Eric Hobsbawm:
Ein unbeschädigter Marxist
08. Sep 2003 07:49
 | Eric Hobsbawm | Foto: Hanser |
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Der englische Historiker Eric Hobsbawm hat seine Autobiographie geschrieben. Es ist zugleich die Geschichte der kommunistischen Partei von England.
Von Manuel KarasekWährend des zweiten Weltkrieges fiel nur eine einzige deutsche Bombe auf das englische Universitätsstädtchen Cambridge. Diese zertrümmerte ein Gebäude, in dem «die Genossin Freddie» von einem Dachbalken eingeklemmt wurde. Sie glaubte, sterben zu müssen, und richtete ihre letzten Worte an die Welt. Diese bestand lediglich aus einer Person, die verzweifelt versuchte, sie unter dem Balken hervorzuziehen und aus den brennenden Trümmern fortzutragen. «Lang lebe die Partei, lang lebe Stalin!», rief Freddie.
Diese Szene spielte sich 1941 ab und findet sich in der soeben auf Deutsch erschienenen Autobiographie «Gefährliche Zeiten» des renommierten britischen Historikers Eric Hobsbawm. Und wer wenigstens eines seiner umfangreichen und bedeutenden Bücher gelesen hat, weiß, dass der inzwischen 86jährige Autor fast sein ganzes langes Leben ein überzeugter Kommunist gewesen ist. Dennoch muten manche Passagen, in denen es um Hobsbawms politische Überzeugungen geht, ebenso seltsam wie fern an.
Kampf gegen die faschistische Gefahr
Auf 470 Seiten ist zu lesen, dass die Mitglieder der kommunistischen Partei Englands stets taten, was die Partei befahl. Wenn diese von einem Genossen forderte, sich von der Lebenspartnerin zu trennen, so befolgte der die Anweisung. Die Mitglieder gingen auch kein dauerhaftes Verhältnis mit Außerparteilichen ein. Die Parteiarbeit hatte Vorrang vor allem Privaten und forderte unbedingte Disziplin für die Verwirklichung der «Weltrevolution».Was in Eric Hobsbawms brillant geschriebener Autobiographie skurril oder fragwürdig anmutet, rührt von einer politischen Sozialisation her, die noch eine konkrete Nähe zur Oktoberrevolution von 1917 hatte. Dies ist auch das Geburtsjahr des Geschichtsgelehrten, der unter anderen wichtigen Büchern das «Zeitalter der Extreme» verfasst hat, das als eine der ersten umfassenden gelungenen Deutungen des 20. Jahrhunderts gilt. Hobsbawm verstand sich in den dreißiger Jahren als Teil einer politischen Gruppe, die sich dem Kampf gegen die faschistische Gefahr aus Italien, Spanien und Deutschland verschrieben hatte.
Akribische Geschichte der KP
Dass der Historiker seine Zugehörigkeit zu einer Generation, die nie aufgehört hatte, an die Weltrevolution zu glauben, plausibel zu erklären vermag, und dass dieses Geständnis nicht ins Lächerliche abrutscht, liegt daran, dass Hobsbawm kritische Begriffe wie eben den der «Weltrevolution» nie ideologisch, sondern immer deskriptiv benutzt. «Gefährliche Zeiten» beschreibt die Biographie eines politischen Menschen. Im Zentrum von Hobsbawms Denken steht dabei immer der Kampf für weltweite soziale Gerechtigkeit. Hobsbawm glaubte mit religiöser Inbrunst an die Begriffe «Weltrevolution» und «soziale Gerechtigkeit» und vertritt diese Haltung mit Würde und großem schriftstellerischem Vermögen.
 | Eric Hobsbawm mit Frau Marlene | Foto: Hanser |
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Geballt mutet die Dichte an Details und Informationen über die Geschichte der englischen KP an: Haarklein beschreibt Hobsbawm aus der Innensicht eines Parteimitglieds Sitzung für Sitzung, Diskussionen mit Parteimitgliedern und listet akribisch auf, welcher Historikerkollege in der Partei war und welcher nicht, wer ausgetreten und wer seiner politischen Heimat treu geblieben war. Das Resultat ist eine intellektuelle Parteigeschichte: So privat sie ist, so unverklärt und lesenswert ist sie zugleich.
Autobiographie als B-Seite
Mit einer beinahe rührenden Detailgenauigkeit erzählt Hobsbawm vom akademischen Innenleben Cambridges in den dreißiger Jahren, von Studenten, die sich untereinander ironisch «Apostel» nannten, in gegenseitigem geistigen Austausch standen und von denen jeder, zur Vorbereitung der eigenen universitären Laufbahn, regelmäßig Vorträge hielt. Hobsbawms Erzähldrang ist mächtig: Der Historiker gibt ein Thema erst dann auf, wenn er es erschöpfend behandelt hat, was in diesem Falle heißt, dass er dem Leser niemanden verschweigt, der in der Geschichte Cambridges einmal «Apostel» gewesen ist, so zum Beispiel Charles Darwin. In labyrinthischen Textstrukturen erzählt Hobsbawm von den Persönlichkeiten, die im 19. Jahrhundert in Cambridge studiert haben, und davon, wie diese starken Persönlichkeiten für die nachfolgenden Studentengenerationen zu einer Belastung wurden: Jedenfalls waren, so Hobsbawm, die geistigen Kräfte von den vierziger Jahren an nicht mehr so vital wie zuvor. Hobsbawms Ausführlichkeit resultiert nicht aus narrativer Selbstverliebtheit und ist auch nicht das Ergebnis ruheloser Pedanterie. Vielmehr gehört sie zur formbestimmenden Konzeption, einem Prinzip und einer Arbeitsweise, die jedem seiner Bücher zu eigen ist. In «Gefährliche Zeiten» erklärt der Verfasser, dieses Buch sei die B-Seite von «Zeitalter der Extreme». Das bedeutet: Wenn er sich in «Age of Extremes» vorwiegend auf politische Umstände samt ihrer sozialen und ökonomischen Begleiterscheinungen konzentriert und so zu einer «öffentlichen» Geschichte des «kurzen 20. Jahrhunderts» kommt, dann ist seine Autobiographie die private Geschichte.
Beschädigter Marxismus
Doch geht es nur am Rande um persönliche Ereignisse wie Heirat, Kindererziehung oder Freundschaften. Es handelt sich um einen gleichsam privaten Blick auf die Geschichte der KP Englands und die von Cambridge in den dreißiger Jahren. Privat sind diese Vorkommnisse aber nur, weil sie keinen Platz finden konnten neben Ereignissen wie das vergebliche Friedensabkommen von München im Jahre 1938 oder der XX. Parteitag der KPDSU 1956, in dem Nikita Chruschtschow Stalin für seine Verbrechen anklagte.Ohnehin ist dieser Parteitag für das Leben des Marxisten und Historikers Hobsbawm wichtig, denn die vom Generalsekretär zum ersten Mal verkündeten Verbrechen warfen nicht nur einen Schatten auf einen zuvor geliebten Führer, sondern sie stellten den Sozialismus selbst in Frage, insbesondere als Ungarn, das sich vom Warschauer Pakt lösen wollte, wenige Monate später gewaltsam von den Russen besetzt wurde. Den Marxismus so beschädigt zu sehen, bereitete dem Marxisten Hobsbawm, wie er schreibt, nahezu körperliche Schmerzen.
Eric Hobsbawm: Gefährliche Zeiten. Ein Leben im 20. Jahrhundert. Aus dem Englischen von Udo Rennert. Carl Hanser Verlag, München, 2003. 24,90 Euro