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Der Fall Hohmann: 

Juden im Kommunismus:
Wie es wirklich war

05. Nov 2003 01:04
Nicht nur unter Stalin wurden im Ostblock Juden verfolgt und diskriminiert
Waren die Juden führende Täter in den kommunistischen Unrechtssystemen? Die Geschichte zeigt: Das Gegenteil war der Fall.

Thema: Der Fall Hohmann
Der Kommunismus hat in seinen Anfängen eine gewisse Faszination auf viele jüdische Intellektuelle ausgeübt; allerdings nicht, weil sie Juden waren, sondern weil viele Intellektuelle von einem idealistischen Konzept begeistert waren, welches vor allem soziale Gerechtigkeit versprach. Wenn sich Juden besonders engagierten, dann hatte dies auch damit zu tun, dass der Kommunismus in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts die sichtbarste Alternative zu nationalistischen, restaurativen oder faschistischen Entwürfen war. Aber wie erging es den Juden dabei? Was war der Preis? Das Beispiel der DDR ist vielsagend.

Tatsächlich gab es unterschiedliche Phasen, was die Behandlung der Juden in der DDR betraf. Während weniger Jahre der Existenz der «Sowjetischen Besatzungszone» schien es denkbar, dass der Schock über die fast vollständige Auslöschung des europäischen Judentums tief genug saß, um keinen neuen Antisemitismus aufkommen zu lassen.

Daher kehrten viele Juden zurück. Deutschland war ja ihre Heimat, zu der sie dieselbe Anhänglichkeit entwickelten wie nicht-jüdische Deutsche. Ernst Bloch, Arnold Zweig, Anna Seghers, Stefan Heym, Alfred Kantorowicz, Helene Weigel oder Gerhard Eisler hofften, dass sie in einem System, welches den Nationalsozialismus mit großen Opfern bekämpft hatte, humane Lebensbedingungen vorfinden würden.

Allerdings: Dass sie Juden waren, sollte für ihre gesellschaftliche Integration keine Rolle spielen. Der Historiker Peter Maser führt dies darauf zurück, dass «sie sich nicht mehr als Juden verstanden oder in ihrer jüdischen Identität von der SED-Zensur unkenntlich gemacht wurden», sie galten als «nicht-jüdische Juden».

Jedoch nicht einmal die vollständige Preisgabe der Herkunft reichte, um wirklich vollwertig anerkannt zu werden. Das für die Medien zuständige Politbüromitglied Albert Norden, bekam, als es um die Nachfolge Ulbrichts an der Parteispitze ging und Norden sich gewisse Chancen ausrechnete, von einem Politbüromitglied zu hören: «Albert, du bist für diesen Posten viel zu intellektuell. Du hast von Wirtschaft keine Ahnung. Und außerdem bist du Jude.»

Sehr bald schon gerieten die Juden zwischen die Fronten, in der DDR ebenso wie in allen anderen Staaten des Ostblocks. Zum Verhängnis wurde ihnen dabei weniger eine rassistische Aussonderung wie in der Nazizeit – wenngleich es auch diese Klischees immer noch gab -, als vielmehr das uralte antikapitalistische Vorurteil.

Karl Marx selbst verstärkte die antisemitischen Tendenzen des Vordenkers Bruno Bauer und der Junghegelianer, indem er unterstellte, Geld allein sei «der eifersüchtige Gott Israels, vor dem kein anderer Gott Bestand» habe. Marx schloss die Juden vom hehren Klassenkampf aus, weil sie sich auch ohne politische Rechte längst emanzipiert hätten – und zwar durch die «Kontrolle der internationalen Hochfinanz».

Dieses ökonomische Kainsmal wurde zum unsichtbaren Judenstern in der Sphäre des orthodoxen Kommunismus. Jutta Illichmann bringt die Sache auf den Punkt: «Der ökonomisch determinierte Faschismus-Begriff ermöglichte nicht, die Bedeutung des Antisemitismus als Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie und die Dimension des Völkermords an den Juden angemessen zu erfassen.» Diese Defizit findet seinen Niederschlag in der Weigerung etwa der DDR, Restitution zu leisten, wie dies von Angelika Timm umfassend beschrieben wurde.

Am besten lässt sich das Dilemma an den vergeblichen Bemühungen von Paul Merker erkennen, der weitreichende Entschädigung für enteignete Juden forderte. Er fand kein Gehör, die DDR-Führung beharrte bis zu ihrem Ende auf der «Schlussstrich-Doktrin», der behaupteten Diskontinuität des neuen Staates mit dem Dritten Reich. Kleine Renten im Rahmen der Würdigung als «Opfer des Faschismus», und auch das nur, wenn es sich um keine «Kapitalisten» handelte – das war´s dann.

Schlimmer noch: Der in der Sowjetunion stets lebendig gebliebene Antisemitismus führte zu stets neuen Säuberungswellen, die sich gezielt gegen Juden richteten. Auch die Satellitenstaaten wollten der UdSSR nicht nachstehen. So ereigneten sich Tragödien, deren Bitterkeit vor allem in der Wiederholung lag.

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Dresden, Leon Löwenkopf, diente zunächst in der Armee des österreichischen Kaiserreichs. Er geriet in russische Kriegsgefangenschaft und emigrierte 1934 nach Palästina. 1936 kehrte er aus Heimweh zurück und ging nach Warschau. Es folgten Ghetto, Maidanek, Auschwitz, Sachsenhausen, der Todesmarsch. 1945 wurde er in der Nähe von Schwerin befreit. Er zog nach Dresden und leitete die Jüdische Gemeinde. 1950 wurde er von den Kommunisten verhaftet, 1953 schließlich gelang ihm die Flucht nach Westberlin. Ein Täterschicksal?

Löwenkopfs Verhaftung geschah im Gefolge der Moskauer Ärzteprozesse. Zahlreiche jüdische Ärzte wurden in einer Kommandoaktion verhaftet, weil man ihnen vorwarf, sie wollten Stalin vergiften. Die tschechoslowakische KP veranstaltete eine Hetzjagd auf das «staatsfeindliche Verschwörerzentrum mit Rudolf Slánsky an der Spitze» – ein brutales Revival des Hitlerschen Schreckbildes der «jüdischen Weltverschwörung». Die DDR wählte Paul Merker als Opfer für einen Schauprozess.

Merker war kein Jude, wurde jedoch in der Haft immer wieder als «Judenknecht» oder «König der Juden» beschimpft, weil er für eine amerikanische Hilfsorganisation gearbeitet hatte. Das Problem für alle Juden in der DDR wie in den anderen Ländern: Sie werden kollektiv, wie Greta Beigel schildert,«als Juden der Illoyalität verdächtigt; sie gelten als Sicherheitsrisiko, mit all den Konsequenzen, die sich aus solch einer Klassifizierung in einem totalitären System ergeben». Zahlreiche Juden verloren im Zuge der Säuberungen ihre Posten, auch solche, die während der Nazizeit aus dem Exil für die kommunistische Sache eingetreten waren.

Die Integration ehemaliger hochrangiger Nationalsozialisten in das Establishment der DDR wurde von Simon Wiesenthal aufgedeckt und hat maßgeblich zum Fortleben antisemitischer Haltungen beigetragen. Verschärft wurde die Lage der Juden durch die Entwicklung des Kalten Krieges und dessen Projektion auf den Nahen Osten: Israel war der Feind der UdSSR, weil es von den Amerikanern unterstützt wurde. Unter der Chiffre «Antizionismus» wurde kaum ein Klischee gegen die Juden ausgelassen. Der ideale Nährboden für ein Tätervolk?

Die Verfolgung der Juden in den kommunistischen Ländern war anhaltend und umfangreich. Die historischen Forschungen zeichnen ein klares Bild. Statt die Version 3 der Weltverschwörung zu aktivieren, ist ganz schlicht zu fragen: Wird es in Deutschland eine selbstkritische Betrachtung dessen geben, was den Juden zwischen 1949 und 1989 in Ost-Deutschland widerfuhr – oder wird erneut zum Kunstgriff einer «Schlussstrich-Theorie» gegriffen?

Angela Merkel, die gerne auf die Bedeutung der Biografien des Ostens verweist, wäre die berufene politische Persönlichkeit, dieses Thema nicht bloß defensiv zu behandeln. Die aktuelle Debatte kann der Anlass zu beherzter und nüchterner Aufklärung sein, die über die pathetische und in letzter Konsequenz nichtssagende Betroffenheit hinausreicht.

 
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