Friendster: 

netzeitung.deFreunde suchen Freunde

 Herausgeber: netzeitung.de

Der Online-Dienst Friendster hat die Partnersuche in den USA revolutioniert, er basiert auf Empfehlungen von Freunden. Doch subversive Elemente versuchen das System zu sabotieren.

Das Rendezvous nennt man in den USA ein «Date», und es folgt präzisen Regeln, die sich Europäer manchmal nur schwer vorstellen können. Die Tatsache, dass das Internet prädestiniert ist, einsame Singles zusammenzubringen, machen sich wiederum digitale Dating Services zu nutze. Ein solches Partnervermittlungsystem namens Friendster revolutioniert derzeit nicht nur das Paarungsverhaltung der Amerikaner, sondern stellt gleichzeitig in Frage, was unter Realität nicht nur im Netz überhaupt zu verstehen ist.

Das Feature, das Friendster.com im Vergleich mit anderen Dating-Sites auszeichnet, besteht in einer spezifischen sozialen Komponente: Hier trifft man nicht irgendeinen potenziellen Partner, sondern immer Freunde von Freunden. Grundlage hierfür ist eine Datenbank, die Verknüpfungen herstellt. Friendsters Wesen besteht geradezu darin, aus «realen» sozialen Beziehungen, neue, «virtuelle» Beziehungen entstehen zu lassen.

Dem anonymen Single-Dasein entkommen
So funktioniert's: Nutzer erstellen ein «Profil» von sich selbst, indem sie Fotos ins System laden und einige Fragen über sich selbst beantworten. Dann laden sie ihre Freunde ein, sich ebenfalls solchermaßen ins Netz zu begeben, und binden Bilder dieser Freunde in ihre eigenen Profile ein. Auf diese Weise wird jede Seite mit einigen Seiten von Freunden verlinkt, und damit wiederum mit den Seiten der Freunde von Freunden und so fort. So entsteht etwas, das ein Bewunderer des Systems «ein unendliches soziales Netzwerk» genannt hat.

Es ist fünf Monate her, seitdem Friendster gratis online benutzt werden kann. In dieser Zeit hat das System geschätzte 1,5 Millionen Nutzer gewinnen können. Der Erfinder von Friendster, der 33-jährige Jonathan Abrams, ist überwältigt von diesem Massenandrang, nun versucht er ein Zahlungssystem zu entwickeln. Der Programmierer aus San Francisco wollte eigentlich nur einen Weg finden, selbst der Anonymität des urbanen Single-Daseins zu entkommen, wo selbst Treffen im Realraum durchaus anonym verlaufen können. Die üblichen Angebote für Partnersuchende im Netz, wie etwa Match.com, fand Abrams «zufällig, anonym und gruselig».

Invasion der Hipster
Friendster war somit Abrams Versuch, die Community, spezifischer gesagt, die verkuppelnde Funktion jeder Gemeinschaft, ins Leben von partnersuchenden Singles zurückzubringen. Er strebte danach, der Massengesellschaft ein Kleinstadt-Gefühl zurückzugeben. Das Ideal hinter Friendster ist die überschaubare Gemeinschaft, in der jeder jeden kennt, und sei es auch nur über fünf Ecken. Auf Friendster werben Leute für ihre Freunde mit persönlichen Empfehlungsschreiben. Die Software von Friendster soll die Rolle einnehmen, die im Dorf traditionell Ehestifter spielen.

Was Abrams allerdings nicht berücksichtigte, war die Kreativität und Spielfreude der Nutzer. So wurde seine Community unter anderem von DJs, Künstlern, Kaffehausphilosophen und anderen Hipstern in Beschlag genommen. Sie erfinden fiktionale Charaktere mit Namen wie «Gott», «World Trade Center» oder «Noam Chomsky» und sammeln neue wie falsche Freunde eher aus Spaß und guter Laune. Andere begannen bald damit, sich aus ganz praktischen Gründen zu tarnen. Wie das «San Francisco Weekly» berichtet, tauschte etwa ein Mann aus New York sein Porträt gegen das Bild einer Katze. Er war auf der Straße mit Hinweis auf sein Friendster-Profil angesprochen worden und wollte seine Anonymität auf der Straße zurück bekommen.

Mehrere männliche «Friendsters» wurden wiederum verdächtigt, Ex-Freundinnen erfunden zu haben, die in höchsten Tönen von ihnen sprachen, um so schneller zu einer Partnerin zu kommen. Eine lesbische Frau, die feststellen musste, dass alle ihre Freunde, sowie deren Freunde heterosexuell sind, änderte ihren Namen. Heute findet man sie unter dem Namen eines berühmten Lesbenclubs in San Francisco.

Feinde der Kleinstadt
Jonathan Abrams ist zornig über die Betrüger. Er schwört, er werde sie alle aus dem Netz entfernen, als gäbe es wahre Massen der Dating-Terroristen. Seine zehn Mitarbeiter haben damit begonnen, Einträge wie den «Gigantischen Tintenfisch», der zu den populären Junggesellen auf Friendster zählt, zu löschen. Die Freunde des Fakes sind wiederum über solche Maßnahmen erbost. Sie haben sich zum «Borg Collective» zusammengeschlossen, ihre Rebellion beruft sich auf die Freiheit der Kunst: Die Menschen hätten immer schon Masken und Verkleidungen benutzt, um die wahre Natur ihrer Identität zu erforschen. Das Borg Kollektiv sieht seine Mission darin, die Leute dazu zu bringen, nicht nur «die Realität zu hinterfragen», sondern auch die Natur des eigenen «wahren Selbst». Schließlich behaupten sie, Friendster sei kein Dating-Dienst mehr, sondern schon längst zu einer virtuellen Gemeinschaft geworden. Diese Entwicklung könne Abrams nicht aufhalten.

Abrams versuchte eine engmaschige Kleinstadtgemeinde inmitten der modernen amerikanischen Massengesellschaft zu etablieren. Seine Gegner erweisen sich hingegen gerade als Feinde der sozialen Kontrolle, die mit der Kleinstadt einhergeht. Abrams wollte ein virtuelles Netzwerk schaffen, in dem «nachprüfbare menschliche Beziehungen» abgebildet werden können. Die falschen Freunde des Fakes haben diese Idee mit romantischer Ironie überschüttet.


Für das Web ediert von Anjana Shrivastava