Revolution in Iran: Islam und Revolution29. Jan 2004 07:45  | Nicht nur spiritueller Führer: Ayatollah Khomeyni | Foto: holtz.org |
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Vor 25 Jahren siegte die islamische Revolution in Iran. Michel Foucault bereiste das Land und analysierte die Rolle der Religion im Kampf gegen das neokoloniale Regime Schah Reza Pahlevis.
Von Ulrich GutmairDie politische Geschichte Irans und diejenige seiner Erdbeben sind manchmal nur schwer auseinander zu halten. Nach dem Erdbeben von Bam, das über 40.000 Opfer forderte, begrüßte man auf iranischem Boden freundlich amerikanische Hilfskräfte. Dabei haben die USA seit der Besetzung ihrer Botschaft durch radikalislamische Studenten im Jahr der Revolution, 1979, den diplomatischen Kontakt mit den neuen Machthabern in Teheran abgebrochen. Wahrscheinlich gibt es kein Land, in dem in den letzten 25 Jahren mehr amerikanische Flaggen verbrannt wurden. Auch einige Wochen vor den drei «glorreichen Tagen von Teheran» im Februar 1979, als die Revolution siegte, erschütterte ein Beben das Land: Am Rande der großen Salzwüsten, die sich in der Mitte Irans ausbreiten, hat die Erde gebebt. Tabass und vierzig Dörfer sind vollkommen zerstört. Fast auf den Tag genau vor zehn Jahren wurde das in derselben Region gelegene Ferdows ausgelöscht. Auf dem zerstörten Land entstanden zwei rivalisierende Städte, als hätte im Iran des Schahs dasselbe Leid nicht zu derselben Wiedergeburt führen können. Auf der einen Seite entstand die Stadt der Staatsverwaltung, des Bauministeriums und der staatlichen Würdenträger. Aber nicht weit davon bauten die Handwerker und Bauern gegen alle staatlichen Planungen ihre eigene Stadt wieder auf. Unter Leitung eines religiösen Führers sammelten sie Geld, gruben mit eigener Hand Kanäle und Brunnen, errichteten eine Moschee. Gleich am ersten Tag hatten sie eine grüne Fahne aufgestellt. Das neue Dorf erhielt den Namen Islamieh. Abseits der Regierung und gegen sie der Islam: schon vor zehn Jahren.
 | Michel Foucault | Foto: miami.edu |
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Im Vorfeld der Ereignisse vor 25 Jahren, in deren Verlauf erst der Schah gestürzt und schließlich per Volksabstimmung die islamische Republik angenommen wurde, bereiste Michel Foucault als Reporter des «Corriere della Sera» im September, und ein zweites Mal im November 1978 das Land. Mit der Schilderung des Baus der Stadt Islamieh beginnt Foucault seinen ersten Artikel. Der italienische Verleger Rizzoli hatte Foucault um eine regelmäßige Kolumne gebeten. Dieser hatte mit dem Vorschlag geantwortet, Intellektuelle als Reporter an Orte zu schicken, an denen Ideen entstehen und sterben. Seine Artikel verstanden sich so als «Ideenreportage», die die Analyse des Gedachten mit der Analyse des Geschehens verbinden sollten.Foucault stellt seinen Gesprächspartnern zuerst die Frage, was ihre Vorstellung von der politischen Zukunft Irans sei. Die Antworten sind so unterschiedlich wie die Leute, ein Leitmotiv schält sich dennoch heraus: «Jedenfalls wollen wir dieses Regime nicht.» «Wogegen kämpfen Sie?» «Gegen Despotie und Korruption.» «Vor allem gegen die Despotie oder gegen die Korruption?» «Die Despotie nährt die Korruption, und die Korruption stützt die Despotie.» «Was halten Sie von der in der Umgebung des Schahs oft geäußerten Ansicht, nur eine starke Macht könne ein immer noch rückständiges Land modernisieren? Und die Korruption sei eine unvermeidliche Begleiterscheinung bei der Modernisierung eines Landes, in dem es noch keine starke Verwaltung gibt?» «Genau diesen Komplex aus Modernisierung, Despotie und Korruption lehnen wir ab.» «Das meinen Sie, wenn Sie 'dieses Regime' sagen.» «Genau.»
 | Demonstration gegen den Schah | Foto: warresisters.org |
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Foucault erkennt das Modernisierungsprogramm Reza Pahlevis als Serie quälender Misserfolge. Die vom Schah verfolgte Modernisierung erscheint ihm gar als ein Archaismus, den die Gesellschaft nicht mehr zu tolerieren bereit sei. Denn weder die Großgrundbesitzer noch die Kleinbauern, weder die Handwerker noch die Händler in den städtischen Basaren, weder die Kleinindustriellen noch die Reichen seien mit der Macht zufrieden, die einst mit Unterstützung der Engländer und mit einem kemalistischen Programm angetreten war: Nationalismus, Säkularisierung und Modernisierung. Die tiefe Verwurzelung in der schiitischen Religion, die außerdem das nationale Bewusstsein bestimmte, suchte schon Reza Khan, ab 1921 an der Macht, durch ein künstliches «Ariertum» zu ersetzen, was aber gründlich misslang: Von dem ganzen kemalistischen Programm blieb den Pahlevis aufgrund der internationalen Lage und der internen Kräfte nur ein einziger Knochen übrig, an dem sie nagen konnten: die Modernisierung. Aber diese Modernisierung wird von den Menschen zutiefst abgelehnt. Der gegenwärtige Todeskampf des iranischen Regimes bildet die letzte Phase einer Episode, die vor gut sechzig Jahren ihren Anfang nahm, des Versuchs nämlich, die islamischen Länder nach europäischem Vorbild zu modernisieren. Der Pahlevi-Clan behandelte das Land wie sein Eigentum, Konzessionen, Einnahmequellen und Posten wurden an Verwandte und Günstlinge vergeben, die Einnahmen aus den iranischen Ölvorhaben flossen der Regierung zu, die damit eine der größten Armeen Asiens und ihren Polizeiapparat finanzierte. Foucault trifft einen Ökonomen: «Nein», hat er mir gesagt, «die Korruption ist keineswegs die unglückliche Begleiterscheinung, die eine Entwicklung unseres Landes behindert, sie ist keine bloße Schwäche der Dynastie. Vielmehr ist sie von jeher deren Form von Machtausübung und ein fundamentaler Mechanismus der Ökonomie. Sie bildet letztlich das Bindeglied zwischen Despotie und Modernisierung. Sie ist bei uns keineswegs nur ein mehr oder weniger heimliches Laster. Sie ist das Regime.» Dann begreift man, warum das iranische Volk in den Pahlevis ein Besatzungsregime erblickt. Ein Regime, das dieselbe Form und dasselbe Alter hat wie all die Kolonialregime, die den Iran seit dem Beginn des Jahrhunderts unterjocht haben. Also reden Sie in Europa bitte nicht länger vom Pech eines Herrschers, der zu modern für ein allzu altes Land sei. Alt ist hier im Iran vor allem der Schah. Vor dem Hintergrund dieser gescheiterten «Modernisierung» wendet sich Foucault dem Islam zu, der in Iran zur bestimmenden sozialen wie theoretischen Matrix geworden ist, die politisches Denken und Handeln strukturiert. Das Regime löst Demonstration zunehmend mit Waffengewalt auf und schlägt Aufstandsversuche blutig nieder. Foucault berichtet von der Beerdigung der Opfer des ersten Septemberwochenendes, des «schwarzen Freitags» kurz vor dem Erdbeben in Tabass, auf der erregt diskutiert wird. Im Zentrum der Debatten stehen die Mullahs. Und noch acht Tage vorher zogen gleichfalls Tausende unbewaffnet durch die Straßen Teherans, vorbei an schwer bewaffneten Soldaten, und riefen: «Islam! Islam!» – «Soldat, mein Bruder, warum solltest du auf deinen Bruder schießen? Komm mit uns den Koran retten.» – «Khomeyni ist Husseins Erbe. Khomeyni, wir folgen dir.» Ich kenne mehr als einen nach unseren Kategorien «linken» Studenten, der auf das Transparent, das er in die Höhe hielt, in großen Buchstaben die Forderung nach einem «islamischen Staat» geschrieben hatte.
 | Studentenproteste gegen die Theokratie im Juni 2003 | Foto: AP |
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Wo aber liegt die Wurzel dieser Kompatibilität zwischen dem «linken» Motiv der Befreiung von der Despotie und der Forderung nach dem islamischen Staat? Foucault spricht unter anderem mit Chariat Madri, der höchsten religiösen Autorität im Land. Er wendet sich bald darauf, im Februar 1979, gegen den aus dem Exil zurückgekehrten Khomeyni. Er fördert die Gründung der republikanischen Volkspartei als Opposition zur Partei der islamischen Revolution. Sein Leben verbringt er nach dem Sieg der islamischen Revolution in Hausarrest. Mit Verweis auf den messianischen Glauben an das Erscheinen des Mahdi, des zwölften Imams, in der mystischen Tradition des Schiitentums, erklärt Madri: «Wir erwarten den Mahdi, aber wir kämpfen jeden Tag für eine gute Regierung.» Foucault informiert sich:Eine Glaubensfrage: Für die Schiiten ist der Koran gerecht, weil er den Willen Gottes zum Ausdruck bringt, aber Gott selbst wollte gerecht sein. Die Gerechtigkeit schafft das Gesetz und nicht etwa das Gesetz die Gerechtigkeit. Diese Gerechtigkeit muss man natürlich jener «Schrift» entnehmen. die Gott dem Propheten diktiert hat... Und eine Organisationsfrage: Im schiitischen Klerus beruht die religiöse Autorität nicht auf einer Hierarchie. Man folgt demjenigen, den man hören möchte. Die großen Ayatollahs der Zeit, die ein ganzes Volk dazu gebracht haben, gegen den König, dessen Polizei und die Armee auf die Straße zu gehen, diese Ayatollahs sind von niemandem ernannt worden. Man hört ihnen zu. Foucault liest die schiitische Religion als Struktur und Ausdrucksform, als eine «weithin akzeptierte Organisation, eine Form des Zusammenseins, des miteinander Sprechens und einander Zuhörens». Mit dieser Interpretation leistet er für das Verständnis der islamischen Revolution und der Tatsache, dass sie von einer großen Zahl der Iraner unterstützt wurde, mehr als eine Interpretation, die sich auf westliche Begriffe des Politischen stützt. Dennoch – oder vielleicht auch gerade deswegen – trägt ihm diese Lesart den immer noch gerne wiederholten Vorwurf ein, ein totalitärer Denker zu sein. Wer von «politischer Spiritualität» spricht, die Europa seit der Renaissance nicht mehr kennt, macht sich schnell lächerlich, befürchtet er selbst. So abwegig der Vorwurf des Totalitarismus ist, so sehr leistet Foucault ihm allerdings selbst Vorschub durch seine bemerkenswerte Fehleinschätzung darüber, wie die vielfache Forderung nach einem «islamischen Staat» durch die Iraner zu verstehen sei. Er formuliert sie in «Le Nouvel Observateur» vom 16.-22. Oktober 1978: Eines muss klar sein: Unter einem «islamischen Staat» versteht niemand im Iran ein politisches Regime, in dem der Klerus die Leitung übernähme oder den Rahmen setzte. Mir schien, dass der Ausdruck zwei Dinge bezeichnen sollte. «Eine Utopie», sagten mir manche, ohne dem Wort einen pejorativen Unterton zu geben. «Ein Ideal», sagten die meisten. Bald darauf fügt er hinzu, Khomeyni sage nichts, «außer nein: zum Schah, zum Regime, zur Abhängigkeit». Khomeyni sei kein Politiker, es werde weder eine Khomeyni-Partei, noch eine Regierung Khomeyni geben, der Ayatollah sei lediglich der «Fixpunkt eines gemeinschaftlichen Willens». So illusionär und naiv diese Einschätzung heute anmutet, so richtig sind die Schlussfolgerungen, die Foucault aus seinen Gesprächen zieht, als die Revolution im Februar 1979 gesiegt hat: Seit gestern kann jeder muslimische Staat von innen her revolutioniert werden, auf der Grundlage jahrhundertealter Traditionen. Das ist vielleicht die erste große Erhebung gegen die weltumspannenden Systeme, die modernste und irrsinnigste Form der Revolte. Wie irrsinnig diese Revolte noch werden würde, konnte Foucault nicht ahnen. Weder dürfte er sich vorgestellt haben, dass radikale Islamisten einst die Twin Towers mit Passagierflugzeugen angreifen würden, noch zeichnete sich jene Form von Globalisierungskritik ab, die von allen guten Geistern verlassen zur Unterstützung des Widerstands in Irak aufruft. Dennoch sind Foucaults Artikel keineswegs überholt. Zum einen eröffnen sie eine Perspektive, die zu studieren den phantasielosen neokonservativen Parteigängern eines abstrakten Universalismus der Formen gut tun würde. Zum anderen warnen sie alle selbsternannten Anwälte der Unterdrückten davor, allzu naiv auf einen allgemeinen, überall anzutreffenden Willen zur Emanzipation zu bauen. Foucaults Artikel über die iranische Revolution sind vor kurzem im dritten Band von «Dits et Ecrits. Schriften» bei Suhrkamp erschienen. Der Band umfasst die Jahre 1976-1979, hat 950 Seiten und kostet in der Taschenbuchausgabe 56 Euro.
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