Howard Dean:
Deans neues Amerika
29. Dez 2003 07:47
 | Howard Dean, kurz vor Weihnachten in Litchfield, New Hampshire | Foto: Quelle |
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Howard Deans Kampagne stiftet mithilfe des Internet soziale Netzwerke. Die Anhänger des demokratischen Präsidentschafts- kandidaten wollen eine Gemeinschaft wieder, die es in der Vorstadt längst nicht mehr gibt.
Von Anjana ShrivastavaIm Rahmen seiner Präsidentschaftskandidatur hat Howard Dean innerhalb eines Jahrs eine landesweit agierende politische Organisation aus dem Boden gestampft. Die Dean-Kampagne wird von den Amerikanern als so außergewöhnlich empfunden, dass sich bereits einige Legenden um sie ranken. Die Medien stürzen sich auf die jungen Leute, die für den ehemaligen Gouverneur aus Vermont arbeiten und rückblickend erklären, ihre Arbeit habe mit einer Art Bekehrung begonnen.
Viele der Programmierer, die in Vierzig-Stunden-Schichten in den überfüllten Büros der Kampagne in Burlington, Vermont arbeiten, erzählen eine ähnliche Geschichte: Sie befanden sich im Frühjahr 2002 irgendwo in den USA, als sie den 54-jährigen Dr. med. Dean sprechen hörten. Sofort entschieden sie sich dafür, alles stehen und liegen zu lassen, und für den Mann zu arbeiten, den das Weiße Haus bereits als den Herausforderer im nächsten Jahr betrachtet.
Die Verlierer der New Economy
Doch es war wohl nicht allein das rhetorische Talent von Howard Dean, das der Bekehrung zum Deantum zugrunde lag. Viele der freien Berater aus der Computerbranche, die typische Vertreter des neuen politischen Glaubens sind, haben noch eine andere Erfahrung gemeinsam, nämlich die eines unbestreitbar romantischen Scheiterns in der Technologiebranche. Die Dean-Jünger wurden zu solchen in den Tagen und Wochen nach dem 11. September und dem Crash an der Wall Street, als sie alle Hoffnungen auf die Segnungen der New Economy fahren lassen mussten.
Viele junge Männer, die sich selbst schon als die unternehmerischen Helden von morgen sahen, waren plötzlich mit einer ungewissen Zukunft konfrontiert. Eine Reporterin der «New York Times» ist diesen Schicksalen genauer nachgegangen. Sie erzählt etwa die Geschichte eines jungen Programmierers, der seiner Freundin einen teuren Diamantring gekauft hatte, in den USA die Manifestation des unbedingten Willens zur Heirat und gleichzeitig der Ausweis, eine gute Partie zu sein. Als der junge Mann diesen seiner Angebeteten überreichen wollte, wurde jedoch auch dem weltabgewandten Computerfreak schnell klar, dass jene den Ring angesichts der allgemeinen Lage als Relikt der Vergangenheit und nicht etwa Ausblick in die Zukunft begriff und keine Anstalten machte, das Geschenk anzunehmen.Der enttäuschte junge Mann tauschte den Ring daraufhin gegen einen VW-Passat, mit dem der Waise der New Economy nach Vermont reiste, um dem neuen Messias des Netzes, Howard Dean zu dienen. Und in der Tat ist es vor allem den jungen Computerfachleuten in Deans Kampagne zu verdanken, dass dessen «100-Dollar-Revolution» verfangen konnte. Sie besteht darin, dass Wähler über die neu errichteten Netzwerke dazu animiert werden, 100 Dollar für die Kampagne zu spenden oder ihre Freunde und Bekannten dazu überreden, eben das zu tun.
Wenn nicht gewinnen, dann wenigstens heiraten
Während die Denker der Kampagne wie der langjährige demokratische Aktivist Joe Trippi hier Parallelen zu den vom Volk getragenen Revolutionen im 18. Jahrhundert ziehen, betrachten die Programmierer diese Revolution unter rein technischen Gesichtspunkten. Für sie trägt die Revolution unter anderem den Namen «meetup.com». Die Website und die dort implementierte Software erlauben es Unterstützern der Kampagne, schnell und unkompliziert Treffen mit Kollegen in ihrer Stadt oder Region zu organisieren. Noch wichtiger aber war die Einführung des «deanspace», einer Software, die dem populären Friendster-System ähnelt. Sie ermöglicht es, im Rahmen der politischen Aktivitäten ein persönliches Netzwerk von Freundschaften zu knüpfen oder sogar einen Partner zu finden.Im 19. Jahrhundert tauschten Parteien in den USA Wählerstimmen, oft die von Immigranten, gegen soziale Leistungen. Heute, in einer mobilen und atomisierten Welt, scheint die adäquate Form der Patronage darin zu bestehen, soziale Netzwerke und Freundschaften zu ermöglichen. Für die jungen Programmierer der Kampagne, die sich von gespendetem Essen ernähren oder im Stil von Asketen in der Wüste gar nur ungekochte Nudeln essen, sind dies die perfekten Mechanismen, um das Leben der Schüchternen und Einsamen zu verbessern.
Die größten Triumphe über solch widrige Lebensumstände feiert der 14-jährige Jonathan Kreiss Tomkins, der auf einer abgelegenen Insel vor Alaska aufgewachsen ist, und Hunderte von Brieffreundschaften pflegt. Nun rekrutiert online Unterstützer für die Kampagne. Aber auch die Frauen in der Kampagne schätzen diese Aspekte der Kampagne, so etwa Tricia Enright, Deans Pressesprecherin, die der «New York Times» schwor: «Und wenn es das letzte ist, was ich in dieser Kampagne mache: Heiraten werde ich!» Enright hat eine gute Ausgangsposition, im «Dean-Kalender» zeigt sie sich als «Miss Februar», die erschöpft und zusammengefaltet im Flugzeug schläft.
Paracetamol statt ärztliche Hilfe
Romantische Frustration oder gar Verzweiflung hat immer schon nach einem Helden gerufen, sei es der junge Werther oder Lord Byron. Hier ist es Howard Dean, reicher Erbe und Kind der Park Avenue, der sich eine Yankee-Persona zugelegt hat, die im Stil Uncle Sams mit dem Finger zeigt, so wie George W. Bush, sein Kommilitone aus Yale, den daher stolzierenden Texaner gibt. Er sagt, was Sache ist, und mag keine Journalisten: Das politische System ist gescheitert. Es ist daran gescheitert, eine echte außenpolitische Debatte in Sachen Irak zu eröffnen, es ist daran gescheitert, den Einfluss der Lobbyisten und Interessenvertreter in Washington einzudämmen, und vor allem: Es ist daran gescheitert, ein effektives Gesundheitssystem für die Bürger bereit zu stellen. Es war das Problem der Gesundheitsfürsorge, das Dean überhaupt in die Politik gehen ließ. Als junger Armenarzt im Vermont der frühen Achtziger fiel ihm auf, dass die Leute teure Notbehandlungen in Anspruch nahmen, weil ihnen vorher das Geld gefehlt hatte, rechtzeitig Beschwerden behandeln zu lassen. Immer wieder musste er etwa Kinder mit Halsentzündungen behandeln, deren Eltern sie lange nur mit Paracetamol behandelt hatten, weil sie sich keinen Arzt leisten konnten.
Ärzte sind abhängig geworden
Damals entschied er, dass sein hippokratischer Eid, der ihn verpflichtete, das Wohlergehen seiner Patienten obenan zu stellen, von ihm forderte, in die Politik zu gehen, um das Gesundheitssystem zu verbessern. Zu jener Zeit wäre die Forderung nach einem Gesundheitssystem wie dem deutschen, das er offen bewundert, immer noch großem Widerstand in der Ärzteschaft begegnet. Heute aber haben viele Ärzte das Gefühl, dass sie nicht allein das System besiegen können. Viele von ihnen, die früher als freie Ärzte praktizierten, sind heute überarbeitete Angestellte geworden, die kaum mehr die Kontrolle darüber besitzen, wie sie praktizieren möchten. Nun scheint Dean immerhin darauf setzen zu können, dass ihm hier kein Widerstand mehr entgegengesetzt wird, wenn er versucht, sein Vermonter Modell einer beinahe allgemeinen Krankenversicherung für das ganze Land durchzusetzen.Es scheint, als ob Dean von einer virtuellen Kanzel spricht, wenn er etwa Pharmafirmen ermahnt, ihre Produkte nicht öffentlich zu bewerben. Er mag es nicht, wenn sentimentale Fotos mit weißhaarigen Großmüttern eingesetzt werden, die ihre Enkel herzen und dem Unternehmen für ein weiteres Wunder danken. Er glaubt, es reiche völlig aus, wenn der Arzt der Familie entscheidet, welche Medikamente notwendig sind.
Eine neue Gemeinschaft stiften
In Deans Reden schimmert dabei manchmal etwas von den alten puritanischen «Jeremiaden» durch, jenen Predigten calvinistischer Priester, die sich den zerstreuenden Effekten des Lebens in der Neuen Welt entgegenstemmten. Sie ermahnten ihre Kongregationen, nicht vom kirchlichen Pfad des Guten abzuweichen. Heute behaupten die Einwohner der Schlafstädte, in denen es kaum mehr einen öffentlichen Raum gibt, sie würden im Zuge der Dean-Kampagne eine neue Gemeinschaft stiften können. Auch nach allen bekräftigenden Einlassungen aus der demokratischen Partei, nachdem sich etwa Al Gore oder der Gouverneur von New Jersey öffentlich für Dean ausgesprochen haben, bleibt Dean dennoch der Kandidat, der von außen kommt. Ihn trägt der Charme des Amateurhaften, des radikalen Individualisten. Vor allem aber ist Dean der irgendwie hippe Patriarch in einem Land, in dem seit jeher gilt: «Vater weiß es am besten». Dies in einer Situation, in der sich gut ausgebildete Väter so wie ihre ebenfalls gut ausgebildeten Söhne oft schwer tun, mit den Aufgaben zurecht zu kommen, die ihnen das wirkliche Leben stellt. Schon porträtiert ein bereits gedrehter, aber noch nicht gesendeter Wahlkampfspot von Bush/Cheney die Demokraten als einen «Haufen zorniger Männer».