Kirche gegen Homosexualität:
Der Vatikan lauscht der Stimme der Natur
04. Aug 2003 07:32
 | Kardinal Ratzinger | Foto: ddp |
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Der Vatikan hat erneut die rechtliche Anerkennung homosexueller Lebensgemeinschaften angeprangert. Er beruft sich dabei ausgerechnet auf die «Stimme der Natur».
Von Ulrich GutmairDer Präfekt der katholischen Kongregation für die Glaubenslehre, Joseph Kardinal Ratzinger, hat sich mit seinen Dogmatiker-Kollegen beraten und daraufhin kürzlich «Erwägungen zu den Entwürfen einer rechtlichen Anerkennung der Lebensgemeinschaften zwischen homosexuellen Personen» verfasst, die bereits am 28. März vom Papst gebilligt wurden. Seit die offizielle vatikanische Verlautbarung aber am Donnerstag veröffentlicht wurde, herrscht Aufruhr nicht nur unter Schwulen und Lesben, sondern auch unter aufgeklärten Katholiken.
Denn die katholische Kirche bekräftigt hier noch einmal ihre bekannte Auffassung, dass die Homosexualität «schädlich für die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft» sei. Anlass sind verschiedene Gesetzesvorhaben weltweit, die die rechtliche Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften anstreben und somit für die Kirche «ein beunruhigendes moralisches und soziales Phänomen» darstellten. Das Dokument wendet sich dabei nicht nur an die Gläubigen, «sondern alle Menschen, die sich für die Förderung und den Schutz des Gemeinwohls der Gesellschaft einsetzen.»
Ungerechte Gesetze
Ginge es um eine reine theologische Frage, gäbe es nicht viel zu diskutieren. Denn der Papst, der dem Dokument seinen Segen erteilt hat, mag zwar auch in theologischen Fragen nicht immer Recht haben, er hat aber qua Position diesbezüglich nun einmal das letzte Wort. Die Glaubenskongregation unter Kardinal Ratzingers Führung ist aber erstens weit davon entfernt, sich nur theologisch zu äußern, sie beruft sich auf «rationale Argumente». Zweitens ermahnt sie katholische Parlamentarier und eben alle verantwortungsbewussten Menschen, ihrer Argumentation zu folgen. Insofern muss sie sich gefallen lassen, dass eben diese kritisch betrachtet wird. Der nordrhein-westfälische CDU-Vorsitzende Rüttgers etwa fühlte sich bereits angesprochen und erklärte: «Ich bin praktizierender Katholik. Aber es ist nicht meine Aufgabe, den Leuten zu sagen, wie sie zu leben haben.» Das ist legitim, geht aber vollkommen am Problem vorbei. Ratzingers Aufruf äußert sich nämlich nur am Rande dazu, wie Homosexuelle leben sollen: «Diese Personen sind wie die anderen Christen gerufen, ein keusches Leben zu führen», darüber hinaus verdienen sie «Achtung und Mitleid». Im Zentrum steht aber die Behauptung, Gesetze, die homosexuellen Partnerschaften einen Status analog zu dem der Ehe zusprechen, seien ungerecht: Sie sanktionierten gesellschaftliche Fakten, die dem «natürlichen Sittengesetz» widersprächen, demnach sei Widerstand für jeden katholischen Parlamentarier Pflicht.
Natürliche Wahrheiten
Genauer gesagt geht es dabei unter anderem um die Richtigkeit menschlicher Gesetze: «Jedes von Menschen erlassene Gesetz hat den Charakter eines Gesetzes, insoweit es mit dem natürlichen Sittengesetz, das von der rechten Vernunft erkannt wird, übereinstimmt und insbesondere die unveräußerlichen Rechte jeder Person achtet.» Dieser Paragraph beruft sich auf Thomas von Aquin, der bereits vor einer guten Weile verstorben ist, weshalb sich die Frage stellt, was hier und heute mit dem «natürlichen Sittengesetz» gemeint sein könnte. Kardinal Ratzingers Text präzisiert: «Die natürliche Wahrheit über die Ehe wurde durch die Offenbarung bekräftigt, die in den biblischen Schöpfungsberichten enthalten ist und auch die ursprüngliche menschliche Weisheit zum Ausdruck bringt, in der sich die Stimme der Natur selbst Gehör verschafft.» Es ruft durchaus Verblüffung hervor, dass der Vatikan nicht nur der «Stimme der Natur» lauscht, die über den Umweg der ursprünglichen menschlichen Weisheit und die biblischen Schöpfungsberichte außerdem ihre «natürliche Wahrheit» verkündet. Nun wissen wir über die Mechanik der Natur heute mehr als Herr Aquino. Die Evolutionsbiologie etwa hat einige durchaus bedenkenswerte Gründe für die Argumentation vorgelegt, dass Homosexualität keineswegs «widernatürlich» ist, oder etwas nüchterner ausgedrückt: als Irrtum der Natur zu begreifen ist. Warum die Wissenschaftler sich diese Frage stellen, ist klar: Homosexualität gibt es nicht nur unter Menschen, sondern kommt auch «in der Natur» an jeder Ecke vor. Einer der möglichen Gründe könnte beim Menschen darin bestehen, dass Homosexuelle als nicht reproduzierende Onkel oder Tanten ihren Beitrag zum Gen-Erfolg des Clans leisten, wie etwa der Biologe Volker Sommer glaubt.
Vor kurzem konnte man in Bezug auf ein weiteres Phänomen, das die Amtskirche seit langem beschäftigt, folgendes in den Zeitungen lesen: Wissenschaftler, die sich natürlich ebenso oft irren können wie der Papst, glauben zumindest auf statistischem Wege fest gestellt zu haben, dass Männer zwischen zwanzig und dreißig, die häufig masturbieren oder auf welchem Wege auch immer Ejakulationen herbeiführen, in späteren Jahren weniger häufig an Prostatakrebs erkranken. Die Wissenschaftler haben die Hypothese aufgestellt, dass durch die ständige Neubildung von Samenflüssigkeit möglicherweise Krebs erregende Substanzen aus der Prostata herausgeschwemmt werden.
Wenn man dieser statistischen Aussage über «die Natur» der Fortpflanzungsorgane einen tieferen Sinn abringen wollte, hier also die «Stimme der Natur» sprechen hören möchte, müsste man wohl sagen: Die natürliche Ordnung der Dinge sieht vor, dass den Trieben des jungen Manns so oft wie möglich nachgegeben werde. Wer sich hingegen über die eigenen natürlichen Triebe hinwegsetzt und somit «widernatürliches Verhalten» an den Tag legt, muss eben mit Konsequenzen rechnen. Es ist offensichtlich, dass eine solche mit rein biologischen Argumenten moralisierende Rede auf gewisse Weise beschämend wäre, reduzierte sie den denkenden und autonom handelnden Menschen doch auf eine würdelose, weil triebgesteuerte Ansammlung von Zellen.
Die Diktatur der Natur
Der tiefere Sinn dieser beiden Beispiele liegt also nicht darin, im Stil scholastischer Haarspaltereien darüber zu spekulieren, wer denn nun die «Stimme der Natur» besser versteht, die Kirche oder die Wissenschaft? Ganz im Gegenteil sollte deutlich geworden sein, dass schon allein diese Frage einem ursprünglichen Biologismus das Wort redet, den gerade das Christentum überwinden half. Denn «mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete - durch das Wirken des Heiligen Geistes. Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen. Während er noch darüber nachdachte, erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist», heißt es bei Matthäus. Manche Theologen, Historiker und Soziologen erblicken gerade in dieser Geschichte einen zivilisatorischen Sprung: Joseph fügt sich am Ende eben nicht mehr einer kulturell verbrämten Diktatur der Natur, und jagt Maria zum Teufel, weil nicht er es ist, der sich da fortpflanzt. Er nimmt die Frau und das Kind an, das nicht das seine ist. Zivilisation steht fortan noch deutlicher für die künstliche Setzung, die über das Natürliche dominiert, das in den barbarischen Naturreligionen noch seine Herrschaft über den Menschen ausgeübt hat. Man kann sich sicher darüber streiten, ob und wie der Staat die Ehe zwischen Mann und Frau zu schützen hat. Man muss es aber tragisch nennen, wenn sich die katholische Orthodoxie im Streit um die «Homo-Ehe» ausgerechnet auf die «Stimme der Natur» beruft, weil sie sich anders offenbar nicht zu helfen weiß.