Nobelpreis für J.M. Coetzee: 

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Mit J.M. Coetzee konnte man rechnen. Die Verleihung des Literaturnobelpreises ehrt den südafrikanischen Autor als differenzierte wie vorsichtige politische Stimme. Thema: Nobelpreis für Literatur 2003 Nobelpreis für Literatur geht an Südafrikaner John Maxwell Coetzee

Endlich, werden viele sagen. Die Anwärterschaft des 63-jährigen John Maxwell Coetzee aus Südafrika auf den Literaturnobelpreis war bereits chronisch geworden. Seit etwa zehn Jahren stand der aus Kapstadt stammende Autor auf den Favoritenlisten der Literaturkenner, das letzte Mal wurde 1991 eine Autorin aus Südafrika, Nadime Gordimer, mit dem Preis bedacht. Seitdem ist überhaupt kein Afrikaner mehr in den Genuss der Ehrung gekommen.

Trotzdem werden auch viele enttäuscht sein, dass die Wahl nun wieder auf einen Vertreter des weißen Afrikas gefallen ist, schließlich hatte man in diesem Jahr auch mit dem Somalier Nurrudin Farah oder Ben Okri aus Nigeria gerechnet. Die Ehrung der letztgenannten wäre wohl eher als ein dezidiert politisches Statement verstanden worden, insbesondere Farah hatte sich in letzter Zeit als flammender Kritiker des Irak-Krieges und der amerikanischen Interventionspolitik profiliert und auf den Zusammenhang zwischen Krieg und Armut verwiesen.
Das Wesen des Bösen
Das heißt nicht, dass mit Coetzee nun ein unpolitischer Autor geehrt worden wäre. Das Komitee lobt ihn in der Begründung zur Preisverleihung aber eher für seine Vorsicht, als für plakative Einsätze. Ein «gewissenhafter Zweifler» sei Coetzee, der durch «intellektuelle Ehrlichkeit» die «Grundlagen des Trostes» zersetze und seine Überzeugungen eher «durchscheinen» lasse, als dass er für sie argumentiere. Coetzees Figuren stünden in «entscheidenden Augenblicken unbeweglich hinter sich selbst». aber gerade dieser Passivität gewinnt das Stockholmer Komitee einen politischen Aspekt ab: Sie «ist nicht nur der dunkle Dunst, der die Persönlichkeit verschluckt, sie ist auch das äußerste Mittel, das der Mensch hat, der einer unterdrückenden Ordnung trotzen will, indem er sich vor ihren Absichten unerreichbar macht.»

Seine Helden gewännen paradoxerweise gerade dadurch ihre Stärke, dass «sie aller äußeren Würde entkleidet» würden, heißt es weiter. Doch hat Coetzee sich immer wieder auch thematisch mit der gewalttätigen Geschichte seines Heimatlandes auseinandergesetzt. Bereits sein Debütroman «Dusklands» von 1974 entwickelte Parallelen zwischen dem Vietnamkrieg und dem Vorgehen der ersten holländischen Siedler in Südafrika. Der nächste Roman «Im Herzen des Landes» erzählt von der Liebe eines weißen Familienoberhaupts zu einer Farbigen und den Mordphantasien, die dieses Verhältnis bei seiner Tochter produziert.

Apartheid und rassistische Unterdrückung werden auch in den Romanen «Der Junge. Eine afrikanische Kindheit» und «Schande» zum Thema. In «Leben und Zeit des Michael K» und «Der Meister von Petersburg» hat sich Coetzee ausführlich an literarischen Vorgängern wie Defoe, Kafka, Beckett und Dostojevski abgearbeitet. Mit letzterem verbindet ihn die Frage nach dem Wesen des Bösen, das ihn besonders im Kontext der gewissenlosen Freiheit des Terrorismus interessiert.

Programmierer in London
Mit dem Roman «Die jungen Jahre» liegt seit 2002 auch auf Deutsch eine Art fiktive Autobiographie Coetzees vor, für die er in den Jahren 1983 und 1999, und damit als erster Autor gleich zweimal mit dem renommierten Booker-Preis ausgezeichnet worden war. Wie Coetzee selbst zieht auch der Protagonist des Romans in den sechziger Jahren von Südafrika nach England, um dort als Computerprogrammierer zu arbeiten. Ungeachtet seiner Angestelltenexistenz versteht sich der Protagonist des Romans als Künstler, setzt sich mit Boheme und Künstlerallüren auseinander, um schließlich eine moralisch indifferente Kunstreligion zu propagieren.

Die deutsche Kritik feierte das Buch als «beeindruckendes Memoir», in dem der Autor «die eigene Zeit der Starre» («FAZ») geschildert habe, und lobte außerdem den Grad an «Authentizität» («Die Zeit»), der dabei erreicht worden sei.

Buchmesse ohne Coetzee
Coetzee ist neben seiner schriftstellerischen Arbeit auch in pädagogischer Funktion tätig. Er unterrichtete die Fächer Literatur und Englisch an Universitäten in New York und Buffalo. 1984 erhielt er gar eine Professur für englische Literatur an der Universität in Kapstadt. Erst vor einem Jahr verließ er seine südafrikanische Heimat in Richtung Australien, wo er jetzt lebt und arbeitet.

Die Universität von Adelaide wird stolz darauf sein, nun einen Nobelpreisträger in ihren Vorlesungsverzeichnissen zu haben. Ans andere Ende der Welt will Coetzee aber leider nicht reisen. So muss die Frankfurter Buchmesse auf seine Anwesenheit verzichten.(nz)