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Jean Baudrillard: 

Spuren des Verfalls

31. Dez 2003 07:40
Jean Baudrillard fotografiert seit zwanzig Jahren. Erstmals werden seine Arbeiten in Deutschland gezeigt. Der Meisterdenker der Postmoderne überrascht mit seiner Obsession für die Vergänglichkeit samt einer Prise Edelkitsch.

Von Oliver Heilwagen

Ihm hätte man diese Nebenbeschäftigung am allerwenigsten zugetraut. Einem Hobby mit künstlerischem Anspruch, vorzugsweise in einer leicht zu erlernenden Technik, frönen viele im popkulturellen oder literarischen Showbusiness: Der Schauspieler Dennis Hopper knipst gerne, der Rockstar Bryan Adams gibt ein Hochglanzjournal heraus; Madonna schreibt Kinderbücher und Günter Grass zeichnet. Aber Jean Baudrillard? Der Meisterdenker der Postmoderne als Kunstfotograf?

Rund 100 seiner Arbeiten sind derzeit in der Kasseler Kunsthalle Fridericianum zu sehen: Es ist Baudrillards erste Ausstellung in Deutschland – in Graz wurde er bereits 1999 gezeigt – und zugleich seine bislang größte. Begonnen hat er mit der Fotografie Anfang der Achtziger Jahre, als er in akademischen Kreisen enorm populär wurde. Als Theoretiker anfingen, den Pop-Underground zu analysieren, und der wiederum die ironische Affirmation des Bestehenden als Stilmittel entdeckte, lieferte Baudrillard dazu die Stichworte.

Bittersüßer Nihilismus

Der eleganteste Stilist unter den französischen Poststrukturalisten reformulierte den Kulturpessimismus der Frankfurter Schule für das multimediale Zeitalter. Seine griffigen Parolen vom «Aufstand der Zeichen», der «Agonie des Realen» und der «permanenten Simulation» waren so leicht goutierbar wie schwer verständlich. Der bittersüße Nihilismus seiner Paradoxien und Aporien verlieh dem einen zeitgemäßen Ausdruck, was eine Generation zuvor von Adorno «universeller Verblendungszusammenhang» genannt worden war.

Doch in den Neunzigern, als das Sowjetsystem und mit ihm alle Utopien und Luftschlösser zusammenbrachen, kam Baudrillard aus der Mode: Angesichts sehr realer Probleme verlangte man nach Eindeutigem. Seiner hermetischen, mit Aphorismen gespickten Philosophie wurde zynische Effekthascherei vorgeworfen. Mittlerweile aber ist die Ironisierung der Welt in der Harald-Schmidt-Show verendet und die Sehnsucht nach neuer Ernsthaftigkeit groß. Es wäre Zeit für eine Baudrillard-Renaissance.

Kontemplative Schau der Oberflächen

Denn sein Thema, das Unbehagen an der Informations- und Spaßgesellschaft, ist unverändert aktuell. Sein Katalogbeitrag bündelt noch einmal zentrale Motive seines Denkens: Die Daten- und Bilderflut der Kommunikationskanäle produziert einen Bedeutungsüberschuss, der jeden zerstreut und überfordert. In dieser «Hyperrealität» ist uns der unmittelbare Kontakt zur Wirklichkeit abhanden gekommen.

Einen Ausweg aus dem Spiegelkabinett der Täuschungen und Illusionen sucht Baudrillard nun ausgerechnet in der Fotografie: Als unwiederholbare Momentaufnahme einer Konstellation, die längst verschwunden ist, biete sie einen nicht manipulierten Zugang zu den Dingen. In der kontemplativen Schau der Oberflächen soll der Betrachter eine Welt erkennen, deren Werden und Vergehen sehr gut ohne ihn auskommt. Dieser schwärmerische Stoizismus wird von uralten, platonistischen Vorstellungen gespeist. Baudrillard rühmt die Fotografie als «Ecriture automatique des Lichts»: Idealerweise könne sich die Welt ohne Zutun des Subjekts gleichsam selbst im Bild festhalten.

Algenbewuchs und Rostfraß

Man kann Baudrillards Aufnahmen als Illustrationen seiner Thesen auffassen. Man kann diese auch ignorieren und einfach die betörende Schönheit seiner Vanitas-Darstellungen genießen, die während ausgedehnter Reisen entstanden. Ob in Lateinamerika, auf den Komoren oder in der französischen Provinz: Überall hält er die Spuren der Vergänglichkeit allen Seins fest.

Meist wählt er Nahansichten von Details, die ort- und zeitlos scheinen. Obwohl offenbar Zufallsfunde, wirken die Bilder liebevoll komponiert und arrangiert. Der Fotograf schwelgt in satten Komplementärfarben und dramatischen Hell-Dunkel-Kontrasten.

Oft scheint die Abendsonne und überzieht alle Stadien des Verfalls mit goldenem Schimmer. Abblätternde Farbe, verwitternder Putz, Algenbewuchs und Rostfraß sind Baudrillards malerisch inszenierte Sujets. Die Nähe zum Edelkitsch schreckt aber nicht ab: Dafür sind die ausgesuchten Objekte zu unspektakulär. Baudrillard ist fasziniert von Symbolen der Flüchtigkeit und des Übergangs wie Eisblumen, Schiffsrümpfen und Autowracks.

Wenn Menschen auftauchen, dann nur als Schatten ihrer selbst. Das trifft auch auf seine Selbstporträts zu: Den hinfällig werdenden Körper schonungslos entblößt, das Gesicht hinter der Kamera verborgen, lichtet er sein Spiegelbild ab. Als wolle er, wie mit vielen seiner Theoreme, nur die Gültigkeit einer alten Einsicht demonstrieren: Ars longa, vita brevis.

«Jean Baudrillard - Die Abwesenheit der Welt»: Bis 29. Februar in der Kunsthalle Fridericianum Kassel. Katalog 15 Euro.

 
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