16.01.2004
Herausgeber: netzeitung.de
Lagerkommandanten Bach und Zietlow
Foto: RTL
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
RTLs Dschungelshow denunziert ihr Personal und propagiert dabei vor allem eine Tugend: Selbstmanagement unter allen Umständen.
Von Ulrich GutmairJede Epoche kennt ihre spezifischen psychischen Störungen. Vor hundert Jahren war es die Neurasthenie, jene ominöse Nervosität, die die Beschleunigung der Industriegesellschaft produzierte. Heute ist es die narzisstische Persönlichkeitsstörung. Wer eine solche sein eigen nennen darf, ist fit fürs deregulierte Wirtschaften und seinen medialen Exerzierplatz namens Reality TV.
So versammeln sich also seit einigen Tagen mehrere Mensch gewordene Ich-AGs um ein Lagerfeuer im australischen Dschungel und versuchen eine möglichst gute Figur vor Millionen von Fernsehzuschauern abzugeben. Dass ihnen das kaum gelingen kann, hat einen schlichten Grund: Das Konzept der Sendung besteht eben darin, die Kandidaten für den «Dschungelkönig» möglichst alt aussehen zu lassen.
They can survive on this for many, many weeksDie Wahl des Austragungsorts hat dafür gute Voraussetzungen geschaffen, im australischen Dschungel ist es heiß, was nicht bedeutet, dass es nicht alle zwei Stunden regnen würde. Die Monotonie des Alltags und die eintönige Kost tun ihr Übriges, um die Kandidaten zunehmend derangiert, hin und wieder auch apathisch wirken zu lassen. Ob das stetige Kämmen Susan Stahnkes Anzeichen von Hospitalismus sind, oder sich lediglich dem Schein verdankt, der durch stetige Wiederholung erzeugt wird, können nur die Regisseure klären.
Der freundliche australische Lagerarzt erklärt den Zuschauern aber immerhin, dass die tägliche Einnahme von Bohnen und Reis durch Vitamingaben und Elektrolyte ergänzt werde, im Prinzip also auch einem längeren Aufenthalt unter diesen Bedingungen nichts entgegenstünde: «They can survive on this for many, many weeks.» Interessanterweise ist dabei immer nur vom «Camp» die Rede, was natürlich nichts anderes als die freizeitgesellschaftliche Übersetzung von «Lager» ist, das seinerseits dann doch zu sehr an Örtlichkeiten erinnern würde, die die jüngere Geschichte und Gegenwart nicht nur auf symbolischer Ebene maßgeblich prägen.
Agenten der BiopolitikIm Lager trägt man Uniform, und so sieht man die Insassen des Dschungelcamps, wenn sie nicht halbnackt in ihren Hängematten vegetieren oder sonstwie sinnlos herumlungern, in standardisierten roten Hosen herumlaufen, auch die Hüte sind normiert. Statt einer Nummer auf der Brust tragen sie Telefonnummer und Namen auf ihren solchermaßen personalisierten T-Shirts mit sich herum. So kann man die Leute vor den Schirmen schon mal daran gewöhnen, dass in Zukunft stetige Identifizierbarkeit als normal zu betrachten ist. Der «Krieg gegen den Terror» und seine Biopolitik des erfassten und markierten Körpers wird von den Verantwortlichen bei RTL auf beispielhafte Weise unterstützt. Otto Schily kann seine biometrischen Ausweise schon mal bestellen.
Warum aber sehen wie am Mittwochabend knapp acht Millionen Zuschauer, was einem Marktanteil von circa 30 Prozent entspricht, sich das öde Treiben im Freizeitknast an? Die Antwort ist einfach: Das Privatfernsehen hat noch nie so offen seine «Prominenten» denunziert. Auf der Website wird Susan Stahnke als «Heul-Suse» betitelt, die forsche Caroline Beil firmierte kurzzeitig als «Hackebeil». Das nur auf den ersten Blick Paradoxe dabei ist, dass auf RTL nun einerseits ein Format zu sehen ist, das «Superstars» zu produzieren vorgibt, nun aber gleichzeitig «Prominente» vor laufender Kamera demontiert werden.
Die Pflicht, noch jeden Schwachsinn mitzumachenDie Moderationen der Lagerkommandanten Bach und Zietlow verhehlen für keinen Moment, dass es bei diesem Format in erster Linie um Häme und Schadenfreude geht, und vor allem darüber, die bislang eher versteckte Seite von Reality TV zu thematisieren: Bach und Zietlow repräsentieren nun den wissenden Zuschauer, der sich nun offen am durchaus selbst verschuldeten Elend des Medienpersonals weiden, darüber hinaus aber auch die Verantwortung für das alles übernehmen soll. «Das waren Sie, nicht wir!» kommentierte die stets gut gelaunte Kommandeuse Zietlow etwa den Gang der Kandidatin Beil in den stinkenden Morast.
So ertappt man sich also selbst dabei, wie man nicht ohne Abscheu, aber dennoch fasziniert dem absurden Treiben der Egomanen zusieht. Wie etwa der Lagermob über Susan Stahnke herfällt, weil die nachher ein Buch schreiben will über ihre Erlebnisse mit den anderen Ich-AGs. «Hintergangen» fühlen sich da die Insassen, als gäbe es unter den Bedingungen des TV-Gulags noch irgendeine bürgerliche Idee von Anstand und Moral.
Man sieht erstaunt zu, wie Mariella Ahrens sich weigert, zu den Kompositionen von Costa Cordalis «herumzuhüpfen». Irgendwo muss ja eine Grenze sein, und sei es auch nur das Limit, das die Zielvorstellung vom eigenen Image setzt. Interessant wiederum, wie Lisa Fitz Ahrens daraufhin böse nachäfft, weil sie offenbar der Ansicht ist, dass man noch jeden Schwachsinn mitzumachen verpflichtet ist, sobald die Kamera läuft.
Über den DingenDie Moral, die hier gilt, lässt sich in einem kurzen Satz formulieren: Auch Selbsterniedrigung ist nichts anderes als eine Form des Selbstmanagements. Sobald man sich dessen bewusst ist, lässt sich's leben im Universum der Talkshows, People-Propaganda und Gerichtsformate. Denn wer etwaige Zumutungen zumindest theoretisch abzulehnen bereit ist, weil sie nicht dienlich scheinen, andererseits aber noch jedes Mitmachen bei einer Ekel erregenden Aktion als Ergebnis einer freien Wahl interpretiert, steht wahrlich über den Dingen.
Caroline Beil hat das verstanden. Ob die Moderatorin von «Blitz» aber tatsächlich glaubte, ihre im Busch geflüsterten bösen Kommentare würden überhört werden, oder sie sich vielmehr als Agent Provocateur verdingt hat, werden wir wohl nie erfahren.