Ted Honderich: 

netzeitung.deHumaner Terror muss sein

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Mitglied der Al-Aksa-Brigade in Kalkilija (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Mitglied der Al-Aksa-Brigade in Kalkilija
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Der Suhrkamp-Verlag hat sich vom Autor Ted Honderich distanziert, der von moralisch gerechtfertigtem Terror spricht. In seinen Texten im Internet habe Honderich sich weiter «radikalisiert».

Von Ulrich Gutmair

Der Suhrkamp-Verlag hat sich am Mittwoch von seinem Autor Ted Honderich distanziert. Sein Buch «Nach dem Terror. Ein Traktat» werde nicht wieder aufgelegt, die Rechte wolle man zurückgeben. Die vor wenigen Wochen erschienene erste Auflage sei bereits vergriffen, teilte der Verlag außerdem mit. Suhrkamp hat damit die Konsequenzen gezogen aus den Vorwürfen, die erstmals am Dienstag Micha Brumlik in einem offenen Brief formuliert hatte. Der Direktor des Fritz Bauer Instituts in Frankfurt, das sich mit der Geschichte des Holocaust und seiner Wirkung beschäftigt, hatte den Verlag aufgefordert, das Buch vom Markt zu nehmen.

Brumlik erklärte, bei Honderichs Buch handele es sich um philosophischen Judenhass, genauer um antisemitischen Antizionismus. Es sei ein Traktat, das «die Ermordung jüdischer Zivilisten in Israel rechtfertigt und so – gemäß der strengen moralischen Logik des Autors Honderich – eben dies Tun auch zur Nachahmung empfiehlt.»
Mehr Menschlichkeit durch Terror
Tatsächlich tut Honderich eben dies, gerne auch während öffentlicher Auftritte, so etwa in einem Vortrag vom 9. Dezember 2002, der auf seiner Homepage dokumentiert ist. Dort erklärte Honderich: «Wenn man für die Palästinenser das moralische Recht auf Terrorismus in Anspruch nimmt, wie ich es tue, dann bedeutet dies, dass es für sie erlaubt ist, wenn nicht sogar obligatorisch ist, sich terroristisch zu betätigen, wobei dieses Urteil durch das Prinzip der Menschlichkeit gedeckt ist, wie ich es vorher dargelegt habe.»

Ein entscheidendes Kriterium dieses Prinzips ist es, das hat Honderich vorher dargelegt, dass ein terroristischer Akt im Konzert mit anderen terroristischen Akten Aussicht auf Erfolg haben muss. Aus diesem Grund lehnt er im Übrigen die Anschläge vom 11. September ab: Sie waren von vornherein aussichtslos im Bemühen, den Kapitalismus in die Knie zu zwingen und damit eine der wichtigsten Ursachen für «schlechtes Leben» auf dem Planeten zu beseitigen.

In seinen im Internet veröffentlichten Vorträgen widmet sich Honderich weitaus ausführlicher als in seinem Buch dem Nahostkonflikt. Auf die dort nachzulesenden Texte beruft sich nun auch der Verlag, der dort eine sich radikalisierende Haltung Honderichs erblickt. Er mache sich dort Positionen zu eigen, die er im Buch lediglich zitiere, hieß es aus Frankfurt. Damit habe der Philosoph «die Ebene, auf der die Erörterung manifester und kontrovers diskutierter Konflikte möglich und notwendig ist, verlassen».

Eindeutig und unerbittlich
Dass allerdings bereits in seinem Buch eine Haltung zum Vorschein kommt, die sich zu entscheiden anmaßt, in welchem Fall das Töten von Zivilisten durchaus «durch das Prinzip der Menschlichkeit gedeckt» ist, haben einige Kommentatoren bereits am Mittwoch angemerkt. Harry Nutt erkannte in der «Frankfurter Rundschau» etwa eine «altlinke Sehnsucht nach Eindeutigkeit», des Philosophen Drang zu moralischer Entdifferenzierung führe geradewegs in die Rechtfertigung des Terrors.

Im Honderich'schen Original liest man zu dieser Frage: «Diejenigen Palästinenser, die zu unvermeidlichen Tötungen als Mittel gegriffen haben, waren im Recht, zu versuchen, ihr Volk zu befreien; und diejenigen, die sich selbst für die Sache ihres Volkes getötet haben, haben sich in der Tat selbst gerechtfertigt.» Ijoma Mangold kam in der «Süddeutschen Zeitung» zum Schluss, dies sei «gleichsam die Summe seiner vorherigen Moralreflexionen, die Honderich mit der Unerbittlichkeit einer philosophischen Registrierkasse zieht.»

Bessere und schlechtere Terror-Opfer
Im Netz lässt sich nachlesen, wie präzise tatsächlich diese Honderich'sche Registrierkasse arbeitet. In einem eben, am 5. August, erschienenen Text unterscheidet Honderich präzise die verschiedenen Opferklassen, die moralisch gerechter Terrorismus produzieren kann. Fein säuberlich trennt der Moralphilosoph dort zwischen «nicht eingesetzten Kombattanten», «Halb-Unschuldigen», die man allerdings besser als «Halb-Schuldige» bezeichnen solle, «klar Unschuldigen» und schließlich «Zivilisten», wobei letztere genauso gut Kombattanten wie Halb-Unschuldige, klar Unschuldige oder Nicht-Kombattanten sein könnten.

Konkrete Schlüsse zieht Honderich aus diesen Klassifikationen nicht, man wartet also vergeblich auf eine Handreichung, unter welchen Umständen «Halb-Unschuldige» beim Besuch im Supermarkt oder im Bus denn jetzt in die Luft gesprengt werden dürfen. Wenn er es täte, käme seine Verpflichtung zum Terrorismus, die er für die Palästinenser formuliert, womöglich argumentativ ins Wanken. Auffällig ist hingegen, mit welcher Akribie Honderich im Gegensatz dazu etwa die Frage behandelt, wie das Handeln eines israelischen Bordschützen zu beurteilen sei, der von einem Helikopter aus einen Hamas-Aktivisten ins Visier, und dabei den Tod von Zivilisten in Kauf nimmt.

Perfide Klischees
Es ist legitim, die illegale Besatzung palästinensischen Lands zu kritisieren, wie sie die Siedlungen darstellen. Auch die Art und Weise, wie die Besatzungsmacht mit der Bevölkerung umgeht, wie die Regierung Häuser zerstören und militante Aktivisten töten lässt. Nun erklärt Honderich zwar immer wieder, und damit ganz «ausgewogen», auch die Israelis hätten ein Recht auf ihren Staat, innerhalb der Grenzen von 1967. Er versäumt aber nicht hinzuzufügen, dass die Juden «als Hauptopfer von Rassismus in der Geschichte von ihren Peinigern gelernt zu haben» scheinen. Wenn es ein wirklich bösartiges antisemitisches Klischee in der Gegenwart gibt, dann ist es in der Tat eben dieses. Zumindest dieser Satz ließ auch Jürgen Habermas «aufstöhnen», der des weiteren nur Honderichs Verwischung der politischen und moralischen Dimension in Sachen Selbstmordattentate kritisieren mochte.

Es verwundert wenig, wenn Honderich Israel außerdem Rassismus vorwirft, Zionismus und Rassismus für mehr oder weniger synonym erklärt, und die Selbstmordattentate mit den Terrorakten des ANC gegen das Apartheid-Regime vergleicht. Nelson Mandela darf sich durchaus verleumdet fühlen: Der ehemalige Bombenexperte des ANC-Untergrunds erklärt noch heute, die Maxime seiner Gruppe sei immer gewesen, eben keine Unschuldigen zu treffen. Der Fortschritt der Moralphilosophie in Gestalt Honderichs sauberer Opfer-Klassifizierungen macht solche schwammigen wie sentimentalen Definitionen in Zukunft vielleicht überflüssig. Aber zumindest wird sich dann niemand darauf berufen können, diese neuen Erkenntnisse habe er einer Veröffentlichung des renommierten Suhrkamp-Verlags entnommen.