30.10.2003
Herausgeber: netzeitung.de
Tariq Ali
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Der Publizist Tariq Ali kritisiert die USA und Großbritannien für ihre Besatzungspolitik in Irak. Der Guerillakrieg, den die westlichen Mächte dort erlebten, könne sich schon bald zu einer Intifada auswachsen.
Von Andreas BockAli Abbas könnte zur irakischen Symbolfigur werden. Der 12-jährige irakische Junge, der bei einem amerikanisch-britischen Raketenangriff beide Arme, die schwangere Mutter, den Vater und 14 weitere Mitglieder seiner Familie verlor, steht für ein Dilemma, das Amerikaner, Briten und Iraker betrifft. Der Krieg ist aus, doch die Kämpfe gehen weiter zwischen Besatzern und Besetzten und zwischen Irakern unterschiedlicher politischer und religiöser Überzeugungen.
Kinder wie Ali Abbas aber werden zu Opfern und unter Umständen später selbst zu Tätern. Der Publizist Tariq Ali prophezeit den USA und Großbritannien in seinem Buch «Bush in Babylon» kein zweites Vietnam, sondern eine Intifada: einen Aufstand der Steine werfenden Kinder und Jugendlichen.
Von Mossadegh bis ChavezWo auch in den USA jetzt die Zweifel an der Kriegs- und Besatzungspolitik wachsen, weist Ali darauf hin, dass es im Irak von Anfang an eine fundamentale Opposition gegeben habe, gerichtet gegen die USA, Großbritannien und die Vereinigten Nationen. Ali spricht von einer ebenso einfältigen wie oberflächlichen Einschätzung der Militärstrategen und Polit-Planer: Nur weil die Iraker Saddam Hussein hassen, müssen sie die amerikanischen und britischen Soldaten nicht mit Blumen und Süßigkeiten als Befreier empfangen. «Warum sind ansonsten durchaus intelligente Menschen in den USA und Großbritannien überrascht, dass die Mehrheit der irakischen Bevölkerung die Besetzung ihres Landes ablehnt», fragt Ali. «Könnte der Grund dafür sein, dass im kollektiven Gedächtnis beider Länder die Erinnerung an eine Besetzung fehlt, außer der Eroberung Großbritanniens durch die Römer?»
Die USA sind nach Ansicht Alis von der moralischen (und auch normativen) Richtigkeit ihrer Mission überzeugt. Doch wenn die Amerikaner von der Verbreitung von Menschenrechten und Demokratie sprächen, sei dies doch eigentlich nur eine vorgeschobene Mission. Ali führt eine unvollständige Liste mit historischen Daten an, die die imperialistischen Ambitionen der USA bis in die jüngste Zeit belegen und entlarven sollen. Er verweist auf die Mithilfe der CIA bei der Absetzung des gewählten iranischen Regierungschefs Mohammed Mossadegh im Jahr 1953 und den Putschversuch gegen Venezuelas Präsidenten Hugo Chavez, den 2002 sowohl die USA als auch Spanien unterstützten. Menschenrechte und Demokratie seien durch solche Interventionen nicht gefördert, wohl aber die Einflusssphäre der USA vergrößert worden.
Sozialist aus PakistanUnd auch der Krieg gegen Saddam Husseins Irak sei nicht aus humanitärem Verantwortungsbewusstsein für das Leid der dort lebenden Menschen geführt worden. Ali zitiert ein Statement von US-Außenminister Colin Powell aus dem Jahr 1992, als er noch Vorsitzender der Vereinigten Stabschefs von Präsident George Bush senior war: «Es ist eine romantische Illusion zu glauben, wenn Saddam Hussein morgen von einem Bus überfahren würde, stünde schon ein Demokrat im Sinne Jeffersons bereit und würde freie Wahlen abhalten. Wir bekämen raten sie wahrscheinlich einen zweiten Saddam Hussein.»
Dem etwaigen Verdacht, dass seine Kritik an den USA religiös motiviert sein könnte, entzieht sich der in Pakistan geborene Ali schon aufgrund seiner Biographie. Als Sohn kommunistischer Eltern genoss Ali eine streng atheistische Erziehung und organisierte als Student Demonstrationen gegen die Militärdiktatur. Sein Onkel, der Chef des pakistanischen Militärgeheimdienstes war, drängte darauf, dass Ali, dem sein Engagement gefährlich zu werden begann, ins Ausland geschickt wurde. Im britischen Oxford studierte Ali dann Politologie, Philosophie und Wirtschaftswissenschaften und engagierte sich in einer sozialistischen Gruppe. Vor diesem Hintergrund verlaufen noch immer die politischen Analysen des Publizisten und Buchautors.
Krieg, Besatzung und LuftangriffeAuch wer Alis Einschätzung, dass der Krieg vor allem geführt wurde, um Zugang zu den zweitgrößten Ölvorkommen der Erde zu bekommen, nicht teilt, wird seiner Prognose recht geben müssen, dass die Privatisierung der irakischen Ölquellen durch US-Konzerne eine neue Welle des Widerstands provozieren wird. In seiner Biografie von Saddam Hussein hat Con Coughlin die Verstaatlichung der irakischen Ölgesellschaft 1972 als hervorragendes Beispiel populistischer Machtpolitik beschrieben. Für die Iraker sei die Kontrolle des Öls durch ausländische Konzerne seit jeher eine «nationale Schmach» gewesen. Dass es Saddam Hussein gelang, diese Konzerne zu vertreiben, habe ihn laut Coughlin zu einer Art «irakischem Nasser» gemacht. Eine Begeisterung, die jetzt in Hass gegen die Eindringlinge umzuschlagen droht.
«Die Iraker wollen nicht okkupiert werden» ist der zentrale Satz in Alis Buch. Aus dieser Haltung erklärt er den Widerstand, dem buchstäblich jeden Tag Soldaten zum Opfer fallen. Die USA und Großbritannien stünden nicht nur für den jüngsten Krieg und die Besatzung, sondern auch für jahrelange Luftangriffe. Und auch die Vereinigten Nationen, ergänzt Ali, stünden für 20 Jahre Embargo und ungezählte Tote.
Die erste StufeIm Bewusstsein der Iraker spiele es dabei keine Rolle, wer den ersten Stein geworfen habe: Saddam Hussein oder die sich bedroht fühlenden westlichen Staaten. Und daraus speise sich nicht nur die Abneigung, der Hass auf die Besatzungssoldaten und die Vertreter der UN, sondern vor allem die Motivation für den Widerstand.
Dieser Widerstand wurde nach Ansicht Alis vom Westen ebenso falsch eingeschätzt, wie fälschlicherweise von einer Begeisterung für die Befreier ausgegangen worden war, die nun als Besatzer gesehen werden. So spinnefeind sich die unterschiedlichen Gruppierungen, die Anhänger der Baath-Partei, die Kurden, Schiiten und Sunniten auch sein mögen, im Kampf gegen den gemeinsamen Feind sind sie einer Meinung. Was die USA und Großbritannien derzeit im Irak erleben, sei darum nur der Anfang, glaubt Ali: die erste Stufe des Widerstands, der Guerillakrieg. Am Ende aber werde die Intifada stehen, der Aufstand der Massen.
Tariq Ali: Bush in Babylon. Die Re-Kolonisierung des Irak, Heinrich Hugendubel Verlag, München 2003, 208 Seiten, 19,95 Euro.