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Kinder zum Olymp!: 

Erst singen, dann rechnen

10. Mrz 2004 07:48
Schüler spielen Theater
Mit musischen Betätigungen kann nicht früh genug begonnen werden. Denn malen, musizieren und Theaterspielen macht klug. In diesem Sinne fördert die Initiative «Kinder zum Olymp!» Kulturprojekte für Kinder und Jugendliche.

Zoltán Kodály ist neben Béla Bartók der wichtigste ungarische Komponist des 20. Jahrhunderts. Seine Musik ist nicht unkompliziert und dennoch nicht nur für den intellektuellen Musikbetrieb gemacht. «In jeder Kunst ist das Kind lebendig», schrieb Kodály, der seinen Begriff von Musik zugleich mit konkreten pädagogischen Absichten verband. Stets die Zukunft der ungarischen Nation im Blick, kämpfte er gegen die Missstände, die er in der musikalischen Ausbildung von Kindern ausgemacht hatte. Er beklagte sich darüber, dass die Verfasser von Schulbüchern die ungarischen Schüler offenbar für «Idioten» hielten und mit Liedern plagten, die «schlechter sind als das, was jedes gesunde Kind improvisieren könnte, wenn man es ließe.»

Durch solchen «musikalischen Infantilismus» könne ein Dorfschullehrer einen größeren Schaden anrichten als jeder Operndirektor. Während der Direktor jederzeit entlassen werden könne, habe der Lehrer die Möglichkeit, «dreißig Jahre lang in Tausenden von Kindern die Liebe zur Musik abzutöten.» Denn wenn im «empfänglichsten Alter, zwischen 6 und 16 Jahren, der Strom großer Musik das Kind kein einziges Mal durchströmt», da war Kodály sich sicher, dann werde das auch später kaum noch geschehen: «Was man nicht kennt, danach sehnt man sich nicht».

Musikalische Kinder schreiben besser

Der Komponist beließ es aber nicht bei seiner Klage über pädagogische Missstände, sondern entwickelte eine eigene Musikpädagogik: Ausgehend von einer Tradition des Mittelalters wurde den Kindern mit der Kodály-Methode beigebracht, Tonhöhen – angefangen vom einfachsten harmonischen Vorgang, dem Terzsprung, wie er im Kuckucksruf vorkommt – mit Handzeichen zu visualisieren. Die dadurch angelegte Verbindung von Sehen und Hören sollte den Kindern von früh auf auch das Transponieren ermöglichen, also die flexible Reproduktion einer Melodie von einem beliebigen Grundton aus.

Zoltán Kodály
Dass Kodálys pädagogische Einlassungen aber nicht nur für Dorfschullehrer, sondern jetzt auch für ein bildungspolitisches Projekt interessant geworden sind, hat damit zu tun, dass die musikalische Flexibilität, die der Komponist Kindern antrainieren wollte, zugleich als Basis und Voraussetzung von viel weiter reichenden Qualifikationen begriffen wurde. Musikalisch gebildete Kinder, sagt Kodály, «lernen besser rechnen, weil Zahlen für sie keine abstrakten Begriffe sind. (...) Sie schreiben genauer, weil die Notenschrift zu großer Aufmerksamkeit erzieht: Ein geringfügig verschobener Punkt kann einen Missklang auslösen.»

Berufskünstler und Schüler

«Kinder zum Olymp», eine Initiative der Kulturstiftung der Länder, bringt den ungarischen Komponisten in ihrer begleitenden Publikation nun wieder zu Ehren. Denn ebenso aktuell wie Kodály, der seine pädagogischen Schriften bis in die fünfziger Jahre publizierte, scheint plötzlich auch das Anliegen von «Kinder zum Olymp!» zu sein: die ästhetische Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Die Initiative, zu deren prominenten Unterstützern Georg Baselitz, Thomas Brussig, Dietrich Fischer-Dieskau, Eske Nannen und Petra Gerster gehören, fördert 85 Projekte auf den Feldern Musik, Kunst- und Kulturgeschichte, Theater und Tanz und Literatur und Medien. In den meisten Fällen handelt es sich um Kooperationen von Schulen und Kindergärten mit professionellen Institutionen wie Museen, Orchestern und Theatern.

Berufliche Kulturschaffende bekommen so einen direkten Draht zu Kindern und Jugendlichen und bringen ihnen, abseits des schulischen Stundenplans, die hohe Kultur auf eine praxisorientierte Art und Weise näher. Zum Teil sind die Projekte neu ins Leben gerufen worden, zum Teil greift die Initiative aber auch auf bereits bestehende Einrichtungen zurück, wie die Malschule, die Eske Nannen – eine der Patinnen der Initiative – bereits 1983 gegründet hatte. In unmittelbarer Nachbarschaft zur renommierten Kunsthalle in Emden wird Kindern hier die Möglichkeit zum Malen, Modellieren, Drucken und Theaterspielen geboten.

Spätestens im Kindergarten

Wenn Kodály davon ausging, dass musische Betätigungen in der Kinderzeit dem späteren Lernen und der Sprach- und Schriftkompetenz zugute kommen, stützte sich das auf persönliche Beobachtungen. Die aktuelle Hirnforschung bestätigt nun einen solchen Zusammenhang. So weist der Neurophysiologe Wolf Singer darauf hin, dass die kognitiven Fähigkeiten von Erwachsenen auf den neuronalen Vernetzungen gründen, die im Kindesalter gelegt werden. Schließlich sei der Mensch, wie andere Primaten auch, ein Nesthocker und bilde sein zunächst unreifes Gehirn vor allem durch Sozialisierung aus. Die genetisch vorgegebenen Verbindungsarchitekturen im Gehirn müssten über Betätigungen aktiviert werden, passive Verbindungen gingen im Verlaufe der kindlichen Entwicklung hingegen unwiederbringlich verloren.

Mehr im Internet:
  • Homepage der Initiative:Kinder zum Olymp!
  • Die Ausbildung kognitiver Funktionen wie der Spracherwerb aber seien dringend auf eine Einbettung in die soziale Umwelt und die Betätigung in nicht rationalen Ausbildungsformen angewiesen. Daher stelle die bloße Instruktion von Kindern, wie sie der klassische schulische Frontalunterricht vorsieht, keine gute Lernmethode dar. Die Kinder sollten sich vielmehr musikalisch, gestisch und künstlerisch betätigen und somit im «Dialog in die kulturelle Umwelt eingeführt werden». Musische Bildung, folgert Singer daraus, müsse spätestens im Kindergarten beginnen.

    Die Initiative «Kinder zum Olymp» steht unter einem im Wortsinne hochtrabenden Motto. Es müssen aber nicht immer gleich die «heiteren, luftigen Höhen» sein, die Homer in der Ilias als Vorstellung des Olymp vorschwebten. Insbesondere auf regionaler Ebene kann die Arbeit ganz konkrete Früchte erbringen. Das ist wichtig in einer Zeit, in der die Landesmusikräte und regionalen Musikschulen um jeden Cent betteln müssen und überhaupt die öffentlichen Angebote für ästhetische Erziehung zurückgefahren werden. Diese Angelegenheit darf aber nicht ausschließlich der Privatinitiative bildungsbürgerlich gesonnener Eltern überlassen werden.(nz)

    Publikation: Kinder zum Olymp! Wege zur Kultur für Kinder und Jugendliche. Wienand-Verlag, Köln 2004, 352 Seiten, 14,80 Euro

     
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