Berlin Moskau 1950 - 2000:
Die Kunst stellt ihre eigenen Fragen
14. Okt 2003 07:43
 | Komar & Melamid: Der Ursprung des Sozialistischen Realismus, Öl, 1983 | Foto: Katalog |
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Die Ausstellung «Berlin Moskau 1950 - 2000» widmet sich den Beziehungen zwischen Deutschland und Russland. Sie repräsentiert Lebenswirklichkeit, ohne den roten Faden zu verlieren: Gezeigt wird allein bildende Kunst.
Von Oliver HeilwagenGewaltiger hatte die selbst gestellte Aufgabe kaum sein können: Das deutsch-russische Verhältnis wahrend der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in einer einzigen Ausstellung zu dokumentieren, schien vermessen. Schon der 1995 im Berliner Martin-Gropius-Bau gezeigte Vorläufer «Berlin Moskau 1900 - 1950» war ein Kraftakt gewesen, der an die Grenzen des Möglichen ging. Zwar erhielten die Macher für ihren enzyklopädischen Ansatz viel Lob, doch kaum ein Besucher der Mammutschau mochte alle 2000 Exponate ansehen, geschweige denn den 700-seitigen Katalog durchlesen. Als die Pläne für eine Nachfolgeausstellung am gleichen Ort bekannt wurden, waren daher die meisten Kunst- und Russlandkenner irritiert.
Bereits die Perspektiven des Projekts «Berlin Moskau 1950 - 2000» wirkten zu diffus, um pointierte Ergebnisse erwarten zu lassen. Der Zweite Weltkrieg hatte den traditionell intensiven Kulturaustausch zwischen der deutschen und der russischen Hauptstadt abrupt beendet. Berlin war eine geteilte Stadt: Seine westliche Hälfte hatte sich demonstrativ von Moskau abgewandt und blickte nach London, Paris, Rom und New York. Das Verhältnis zwischen Moskau und Berlin war nun nicht mehr allein durch die beiden Nationen Deutschland und Russland geprägt, ein komplexes Beziehungsgeflecht dreier Staaten war entstanden.
 | Boris Orlow: Pantokrator, Installation, 1990 | Foto: Katalog |
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Von denen war der eine – die Bundesrepublik – dem zweiten – der Sowjetunion – spinnefeind, wahrend der dritte – die DDR – ein Vasall des zweiten war. Dieser Umstand erschwert die Darstellbarkeit des Verhältnisses der künstlerischen Produktionen in Ost und West ungemein. Die kulturellen Nicht-Beziehungen zweier Zentren des Kalten Kriegs wirkten als Gegenstand einer Ausstellung ungeeignet. Umgekehrt war Ostberlin von Moskau zu abhängig, um wirklich von gegenseitigem Austausch sprechen zu können.
Bildende Kunst im Zentrum
Welche Werke wollte man also zeigen – etwa sklavische Imitationen des sowjetischen Sozialistischen Realismus durch Künstler in der DDR? Schließlich ließen sich die schwierigen innerdeutschen Verhältnisse mit ihren Besonderheiten, wie etwa dem Seitenwechsel zahlreicher Protagonisten, nicht auf den einfachen Nenner zwischenstaatlicher Kulturbeziehungen bringen. Kurzum: Das Vorhaben schien von vorneherein zum Scheitern verurteilt.Jetzt hat die Großausstellung ihre Pforten geöffnet – und straft alle Skeptiker Lügen. Dem Kuratoren-Team ist beinahe eine Quadratur des Kreises gelungen. Es präsentiert zahllose Facetten der Lebenswirklichkeit in allen drei Staaten, ohne den roten Faden zu verlieren. Den Kuratoren gelingt das, indem sie sich eine radikale Beschrankung auferlegten: Gezeigt wird allein bildende Kunst.
Andere Disziplinen im Begleitband
Alle Ansprüche, andere Disziplinen zu berücksichtigen, wurden in einen Begleitband verbannt. Er behandelt die Entwicklung von Literatur, Theater, Musik, Film, Architektur und bietet überdies einen Abriss der historischen Entwicklungen in Politik und Gesellschaft. Diese kommen auch in einer Nebenschau mit 200 Fotografien aus dem Alltag in den drei Staaten zur Geltung.
 | Erik Bulatov: Vor dem Fernseher, Öl, 1982 - 85 | Foto: Katalog |
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Kritiker haben moniert, damit sei die Ausstellung nur unzureichend in den zeitgeschichtlichen Kontext eingebettet worden. Sie müssen sich umgekehrt fragen lassen, wie ihrer Meinung nach eine sämtliche Gattungen behandelnde Totalretrospektive aussehen konnte, die nicht jedes menschliche Fassungsvermögen sprengt. Man darf gespannt sein, wie die russischen Ko-Kuratoren das Problem lösen werden. Sie haben für die Moskauer Station im Frühling 2004 eine derartige Erweiterung der Schau angekündigt.
Einflüsse aus aller Welt
Dagegen ist wie bereits erwähnt widmet sich der Kern der Berliner Ausstellung, wie auch der eigentliche Katalog, ganz der Kunst. Sie tut dies zurecht: Die Kunst, so wird deutlich, folgt eigenen Gesetzen und hat eigene Themen. Diese Themen verfolgt die Schau auf kongeniale Weise: Anstelle eines chronologischen Ablaufs gruppiert sie die Arbeiten um Zentralbegriffe wie «Heimat», das «Erhabene» und «Engagement» herum. Dabei kümmert sie sich nicht um politische oder nationale Oppositionen wie West gegen Ost oder Deutsch gegen Russisch, sondern zeichnet nach, wie Künstler unterschiedlicher Herkunft ähnliche Aufgabenstellungen behandelten. So werden überraschende Übereinstimmungen wie Differenzen deutlich.
 | Oleg Kulik: Verfinsterung I, Fotomontage, 1999 | Foto: Katalog |
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Mehr als deutlich wird aber auch die Tatsache, dass die deutsch-deutsche Kultur an der Nahtstelle des Systemkonflikts keine binationale Angelegenheit war, sondern sich Einflüssen aus aller Welt ausgesetzt sah. Folgerichtig sind auch Amerikaner wie Warhol, Newman und Kienholz, der Spanier Picasso, der Belgier Broodthaers und die Jugoslawin Abramovic vertreten. Natürlich findet man unter den 500 Werken viele berühmte Altmeister der Gegenwartskunst: Auf deutscher Seite etwa Beuys, Richter, Kiefer und Merz, auf russischer Seite die Heroen der inoffiziellen Soz-Art wie Kabakov, Bulatov und Komar & Melamid.
Souverän ausgewählte Einzelgänger
Neben geläufigen Werken, die zum zeitgenossischen Kunstkanon gehören, haben die Kuratoren auch viele kaum bekannte Arbeiten aufgetan, die in diesem speziellen Kontext mit ungeahnten Konnotationen überraschen. Sie wichen zudem der Schwierigkeit aus, aus der aktuellen Kunstproduktion des neuen Jahrtausends Einzelstücke aussuchen und dadurch als repräsentativ adeln zu müssen, indem sie zu bestimmten Themenkreisen kurzerhand eigens Werke in Auftrag gaben.So unterwirft sich die Ausstellung klugerweise nicht dem Diktat des Kunstbetriebs, sondern stellt den eingeführten Markennamen auch souverän ausgewählte Einzelgänger als ebenbürtig gegenüber. Da lassen sich manche Entdeckungen machen, die bislang wenig beachtete Formen wechselseitiger Beeinflussung enthüllen: Etwa die von der ukrainischen Landschaft inspirierten, leuchtenden Farbräume des Münchners Rupprecht Geiger; die in Auseinandersetzung mit Malewitschs Suprematismus entstandene Installation eines strahlend leeren Kunst-Sarkophags von Gerhard Merz, eine Auftragsarbeit für die Ausstellung im Innenhof des Gropius-Baus; oder die geistreichen Konzeptkunst-Experimente des in Berlin lebenden russische Künstlerpaars Igor und Svetlana Kopystiansky. Auf diese Weise entsteht eine Wunderkammer der Weltkunst seit 1945.
Bis 5. Januar im Berliner Martin-Gropius-Bau. Mittwochs bis montags 10 - 20 Uhr. Der zweibändige Katalog kostet 30 Euro. Das Rahmenprogramm findet sich unter: www.berlin-moskau.net.