Dogville:
Triumph der Wildnis
«Dogville» wirkt wie manches, was Lars von Triers großartiger jüngster Film gar nicht sein will. Wie eine sehr unfreundliche Antwort auf Thornton Wilders «Unsere kleine Stadt». Oder ein aus dem Geist von «Belle du Jour» geborener Kommentar zu Kafkas «Schloss»- und «Amerika»-Fragmenten mit (groben) Anklängen an das im «Prozess» angelegte Motiv der «hündischen Existenz». Oder später Agitprop, aus rotem, nicht ganz astfreiem Holz gestanzt.
Der künstliche, den Möglichkeiten des Kinos entsagende Erzählstil legt derlei Interpretationen nahe. Der Film spielt auf einer dunklen Bühne in sehr reduzierter Kulisse, wie Theater in den Siebzigerjahren nach der Manier der Fünfzigerjahre fürs Fernsehen inszeniert wurde. So ist der Eindruck einer didaktischen Versuchsanordnung unvermeidlich. Die Abspann-Sequenz mit drastischen Bildern amerikanischen Elends zu David Bowies «Young Americans» lässt überdies vermuten, dass von Trier eine Parabel auf den inneren Zustand der USA erzählen möchte. Doch dies dementierte er nicht nur selbst im Interview. Auch wenn schon «Dancer in the Dark» als bittere US-Kritik gesehen werden konnte, führt die Suche nach der Richtung, in die der vermeintlich erhobene Zeigefinger weist, bei «Dogville» in Erklärungsengpässe und Widersprüche.
Wie von Triers vielzitierte «Dogma»-Regeln in einem inhaltlich höchst künstlichen Kino Verismus vortäuschten, ist auch die Didaktik von «Dogville» nicht inhaltliches Programm, sondern das ästhetizistische Spiel eines ausgesprochen gewitzten Autors und perfektionistischen Regisseurs, der «Schauspieler wie Kameras» (von Trier) auf der leeren Bühne bewegen will. Eindeutig daran ist allein das Experimentelle.
Nicole Kidman spielt die so mysteriöse wie engelhafte Grace, eine junge Frau auf der Flucht, die es irgendwann in den Depressionsjahren im zerrissenen Abendkleid nach Dogville ans «Ende der Straße» in die Rocky Mountains verschlägt. Die verarmten Bürger des Ortes, in dem es nicht einmal mehr einen Pfarrer, statt dessen aber einen predigenden Möchtegern-Literaten gibt, beherbergen die Frau, nachdem sie angeboten hat, für sie zu arbeiten. Doch als die eben noch gottesfürchtigen, rechtschaffenen Menschen Grace auszunutzen und zu missbrauchen beginnen, nimmt die Geschichte eine befremdliche Wendung gegen tradierte Erzählmuster: Noch als sie um die Flucht betrogen und schließlich als Sklavin in Ketten gelegt wird, lehnt sie sich nicht auf.
Die übermenschliche Demut der schönen Flüchtigen wirkt genauso provozierend wie auf der Seite der Dogville-Bewohner das Erodieren der kleinbürgerlichen Moral und Anständigkeit bis hin zu Vergewaltigung und Verrat. Der einzige, der sich nicht an ihr vergeht, ist der Scheinheiligste von allen. Als schließlich auch die Arroganz des zarten Opfertums der Sklavin entlarvt wird, ist endgültig jeder Maßstab gebrochen.
Die musikalisch unterlegten, authentischen Elendsbilder am Ende brechen wiederum diese Brechung der Opferrolle ins Erträgliche. Zur Aussage über amerikanische Befindlichkeiten, wie man sie von Trier nach der Premiere in Cannes unterstellte, taugt der Film nicht. In «Dogville» erweist sich von Trier als brillanter, vielschichtiger Erzähler, der sein Material mit derselben kalten Gnadenlosigkeit manipuliert wie seine Hauptdarstellerin.
Tatsächlich kann man bestimmte Geschichten nur in den USA ansiedeln, will man sie überzeugend erzählen. Aus einer sehr europäischen Perspektive und von Trier hat nach eigenem Bekunden keine Ahnung von der amerikanischen Wirklichkeit sind die USA wie eine schillernd grundierte Leinwand, die für die Projektion beliebiger, auch besonders drastischer Bilder geeignet scheint: Material. Von Trier nennt als einzige Referenz den Rache-Furor von Brechts Seeräuber-Jenny, einer weiteren europäischen Projektion. Er greift überdies auf Motive zurück, die bei jedem, der sein Kulturbewusstsein im späten 20. Jahrhundert erworben hat, bestimmte Assoziationen mit amerikanischen Filmen wecken: Vor allem den Mythos der entlegenen, bigotten Kleinstadt, in der eigene Gesetze herrschen, die ein reisender Fremder bricht und überwindet.
Eine solche Kleinstadt ist geradezu klassisch charakterisiert, wenn sie zugleich Oase in der Wüste und menschliche Wüste ist. Darin ist Dogville exemplarisch. Doch die Klassiker des Genres spinnen das Motiv des amerikanischen Aufbruchs nach Westen, die Zivilisierung der Wildnis, weiter, indem sie die meist gewaltsame Erziehung der Kleinstadt zur Rechtsstaatlichkeit schildern. Von Trier wählt die entgegengesetzte Richtung, indem er die in der wirtschaftlichen Depression zerfallende Stadt in vorzivilisatorische Verhaltensweisen zurücksinken lässt. Am Ende triumphiert die Wildnis.
Diese kühne und mitreißende Tragödie, deren seltsame Armut an Ausweglosigkeiten sich erst am Ende erklärt, als sie sich überraschend als blutige Komödie erweist, lebt auch vom wunderbar fein nuancierten Spiel Nicole Kidmans. Selbst für die Nebenrollen hat von Trier Prominenz bemüht, darunter Lauren Bacall, die sich bitter darüber beklagt hat, dass sie auf der offenen Bühne den ganzen Dreh lang meist im Halbdunkel ihren Laden kehrend präsent sein musste, obwohl sie nur ein paar Sätze zu sagen hatte. Ein Sadist sei er nicht, beteuert von Trier, aber ein Film müsse wehtun wie ein Stein im Schuh. Dieser hier muss vor allem jene schmerzen, die es beharrlich für erwiesen halten, dass das Kino sich rettungslos in Effekten und Selbstzitaten zu Grunde richte. So gesehen, sind Masochisten bei von Trier gut aufgehoben.

