07. Jan 2004 13:06
Es mangelt im deutschen Bildungswesen nicht an einer Elite, sondern an Leistungsgerechtigkeit. Die Hochschulen spiegeln nur die Unzulänglichkeiten des ganzen Systems.
Von Joachim WidmannIn einem Land, in dem für Kindergarten und Vorschule Gebühren in wachsender Höhe zu zahlen sind, für ein Studium dagegen sinkendes Niveau oder Stagnation in Kauf genommen wird, so lange keine Gebühren erhoben werden, stimmt etwas nicht. In so fern ist es richtig, über neue Ansätze zur Bildungspolitik nachzudenken. Es ist auch erfreulich, dass nunmehr endlich ohne Berührungsangst von einer «Bildungselite» die Rede ist, die besonders gefördert werden solle. Massenhochschule und Bildungselite – das passt nicht zusammen.
Mit der SPD-Debatte über «Elite-Universitäten» beginnt also etwas Richtiges, aber mit einem im Kern falschen Ansatz. Die PISA-Studie hat für Deutschlands Schulen ergeben, dass es hier nicht an herausragenden Leistungen fehlt, sondern dass der Durchschnitt zu schlecht ist. Das gilt auch für die Hochschulen, wo das Problem systemtreu fortbesteht. Von der bislang in ihrer Bedeutung verkannten Früherziehung bis zum Hochschulabschluss gibt es zuwenig Begabten- und Minderbegabtenförderung. PISA wies für das Schulwesen die Folge aus: In Deutschland bestimmt wie in keinem anderen vergleichbaren Land die soziale Herkunft über die Karriere.
Das hat viele überrascht, da hier höhere Bildung zum Nulltarif verfügbar ist. Doch ist offenbar nicht der Tarif entscheidend, wie Konservative glauben machen wollen, die durch PISA viele ihrer Thesen zur Vermassung des sozialdemokratisch geprägten Spitzenbildungswesens bestätigt sahen. Entscheidend ist der Umgang mit den Potenzialen der Auszubildenden. Es gibt offenbar zuwenig Impulse zur Motivation von Spitzenleistungen, und es gibt die schleichende Ausgrenzung derer am anderen Ende des Leistungsspektrums.
Es bedarf also nicht allein der verbesserten Honorierung und Förderung von Eliten, sondern der Würdigung der Leistungen und Fähigkeiten jedes Einzelnen. Ein gerechtes und effizientes Bildungssystem bietet nicht, wie das überkommene, möglichst vielen die Chance, irgendwie irgendetwas zu studieren und irgendeinen Hochschulabschluss bekommen zu können – es muss jedem, nicht nur an der Spitze, optimale Chancen bieten, und zwar jedem auf dem selben Leistungsniveau unabhängig von seiner Herkunft die gleichen.
An den Universitäten könnten Studiengebühren allerdings regulierend wirken. In den als beispielhaft gepriesenen Hochschulsystemen anglo-amerikanischer Prägung stehen teils sehr hohe Gebühren leistungsorientierten Stipendien gegenüber. Das eine sorgt für die gute Ausstattung der Hochschulen, das andere für den Zugang finanziell minderbemittelter Leistungsträger.
Gebühren-Gegner sehen hier zu Recht die Gefahr, dass trotz Stipendien Geld- und Bildungselite – auch bei Minderbegabung – in eins fallen und die soziale Durchlässigkeit nachlässt. Daher sollte nicht die Zahlungsfähigkeit, sondern allein die Leistung über Zulassung zum Studium und dessen Abschluss entscheiden, um Gerechtigkeit herzustellen. An deutschen Hochschulen darf es nicht möglich bleiben, sich insbesondere in den Geisteswissenschaften (aber nicht nur dort) mit mäßigen bis schlechten Arbeiten zu einem halbwegs anständig benoteten Abschluss durchzumogeln. Effizienz und Niveau der Lehre und wissenschaftliche Qualität müssen steigen, und das nicht allein an der Spitze. Schon Schulen müssten sich am Ergebnis ihrer Absolventen messen lassen. Und zur Motivation darf endlich Wettbewerb nicht nur unter Studierenden herrschen – einheitliche Hochschul-Finanzierungsschlüssel und die unbefristete Professur zum Garantietarif sind produktiver Konkurrenz nicht förderlich. So weit, daran rühren zu wollen, geht die SPD aber bislang nicht.
Wenn das Bildungswesen insgesamt solchen Ansprüchen zu genügen hat, ist die Massenuniversität überall Geschichte, mit weitaus größerem Effekt für die Elitenbildung als ein paar finanziell bessergestellte Spitzeninstitute auf der grünen Wiese, die unter weiter baulich und inhaltlich verkommenden, überlaufenen Unis mit veraltender Ausstattung und inaktuellen Bibliotheken die Ausnahme wären. Zugleich aber muss dafür gesorgt werden, dass jene, die den Zugang zur Spitzenausbildung nicht erhalten oder den Abschluss nicht schaffen, adäquate Bildungsmöglichkeiten vorfinden.
Hier bieten die Fachschulen Möglichkeiten, sie dürfen aber ihrerseits nicht zum Massenbetrieb oder Auffangnetz für Uni-Untaugliche verkommen. Der Fachkräftemangel in der deutschen Wirtschaft war durch die Massenuniversität so wenig zu beheben, wie er durch allzu eng ausgerichtete Spitzenförderung gemildert würde: Nur wenn jeder seinen Fähigkeiten gemäß und mit einer gewissen Orientierung an den Anforderungen des Arbeitsmarkts ausgebildet wird, kann sich Erfolg einstellen, der immer im Sinne wohlverstandenen Wettbewerbs unter den Instituten messbar wäre. Dies Projekt wäre ungleich ambitionierter, deutlich teurer, aber langfristig wesentlich lohnender und übrigens auch mehr im Sinne reformierter Sozialdemokratie als die diskutierten «Elite-Unis», die sich davor als bloßer PR-Gag ausnehmen.