Noam Chomsky:
Unkomplizierte Kritik an der Supermacht
05.12.2003
Herausgeber: netzeitung.de
«Staaten sind keine Agenturen für Moral», sondern «Maschinen, die Macht ausüben.» Dies ist die zentrale politische Idee des amerikanischen Linguisten Noam Chomsky. Wenn man die Maschine nicht kontrolliert durch internationales Recht oder durch den Widerstand der eigenen Bevölkerung dann übt sie ungehindert Macht aus. Diese Annahme Chomskys zieht zwangsläufig eine weitere nach sich: Dass der Staat, der am mächtigsten ist, sich am wenigsten um Moral kümmert.
Und in der Tat ist Schurkenstaat Nummer eins für Chomsky aus diesem Grund sein eigener, die USA. Von amerikanischen Regierungen Moral zu erwarten, ist entweder naiv oder opportunistisch, glaubt Chomsky. Man kann einwenden, dass dies ein zu einfacher Interpretationsrahmen ist, in dem Chomsky seit rund 40 Jahren gegen die Politik seiner Regierung anschreibt. Aber Chomsky ist kein Dogmatiker, der Glaubenssätze aufstellt, sondern ein Empiriker, der Belege zusammenträgt. Es ist schwer, gegen die Fakten in den gründlich recherchierten Texte von Chomsky zu argumentieren.
Damit aber sei paradoxerweise eine neue Phase im Rüstungswettlauf eingeläutet worden: «Sofort danach wurden von der amerikanischen Regierung internationale Abkommen unterlaufen, die die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und die Militarisierung des Weltraums begrenzen sollen,» erklärt er. Dies erhöhe die Gefahr, dass Länder, die sich von den USA bedroht fühlen, ebenfalls nach Massenvernichtungswaffen streben werden. Außerdem gebe der Irak-Krieg den islamistischen Terrorgruppen neue Nahrung. «Über kurz oder lang kommen diese beiden Probleme zusammen. Und das kann ein Horrorszenario werden.»
Sprache werde nicht in erster Linie durch das Vorbild erworben, sondern jedes Kind bringe eine Universalgrammatik mit, die es ihm ermögliche, bei entsprechendem Umfeld jede beliebige Sprache zu erlernen. Kurz: Sprache ist wesentlich angeboren und nicht erworben, wie der Behaviorismus meinte. Auch hier taucht das Ideal des freien Menschen auf, der von sich aus kreativ sein kann. Dass Chomsky der Behaviorismus verdächtig war, der meinte, Menschen durch Erziehung problemlos in die eine oder andere Richtung prägen zu können, erklärt sich auch von seinem anarchistisch-liberalen Theoriehintergrund.
In seinem neuen Buch «Hybris» erklärt er in Anlehnung an ein Zitat aus der «New York Times» dass die öffentliche Weltmeinung die einzige verbleibende Supermacht neben den USA sei. Aber er ist zu sehr Anarchist, um dieser zweiten Supermacht mehr als zwei Seiten seines Buches zu widmen: Er glaubt, dass die neuen Protestbewegungen nicht strategische Ratschläge von Gurus brauchen. Wenn sie die öffentliche Propaganda durchschauten, nähmen die Menschen ihre eigenen Interessen selbst in die Hand.
Die Manager und Chefredakteure der Medienkonzerne gehörten ebenfalls zur Elite der «Privilegiengesellschaft» und reflektierten also deren «Klasseninteressen». Die Medien hängen weiter von den Informationen ab, die sie von Regierung und Wirtschaftseliten bekommen. Wer sich darüber hinaus mit Mächtigen anlege, müsse damit rechnen, dass er unter Beschuss gerate. Leichter sei es also, systemkonform zu berichten.
Auch hier ist der theoretische Rahmen nicht besonders anspruchsvoll, aber erneut kann Chomsky Belege beibringen: Besonders beeindruckend ist es, wenn er auflistet, worüber berichtet wird, und worüber nicht berichtet wird: So wurde in amerikanischen Medien viel über die Massaker in Kambodscha berichtet, die offizielle Feinde der USA verübten, während die Berichterstattung über die indonesische Invasion in Ost-Timor zur selben Zeit fast ganz ausblieb. Schließlich verübten hier Freunde der USA die Massaker. Ebenso bekam der Mord an dem polnischen Priester Popieluszko in den achtziger Jahren mehr Aufmerksamkeit als die Ermordung von Erzbischof Oscar Romero in El Salvador, und so weiter und so fort.
Ebenso ist seine Analyse des Israel-Palästina-Konfliktes, die unter dem Titel «Fateful Triangle» erschien, zwar instruktiv und lehrreich, aber letztlich analysiert Chomsky nicht das «verhängnisvolle Dreieck» Israel - Palästina - USA, sondern nur die Politik von zwei Schenkeln des Dreiecks, nämlich der israelischen und der amerikanischen Regierung. Die Palästinenser kommen als handelnde Akteure mit eigenen Interessen weder im Guten noch im Bösen schlicht nicht vor.
Trotzdem erblickt Chomsky auch Zeichen für eine Besserung: Zu Zeiten des Vietnam-Krieges «sprach ich in Gruppen, wo wir froh waren, wenn vier Leute kamen. Der Krieg dauerte vier oder fünf Jahre, bis es zu signifikanten Protesten kam. Und vor dem Irak-Krieg gab es schon massive Proteste, bevor der Krieg überhaupt angefangen hatte», sagt er. Am 7. Dezember feiert Chomsky seinen 75. Geburtstag.
Larissa MacFarquhar / Michael Haupt: Wer ist Noam Chomsky?, Europa-Verlag Hamburg und Wien 2003, 136 Seiten, 9,90 Euro.
Noam Chomsky: Hybris. Die endgültige Sicherung der globalen Vormachtstellung der USA, aus dem Amerikanischen von Michael Haupt; Europa-Verlag Hamburg und Wien 2003, 320 Seiten, 19,90 Euro.

