Noam Chomsky: 

netzeitung.deUnkomplizierte Kritik an der Supermacht

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Chomsky im Oktober 2001, gegen die Regierung agitierend (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Chomsky im Oktober 2001, gegen die Regierung agitierend
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Der amerikanische Linguist Noam Chomsky wird 75 Jahre alt, eben ist sein neues Buch «Hybris» erschienen. In alter Manier kritisiert er dort die USA - und ignoriert den Rest der Welt.

Von Christoph Fleischmann

«Staaten sind keine Agenturen für Moral», sondern «Maschinen, die Macht ausüben.» Dies ist die zentrale politische Idee des amerikanischen Linguisten Noam Chomsky. Wenn man die Maschine nicht kontrolliert – durch internationales Recht oder durch den Widerstand der eigenen Bevölkerung – dann übt sie ungehindert Macht aus. Diese Annahme Chomskys zieht zwangsläufig eine weitere nach sich: Dass der Staat, der am mächtigsten ist, sich am wenigsten um Moral kümmert.

Und in der Tat ist Schurkenstaat Nummer eins für Chomsky aus diesem Grund sein eigener, die USA. Von amerikanischen Regierungen Moral zu erwarten, ist entweder naiv oder opportunistisch, glaubt Chomsky. Man kann einwenden, dass dies ein zu einfacher Interpretationsrahmen ist, in dem Chomsky seit rund 40 Jahren gegen die Politik seiner Regierung anschreibt. Aber Chomsky ist kein Dogmatiker, der Glaubenssätze aufstellt, sondern ein Empiriker, der Belege zusammenträgt. Es ist schwer, gegen die Fakten in den gründlich recherchierten Texte von Chomsky zu argumentieren.

Neue Doktrin schafft Wettrüsten
Der Staatsmaschine gehe es um Macht und ihre Erhaltung. Darum zielt Chomskys Kritik am jüngsten Irak-Feldzug nicht darauf ab, die zweitgrößten Ölreserven der Welt ins Visier zu nehmen: «Ja, sie verdienen durch den Krieg ein bisschen, aber das ist nicht der Rede wert», sagt Chomsky dazu im Gespräch. Mehr Sorge bereitet ihm die neuformulierte Politik der Sicherung der amerikanischen Hegemonie: In seinem neuen Buch «Hybris» verweist er vor allem auf die Nationale Sicherheitsdoktrin vom September 2002. Einer ihrer Kernsätze lautet, dass andere Mächte davon abgehalten werden müssen, mit der eigenen militärischen Macht gleichzuziehen.

Damit aber sei paradoxerweise eine neue Phase im Rüstungswettlauf eingeläutet worden: «Sofort danach wurden von der amerikanischen Regierung internationale Abkommen unterlaufen, die die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und die Militarisierung des Weltraums begrenzen sollen,» erklärt er. Dies erhöhe die Gefahr, dass Länder, die sich von den USA bedroht fühlen, ebenfalls nach Massenvernichtungswaffen streben werden. Außerdem gebe der Irak-Krieg den islamistischen Terrorgruppen neue Nahrung. «Über kurz oder lang kommen diese beiden Probleme zusammen. Und das kann ein Horrorszenario werden.»

Gegen Marx und den Behaviourismus
Chomsky, geboren 1928, wuchs als Kind zweier jüdischer Hebräischlehrer im Osten der USA auf. Über einen Onkel kam er in Kontakt mit dem jüdischen Arbeitermilieu in New York. Hier lernte er bereits als Teenager die Schriften von Rudolf Rocker kennen, eines Anarcho-Syndikalisten. Rockers Beschreibung des spanischen Bürgerkrieges führten bei Chomsky schon früh zu einer Abneigung gegenüber Marxismus und Leninismus. Dass es einer Avantgarde oder einer Diktatur des Proletariats bedürfe, um die Freiheit zu erringen, ist ihm suspekt. Bis heute glaubt er hartnäckig an die freie Assoziation von freien Menschen, die ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen.

Seit 1955 forscht und lehrt Chomsky am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT). Er hat mehrere komplexe Theorien entworfen, die nachhaltigen Einfluss auf die Linguistik hatten: Die generative Transformationsgrammatik, die Prinzipien-und-Parameter-Theorie und das minimalistische Programm.

Sprache werde nicht in erster Linie durch das Vorbild erworben, sondern jedes Kind bringe eine Universalgrammatik mit, die es ihm ermögliche, bei entsprechendem Umfeld jede beliebige Sprache zu erlernen. Kurz: Sprache ist wesentlich angeboren und nicht erworben, wie der Behaviorismus meinte. Auch hier taucht das Ideal des freien Menschen auf, der von sich aus kreativ sein kann. Dass Chomsky der Behaviorismus verdächtig war, der meinte, Menschen durch Erziehung problemlos in die eine oder andere Richtung prägen zu können, erklärt sich auch von seinem anarchistisch-liberalen Theoriehintergrund.

Die Weltmeinung ist eine Supermacht
Zwar lehnt es Chomsky vehement ab, eine Verbindung zwischen seinen linguistischen Forschungen und seinen politischen Schriften zu sehen, aber das muss man wohl nicht zu ernst nehmen – genauso wenig wie man ihm glauben muss, dass er in seinen politischen Schriften nur theorielose Fakten zusammentrage. Natürlich hat auch Chomsky eine Vorstellung von der Welt, auch wenn er sie nicht Theorie nennen will: Komplizierte sozialwissenschaftliche Theoriebildung hält er für manierierte Zeitverschwendung. Seine politische Moral ist entsprechend einfach: Es müssen für alle die selben Regeln gelten.

In seinem neuen Buch «Hybris» erklärt er – in Anlehnung an ein Zitat aus der «New York Times» – dass die öffentliche Weltmeinung die einzige verbleibende Supermacht neben den USA sei. Aber er ist zu sehr Anarchist, um dieser zweiten Supermacht mehr als zwei Seiten seines Buches zu widmen: Er glaubt, dass die neuen Protestbewegungen nicht strategische Ratschläge von Gurus brauchen. Wenn sie die öffentliche Propaganda durchschauten, nähmen die Menschen ihre eigenen Interessen selbst in die Hand.

Worüber wird berichtet?
Diese «Propaganda» hat Chomsky zusammen mit Edward Herman 1988 in der einflussreichen Studie «Manufacturing Consent» untersucht: Hier geht es um die Frage, warum die amerikanischen Leitmedien in wesentlichen Belangen sehr einmütig berichten und sich so an der «Fabrikation von Konsens» beteiligen. Der Markt, so Chomsky, fördere jene Zeitungen, die von Anzeigenkunden bevorzugt werden: Je wirtschaftsnäher eine Zeitung, desto eher bekomme sie Anzeigen und damit Geld, Auflage und Einfluss.

Die Manager und Chefredakteure der Medienkonzerne gehörten ebenfalls zur Elite der «Privilegiengesellschaft» und reflektierten also deren «Klasseninteressen». Die Medien hängen weiter von den Informationen ab, die sie von Regierung und Wirtschaftseliten bekommen. Wer sich darüber hinaus mit Mächtigen anlege, müsse damit rechnen, dass er unter Beschuss gerate. Leichter sei es also, systemkonform zu berichten.

Auch hier ist der theoretische Rahmen nicht besonders anspruchsvoll, aber erneut kann Chomsky Belege beibringen: Besonders beeindruckend ist es, wenn er auflistet, worüber berichtet wird, und worüber nicht berichtet wird: So wurde in amerikanischen Medien viel über die Massaker in Kambodscha berichtet, die offizielle Feinde der USA verübten, während die Berichterstattung über die indonesische Invasion in Ost-Timor zur selben Zeit fast ganz ausblieb. Schließlich verübten hier Freunde der USA die Massaker. Ebenso bekam der Mord an dem polnischen Priester Popieluszko in den achtziger Jahren mehr Aufmerksamkeit als die Ermordung von Erzbischof Oscar Romero in El Salvador, und so weiter und so fort.

Fixiert auf Amerika
Oftmals besticht die unkomplizierte Kritik von Chomsky. Allerdings bleibt der Kritiker der Macht letztlich der Logik der Macht verhaftet. Dass zeigt sich daran, dass für Chomsky die größte Macht Amerika eigentlich an allem schuld ist. Andere Länder kommen nur als ihre Opfer oder Vasallen in Betracht, nicht als eigenständige Akteure. So kann man etwa seine Analyse des Kosovo-Krieges dahingehend kritisieren, dass sie nur die amerikanische Politik im Blick hat. Eine Verkürzung: Im Fall Kosovo waren es die europäischen Regierungen, nicht zuletzt die deutsche, die aus ihren europäischen Interessen die eher zögerliche Clinton-Administration zum Krieg gedrängt haben.

Ebenso ist seine Analyse des Israel-Palästina-Konfliktes, die unter dem Titel «Fateful Triangle» erschien, zwar instruktiv und lehrreich, aber letztlich analysiert Chomsky nicht das «verhängnisvolle Dreieck» Israel - Palästina - USA, sondern nur die Politik von zwei Schenkeln des Dreiecks, nämlich der israelischen und der amerikanischen Regierung. Die Palästinenser kommen als handelnde Akteure mit eigenen Interessen – weder im Guten noch im Bösen – schlicht nicht vor.

Zunehmend redundant
Außerdem bleibt Chomsky mit seiner immensen Textproduktion – 24 Bücher seit 1989 – immer reaktiv und wird darüber hinaus zunehmend redundant: Die Macht schreitet voran, und Chomsky folgt ihr so unerbittlich wie vorhersehbar. Eine Änderung der Verhältnisse ist nicht in Sicht, es wird alles nur noch schlimmer. «Hegemony or Survival» heißt das neue Buch im amerikanischen Original: Nichts weniger als das Überleben der Menschheit steht auf dem Spiel.

Trotzdem erblickt Chomsky auch Zeichen für eine Besserung: Zu Zeiten des Vietnam-Krieges «sprach ich in Gruppen, wo wir froh waren, wenn vier Leute kamen. Der Krieg dauerte vier oder fünf Jahre, bis es zu signifikanten Protesten kam. Und vor dem Irak-Krieg gab es schon massive Proteste, bevor der Krieg überhaupt angefangen hatte», sagt er. Am 7. Dezember feiert Chomsky seinen 75. Geburtstag.

Larissa MacFarquhar / Michael Haupt: Wer ist Noam Chomsky?, Europa-Verlag Hamburg und Wien 2003, 136 Seiten, 9,90 Euro.

Noam Chomsky: Hybris. Die endgültige Sicherung der globalen Vormachtstellung der USA, aus dem Amerikanischen von Michael Haupt; Europa-Verlag Hamburg und Wien 2003, 320 Seiten, 19,90 Euro.