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Der Fall Hohmann: 

Schuld um Schuld: Hohmann als Menetekel

04. Nov 2003 15:24
Deutsche sind Opfer noch als Täter, was also sind Juden? Der CDU-Abgeordnete Martin Hohmann hat gar nicht so neues, gar nicht so originelles Gerede auf den Punkt gebracht. In der Schuld entsorgenden Geschichtspolitik lauern Gefahren.

Von Joachim Widmann

Anfang der Neunzigerjahre schrieb ein Journalist diesen Satz in ein sonst an erschütternden Szenen nicht armes Stück über die Zerstörung Dresdens: «Die Bombardierung Dresdens war das größte Verbrechen in der Zeit des Zweiten Weltkriegs.» Der Kollege, er war von einer Vertriebenen-Postille in die Redaktion einer Tageszeitung gewechselt, verteidigte dies im Brustton der Überzeugung als etwas, was man sagen dürfen müsse. Die Blattlinie obsiegte, der Satz wurde gestrichen.

Unumstritten blieb die Aussage, dass es sich bei der Bombardierung um ein Verbrechen gehandelt habe. Doch war dies ein Verbrechen, das sich angesichts anderer Verbrechen in der Zeit des Zweiten Weltkriegs der relativierenden Wertung vernünftigerweise entzog. Denn der strategisch sinnlose, nur als Vergeltung nachvollziehbare totale Bombenkrieg gegen die deutsche Zivilbevölkerung mag an sich verwerflich sein – betrachtet man ihn im Lichte der Umstände, kann man ihn jedoch als Symptom einer Verrohung ansehen, die ursprünglich von Deutschland ausging. Ohne die deutsche Barbarei hätte es den ganzen Krieg nicht gegeben.

Angreifbare Argumentation

Auch diese Argumentation allerdings hat Löcher: Indem sie eine Kollektivschuld anerkennt, ist sie für jene angreifbar, die die Geschichte aus Sicht der Opfer betrachten. In Dresden ist auch der von den Nazis gedemütigte Jude Viktor Klemperer dem Bombardement ausgesetzt gewesen und ihm mit knapper Not entgangen, wie er in seinen Tagebüchern schildert. Dort wie überall sind Menschen gestorben, Kinder etwa, die rein gar nichts zu den Gräueln des Dritten Reichs und seiner Völkermord- und Kriegsmaschine beigetragen hatten, obwohl sie, wie Klemperer, Deutsche waren.

Die Debatte über diesen Perspektivenkonflikt begann außerhalb von Zirkeln, die vom breiten intellektuellen Mainstream in Deutschland bis dahin einhellig als revisionistisch eingestuft wurden, vor zwei Jahrzehnten mit dem Historikerstreit. Ernst Nolte hatte Stalins Sowjetunion als Muster an Menschenverachtung und organisierter Schinderei für die Nazis ausgemacht. Auch Konzentrationslager, war im Zuge der Debatte zu hören, hatte es schon im Burenkrieg gegeben, eingerichtet von den Briten. Dass es gegen solche Vergleiche allerhand systematische und auf harten Fakten beruhende Einwände gab, die für die Singularität des industriell betriebenen Genozids der Deutschen an den Juden sprechen, war in der Debatte nicht das Entscheidende. Entscheidend war, dass die einen meinten, Nolte gegen «Sprech- und Diskursverbote» der anderen verteidigen zu müssen.

Falsche Antworten

Die extreme Rechte triumphierte indessen: Sie beugte den wissenschaftlichen Vergleich zur Entschuldigung der Deutschen. Denn wenn von ihnen die Barbarei nicht ursprünglich ausging, mögen einige von ihnen zwar Täter gewesen sein, doch war die Schuld des Kollektivs nicht widerlegt? Wer derlei Fragen unangebracht findet, muss sich seit Nolte den Vorwurf gefallen lassen, als unverbesserlicher Gutmensch Zensur gegen freie Rede zu üben.

Solche Fragen sind aber vollkommen unangebracht, weil sie nur falsche Antworten haben können. Problematisch ist es nicht, über historische Fakten nachzudenken und sie in Beziehung zueinander zu setzen, problematisch sind Schlüsse von vermeintlicher Eindeutigkeit, die daraus gezogen werden. Sie laufen in Deutschland gern tendenziell auf eine Entsorgung der Schuld hinaus. Das gilt gelegentlich selbst da, wo Täter und Opfer klar benannt werden. Degussa etwa aus dem Kreis der Firmen auszuschließen, die am Bau des Holocaust-Mahnmals beteiligt sind, mag formal das Ergebnis von Instinkt- oder Ahnungslosigkeit aus der Welt bringen, es schafft aber kein unschuldiges Mahnmal. Es entsteht genau da, wo das Dritte Reich sein Machtzentrum hatte, einen Steinwurf weit von dem Bunkerkomplex, in dem sich Hitler zuletzt verkroch.

«Verrechnungsmentalität»

Durch die Entgleisung Martin Hohmanns wurde die CDU nun mitten in diese Debatte der falschen Antworten gezogen. Der Bundestagsabgeordnete wies darauf hin, dass überdurchschnittlich viele Akteure in Stalins frühem Machtapparat Juden waren und hat den unseligen Ausdruck «Tätervolk» verwendet. Tatsächlich waren Juden in Russland von vielen Erwerbsbereichen ausgeschlossen, und diese Diskriminierung führte dazu, dass sie in der städtischen Geld- und Bildungselite häufiger vertreten waren als andere Bevölkerungsgruppen. Die Revolutionäre waren keine Volks-, sondern eine städtische Intellektuellenbewegung, so gab es darin anteilig so viele (überdies um Gleichberechtigung bemühte) Juden, wie es eben in der Bildungselite gab. Mit demselben Recht könnte man allerdings darauf hinweisen, dass Russen in Stalins Bewegung ebenfalls unterrepräsentiert waren. Denn es war auch ein Aufstand von Vertretern unterdrückter Völker im russischen Reich. Stalin war Georgier. Macht das die Georgier zum Tätervolk? Und lässt das Rückschlüsse auf die Opferrolle anderer Völker zu?

Die «Frankfurter Rundschau» weist unter Berufung auf Kritiker darauf hin, dass Hohmann in seinem Irrwitz nicht etwa exotische Positionen vertritt, sondern Linien ins Extreme fortgesetzt hat, die seit längerem in seiner Partei verfolgt würden. Am 5. Juni 2003 brachte er einen Antrag der Unionsfraktion zur Entschädigung deutscher Zivilisten, die im Krieg und danach zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt wurden, in den Bundestag ein. Dies sei «vergleichbar mit der für die NS-Zwangsarbeiter geschaffenen Regelung» zu organisieren, denn: «Auch viele Deutsche wurden während des Zweiten Weltkriegs und unmittelbar danach Opfer von Gewalt und Willkür.» Die Union, sagte Hohmann tatsächlich, habe die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern nur mitgetragen, weil sie gehofft habe, dass auch für deutsche Zwangsarbeiter nun «Konkretes» getan werde. Die SPD-Abgeordnete Cornelie Sonntag wirft der Union daher in der «FR» eine «Verrechnungsmentalität» vor, «bei der es vordergründig um Geld geht, mental aber um die Frage der Umkehr der Schuld».

An Geschichte nicht interessiert

Professor Manfred Wilke, CDU-Mitglied und als Leiter des Berliner Forschungsverbunds SED-Staat mit Fragen nach kollektivem und individuellem Täter- und Opfertum vertraut, nimmt die Union gegen die Kritiker teilweise in Schutz. Sie habe vor 1989 den deutschen Flüchtlingen und den Vertriebenen eine politische Heimat geboten, ohne im Zuge der deutschen Wiedervereinigung irgendeinen Anlass zu Revisionismus-Vorwürfen zu geben. Doch sei sie nach 1989 «im Kern eine westdeutsche Partei» geblieben, sagte Wilke der Netzeitung. Sie habe den Opfern kommunistischer Gewaltherrschaft in vorbildlicher Weise ein Forum gegeben, dabei interessiere sie sich jedoch «im Grunde nicht wirklich für die Gegenwart der Geschichte» im Sinne eines «wahren und vollständigen» Gesamtbildes. Angesichts Hohmanns könne der Union daher nicht der Versuch attestiert werden, die nationale Identität neu zu definieren, denn Geschichtspolitik in diesem Umfang war bislang nicht ihre Sache.

Aus Hohmanns Worten spricht für Wilke vor allem der Unmut darüber, dass die Kollektivschuld in der deutschen Öffentlichkeit unausgesprochen Hintergrund historischer Debatten ist. Tatsächlich haben die um 1945 geborenen Kinder der Vertriebenen heute zu Recht das Bedürfnis, ihre Verluste endlich öffentlich betrauern zu können, ohne nach Art des Kalten Krieges politisch verdächtigt zu werden. Und es spricht an sich auch nichts dagegen, deutsche Zwangsarbeiter zu entschädigen. Mit ewigen Relativierungen im Stil konservativer Kreise, die jüngst unter Hinweis auf die angebliche Vielzahl an Holocaust-Mahnmalen um finanzielle Unterstützung für nur eines für die Vertriebenen warben, ist dies aber nicht zu erreichen. Damit werden Ursachen und Wirkungen zur Unkenntlichkeit vermengt und bilanziert, wo individuelles Martyrium und kollektive Verantwortung, individuelle Täterschaft und Opfertum aus vielerlei Gründen, auch politischen, jeweils für sich bewertet werden müssen.

«Historische Selbstvergewisserung»

Es gehe nicht ums gegenseitige Aufrechnen von Schuld und Opfern, es gehe darum, sie nebeneinander zu stellen, meint Wilke. Eine solche Betrachtungsweise, in der Wilke eine Perspektive für eine europäische Geschichtspolitik sähe, kenne allerdings auch keine Hierarchie des Leids: «Sie schließt den in letzter Sekunde vom Regime aufgebotenen 15-jährigen Flakhelfer ebenso ein wie den im Warschauer Ghetto ermordeten Dreijährigen.» Wilke rät zu einer «historischen Selbstvergewisserung» seiner Partei: «Die CDU muss Hohmann unbedingt als Menetekel nehmen.»

Nicht nur die CDU, wie der Fall des Generals Günzel zeigt, der Hohmanns «Mut» bejubelt hat und sich wahrscheinlich, folgt man seiner verqueren Argumentation in Sachen Hohmann, nun selbst als Opfer irgendwelcher Gesinnungswächter sieht. Das wäre eine weitere Relativierung der Fakten.

Die Versöhnung kann nur dann fortschreiten, wenn Schuld nicht Schuld aufwiegt, und Entschädigung für die einen nicht nur dann als gerecht gilt, wenn auch die anderen etwas bekommen. Martin Hohmann gehört aber nicht der Mund verboten – er ist die Freiheit nicht wert –, ihn nur aus dem Innenausschuss zurück zu ziehen, ist als Sanktion jedoch unzureichend. Die Redefreiheit, wenn sie zum Ziel der Herstellung moralischer und historischer Indifferenz missbraucht wird, gebiert Dämonen, die bekämpft werden müssen. Und Hohmanns Position bleibt hervorgehoben, so lange ihn sein Mandat schmückt, das ihm ein nationales Forum gibt. Wenigstens sollte man ihm und den Seinen die Bequemlichkeit des Nicht-mehr-drüber-Redens nicht gönnen.

 
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