22. Dez 2003 07:46, ergänzt 07:50
Kay Sokolowsky ergründet in seinem Buch die «Methode Harald Schmidt». Mit der Netzeitung sprach er über Schmidts Antifernsehen, Schamlosigkeit, heilige Bildung und den Papst-Defekt.
Sokolowsky: Sie freuen sich dann aber über den Witz, den sie verstehen. Ich glaube, dass jeder Komiker, der etwas taugt, nicht bei jedem seiner Fans hundertprozentig funktioniert. Ich glaube nicht, dass etwa Otto Waalkes mit jedem seiner Witze sein Publikum auch erreicht hat, oder anders herum: Der eine mag am liebsten die zotigen Witze, der andere mag am liebsten die albernen Nonsense-Gedichte von Otto. Harald Schmidt verfügt außerdem über ein großes und breit gefächertes Repertoire an komischen Mitteln. Zu den Vorführungen von Orpheus in der Unterwelt oder dem Nachspielen der Illias muss man aber noch etwas anderes festhalten: Das ist schon auf einem Niveau gewesen, dass auch derjenige, der überhaupt keine Ahnung hat, worum es da geht, mitlachen kann, weil gleichzeitig ein gewisser Bildungsanspruch, der darin womöglich versteckt ist, verhöhnt wird. Es geht Schmidt ja auch darum zu sagen: Ich führe euch jetzt mal diese Geschichten so vor, wie sie jemand vorführt, der selber nicht besonders gebildet ist, der nur weiß, dass es sie gibt. Die Art und Weise, in der Harald Schmidt dann diese Geschichte erzählt, ist außerordentlich halbgebildet. Da trifft er sich wieder mit seinem Publikum.
Es ist daher ein großer Irrtum zu behaupten, er würde einen Bildungsanspruch vertreten: Er hat sich lustig gemacht über heilige Kulturgüter, jedenfalls für Bildungsbürger heilige Kulturgüter. Da kann auch ein schlechter Schüler drüber lachen.
Netzeitung: Sie erklären die außergewöhnliche Position, die Harald Schmidt heute im deutschen Geistesleben einnimmt, wie man das früher wohl genannt hätte, auch mit den Folgen der «geistig-moralischen Wende»: Das Privatfernsehen ist eine Instanz zur Aufrechterhaltung eines gesellschaftlichen Zustands, den Sie mit den Begriffen Verblödung, Entmündigung, Analphabetismus umschreiben. Gleichzeitig stellen Sie ganz richtig fest, die Satire Schmidts kenne keine Absichten außer einem guten Lacher. Was ist also der Witz an Schmidt?
Sokolowsky: Einen Lacher wird niemals jemand ablehnen. Der Lacher wird gesucht. Ich bin sehr dankbar dafür, wenn mich jemand zum Lachen bringt, weil das einen sehr befreienden Aspekt hat. Aber Schmidt stellt sich nicht mehr hin und behauptet: Indem ich euch zum Lachen bringe, demaskiere ich mit euch zusammen auch die gesellschaftlichen Verhältnisse. Den Ehrgeiz hat er nicht, also den alten Anspruch von Kabarett und Satire, aufzuklären. Es gelingt ihm zwar recht oft, aufzuklären, aber es ist bestimmt nicht der Antrieb, der hinter seiner Satire steckt. Das ist etwas sehr Neues, das außerdem in einer entpolitisierten Gesellschaft erheblich mehr Anhänger findet als die alte Kabarettmethode. Die Entpolitisierung, die in den letzten zwanzig Jahren stattgefunden hat, hat dazu geführt, dass sich die Leute belästigt fühlen durch alles, was politisch riecht.
Man möchte alles in kleinen Häppchen abgepackt haben, und nichts anderes macht Harald Schmidt. Er liest eine Schlagzeile aus der «Bild» über Florian Gerster und die Steuerreform vor und antwortet dann darauf außerordentlich oberflächlich. Ihn interessiert daran nur noch, was in den Medien aus Politik eigentlich gemacht wird, und reagiert genauso oberflächlich wie diese Medien auf das, was in den Medien passiert.
Netzeitung: Was die Harald Schmidt Show gerettet hat, war ihre Transformation in ein «Familientheater», wie Sie das neue Format nennen. Ist das Provinzielle, Kleinbürgerliche, Hysterisch-Hypochondrische, das dieses Theater immer wieder für sich reklamiert, womöglich der letzte Ort, von dem aus man sich über das flexible, willige, allzeit bereite und immer im Trend befindliche Medienpersonal lustig machen kann?
Sokolowsky: Das kann man auf einer Ebene genau so betrachten: Dass Harald Schmidt eine Figur auf die Bühne stellt, die sehr viele Macken hat und die fortwährend von ihrem Privatleben erzählt und auch einmal Lustlosigkeit äußert. Das ist etwas, was im Fernsehen sonst eigentlich niemand macht. Auf einer anderen Ebene ist das aber auch eine satirische Reflexion dessen, was im Fernsehen selbst passiert. Das Fernsehen sagt: Bleib' bei mir, du wirst ungeheuere Dinge sehen, du wirst Abenteuer erleben!
Die Harald Schmidt Show macht genau das Gegenteil und erklärt: Wenn ihr wollt, könnt ihr mir jetzt bei meinen Monologen zuhören, es kann sein, dass es sehr langweilig wird, dass es euch vorkommt, als ob ihr mit irgendeinem Griesgram im Wartezimmer sitzt, ich kann euch nicht einmal versprechen, dass ich heute besonders lustig bin. Den erdrückenden Umarmungsimpetus des Fernsehens gibt es nicht bei Harald Schmidt. Es gibt nur die Aussicht darauf, jemandem bei einem relativ privaten Vergnügen zuzuschauen. Das hat mich an Harald Schmidt immer am meisten fasziniert: Dass er Antifernsehen im Fernsehen macht.
Netzeitung: Sie sprechen von der Neuen Nürtinger Schule, um deutlich zu machen, dass Schmidt ohne die Neue Frankfurter Schule nicht möglich gewesen wäre.
Sokolowsky: Zumindest hätte er es sehr viel schwerer gehabt. Ich kann das nicht nachweisen, aber ich habe noch keinen Widerspruch zu dieser These gehört: Als die Neue Frankfurter Schule noch populär war, hat sie eine bestimmte Art des ironischen Sprechens etabliert, auf das Harald Schmidt aufbauen konnte. Wenn er etwa mit Playmobilfiguren Hamlet nachspielt und damit ironisch mit kulturellen Heiligtümern umgeht: Ähnliches hat die Neue Frankfurter Schule auch schon gemacht, etwa die Goethe-Parodien, die Henscheid und Gernhardt gemacht haben oder die Schillerparodien von Bernstein oder die Zeichnungen von F.K. Waechter, in denen berühmte, sakrosankte Bilder auf schöne und sehr entspannte Art und Weise parodiert werden.
Ich denke, es ist eben dieses entspannte Flottieren zwischen verschiedenen Tonarten, das Harald Schmidt von ihnen abschauen konnte. Sie haben es möglich gemacht, dass man so etwas machen darf, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Sie mussten sich tatsächlich noch dafür rechtfertigen, die Zeiten gab's ja mal.
Netzeitung: Sie loben Harald Schmidt dafür, dass er die Aufgabe übernommen hat, «den Leuten die billigen Lacher abzugewöhnen». Andererseits zeichnen sie knapp Schmidts Verantwortung dafür nach, dass die Protagonisten der sogenannten Comedy in der zweiten Hälfte der Neunziger auf Schmidts Polenwitze bauen konnten, um mit tatsächlich reaktionären Witzen vor einem eher dummen Publikum zu reüssieren.
Sokolowsky: Ich bin mir bis heute nicht ganz sicher, warum Schmidt die Polenwitze überhaupt komisch fand. Ich muss zugeben, die ersten zwei, drei fand ich komisch, aber zum Schluss war das nur noch eine serielle Produktion dieser Witze. Er hat etwas frei gemacht. Weil es ihm nicht verboten wurde und er deswegen nicht vom Bildschirm verbannt wurde, ist anderen auch erlaubt worden, darauf zu setzen. Aber das ist eine Gefahr, die ein Satiriker immer eingeht und der er sich sogar aussetzen muss. Ein Satiriker, der von vorne herein bestimmte Dinge tabuisiert, wird nicht besonders gut sein.
Dazu fällt mir ein Gespräch mit F.W. Bernstein ein, dem großen Zeichner, Dichter und Gründungsvater der Neuen Frankfurter Schule. Er erzählte, dass er von Juden in England, die zwischen 1933 und 1939 aus Deutschland geflohen waren, ganz erstaunlich boshafte und gut funktionierende Witze über emigrierte Juden gehört hat. Er sagte, das wäre etwas, was er sich für den Rest seines Lebens wünschen würde, dass man auch da Witze machen kann, ohne missverstanden zu werden. Und so etwas ähnliches probiert ja Harald Schmidt aus. Auch er hat den Ehrgeiz, Witze zu machen, die man nicht machen kann – mit allen Gefahren, die das nach sich ziehen kann, dass man etwa reklamiert wird von Leuten, mit denen man nichts zu tun haben will. Jeder Witz kann von den falschen Leuten belacht werden und dafür benutzt werden, um Vorurteile zu pflegen. Aber für einen Komiker darf es eigentlich nichts geben, was ihm heilig ist. Das einzige, was Harald Schmidt heilig ist, ist der Papst. Das ist sein persönlicher Charakterdefekt.
Und falls Sie jetzt von mir noch wissen wollen, was Schmidt als nächstes macht: Der kriegt bei der ARD eine wunderschöne Show ab 22:15 Uhr, dafür werden sie extra die Tagesthemen vorverlegen, sein Partner heißt Herbert Feuerstein, die Show «Schmidteinander II». Er muss sich nur die Haare wachsen lassen, oder setzt sich eine Perücke auf, trägt eine hässliche Brille, keine teuren Maßanzüge mehr, sondern ein billiges Sakko mit Jeans....
Netzeitung: ... und macht das selbe wie vorher.
Sokolowsky: Ich möchte auch den Ausdruckstanz wiederhaben!
Kay Sokolowsky: Late Night Solo. Die Methode Harald Schmidt, Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2003, 143 Seiten, 12,90 Euro.
Mit Kay Sokolowsky sprach Ulrich Gutmair.