25. Feb 2004 10:25
Die Ausstellung «Das MoMA» in Berlin ist bereits nach den ersten Tagen ein Besucher-Magnet. Initiator Peter Raue erklärt im Interview mit der Netzeitung Konzept und Erwartungen.
Netzeitung: Sind Sie nach den ersten Tagen des Museum of Modern Art in Berlin zufrieden?Raue: Wir sind sehr zufrieden. Es läuft noch besser als erwartet, in den ersten beiden Tagen kamen 11 000 Zuschauer und auch heute (blickt vom Kolhoff-Hochhaus am Potsdamer Platz in Richtung Neue Nationalgalerie) ist es wieder voll.
Netzeitung: Sie mussten wegen des großen Ansturms die Ausstellung sogar zeitweilig sperren?
Raue: Wir wollen nicht, dass sich vor einzelnen Bildern Trauben bilden und man dann nur von weitem vermuten kann: Dort ist das Bild! Sie kennen das, etwa beim «Hasen» von Dürer in Wien oder bei der Mona Lisa im Louvre. Wer in die Ausstellung geht, soll alle Bilder uneingeschränkt sehen können.Netzeitung: Es gibt immer wieder lange Schlangen vor dem Eingang. Ein Hindernis?
Raue: Die Leute stellen sich mit einer bewundernswerten Engelsgeduld an. Es ist sogar so, dass die Schlangen als Event betrachtet werden, so, wie es damals bei Christos Reichstagsverhüllung war. Man redet miteinander, lernt sich kennen, macht das Anstehen zum Teil des Programms.
Netzeitung: Wie kommt es, dass manche Medien viel zu kritisieren haben? In anderen Ländern würde ungeteilte Freude über einen solchen Coup herrschen...
Raue: Manche Medien haben, zum Teil mit krassen Falschmeldungen, die Ausstellung im Vorfeld als überflüssig bezeichnet. Es hieß, man könne das Geld anders verwenden. Das ist kompletter Unsinn: Als wir beschlossen, das MoMA nach Berlin zu holen, hatten wir keinen Cent dafür. Wir müssen uns die Ausstellung richtiggehend verdienen. Es geht also nicht um Geld, das anderweit hätte verwendet werden können, sondern Geld, welches wir für dieses und nur für dieses Projekt auftreiben müssen.
Netzeitung: Manche Kritiker sagen: Man kann die Ausstellung ja in New York sehen, warum auch in Berlin?
Raue: Ich kann mit dieser Arroganz nicht leben. Das sagen Kritiker, die einmal im Jahr nach New York fahren. Wir haben es aber mit einem Hinterland zu tun, welches bis Moskau geht. Viele Menschen durften diese Bilder vierzig Jahre lang nicht sehen. Wir haben Busanmeldungen aus Polen, den Baltischen Ländern, aus dem ganzen ehemaligen Ostblock. Will man die Bilder diesen Menschen vorenthalten?
Netzeitung: Hat die Aufregung vielleicht mit der gebrochenen Geschichte Deutschlands zu tun, mit dem schlechten Gewissen? Denn ohne Hitler wären die meisten Bilder noch in Europa...
Raue: Es ist in der Tat ein Phänomen. Der Direktor des MoMA hat gesagt: Hätte es die gottlosen Nazis nicht gegeben, gäbe es das MoMA nicht. Interessant ist, dass die Bilder, die wir zeigen, bis 1950 fast ausschließlich aus Europa kommen. Außer Hopper gibt es keinen amerikanischen Maler. Nach 1950 dagegen findet Europa nicht mehr statt: Beuys, Bacon oder Dubuffet fehlen.
Netzeitung: Was sagt uns das?
Raue: Die Ausstellung zeigt den Kanon der Moderne aus amerikanischer Sicht. Nicht aus europäischer oder einen universalen Kanon – es geht um die Sicht der Amerikaner auf den Kanon der zeitgenössischen Kunst. Es handelt sich also um ein «museum in residence», so, wie es einen Stadtschreiber oder einen Künstler «in residence» gibt. Also: eine subjektive Sicht, eine Schau, bei der die Heimat der Bilder, also das MoMA, Teil des Konzepts ist.
Netzeitung: Macht das erst recht den Stachel im Fleisch der Deutschen aus?
Raue: Es geht ja auch um ein «back to the roots». Alfred H. Barr jr., der Gründer und Erfinder des MoMA, war ja in Dessau, Berlin und Mannheim. Er kannte und schätzte das Bauhaus. Er wollte Mies van der Rohe als Architekten haben. Sein Ziel war: Das wichtigsten Museum für Gegenwartskunst zu errichten. Das ist ihm gelungen. Und nun sprechen die Bilder, eine Auswahl, ex cathedra, wie Reich-Ranickis Literatur-Kanon.
Netzeitung: Manch deutsches Medium freut sich ja auch nicht, wenn die Fußball-Nationalmannschaft gewinnt. Daher stört einige der Werbeaufwand...
Raue: Absoluter Blödsinn. Wir müssen die Ausstellung ja finanzieren, also brauchen wir Werbung, damit die Leute hingehen. Ich hatte bei der Planung der Ausstellung einen Redakteur einer großen Zeitung bei mir, der ein Porträt schreiben wollte. Er sagte, sein Chefredakteur wisse nicht, was MoMA bedeutet. Da war mir klar: Wir müssen werben, den Namen mit Inhalt aufladen. Im übrigen werben wir in jenen Zeitungen, die uns wegen der Werbung kritisieren. Das ist doch ziemlich komisch.
Netzeitung: Die Sponsoren haben Sie auch eher hängen lassen...
Raue: Das hat mich erstaunt. Außer der Deutschen Bank hat sich keiner beteiligt. Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass die Unternehmen den Effekt der Ausstellung unterschätzt haben.
Netzeitung: Das private Engagement ist in Deutschland ohnehin mäßig ausgeprägt. Am liebsten ruft man nach dem Staat.
Raue: Wenn Sie in Amerika ein Fundraising-Dinner machen, geht man hin und spendet. Oft wissen die Teilnehmer gar nicht genau, auf welcher Party sie sind. Aber es ist eine andere Gesinnung. In Deutschland wird gefragt: Was bringt mir das genau? Und wenn man das nicht gleich erkennen kann, lässt man es eher.
Netzeitung: Liegt das auch an Berlin?
Raue: Sicher ist es in München einfacher. Berlin ist eine arme Stadt. Wenn in München eine Boutique eröffnet wird und Sie schreiben auf die Einladung: Die Prinzessin Soundso wird kommen, dann ist der Laden voll. In Berlin lockt das keinen Hund hinterm Ofen hervor. Aber das macht ja gerade auch den Reiz dieser Stadt aus: Dass es eben gar keine «Gesellschaft» gibt.
Prof. Peter Raue ist Rechtsanwalt und Vorsitzender des Vereins der Freunde der Neuen Nationalgalerie. Das Gespräch mit ihm führte Dr. Michael Maier.