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netzeitung.deMel Gibson – Ein Fanatiker zwischen Himmel und Erde

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The Passion of Christ (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe The Passion of Christ
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Der Katholik Mel Gibson inszeniert die Passionsgeschichte und ruft damit eine amerikanische Antisemitismusdebatte auf den Plan. Von seinen Kritikern fühlte sich der Regisseur bereits im Vorfeld «gekreuzigt».

Von Anjana Shrivastava

Es sieht so aus, als ob niemand in den Vereinigten Staaten einen härteren Job hätte als der Heilige Geist. Jedenfalls scheinen im Moment schrecklich viele Informationen zwischen himmlischen Sphären und irdischen Angelegenheiten ausgetauscht zu werden. Wenn man Mel Gibson Glauben schenken darf, dann hat der Heilige Geist, der «durch mich hindurch gearbeitet» hat, auch den Film «The Passion of the Christ» fabriziert, der am Aschermittwoch in 3000 amerikanischen Kinos angelaufen ist und sich dabei trotz der harten Konkurrenz von Blockbustern wie «Star Wars II» einer rekordverdächtigen Aufmerksamkeit erfreute. Wenn es um seine eigene Rolle geht, dann erscheint Gibson, der es vom Helden des Popcornkinos nun zum Regisseur gebracht hat, zugleich bescheiden und auf seltsame Art manisch: «Ich habe nur den Verkehr geregelt.»

Schon seit einem Jahr führt Gibson eine grundlegende Werbekampagne für diesen Film. Begonnen hatte er sie mit einer Selbstverteidigung gegen stets unbenannte – und bis zum heutigen Tag unbekannt gebliebene – «jüdische Kritiker» seines Projektes, das die mörderischen letzten zwölf Stunden im Leben von Jesus Christus zur Darstellung bringen sollte. Derart vorbereitet, begannen sich einige amerikanische Juden in den nächsten Monaten tatsächlich über Gibsons mysteriöses Projekt zu wundern. Gibson gehört einer traditionalistischen katholischen Sekte an, die sich gegen die Innovationen, die der Vatikan in den sechziger Jahren auf den Weg gebracht hatte, verwahrt.

Dazu gehörte auch die ablehnende Haltung, die man in Rom zur Tradition mittelalterlicher Passionsspiele einnahm. Diese wiesen dem jüdischen Volk in der Regel eine kollektive Schuld am Tod Christi zu. Als Gibson dann Probevorführungen seines Films für Tausende von Pastoren, den Vatikan und konservative Meinungsführer arrangierte, waren die «jüdischen Kritiker» nicht geladen. Ihre Rolle war es stattdessen, einen Film kritisieren zu müssen – und Gibson nicht müde darauf hinzuweisen – den sie nicht gesehen hatten. Bereits im Vorfeld ließ der Regisseur verlauten, dass er sich von seinen Kritikern «gekreuzigt» fühle.
Erleuchtung auf dem Set
Weitab von dieser Werbekampagne, die die Nation spaltete, scheint «The Passion of the Christ» die Grenzen dessen, was ein Film nach allen Regeln der Vernunft bedeuten kann, zu durchbrechen. Dieser Film sollte nicht einfach ein Medium zwischen Hollywoodstars und ihrem Publikum darstellen, sondern eines zwischen Gott und Erde. Der Filmset in Italien wurde, laut Gibson, zu einem Ort der Bekehrung, denn Agnostiker und Muslime seien dort während der Dreharbeiten zum Christentum konvertiert. James Caviezel, der die Rolle von Jesus Christus spielt, weist nicht nur auf seine Namensinitialen J.C. hin, sondern auch darauf, dass er sich während der Dreharbeiten nur einen Hauch weit vom realen Martyrium entfernt gefühlt habe, als er auf dem Set tatsächlich von einem Blitz getroffen worden sei.

«Wir filmten die Bergpredigt. Ungefähr vier Sekunden bevor es passierte, war es ganz ruhig, und dann war es, als hätte mir jemand auf die Ohren geschlagen, und die Leute begannen zu schreien. Schließlich war da ein Feuer an der linken Seite meines Kopfes und mein ganzer Körper war plötzlich in ein Licht eingehüllt.» Als ihn das Newsweek-Magazin fragte, ob es sich bei diesem Blitzschlag um eine göttliche Intervention gehandelt habe, lachte Caviezel, richtete den Blick nach oben, und sagte, als spräche er zu Gott: «Na – hast du diese Einstellung nicht gemocht?»
Tod im Kino
Aber nicht nur die Filmschaffenden haben Probleme, zwischen Fiktion und Realität zu trennen. Auch die Zuschauer sollen nicht zwischen historischen Tatsachen und dem Film differenzieren, dessen Dialoge in Aramäisch und Lateinisch über die Tonspur rauschen. Vielleicht ist es der Kompensationsversuch der daraus resultierenden Verständnisschwierigkeiten, wenn im Vorfeld exklusive Halsbänder mit Nägeln – die jenen, mit denen Jesus ans Kreuz genagelt wurde, exakt ähneln sollen – vertrieben wurden und auch eine Publikation mit dem Inhalt einer «erschöpfenden medizinischen Analyse dessen, was Jesus erleiden musste».

Bereits am Erscheinungstag des Films ist eine Zuschauerin im Kino an Herzversagen gestorben. Eine solche Verkettung von Wundern findet ihre passionierten Bewunderer – einer von ihnen soll nach Angaben der Filmproduzenten auch der Papst sein, obwohl der Vatikan dementiert hat, dass der heilige Vater den Film nach einer Privatvorführung für gut befand. Der Vatikan hat sich aber auch geweigert, vor diesem Film zu warnen – auch das einer seiner lebensverändernden und schlagenden Aspekte, durch die, wie von jüdischer Seite befürchtet wird, antisemitische Gefühle geschürt werden könnten.

Babysitter für Kinogänger
Vor kurzem noch war die katholische Kirche in Amerika besorgt, dass ihr Bild in der Öffentlichkeit vor allem durch pädophile Priester geprägt sei. Nun macht sich eine andere religiöse Gruppe Sorgen wegen des Klischees der Tempelelite und der wütenden jüdischen Menge in Gibsons Darstellung der Kreuzigung. Man fürchtet, dass diese die öffentliche Meinung stark beeinflussen können – schließlich sind 25 Prozent der Amerikaner der Auffassung, dass die Exekution von Jesus Christus nicht den Römern, sondern den Juden anzulasten sei.

Eine Gruppe, die sich keine solchen Sorgen um die Minderheitenproblematik machen muss sind die evangelikanischen Christen: Sie haben Filmtheater an den Eröffnungstagen ausgebucht, Babysitterdienste organisiert, und die Empfehlung abgegeben, das auch Kinder in diesen Film, der äußerst drastische Gewaltdarstellungen beinhaltet, mitgenommen werden sollten. Der nationale Dachverband der Evangelikaner hat verlauten lassen, dass «Christen eine Hauptquelle für die Unterstützung Israels» seien und hinzugefügt, dass andere, die Israel unterstützen, es nicht riskieren sollten, «zwei Milliarden Christen nur wegen eines Filmes vor den Kopf zu stoßen».

Religiöser Splatter
Diese Kombination von evangelikanischem Muskelspiel auf der einen und hilfloser Empörung auf der anderen Seite, ist in letzter Zeit weit verbreitet – jüngst zu beobachten bei der großen Besorgnis, die Janet Jacksons beim Super Bowl entblößte Brust ausgelöst hatte. Die nationale Vereinigung religiöser Fernsehsender hat in ihrer Versammlung in diesem Monat, wo Gibsons Film vor 6000 religiös orientierten Fernsehverantwortlichen gezeigt wurde, ein generelles Bedürfnis für alternative Fernsehprogramme entdeckt. Die Radiomacherin Carol Jones Saint sagte in diesem Sinne dem «Wall Street Journal»: „Die Menschen leiden derzeit in moralischer und ökonomischer Hinsicht, und ich habe das Gefühl, dass wir ihnen eine Hoffnung bieten müssen. Franklin Graham, der Sohn von Billy Graham, zog daraus einen politischen Schluss: «Wenn der Präsident nicht wiedergewählt wird, werden sich Tür und Tor für diesen Müll öffnen, und niemand wird da sein, um sich dagegen zu stellen.»

Wenn Massenunterhaltung in der Regel religiöse Kritik provoziert, dann stellt sich die Frage, warum die evangelikale Gemeinschaft sich hinter «The Passion», der von Kritikern als «religiöse Splatterkunst» tituliert worden ist, gestellt hat und den Film einem Publikum empfiehlt, das von den angemahnten moralischen und ökonomischen Problemen gleichermaßen betroffen ist. Immerhin ist der verantwortliche Filmvertreiber «Newmarkt» bekannt geworden für eher schräge Independentfilme, zu denen «Happiness» (in dem es unter anderem um Pädophilie geht) ebenso gehört wie «Monster», der von einer lesbischen Serienkillerin handelt.

Telefonat mit Gott
Außerdem ist zu berücksichtigen, dass in den evangelikanischen Riesenkirchen, in denen sich in den Vorstädten von Los Angeles, Chicago und Atlanta bis zu 16.000 Mitglieder einfinden, und den Cineplex-Kinos, in denen «The Passion» gezeigt wird, öffentliche Massenveranstaltungen zelebriert werden. Diese brechen mit der amerikanischen Tradition, die die religiöse Erfahrung stets als ein essentiell privates Erlebnis vorgesehen hatte. In dieser Entwicklung, die die Demonstration zahlenmäßiger Größe mehr denn je betont, scheint sich der Glaube in die Kraft von Massenbewegungen niederzuschlagen – und der ist dem Geiste nach römischer als alles, was die Evangelien in der Passionsgeschichte lehren.

Die evangelikale Bewegung ist mehr und mehr eine politische Bewegung geworden. Noch 1982 verteilten sich die Anhänger der Bewegung zu etwa gleichen Teilen auf beide Parteien, aber bereits 1994 wählten 75 Prozent der Evangelikaner republikanisch. Momentan übt diese Bewegung einen dominanten Einfluss auf die öffentliche Debatte aus, ob es nun um die Anbringung von Schrifttafeln mit den zehn Geboten an den Gebäuden der Landesregierungen von Georgia und Texas geht oder um die Frage der Eheschließung von Homosexuellen. Bei einer Versammlung republikanischer Senatoren im Weißen Haus, auf der im Anschluss auch Präsident Bush das Wort ergriff, trat Mick Huckabee, Gouverneur von Arkansas und ordinierter Baptist, vor das Publikum. Als würde er gar nicht zu seinen Zuhörern sprechen, führte er eine ausführliche telefonische Unterhaltung mit Gott und versicherte dem Herrn, dass die Republikaner sich der irdischen Angelegenheiten aufs Trefflichste annehmen würden, insbesondere den Themen, die das Sakrament der Ehe und die traditionelle Form der Familie beträfen.

Der Heilige Geist ist dabei
Es sollte aber nicht unerwähnt bleiben, dass es ein strenggläubiger Baptist war, Roger Williams, der in Amerika im 17. Jahrhundert eine Trennung von Staat und Kirche und die Toleranz gegenüber unterschiedlichen Glaubensformen etabliert hatte, die in dieser Form in Europa bislang unbekannt gewesen war. Diese setzte Willams zunächst in der Kolonie von Rhode Island durch, im nächsten Jahrhundert wurde sie in den gesamten Vereinigten Staaten verbindlich. Williams erklärte sein Engagement damit, dass er seinen religiösen Glauben absolut rein halten wollte von allen irdischen Angelegenheiten. Diesem Verständnis von Religion war die Beseitigung der Idee eines von Gott gewollten Königtums letztlich zu verdanken.

Offenbar ist nun aber eine neue Zeit angebrochen, und die Republikaner arbeiten an einer erneuten Eheschließung zwischen Religion und Politik. Der Heilige Geist macht dabei mit: er stellt evangelikanische Marketingprojekte und präsidiale Wahlkampagnen durch – für eine ganze Reihe von Leuten, die sich alle seine Telefonnummer notiert haben. Seit den alten Tagen hat Technologie viel für göttliche Interventionen geleistet. Damals beschrieen die Leute den König der Juden, und Jesus Christus klagte am Kreuz: «Mein Gott, mein Gott. Warum hast du mich verlassen?»