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Debatte: 

Bildung: Bewegung im System

30. Jan 2004 08:11
Entwicklung und Reformen sind im angeblich erstarrten deutschen Bildungssystem möglich – auch ohne Revolutionen. Entscheidend ist, der bitteren Analyse Taten folgen zu lassen, meint der engagierte Schulleiter Heinrich Biermann im Gespräch mit der Netzeitung.

Der PISA-Schock und die Probleme der Hochschulen-Finanzierung haben die Bildungspolitik und die Qualität der Bildung in Deutschland zum Dauerthema gemacht. Hochfliegende Forderungen und Schlagworte, wie jüngst die «Elitenförderung», stehen dem allgemeinen Klagen über das erstarrte System und seinen Sachzwängen gegenüber. Reformer, bekunden Insider, müssten sich in allen Bundesländern den politischen Sonntagsreden zum Trotz neben dem Kostendruck vor allem gegen Desinteresse und Gleichgültigkeit in einem insgesamt reformbedürftigen Verwaltungs- und Regelungsgeflecht durchsetzen. Das kostet viel Zeit und Mühe, doch es gibt Bewegung. Mit seinen nahezu kostenneutralen Innovationen hat sich das Geschwister-Scholl-Gymnasium in Pulheim bei Köln den Ruf einer ambitionierten Modellschule erworben. Die Netzeitung sprach mit Schulleiter Heinrich Biermann, der gerade eine qualifizierte Nachmittagsbetreuung an seiner Schule aufbaut, über Begabtenförderung, neuartiges Schulmanagement und systemimmanenten Wandel.

Netzeitung: Herr Dr. Biermann, im Ranking vergleichbarer Staaten nehmen Deutschlands Hochschulen einen mittelmäßigen Platz ein, die Schulen liegen laut der OECD-Studie PISA (Programme for International Student Assessment) sogar insgesamt unter Mittelmaß. Was halten Sie von solchen Rankings?

Heinrich Biermann: Die PISA-Studie ist hieb- und stichfest, davon muss man trotz aller gegenläufiger Interpretationsversuche ausgehen. Die Hauptursache ist wohl, dass es hier in Deutschland offensichtlich nicht gelingt, die Schüler so individuell zu fördern, wie es notwendig wäre.

Netzeitung: Wird die Debatte über die Elite-Universitäten der Bildungsrealität in Deutschland gerecht? Müsste «Elitenförderung» nicht schon früher, in Schule, Vorschule und Kindergarten einsetzen?

Biermann: Der Begriff ist problematisch, ich halte ihn für wenig hilfreich. Es kommt auf die Frage an: Was braucht das Kind, und wann braucht es etwas? Für die Förderung auf jeder Altersstufe gibt es interessante pädagogische Ansätze, und aktuell kommen hochinteressante Erkenntnisse der Hirnforschung dazu, die besagen: Es gibt ein Bedürfnis zu lernen, es wird als angenehm empfunden. Das sollten die Schulen aufgreifen.

Netzeitung: Seit 2000 hat das Geschwister-Scholl-Gymnasium als erste Schule in Nordrhein-Westfalen eine sogenannte Profilklasse, in der begabtere Schüler von der siebten bis zur zehnten Klasse besonders gefördert werden, um dann gleich in der zwölften in die Oberstufe einzutreten. Was sind Ihre Erfahrungen damit?

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Biermann: Wir sind jetzt mit der ersten Profilklasse in der Zehn, und die Erfahrungen damit sind sehr positiv. Es geht hier nicht um irgendeine Form der Elitenbildung, es geht auch nicht darum, ein Jahr gewinnen zu wollen. Das ist eher ein Nebeneffekt. Es geht um die Frage: Wie kann ich die Schüler besser fördern? Damit sind wir beim Thema Differenzierung. Schüler sind sehr unterschiedlich, und man müsste noch sehr viel mehr Differenzierung hineinbringen. Aber ein Grundsatz lautet: Je mehr Differenzierung Sie machen, desto aufwändiger ist das. Die Kassen sind aber leer. Wir versuchen mit den Lehrern, die wir haben und mit dem System, das wir haben, den Schülern besser gerecht zu werden, und haben deshalb etwas homogenere Klassen gebildet ab der Sieben. Von den fünf oder sechs Klassen, die parallel laufen, wird also eine nach dem Kriterium der Begabung gebildet. Diese Schülerinnen und Schüler können in den Profilklassen aus meiner Sicht deutlich besser gefördert werden, als wenn sie in den herkömmlichen, undifferenzierten Klassen blieben.

Netzeitung: Eine andere Schule nennt als Kriterium für die Auswahl dieser Schüler besondere Lernleistung und Motivation. Ist es aber nicht so, dass sich Schüler mit besonderem Lernwillen in undifferenzierten Klassen so langweilen, dass sie dort eher mit schlechten Leistungen und auch auf andere Weise negativ auffallen?

Biermann: Das kann passieren, dass Schüler unterfordert sind und daher schlechter lernen. Ich glaube sogar, dass diese Versuche, die wir ab der Sieben machen, fast schon ein bisschen zu spät kommen. Es gibt die Faustformel, die derzeit durch alle Reden und Interviews geistert: Fordern und Fördern. Mit dem Fordern haben wir in Deutschland seit langer Zeit große Schwierigkeiten. Das Fordern sollte aber nicht mit einem Touch von Lustlosigkeit und Stress einhergehen. Damit sollte gemeint sein, das zu fordern, was das kindliche Gehirn braucht und will.

Netzeitung: Es gibt einen grundsätzlichen Vorwurf von Konservativen und Liberalen, der selten mit Inhalt gefüllt wird: Die deutschen Schulen tendierten zu Gleichmacherei und seien eher darauf aus, einen Durchschnitt zu wahren, als Talente zu fördern und Schwächen zu beheben. Würden Sie das bestätigen?

Biermann: Ja, leider. Man hat auch schon versucht, Schuldige dafür zu finden, und glaubt, bei den Achtundsechzigern fündig geworden zu sein. Das kann nicht stimmen, denn das Phänomen gibt es auch in den neuen Bundesländern, wo die Achtundsechziger kaum eine Wirkung gehabt haben. Es gibt eine Theorie, die besagt, dass es auf eine preußische Bildungstradition zurück gehe, dass es bei uns so etwas wie die Regel gibt, nur ja nicht aus dem Durchschnitt herauszuragen. Da sind Sie bei Ihrem Ausgangsthema Elite: Wer in irgendeiner Weise herausragt, macht sich verdächtig, wird Streber genannt. Es würde sich lohnen, die Ursache zu erforschen, das Problem ist jedenfalls da. Es ist ein großes Entwicklungs- und Lernhindernis.

Netzeitung: Es ist also mehr ein gesellschaftliches Problem als eines, das die einzelnen Schulen haben?

Biermann: Das ist so, und es reicht in jeden Bereich hinein. Auch wenn einzelne Lehrer besonders gute Erfahrungen machen und besonders gute Unterrichtserfolge haben, sprechen sie nicht darüber, weil sie die Angst haben, man könnte ihnen vorwerfen, sie wollten sich besonders hervortun. Es gibt in Nordrhein-Westfalen die Laborschule in Bielefeld, die ihrerseits Muster war für die Entwicklung beim PISA-Sieger Finnland. Aber im eigenen Land ist sie fast totgeschwiegen worden. Sie können dieses Phänomen, ob Sie es Gleichmacherei nennen oder wie immer, überall beobachten.

Netzeitung: In Finnland werden nicht die «Antreiber» unter den Schülern von den 60 Prozent Durchschnittlichen und den 20 Prozent Schwächeren getrennt gefördert, sondern die Schwächeren. Alle anderen erhalten bei möglichst intensiver Individualförderung in den Regelklassen keinen Zusatzunterricht. Was ist sinnvoller: Die Spitzen zu fördern oder die Schwächeren zu unterstützen?

Biermann: Man muss beides machen. Es ist nicht sehr hilfreich, die Systeme gegeneinander auszuspielen, weil es am sinnvollsten ist, das System, in dem man nun mal arbeiten muss, weiterzuentwickeln. Wir können das finnische System nicht übernehmen, dann bräuchten wir zum Beispiel zwei Lehrer pro Klasse. Daran sieht man, dass es aberwitzig wäre, so etwas zu fordern. Wie Sie differenzieren, ist eine andere Frage. Unsere Profilklasse ist nicht der einzige mögliche Weg. Es ist der Lösungsweg, der in unserem System im Augenblick eine Lösung darstellt. Es ist richtig, dass man sehr viel mehr und sehr viel individueller fördern kann.

Netzeitung: Welche Folgen hat die Bildung der Profilklassen für die Regelklassen gehabt?

Biermann: Hier stimmen unsere Erfahrungen mit denen von Rheinland-Pfalz überein: Für die Regelklasse ergeben sich eigentlich nur Chancen. Es gibt einen sehr interessanten Indikator, den man bei der Evaluation der Profilklassen in Rheinland-Pfalz durch die Universität Trier herausgefunden hat: Man hat festgestellt, dass der Intelligenzwert in beiden Klassen steigt. Das heißt, dass alle von diesem Konzept nur profitieren. Dass es hier und da Neid-Gefühle gibt, kann man nicht verhindern. Den Neid-Komplex haben Sie aber sonst innerhalb der Klassen. Das führt dazu, dass die begabteren Schüler runtergezogen werden.

Netzeitung: Bringen Lehrer in Deutschland aus ihrer Ausbildung die richtigen Voraussetzungen mit für die Individualförderung von Schülern?

Biermann: Sie bringen dazu gar keine Voraussetzungen mit, denn das spielt in ihrer Ausbildung keine Rolle. Die Diagnose-Kompetenz der Kollegen ist außerordentlich schlecht, und ich will mich da nicht ausschließen. Wir haben es einfach nicht gelernt. Man kann es zugespitzt so formulieren: Wir unterrichten Klassen, nicht einzelne Schüler.

Netzeitung: Kann man das Prinzip dieses Klassen-Unterrichts auf die Formel bringen, dass die Effizienz des Unterrichts an dessen ruhigem Verlauf und Reibungslosigkeit gemessen wird?

Biermann: Ganz genau. Man geht auf ein mittleres Niveau. Was erheblich darüber und erheblich darunter liegt, tritt in irgendeiner Weise als Störfaktor in Erscheinung. Das geht auch nicht viel anders, jedenfalls bei herkömmlichen Unterrichtsmethoden. Es gibt auch Unterrichtsmethoden, bei denen Sie Schüler als Helfer einsetzen können. Zum Beispiel bei Gruppenarbeit, die Sie so verteilen können, dass sie in jeder Gruppe jeweils einen haben, der besonders stark ist und die anderen ein wenig coacht.

Netzeitung: Auf der Website Ihrer Schule beschreiben Sie einen sechsjährigen Lernprozess an Ihrer Schule von der «unbewussten Inkompetenz» zur «bewussten Kompetenz», der darauf hinauslief, dass sich Ihre Schule ein selbstkritisches, flexibles und leistungsorientiertes Managementprofil gegeben hat...

Biermann: Schule war früher ein statisches System, das man in Pyramidenform darstellen konnte. Die gesellschaftliche Entwicklung geht so schnell voran, dass man mit dieser statischen Struktur nicht mehr weiterkommt. Wie aber bringt man ein solches System in Bewegung? Wir haben uns daran orientiert, in welchen Bereichen das besser gelingt, also in der Wirtschaft, im Profit-Bereich. Für mich war die Devise immer, ich muss bei mir anfangen. Ich kann nicht das System ändern, wenn ich nicht zuerst bei mir, in meiner Denkweise, auch in meinen Aktionsmöglichkeiten, beginne, etwas zu ändern, und ich habe versucht, mich möglichst intensiv entsprechend fortzubilden.

Netzeitung: Haben Sie, angesichts der leeren Kassen, externe Berater gehabt? Und hat sich im Laufe der Zeit etwas an den Rahmenbedingungen geändert?

Biermann: Zumindest offiziell heißt es in der Landespolitik, Schulen sollen selbstständiger agieren. Es ist derzeit nicht nur in Nordrhein-Westfalen so, dass zwar davon die Rede ist, dass Schulen an Profil und Bewegungsfreiheit gewinnen und «lernende Institutionen» werden sollen, sich aber gleichzeitig die Ressourcen verschlechtern. Da geht die Schere weit auseinander. In den nordeuropäischen Ländern ist sehr viel früher sehr viel mehr getan worden. Wir konnten uns aber externen Sachverstand hereinholen. Bei einem Pilotprojekt kommen interessante Leute, um zu helfen.

Netzeitung: Eine der Schulen in NRW, die die Profilklasse auch haben, freut sich auf ihrer Website darüber, dass die Zahl der Wochenstunden dort nun die Höhe erreiche, die vor Kürzungen in den Neunzigerjahren für alle gegolten habe. Ist das auch bei Ihnen so?

Biermann: Mit Verschlechterung der Ressourcen meine ich die drei Schräubchen: Mehr Lehrerstunden, weniger Wochenstunden für die Schüler und größere Klassen. An diesen drei Schräubchen ist Jahr für Jahr gedreht worden, so dass wir kaum von vorher und nachher sprechen können. Es gab in der Tat schon bessere Zeiten. Für die Profilklassen bekommt die Schule einen kleinen Bonus im Werte von 0,6 Lehrerstellen. Die Profilklasse erhält einige Stunden Unterricht mehr, bei unserem sprachlichen Schwerpunkt sind das Französischstunden ein Jahr früher als in den Parallelklassen und einige Lateinstunden, damit die Schüler nach der Zehn das Latinum haben und in den Französischunterricht der Oberstufe einsteigen können. Damit hat es sich dann auch schon.

Netzeitung: Nach der PISA-Studie ist viel über deutsche Schulen geklagt worden: Zu viele Unterrichtsausfälle, zu große Klassen, zu wenige junge Lehrer, zu viele bequeme Lehrer, zu starre Lehrpläne – was müsste am Schulsystem aus Ihrer Sicht zuerst verbessert werden, um mehr Qualität anbieten zu können?

Biermann: Ein wesentlicher Punkt ist für mich die Aufhebung der Halbtagsgrenzen. Die gesamte Kommunikation an der Schule leidet darunter, dass sich der ganze Prozess auf den Vormittag verdichtet. Am Mittag sind alle weg. Da muss man sich fragen: Wann sollen die Beratungen zwischen Lehrern stattfinden, wann die Gespräche zwischen Lehrern und Schülern, die der Individualförderung dienen, wenn nicht am Nachmittag? Wir versuchen, in kleinen Schritten zumindest zunächst für die Schüler die Nachmittagsangebote auszuweiten. Wir haben ein neues Konzept entwickelt, das «Pulheimer Ressourcenmodell»: Am Nachmittag bieten wir Kurse an, in denen selbstausgebildete Schülertrainer – hier kommt die Profilklasse ins Spiel – Lerngruppen schwächerer Schüler leiten. Wir bieten das immer nach dem Halbjahrszeugnis an, wenn es einen gewissen Leidensdruck gibt. Die zweite Säule nennt sich «Enrichment», das sind Zusatzangebote für alle Schüler am Nachmittag. Zum Beispiel haben wir eine Wetter-AG, die von einer Wetter-Beraterin für Piloten geleitet wird. Auf dieser Schiene entwickelt sich sehr viel. Wir haben eine Theaterpädagogin, die professionell Theater macht, es gibt eine Reihe Musikgruppen, Tanzgruppen, so dass wir allmählich in den Nachmittag hineingehen. Zumindest für die Schüler. So hat die Entwicklung in Schweden angefangen: Eines Tages müssen die Lehrkräfte nachziehen. Das geht aber nur, wenn man die entsprechenden Freiräume hat. Daran arbeiten wir gerade.

Netzeitung: Ist Ihre Schule besonders engagiert?

Biermann: Wir haben auf den Startschuss zur Schulentwicklung sehr früh reagiert, der hat uns elektrisiert. Mit der Zeit entsteht eine Entwicklungs-Logik. Wenn man einen Schritt erfolgreich geleistet hat, bietet es sich an, den nächsten zu tun. Daher haben wir immer ein wenig die Nase vorn. Das heißt nicht, dass es nicht noch viele andere sehr gute Schulen gibt, mit denen wir zum Teil auch in Verbindung stehen. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass die übrigen Schulen ähnliche Bewegungen machen.

Netzeitung: Die Vorbereitung zu Ihrer Profilklasse hat einige Jahre gedauert. Ist die Hürde nun niedriger?

Biermann: Veränderungen beginnen im Kopf. Ich hatte die Begabtenförderung nicht im Blick, bis neue Erkenntnisse der Schulpsychologie mir vor Augen führten, wie wichtig das Thema ist. Mir wurde auch klar, welche Opfer begabte Schüler bringen, mit meiner Tochter machte ich selbst entsprechende Erfahrungen. Wenn ich im Kopf so weit bin, muss ich in der Praxis anders handeln. Wer es will, kann heute eine Profilklasse eröffnen. Das ist völlig unproblematisch. Unser Modell bietet praktisch nicht die geringsten Schwierigkeiten, weil die Klassen nach der sechsten Klasse ohnehin je nach Wahlsprache völlig neu zusammengesetzt werden. Da spielt es keine Rolle, wenn eine Klasse nach dem Gesichtspunkt der Begabung gebildet wird.

Netzeitung: Was halten Sie von dem in Bayern angebahnten Abitur nach zwölf Schuljahren und der dort diskutierten Verknappung der Lerninhalte?

Biermann: Eine Konzentration auf wesentliche Lerninhalte halte ich für sehr gut, das beginnt ja nun auch bundesweit mit den Kern-Curricula. Wir haben in Nordrhein-Westfalen die Möglichkeit, durch die Profilklasse zwölf Jahre einzurichten, und andere brauchen eben dreizehn Jahre. Jetzt wird das ganze umgekehrt: Der Regelfall sollen zwölf Jahre sein und die Ausnahme dreizehn. Da sehe ich sehr viel Unklarheit in der bildungspolitischen Konzeption. Es wäre falsch, die zwölf Jahre zu verordnen, ohne dass die entsprechende Lernkultur bereits vorbereitet ist.

Mit Heinrich Biermann sprach Joachim Widmann

 
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