US-Wahlkampf: Amerika braucht einen Blair01. Aug 2003 07:42  | Blair soll den Demokraten den Weg weisen | Foto: AP |
|
Den Amerikanern spricht Tony Blair aus dem Herzen. Grund genug für demokratische Parteistrategen, Blair zum Modell des progressiven Präsidentschaftskandidaten zu erklären.
Was ist der Unterschied zwischen George W. Bush und Tony Blair? Der Cowboy macht letztlich mit dem Versprechen Politik, dass wir es denen schon zeigen werden. Und wenn man dabei propagandistisch ein bisschen Wind machen muss, um die Leute im Städtchen hinter sich zu bringen, ist jede Lüge recht. Da ist er auch Manns genug, das hinterher gar nicht erst abzustreiten. Der Reverend hingegen erscheint aufrichtig. Die anlässlich des Irakkriegs ausgegebene Parole, die Welt zu einem besseren und sicheren Ort zu machen, ist offenbar sein voller Ernst – auch wenn die Hälfte seiner Landsleute ihm inzwischen nicht mehr so recht traut.
Nicht erst seit Tony Blair am 17. Juli vor dem Kongress sprach, wo er noch einmal die Notwendigkeit des Kriegs zur Schaffung eines ungefährlichen und demokratischen Irak betonte, haben ihn intellektuelle Vordenker der Demokraten als Rollenmodell entdeckt. Richard Just schreibt den Demokraten jetzt ins Stammbuch, was ein demokratischer Präsidentschaftskandidat von Blair lernen muss, um überhaupt ernsthafte Chancen auf einen Sieg über Bush haben zu können: «Was die Demokraten von Tony Blairs Kongress-Rede lernen können», lautet die Überschrift von Justs Analyse. Just ist Redakteur des sich selbst als «liberal» und «progressiv» definierenden und also den Demokraten nahe stehenden Magazins «The American Prospect».
Demokraten verstehen die Amerikaner nicht Für die Amerikaner, schreibt Just, ist es ein Verlust, dass Tony Blair auf der anderen Seite des Atlantiks geboren wurde. Denn besser als jeder zeitgenössische amerikanische Politiker verstehe der britische Premier die angemessene Rolle der amerikanischen Macht in der Welt. Insofern hätte Blair nicht nur beste Chancen gegen Bush im nächsten Wahlkampf, er wäre auch der weitaus bessere Präsident. Im direkten Vergleich mit Blairs klarer außenpolitischer Konzeption erscheinen die Strategien der demokratischen Kandidaten blass, wenn nicht chaotisch, glaubt Just. Die einen (Kerry, Edwards, Lieberman) würden sich lediglich irgendwie von der kriegerischen Rhetorik Bushs abzusetzen versuchen, der andere (Howard Dean) populistisch die amerikanische Macht rundheraus ablehnen. Sie alle verstehen im Gegensatz zu Blair damit vor allem eines nicht, glaubt Just: Dass die Amerikaner sich Sorgen über die Sicherheit ihres Landes machen. Wenn den Demokraten als politische Antwort darauf nichts besseres einfalle, als das Budget der «Homeland Security» zu erhöhen, würden sie beim Wähler durchfallen.
 | Tony Blair vor dem US-Kongress | Foto: AP |
|
Bush und seine Berater hingegen hätten wohl verstanden, dass die Amerikaner weiterhin Angst vor dem Terror haben, und diese Gefühle auf zynische Weise ausbeuten, um noch mehr Angst zu säen. Die gerechtfertigten und rationalen Ängste der Bürger würden durch die Propagandamaschinerie der Regierung somit in unvernünftige Ängste transformiert – nur, um den Krieg rechtfertigen zu können. Die Demokraten aber verbreiteten den Eindruck, die Ängste der Amerikaner seien wenig legitim, wenn nicht gar dumm. Tony Blair hingegen erscheint in Justs Analyse als derjenige, der weder zynisch ist, noch verharmlost, sondern eine idealistische Sicht der Welt entwickelt, in der die Amerikaner die Verantwortung übernehmen müssen, die das Schicksal ihnen auferlegt hat.
Idealismus statt Realismus Die Sicherheit, die sich die Menschen in Amerika wünschten, verlange es geradezu, alles Mögliche zu unternehmen, die Welt humaner und demokratischer zu machen, erklärte Blair vor dem Kongress: «Die Verbreitung der Freiheit ist die beste Versicherung für die Freien.» Wo sich Bushs Politik im Nahen Osten immer deutlicher als «billiger Realismus» charakterisieren lasse, so Just, beharre Blair auf dem idealistischen Programm, das die Befreiung Iraks nicht ohne dessen Demokratisierung denken mag. «Wir haben Irak eine demokratische Regierung versprochen; wir werden dieses Versprechen einlösen. ... Wir werden so lange mit diesen Menschen ausharren, die unsere Hilfe so nötig brauchen, bis die Arbeit erledigt ist», erklärte Blair weiter.
 | Tony Blair während einer Fernsehansprache an die Briten | Foto: AP |
|
Unter dem Strich formuliere Blair die idealistische wie optimistische Idee, analysiert Just, dass die Vereinigten Staaten als eine starke internationale Führungsmacht dienen könnten ohne dabei als globaler Tyrann dazustehen. Solcher Optimismus aber sei ein Schlüsselfaktor bei jeder Präsidentschaftswahl, und Blair optimistischer als Bush. Insofern müssten die demokratischen Herausforderer nicht nur die außenpolitischen Konzepte Blairs adaptieren, sondern auch seinen Stil.
Warum Amerika? Tatsächlich hat Blair in seiner Kongress-Rede auch gleich die Aufgabe übernommen, den Amerikanern zu erklären, warum ausgerechnet sie der Welt Demokratie bringen sollen: «In irgend einer kleinen Ecke in diesem großen Land – draußen in Nevada oder Idaho oder an einem der Orte, die ich nie besucht habe, aber immer schon besuchen wollte – da draußen, das weiß ich, lebt ein Mann sein Leben, zusammen mit seiner Frau, kümmert sich um seine eigenen Angelegenheiten, und fragt Sie, die Führer dieses Landes: 'Warum ich, und warum wir, warum Amerika?' Und die einzige Antwort auf diese Frage lautet: Weil das Schicksal euch in diesem Augenblick an diese historische Stelle platziert hat, und ihr diese Aufgabe erledigen müsst.» Bereits vor einigen Monaten hatte Will Marshall vom Progressive Policy Institute auf den Meinungsseiten der Washington Post die Frage aufgeworfen, ob Blair nicht zur Leitfigur des demokratischen Wahlkampfs erkoren werden sollte. Kurz darauf erschienen die Zahlen der Meinungsforschungsinstitute. Mitten im Irakkrieg sahen 72 Prozent der befragten Amerikaner Blair positiv, Bush erreichte nur 67 Prozent. Gleichzeitig war die Zahl derjenigen, die Bushs Agieren negativ betrachteten, dreimal so hoch wie Blairs Negativ-Quote. Mehr als jedes inhaltliche Argument könnte eben dieses seine Wirkung unter demokratischen Wahlkämpfern entfalten.
Für das Web ediert von Ulrich Gutmair |