Cecilia Bartoli im Interview:
Bartoli: Klassik nicht zähmen!
Netzeitung: Worin liegt für Sie die besondere Faszination der Musik Salieris? Stellt sie eine neue musikalische Herausforderung dar? Welche Rolle in seinen Werken interessiert Sie am meisten?
Cecilia Bartoli: Ich denke, dass Salieri alle menschlichen Seelenzustände – von größter Fröhlichkeit bis hin zu größter Tragik – auf direkte und wirkungsvolle Weise ausdrücken konnte. Auch seine Fähigkeit, zu überraschen und sich selbst beim Komponieren zu amüsieren, hat mich sehr beeindruckt. Mich erinnert dies an Haydn und seine Symphonien. Zu den Rollen, die mir viel bedeuten, gehören vor allem Rinaldo und die Contessa in Salieris «Scuola de' Gelosi».
Netzeitung: Bereits mit ihren Aufnahmen von Arien Glucks und Vivaldis haben Sie musikalische Pionierarbeit geleistet. Viele Stücke sind Welt-Ersteinspielungen. Anstatt nur einen kleinen Kreis von Kennern anzusprechen, sind sie große internationale Erfolge geworden. Wie erklären Sie sich das?
Cecilia Bartoli: Auch die meisten Stücke auf dem Salieri-Album sind zum ersten Mal eingespielt worden, dank einer kritischen Werkedition, die Claudio Osele eigens für diese CD besorgt hat. Ich glaube, dass Musik, die Emotionen vermitteln kann, den Zuhörer anspricht. Wie bekannt sie ist, zählt dabei nicht. Entscheidend ist, dass sie zu unserem Herzen spricht.
Netzeitung: Knapp einen Monat nach seinem Erscheinen hat das Salieri-Album bereits Spitzenpositionen in den Klassik-Charts erreicht. In Deutschland, Frankreich, Belgien und Portugal ist die CD sogar in die Pop-Charts gekommen. Also interessiert sie auch ein junges Publikum. Wie kommt das?
Cecilia Bartoli: Meiner Meinung nach sollte man die so genannte klassische Musik nicht «zähmen», um ein Publikum zu erreichen, das sie normalerweise nicht hört. Im Gegenteil ist es wichtig, dem Willen des Komponisten treu zu bleiben und über die Interpretation ein Maximum an Ausdruckskraft zu erreichen. Wir müssen auch vermitteln können, wie sehr uns das Musikhören hilft, uns selbst zu verstehen, und wie sehr es uns innerlich bereichert.
Netzeitung: Am 25. Oktober hat Ihre Deutschland-Tournee begonnen. Welche Erfahrungen haben Sie mit dem deutschen Publikum gemacht?
Cecilia Bartoli: Jedes Publikum hat seine eigenen Charakteristika und reagiert unterschiedlich auf das, was es hört. Während meiner Auftritte spüre ich dies deutlich. Die Konzertbesucher in Deutschland gehören zu den aufmerksamsten und zugleich zu den herzlichsten.
Netzeitung: Vor einigen Jahren haben Sie ein Album mit italienischen Liedern von Beethoven und Schubert herausgebracht. Könnten Sie sich vorstellen, auch auf Deutsch zu singen?
Cecilia Bartoli: Um in einer bestimmten Sprache zu singen, genügt es nicht, allein den Sinn der Sätze zu verstehen. Man muss sie in besonderer Weise verinnerlicht haben und selbst die feinsten Nuancen unterscheiden. Nur so kann man wirklich verstehen, was der Dichter und der Komponist ausdrücken wollten. So eine gute Kenntnis der deutschen Sprache habe ich leider noch nicht. Ich wünsche mir aber, mich in der Zukunft diesem faszinierenden Repertoire nähern zu können.
Netzeitung: Wie schützen Sie Ihre Stimme während der Tourneen? Ich habe gehört, dass Sie Flugreisen vermeiden, um sich nicht zu erkälten...
Cecilia Bartoli: Ich versuche, alle möglichen Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen, um nicht krank zu werden. Ein bisschen so, wie es auch die Sportler tun. Aber eigentlich führe ich ein normales Leben wie andere auch. Manchmal reise ich also auch im Flugzeug...
Netzeitung: Welche Pläne haben Sie für die Zukunft? Werden Sie sich an der Produktion einer Oper, vielleicht von Salieri oder Vivaldi, beteiligen?
Cecilia Bartoli: In den nächsten Monaten werde ich mich vor allem mit dem Salieri-Projekt beschäftigen. Danach werde ich gemeinsam mit Sir Simon Rattle an einer neuen Produktion von Mozarts Oper «Cosí fan tutte» für die nächsten Salzburger Festspiele mitwirken.
Netzeitung: Könnten Sie sich vorstellen, ein Album mit zeitgenössischer klassischer Musik aufzunehmen? Oder mit einer Rockband zu arbeiten? Was käme für Sie keinesfalls in Frage?
Cecilia Bartoli: Ich unterscheide nicht zwischen den Epochen, sondern suche mir innerhalb der Stilrichtungen eine Sprache, die mir verständlich ist und die ich verinnerlicht habe.
Netzeitung: Um der Oper neue Impulse zu geben, haben mehrere Intendanten für ihre Inszenierungen Filmregisseure verpflichtet, die bislang gar nichts oder nur sehr wenig mit klassischer Musik zu tun hatten. So arbeitet etwa Doris Dörrie mit der Staatsoper in Berlin zusammen, und Lars von Trier wird bei den Bayreuther Festspielen inszenieren. Was halten Sie davon?
Cecilia Bartoli: Man sollte keine Vorurteile haben. Lassen wir sie arbeiten, später können wir dann immer noch die Ergebnisse beurteilen. Neue und vielleicht ungewöhnliche Ideen sind immer willkommen, wenn sie dabei helfen, die Musik besser zu verstehen. Vorausgesetzt natürlich, sie bleiben ihr treu.
Netzeitung: Lässt Ihnen Ihre Karriere noch genügend Privatleben? Kann Ihre Familie Sie manchmal auf Tourneen begleiten?
Cecilia Bartoli: Meine Familie ist für mich wichtiger als alles andere. Ich möchte daher erreichen, dass mein Privatleben so alltäglich wird wie möglich.
Netzeitung: Welche Ratschläge würden Sie jungen Sängern geben, die noch ihren Weg finden müssen?
Cecilia Bartoli: Ein Repertoire auszuwählen, das sie wirklich mögen, ohne sich von irgendwelchen Moden ablenken zu lassen.
Netzeitung: Wie würden Sie gern leben, wenn Sie eines Tages nicht mehr singen sollten?
Cecilia Bartoli: Erstmal singe ich, dann werde ich weitersehen!
Die Fragen stellte Corina Kolbe
«The Salieri Album» von Cecilia Bartoli ist bei Decca erschienen und seit Ende September im Handel.
