11. September in Chile:
Folter als System
09.09.2003
Herausgeber: netzeitung.de
Er setzte sich für verfolgte Chilenen ein und überreichte Pinochet eine Dokumentation, in der die systematischen Folterungen der Geheimpolizei nachgewiesen wurden. Der heute siebzigjährige Frenz wurde später Generalsekretär von amnesty international und ist momentan Flüchtlingsbeauftragter der schleswig-holsteinischen Landesregierung. Vor kurzem noch war er in Chile, wo er sich für die Entschädigung und Anerkennung der vielen überlebenden Opfer der Militärdiktatur stark macht.
Netzeitung: Am 11. September 1973 wurde der chilenische Regierungspalast bombardiert. Wo waren Sie zu diesem Zeitpunkt, wie haben sie die Situation wahrgenommen, und wie haben Sie darauf reagiert?
Frenz:: Den Beginn des Militärputsches habe ich sehr undramatisch erlebt, obgleich ich zu diesem Zeitpunkt in Santiago gelebt und gearbeit habe. Ich habe eine große Familie, und da dreht sich zur Morgenstunde, zu der sich der Putsch in der Hauptstadt ereignet hatte, alles um die Kinder. Die wurden von mir zur Schule gebracht, wobei ich mich nur wunderte, dass so wenig Verkehr auf den Straßen war. Auf die Idee, das Radio einzuschalten, war ich noch gar nicht gekommen. An der deutschen Schule wurde mir dann mitgeteilt, dass ein Putsch stattgefunden habe und ich die Kinder nehmen und schnell wieder nach Hause fahren sollte. Dann allerdings nahmen die Ereignisse eine rasante Entwicklung.
Netzeitung: Ein Jahr später haben Sie mit Pinochet auch persönlich gesprochen.
Frenz: Von der katholischen und meiner, der evangelisch-lutherischen Kirche war ein Komitee zur Verteidigung der Menschenrechte gegründet worden. Zum einen ging es darum, den Ausländern in Chile Schutz zu gewährleisten, aber mehr noch, den verfolgten Chilenen Hilfe zukommen zu lassen. Unter dem Namen «Komitee zur Zusammenarbeit für den Frieden» sind wir dann auch offiziell in Erscheinung getreten und konnten vielen Tausend Menschen wirklich Hilfe und Rat geben. Zum einen haben wir Leute versteckt, die, wenn sie der Geheimpolizei in die Hände gefallen wären, gefoltert worden wären. Wir haben auch eine große Dokumentation über die Verbrechen, um das beschönigende Wort von den Menschenrechtsverletzungen zu vermeiden, angelegt. Diese Informationen gaben wir dann nach außen, etwa an die Menschrechtskommissionen der UNO und zu amnesty international, weiter. Wir waren zu diesem Zeitpunkt der wichtigste Informationskanal ins Ausland. Unter anderem hatten wir eine Dokumentation erstellt zum Thema «Folter als System in Chile», die den systemischen Charakter der Folter belegte. Schließlich war jeder, der in die Hände der Geheimpolizei fiel, erst einmal dieser Gewalt ausgesetzt.
Netzeitung: Internierung von Gefangenen in Fußballstadien, die allgegenwärtige Folter es ist doch auffällig, dass Pinochet auch im Unterschied zu anderen Diktatoren ein besonders unverhohlenes und geradezu obszön demonstratives Gewaltregime ausgeübt hat. Wie ist es zu erklären, dass er sich trotzdem eines starken Rückhalts in der Bevölkerung sicher sein konnte?
Frenz: Das ist leicht erklärbar. Es hat mit der Verteilung der materiellen Ressourcen in der damaligen chilenischen Gesellschaft zu tun. Geld, Macht und die Kontrolle über die Medien waren ausschließlich in den Händen der Reichen und des Mittelstandes. Es lag eine, für die Dritte Welt typische, klare Spaltung der Gesellschaft in Mächtige und Ohnmächtige vor. Das war ja das Projekt von Allende und seiner Unidad Popular gewesen: den Ohnmächtigen endlich die Ohnmacht zu nehmen und ihnen Zugang zu Gesundheitsvorsorge, Bildung und Arbeit zu verschaffen. Unter Pinochet wurde diese Entwicklung rückgängig gemacht, so dass vielleicht eine erfundene Zahl zwanzig Prozent der Gesellschaft auf einmal wieder alle Macht in den Händen hielten.
Netzeitung: Sie haben auf die vermutliche Verwicklung der USA in den Putsch von 1973 hingewiesen. Der chilenische Soziologe Tito Tricot spricht in Bezug auf den 11. September 2001 von einer geraubten Erinnerung der Chilenen durch die zufällige Koinzidenz dieser beiden Daten. Chilenische Feuerwehrleute würden zur Erinnerung der Opfer im WTC an diesem Tag ihre Sirenen ertönen lassen, wo doch zugleich der Opfer der chilenischen Militärdiktatur kaum je angemessen gedacht worden sei. Dass sei skandalös angesichts der amerikanischen Verwicklung in den Putsch, bei dem doch mit 90.000 Toten circa 15 mal mehr Menschen ums Leben gekommen seien, als vor zwei Jahren in New York.
Frenz: In der Tat: das Erinnerungsdatum 11. September ist den Chilenen gestohlen worden, durch eine zufällige Datumsparallele, für die natürlich niemand etwas kann. Was das für das Verhältnis der Chilenen zu den USA bedeutet, vermag ich nicht zu beurteilen. Für uns, deren Anliegen ja immer noch nicht erledigt ist, kann das nur bedeuten, umso nachdrücklicher aufzutreten und den chilenischen Putsch von 1973 gegen das große Vergessen zu schützen. Deshalb werden in allen größeren Städten Europas und in Chile auch, jetzt Veranstaltungen statt finden. Natürlich sind hier auch immer die USA adressiert, die den Putsch ja mit zu verantworten haben. Trotzdem wehre ich mich vehement gegen eine Aufrechnung der Toten, die einige Fanatiker anstellen, und auch gegen Schadenfreude über das Leid der Amerikaner.
Netzeitung: Nur 48 Stunden nach dem Sturz Pinochets waren Sie bereits wieder in Chile. Welche Rolle spielen im Zuge der Redemokratisiserung des Landes seitdem Kirchen und Menschenrechtsorganisationen.?
Frenz: Das Erbe der Militärdiktatur wiegt schwer für die neue Regierung, die sich selbst ohnehin noch nicht einmal als demokratisch, sondern als auf dem Wege dorthin bezeichnet. Die Verfassung, die die Militärdiktatur dem Land noch gegeben hat, ist so raffiniert durchdacht und in den politischen Organen verankert worden, dass es bis heute nicht gelungen ist, sie abzuschaffen. So müssen sich die gewählten Mitglieder der Regierung immer noch mit ernannten Regierungsmitgliedern zu arrangieren, die darauf achten, dass die Machtbalance nicht zu stark in eine demokratische Richtung kippt. So geht nicht, wie in einer Demokratie, alle Macht vom Volke aus, sondern von der Regierung. Das ist das schwere Erbe der Militärdiktatur. Der neue sozialistische Präsident hat es im Senat zum Teil noch immer mit von Pinochet auf Lebenszeit zu Senatoren ernannten Regierungsbeamten zu tun. Von hier aus kann alles verhindert werden, was zukunftsweisend in Richtung einer wirklichen Demokratie geht. Das ist schlimm.
Netzeitung: Sie persönlich setzten sich in einer Ethikkommission in Chile für die Entschädigung und Anerkennung der Opfer ein, zugleich findet ein Hungerstreik statt, wo Nachkommen der Opfer medienwirksam für die Aufhebung der Amnestiegesetze kämpfen. Wie werden solche Aktivitäten in Chile wahrgenommen, und welche Chancen räumen Sie ihnen ein?
Frenz: Ich wage keine Prognosen. Noch sind drei junge Leute im Hungerstreik, zwei von ihnen werden mittlerweile in Kliniken versorgt. Dies wird in der chilenischen Öffentlichkeit stark wahrgenommen und auch international. Insbesondere das Internet hat zu einer Flut von Solidaritätsbekundungen und einer starken Aufmerksamkeit im Ausland geführt.
Netzeitung: In Argentinien sind ja vor kurzem die Amnestiegesetze aufgehoben worden. Könnte dies ein Modell sein für den kleinen Nachbarn Chile?
Frenz: Natürlich erhöht das Vorgehen in Argentinien den Druck auf die chilenische Regierung. Doch, obwohl die historischen Kontexte der beiden Länder vergleichbar sind, wiegt doch das Erbe der Pinochet-Regierung wesentlich schwerer, als das, was die Militärs in Argentinien zurückgelassen haben. Die amtierende chilenische Regierung geht in dieser Frage momentan den Weg des geringsten Widerstandes. «Punto final» lautet das Stichwort: endlich soll ein Schlusspunkt unter die Ereignisse der Vergangenheit gesetzt und in die Zukunft geschaut werden. Nur lassen sich die Opfer nicht so leicht beiseite wischen, wie das die Regierung will. Zugleich spaziert Pinochet, den man in einem zweifelhaften Verfahren für geistig krank erklärt hat, durch die Straßen von Santiago, als wäre nichts gewesen. Das ist für einen großen Teil der Bevölkerung schon eine starke Herausforderung.
Das Interview führte Ronald Düker.

