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US-Wahl: 

Guerilla-Wahlkampf im Internet

08. Aug 2003 07:24
Howard Dean
Howard Dean gilt bereits als Favorit unter den demokratischen Kandidaten für die Präsidentschaftswahl - unter anderem, weil er seinen eigenen Weblog schreibt und Wahlkampfspenden via Internet organisiert.

Von Anjana Shrivastava

Auf Howard Deans Weblog mit dem wenig bescheidenen Namen «Blog for America» sah man den Kandidaten auf einem Foto, mit einem angebissenen Truthahn-Sandwich in der Hand vor dem Laptop sitzend. Das sah nicht gerade glamourös aus, vier Tage nach der Veröffentlichung dieses Fotos im Netz zeigte sich jedoch eine unerwartete Wirkung. Im Rennen um Wahlkampfspenden hatte Dean an diesem Wochenende über George W. Bush gesiegt, er konnte beinahe doppelt so viel Geld von Unterstützern auf seinem Wahlkampfkonto verbuchen, obwohl Bush nicht im Netz geworben hatte, sondern Abendessen für 2.000 Dollar pro Person verkauft hatte.

Während man in Colombia, South Carolina, sich also über ein verschwenderisches Abendessen freute, inszenierte die Dean-Kampagne gezielt ein eher mageres Gegenprogramm im Netz: Dean forderte seine Unterstützer, die an seiner Online-Community mit Foren und realen Treffen teilnehmen, dazu auf, Geld zu spenden. Die Community war vorausschauend bereits vor etwa einem Jahr eingerichtet worden. Einen Teil des Geldes will er nun in eine Fernsehkampagne für Texas zu investieren, just in jenen Tagen, wenn Bush in seiner Ranch in Crawford, Texas, Urlaub macht.

Geld von Coca Cola und den kleinen Leuten

Howard Dean, ein Yankee-Aristokrat, führt somit einen Guerilla-Wahlkampf gegen Präsident Bush. Der Erfolg scheint ihm Recht zu geben, der fünfmalige Gouverneur des liberalen Bundesstaats Vermont gilt bereits als Favorit unter den demokratischen Bewerbern für den Präsidentschafts-Wahlkampf. Dies hat nicht nur viele Republikaner alarmiert, auch mancher Demokrat sieht es mit Sorge: Das Land ist zunehmend polarisiert. In den letzten Jahren gingen Millionen von Arbeitsplätzen verloren, außerdem zeigen Meinungsumfragen, dass die Wähler in der Frage, ob Bush das Land getäuscht hat, um Zustimmung für den Krieg in Irak zu gewinnen, zu ungefähr gleichen Teilen in zwei Lager gespalten sind. Dean reißt nun weitere Gräben zwischen Klassen und Kulturen auf.

Kandidat Dean beim Spendensammeln
Denn man kann sicher behaupten, dass sich die Bush-Kampagne auf ein ausgeklügeltes System südlicher Gefolgschaftstreue stützt. Mit diesem System hat sie Geld für die Wahlen im nächsten Jahr gesammelt, und zwar auf eine Art und Weise, die ohne Vorbild ist. Auf dem Boden der Reynolds Plantation in Georgia organisierten zwei seiner besten Unterstützer, die von der Bush-Kampagne bereits den Ehrentitel eines «Ranger» verliehen bekamen, wie wichtige Helfer in ihrem Jargon bezeichnet werden, 2,25 Millionen Dollar an einem Wochenende. Das Geld wurde nicht nur von den größten Unternehmen Georgias beigesteuert, nämlich Coca Cola und Home Depot, sondern auch von Farmern oder Flugbegleiterinnen. Letztere ließen sich von den beiden Rangern nämlich dazu überreden, an einem der Abendessen zu 2.000 Dollar teilzunehmen.

Dean unterstützt die Krankenversicherung für alle

Dies sind die alten Strukturen beinahe feudalistischer Klientelwirtschaft, die den Süden seit Jahrhunderten prägen. Neu ist daran, dass sie gezielt für die Republikanische Partei genutzt werden, die zum ersten Mal seit 130 Jahren den Gouverneur in Georgia stellt und den Staat zügig «republikanisiert». Man geht heute davon aus, dass die Bush-Kampagne insgesamt 200 Millionen Dollar an Wahlkampfspenden sammeln wird, dies ist alles in allem ein Szenario, das nicht länger zum 20. Jahrhundert gehört.

Vom Norden aus betrachtet sieht die Demokratie im 21. Jahrhundert aber anders aus: Hier betont man individuelle Unabhängigkeit sowie das abstrakte Ideal der Basisdemokratie. Dies sind die Yankee-Obsessionen des nicht trinkenden, nicht rauchenden und auch in Bezug auf Kaffee enthaltsam lebenden Howard Dean, der auch als Arzt seinen Lebensunterhalt verdient hat. Die wichtigste Forderung seiner Kampagne ist die allgemeine Krankenversicherung. Er bezeichnet sich als finanzpolitisch konservativ, die von Bush ohne Rücksicht auf einen ausgeglichenen Staatshaushalt durchgeführten Steuersenkungen werde er sofort widerrufen, um staatliches Geld für die Krankenversicherung zur Verfügung zu haben. Er setzt sich dafür ein, dass Sozialhilfeempfänger arbeiten sollen, er unterstützt das Recht auf Waffenbesitz, und in manchen Fällen hält er die Todesstrafe für gerecht.

Mehr Blogs für die Kandidaten

Vor allem aber scheint ihn das Motiv anzutreiben, den traditionellen demokratischen Prozess zu revitalisieren. Der in Manhattan geborene Sohn eines sehr reichen Anwalts glaubt, er könne die amerikanische Demokratie mit neuem Leben füllen, indem er die Massen an der Basis organisiert. Er sammelt übers Netz nicht nur Geld, sondern er organisiert darüber hinaus so genannte «Meetups», an denen Zehntausende teilnehmen, um so neue Formen des Wahlkampfs zu entwickeln. Seine Kampagne hofft gegen Ende des Jahres eine Million Freiwillige rekrutiert zu haben. Freiwillige waren es auch, die kürzlich 60.000 Briefe an Wähler in Iowa mit der Hand schrieben oder regelmäßig Flugblätter auf Bauernmärkten verteilen.

Lawrence Lessig
Journalisten, die kritisch über Dean schreiben, werden von seinen Anhängern mit E-Mails überschüttet. Lawrence Lessig, Jura-Professor an der Stanford Law School, Copyright-Anwalt und Internet-Vordenker, unterstützt hingegen Deans Internetkampagne lebhaft. Er lud Dean ein, für eine Weile seinen eigenen Blog weiterzuschreiben, um mit neuen Nutzern in Kontakt zu treten.

Lessig erklärte daraufhin: «Ich würde mich geehrt fühlen, wenn auch andere Kandidaten hier eine Woche lang schreiben würden. Ob hier oder anderswo: Jeder ernsthafte Kandidat sollte etwas Zeit an einem so offenen und egalitären Ort verbringen. Jeder erkennt heute an, dass der führende demokratische Kandidat unter anderem deswegen führt, weil er seine Botschaften an Orten wie diesem verbreitet. Sie sollten alle Orte finden, an denen sie dasselbe tun können – nämlich sich vielen Menschen auszusetzen, die allesamt über spezifisches Wissen verfügen, und dabei offen für Kritik zu sein. Würden die Kandidaten anstelle von fünf choreographierten Auftritten in irgendwelchen Stadthallen eine Woche lang auf einem Blog präsent sein, würden wir sicher eine interessante Entwicklung beobachten können.»

Wahlkampf revolutioniert

Der Organisator dieses Cyberwahlkampfs ist Joe Trippi, ein ehemaliger Luftfahrtingenieur, der seit zwanzig Jahren für die Demokraten arbeitet. Während das Fernsehen die Kommunikation zentralisiert habe, schaffe das Internet die Voraussetzung für Einflussnahme von unten, glaubt Trippi. Bushs Antwort belief sich bis jetzt darauf, seine Staatssekretäre aus den Ministerien für Finanzen, Handel und Arbeit auf einen zweitägigen Bustrip durch sechs Städte in Minnesota zu schicken, wo sie in lokalen Burger Kings und ähnlichen Orten auf ein eher verstimmtes Publikum trafen.

Bemerkenswerterweise waren es dort Mittelklassewähler, die laut «New York Times» am stärksten ihr Missfallen ausdrückten. Ob Dean tatsächlich das Rennen um die demokratische Kandidatur gewinnen wird, bleibt offen. Dass das System der Wahlkampffinanzierung von Dean mittels des Internet revolutioniert wurde, scheint jedoch bereits klar zu sein.

 
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