nur mit einem Wort erwähnt.

Röhl: Sie haben in den sechziger Jahren als Literaturkritiker bei der «Zeit» in Hamburg gearbeitet. Das war die berühmte Zeit der Partys und Einladungen im so genannten Medienestablishment. War Ihnen damals bewusst, dass «Konkret», eine linke, möglicherweise eine kommunistisch gesteuerte und ostfinanzierte Zeitung war? Wie schätzte man «Konkret» und die Macher, Meinhof und Röhl, ein? Offiziell ging die DDR-Finanzierung von «Konkret» ja nur bis 1964, was Klaus Röhl 1974 mit seinem Buch «Fünf Finger sind keine Faust» öffentlich machte.

Reich-Ranicki: Dass es eine linke Zeitschrift war, war selbstverständlich. Dies war ja auf den ersten Blick zu sehen. Es wurde gesagt und als ziemlich sicher angenommen, dass sie von der DDR finanziert wird. Auch Leute aus der späteren DKP sind ja oft nach Ostberlin gefahren, um Geld zu holen und Geld zu bringen, das wusste man auch. Ich kenne auch eine Person, die – bis heute kenne ich die – die das ziemlich regelmäßig gemacht hat. Und dass also «Konkret» damals von der DDR finanziert wurde, war bekannt.

Röhl: Wenn heute manche sehr überrascht tun, als sei dies eine Sensation, dass diese oder jene Institution kommunistisch unterwandert war, dann scheint mir dies manchmal scheinheilig, denn es kommt mir sehr viel richtiger vor, wie Sie es sagen, dass es ein offenes Geheimnis war.

Reich-Ranicki: Nicht kommunistisch unterwandert. Das ist falsch. Sagen Sie «kommunistisch finanziert». «Konkret» war eine rein kommunistische Institution gewesen, die nach außen hin anders firmiert war. Man machte sich in den Kreisen, in denen wir im Hamburger Medienestablishment damals verkehrten, darüber nicht sehr viele Gedanken. Nun, es war bekannt, ja so ist das und die Leute halten das für richtig, dass eine solche Zeitschrift erscheint. Fertig.

Röhl: In seinem Buch «Die Jahre, die Ihr kennt» skizziert der Lyriker Peter Rühmkorf, damals auch «Konkret-Mitarbeiter», die Partykreise als ein Zusammentreffen von verdeckten Kommunisten auf der einen Seite, und Leuten, die den Kommunismus bekämpften und z.B. einer Organisation angehörten wie dem sagenumwobenen «Kongress der Freiheit der Kultur». Dieser wurde von der Henry-Ford-Stiftung finanziell unterstützt und von der CIA, so schon damals die Gerüchte, gefördert. Viele europäische Intellektuelle wie etwa Mel Lasky, Francois Bondy, Ignazio Silone arbeiteten für den Kongress.

Die
Rühmkorf schwärmte davon, wie die Fronten bröckelten und Kommunisten wie Ulrike Meinhof und Klaus Röhl etwa mit dem Ehepaar Coulmas zusammen kamen, die in dem Ruf standen, eben diesem «Kongress der Freiheit der Kultur» nahe zu stehen. Wie muss man sich die Partys damals, zu denen ich als Kind gelegentlich mitgenommen wurde, also vorstellen: Trafen damals Protagonisten beider Lager aufeinander und waren deshalb die Establishmentpartys so angeregt und lustig?

Reich-Ranicki: Ich glaube, Sie überschätzen sehr mein Interesse an Politik. Ich war daran gar nicht interessiert. Man wusste – es war ein offenes Geheimnis – was «Konkret» war. Was der «Kongress für die Freiheit der Kultur» war, wusste man ungefähr. Ich ging oft zu den Veranstaltungen des «Kongress für die Freiheit der Kultur» am Klosterstern, Nonnenstieg, in Hamburg und ich habe da verschiedene Leute kennen gelernt, zum Beispiel Gerd von Paczensky, Puttkamer, Uexküll und eben auch Peter Coulmas. Den haben wir da oft gesehen.

Röhl: Die meisten, die in den damaligen Partykreisen verkehrten, bezeichnen diese Zeit als eine besonders schöne, oft die schönste Zeit ihres Lebens. Haben Sie das auch so erlebt? Haben Sie damals an den oft in Kampen auf Sylt fortgesetzten Partys teilgenommen?

Reich-Ranicki: Es war die Wirtschaftswunderzeit. Hauptkennzeichen war der wirtschaftliche Aufschwung, die Hinwendung zum Konsum, zum Luxus. In den sechziger Jahren waren wir drei oder vier Mal in Kampen auf Sylt. Es war ja nicht so weit von Hamburg entfernt. Seither fahren wir nach Baden-Baden. Ihre Frage, ob diese Zeit schön für mich war, resultiert aus einem Vergleich. Meinen Sie davor oder danach? Ich kann den Vergleich nicht machen. Wir sind erst 1958 aus Polen gekommen. Ich kann also nicht sagen, dass die Zeit in Hamburg bis 1973 schön war. Die war für uns etwas ganz anderes.

Teofila Reich-Ranicki: Das war verbunden mit unserem Leben. Dass wir uns ein bisschen isoliert fanden und nicht da drin waren.

Teofila und Marcel Reich-Ranicki
Reich-Ranicki: Wir fühlten uns ziemlich isoliert. Wie meine Frau eben sagte.

Röhl: Das habe ich in Ihrem Buch schon gelesen, aber ich konnte es mir nicht vorstellen.

Teofila Reich-Ranicki: Aber Tatsache war, dass es so war.

Reich-Ranicki: Tatsache ist, dass ich 15 Jahre für «Die Zeit» geschrieben haben, bei der «Zeit» fest angestellt war und an keiner einzigen Redaktionskonferenz teilgenommen habe. Ich wurde nicht eingeladen. Wenn ich nicht aufgefordert wurde, war es klar, man wollte mich dort nicht sehen. Dass wir in privaten Wohnungen waren, also privat eingeladen wurden, das war sehr selten. Es waren nur zwei, die uns damals eingeladen haben. Das war Peter Coulmas und Helga Hegewisch. Diese beiden Häuser waren die einzigen, in die wir privat eingeladen wurden.

Röhl: Ihr Name war damals schon ein sehr großer. Wie konnte es zu einer solchen Isolierung kommen?

Reich-Ranicki: Ich war der erste Kritiker bei der Zeit, der Hauptkritiker, Literaturkritiker der «Zeit», in beinahe jeder Nummer waren Beiträge von mir. Auch in einer Rubrik, die «Hüben und Drüben» hieß. Ich hatte es sehr gut, ich konnte schreiben, worüber ich will, wie viel ich will, es war alles wunderbar. Aber: auf Distanz.

Röhl: Gab es dafür einen Grund?

Reich-Ranicki: Natürlich gab es einen Grund. Aber ich weiß nicht, welcher es war. Ich kann Ihnen sagen, dass zu den Konferenzen der «Zeit» Mitarbeiter des Feuilletons eingeladen wurden, die weit weg wohnten, die extra nach Hamburg kamen, wie zum Beispiel Francois Bondy aus Zürich und zwei, drei andere, die extra kamen. Die wurden eingeladen an dem und dem Tag zur Konferenz. Und ich wohnte in Hamburg und bin nicht dazu gebeten worden.

Teofila Reich-Ranicki: Dabei wissen wir bis heute nicht, ob nicht doch das Jüdische mitgespielt hat.

Reich-Ranicki: Bondy ist auch Jude.

Teofila Reich-Ranicki: Das heißt nichts, es ist trotzdem möglich.

Reich-Ranicki: Es gibt etwas im Zusammenhang mit diesem Thema, das mich tief gekränkt hat: Iris Radisch hat, als sie von meinem Buch hörte, von dem Kapitel über meine Rolle in der «Zeit», an Dieter Zimmer telefoniert, gemailt irgendwie, der gerade in San Francisco war, irgendwo in den USA, und hat ihn um eine Stellungnahme im Namen der «Zeit» gebeten. Und Dieter Zimmer, mit dem ich in guten, in sehr guten Beziehungen war und der viele Jahre den Literaturteil der «Zeit» geleitet hatte und der unentwegt mit meinen Manuskripten, also mit mir zu tun gehabt hatte, hat etwas gemacht, was ich für eine Schweinerei halte: Er hat die Sache kommentiert, ohne mein Buch oder wenigstens das betreffende Kapitel gelesen zu haben – man hätte ihm diese entscheidenden fünf, sechs Seiten faxen können. Er hat gesagt: Das, was ich da schriebe, sei vollkommener Wahnsinn. Sowas hat es nie in der «Zeit» gegeben usw.

Ich habe in meinem Buch geschrieben, dass ich den Gedanken, dass antisemitische Regungen das Verhältnis zu mir irgendwie bestimmt hätten, weit von mir gewiesen habe. In dem Buch mit der offiziellen Geschichte der «Zeit» von Karl-Heinz Janssen stand drin, warum meine Kandidatur für die Arbeit in der Redaktion abgelehnt wurde von den Redakteuren: Meine Rabulistik wurde befürchtet.

Joseph Goebbels sprach von
Ich habe daraufhin das Institut für Zeitgeschichte in München angerufen und gebeten nachzuforschen, ob mein Eindruck stimmt, dass das Wort Rabulistik während des Dritten Reiches von Goebbels benutzt worden ist, die haben alles im Computer. Das Institut hat mir am nächsten Tag geantwortet: Ungefähr 16 mal in den Reden, 15 mal in den Tagebüchern taucht das Wort «rabulistisch» bei Goebbels auf. So ungefähr. Und meine Frage war dann: In welcher Verbindung? Immer dieselbe: jüdisch – rabulistisch. Jüdisch – marxistisch – rabulistisch. Es war ein antisemitischer Ausdruck. Ich habe das in meinem Buch schon geschrieben.

Röhl: In Ihrem Buch beschreiben Sie auch, dass es am Anfang, als Sie nach Hamburg kamen, nicht möglich war, nun als erstes die Leute zu fragen, beispielsweise die Kollegen: Was haben Sie im Krieg gemacht? Waren Sie ein Nazi?

Teofila Reich-Ranicki: Das ist bis heute so.

Marcel Reich-Ranicki: Entschuldigen Sie bitte, meine Liebe: Habe ich Peter Coulmas gefragt: Was haben Sie im Krieg gemacht? Waren Sie in der deutschen Wehrmacht? Ich weiß es bis heute nicht. Was hat Peter Coulmas während des Krieges gemacht? Er war schon erwachsen.

Röhl : Es fällt auf, dass Sie Ihre Lebensgeschichte nicht schon sehr viel früher erzählt haben, sondern erst 1999 in Ihrem Buch «Mein Leben», obwohl es eigentlich alle etwas angegangen wäre. Es hätte interessieren müssen. Es ist ja fast gar nicht möglich, Ihre Geschichte zu verstehen, ohne das Kapitel im Warschauer Ghetto zu kennen.

Reich-Ranicki: Ja, ich wollte das nicht schreiben. Ich habe das immer weggedrängt.

Röhl: War den Leuten in Hamburg oder Frankfurt in den Redaktionen oder wo auch immer überhaupt bewusst, was passiert war im Warschauer Ghetto? Und dass Sie und Ihre Frau als eine der ganz wenigen dieses Ghetto überlebt haben?

Reich-Ranicki: Natürlich wusste Rudolf Walter Leonhardt, was das Warschauer Getto war – wenn er besoffen war. Er war ehrlich, wenn er besoffen war. Da hat er einmal zu mir gesagt: Eine totale Verständigung zwischen uns wird nie möglich sein, denn Sie waren im Warschauer Ghetto und ich war Ritterkreuzträger in der Hitlerarmee, vielleicht hat er gesagt, ich war Pilot, Jäger in der Wehrmacht. Kurz und gut: Ihm war sehr bewusst, welche Vergangenheit ich hatte. Aber es hat mich niemand danach gefragt.

Aber ich möchte Sie etwas fragen: Wieso erwarten Sie von Deutschen, dass sie so unbedingt wissen wollten, unter welchen Bedingungen Juden in den von Deutschen geschaffenen Ghettos gelebt haben. Offenbar musste eine neue Generation nachwachsen, damit das Interesse für diesen Bereich existiert.

Ich habe Vorträge gehalten, einige Male. Ich bin gebeten worden, über Musik im Warschauer Ghetto zu berichten. Aber wie ist es dazu gekommen? Das kann ich Ihnen sagen. Es muss in den siebziger Jahren gewesen sein, als ich vom NDR gebeten wurde, an einer Sendung «Meine Lieblingsmusik» teilzunehmen. Da konnte man seine Lieblingsmusik vorstellen und ich sagte dem Redakteur: Wissen Sie, ich werde diejenigen Werke nennen, die ich im Warschauer Ghetto gehört habe, denn da gab es eine Zeitlang ein Orchester und es gab trotz der Bedingungen, der schrecklichen, Konzerte und es gab auch Schallplatten, und ich werde diese Musiktitel nennen. Mit der Beschaffung der Schallplatten werden Sie nicht die geringsten Sorgen haben, denn es wird die Rede sein von Mozart, von Beethoven, von Schubert – und da sagte er: Bitte sehr. Und es war ihm völlig gleichgültig.

Und dann habe ich in der Sendung von dem Warschauer Ghetto und dem Orchester, welches wir dort hatten, erzählt. Dies hatte unter anderem zur Folge, dass der damalige Direktor, der Intendant des Theaters in Köln, mich zu einem Vortrag über dieses Thema eingeladen hat. Aber dass ich sonst noch zu dem Warschauer Getto befragt worden bin, daran erinnere ich mich nicht…

Teofila Reich-Ranicki: Du hast die Geschichte im Funkeck vergessen, als die Ulrike…

Reich-Ranicki: Aber das hatte mit Musik nichts zu tun.

Teofila Reich-Ranicki: Aber mit dem Ghetto.

Reich-Ranicki: Das war zu einem ganz anderen Zeitpunkt. Zum ersten Mal habe ich Ulrike Meinhof gesehen, als sie Anfang der sechziger Jahre ein Interview mit mir machte. Sie war die erste Person in der Bundesrepublik, nachdem wir aus Polen 1958 nach Westdeutschland gekommen waren, die nach meiner Zeit im Warschauer Ghetto fragte. Wir trafen uns damals im Cafe Funkeck in Hamburg. Am Ende des Interviews, das viel länger dauerte, als ursprünglich geplant, hatte Ulrike Meinhof Tränen in den Augen – darüber habe ich in meinem Buch «Mein Leben» berichtet.

Röhl: Ich habe von Ihrer Begegnung mit Ulrike Meinhof natürlich in Ihrem Buch gelesen, und mich eigentlich gefreut, dass meine Mutter die erste war, die Sie nach dieser Geschichte gefragt hat. Und trotzdem ist für mich in dieser Geschichte bitterer Wermut.

Reich-Ranicki: Nämlich?

Röhl: Kurz nach der Veröffentlichung Ihres Buches im September 1999 schrieb mir Klaus Röhl, und dies deckt sich auch mit meinen nachfolgenden Recherchen, dass dieses Interview aufgrund fremden Auftrages zustande kam. Bis Sommer 1964 waren meine Eltern für die illegale KPD tätig und daher häufig in der DDR. Es stellt sich so dar, dass Röhl / Meinhof einen Hinweis bekommen hatten.

Reich-Ranicki: Von wem ?

Röhl: Von der illegalen West-KPD, die in diesen Jahren ihren Sitz in Ostberlin hatte. Die wiederum handelte auf Ersuchen der polnischen KP. Die Anweisung der «Partei», wie es damals hieß, lautete, Sie auszuhorchen. Kurz bevor Ulrike Meinhof Sie interviewte, war es zwischen Röhl / Meinhof und der Partei zum Bruch gekommen. Die Zahlungen an «Konkret» waren eingestellt worden und die Zeitung musste finanziell über Nacht auf eigene Füße gestellt werden. So dass Ulrike Meinhof quasi halb auf eigene Faust und halb noch als Parteimitglied, das sie persönlich geblieben war – so muss man es wohl sehen – als Journalistin mit den zuvor erhaltenen Informationen jetzt eine große Story über den in KP-Kreisen als reaktionär betrachteten Reich-Ranicki machen wollte. Ulrike Meinhof wollte irgendetwas aus Ihrer Zeit im Warschauer Getto herausbekommen. Dies war der Grund, weshalb sie Sie damals um das Interview gebeten hat.

Reich-Ranicki: Worüber ?

Röhl: Dass Sie im Warschauer Ghetto irgendwie kollaboriert hätten.

Reich-Ranicki: Ich kann Ihnen nur sagen, mir war es für keinen Augenblick bewusst, dass Ihre Mutter im Gespräch mit mir irgendetwas erkunden wollte.

Röhl: Natürlich nicht. Aber ich bin der Meinung, dass ich bei dieser Gelegenheit Ihnen dies nicht verschweigen darf.

Reich-Ranicki: Sie können es mir gerne erzählen. Mit anderen Worten, die Stasi versuchte Ihren Vater und Ihre Mutter als Agenten in der Bundesrepublik auszusenden?

Röhl: Es war die damals illegale KPD.

Reich-Ranicki: Die KPD aus Westdeutschland. Na ja, und die waren ja der Stasi verpflichtet, die haben ja der Stasi Material und alles geliefert.

Röhl: Ja. Erschütternd ist für mich, dass Ulrike Meinhof, nachdem sie von Ihnen nicht die gewünschte oder erhoffte Skandalnews erhalten hatte, das Interview nicht veröffentlichte.

Reich-Ranicki: Es regt mich nicht sehr auf. Wissen Sie, meine Liebe: Sie hielten es damals für richtig.


Im zweiten Teil spricht Marcel Reich-Ranicki unter anderem über seine Begegnung mit Albert Speer, die Antisemitismusvorwürfe gegen die Gruppe 47 und Fassbinders «Der Müll, die Stadt und der Tod».


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