Netzeitung Logo
 
DruckenVersenden
 

Google: 

Ist Google Gott?

23. Jul 2003 01:07
Google-Mitbegründer Sergey Brin
Google beherrscht das Nutzerverhalten stärker, als es den meisten Freunden der schnellen Suchmaschine lieb sein dürfte. Die Frage, welche Konsequenzen daraus gezogen werden sollten, ist umstritten.

Von Ulrich Gutmair

In den letzten Wochen fragten sich viele, wo denn die vielbeschworenen Massenvernichtungswaffen im Irak wohl abgeblieben sind. Wer mit der Suchmaschine Google nach «weapons of mass destruction» suchte, erhielt auf Platz eins der Suchergebnisse lange eine satirische Seite, die inzwischen auf Platz zwei abgerutscht ist. Auf der im Stil einer Fehlermeldung designten Seite ist unter anderem zu lesen: «Die Waffen, nach denen sie suchen, sind derzeit nicht verfügbar. Das Land leidet derzeit möglicherweise unter technischen Schwierigkeiten, unter Umständen müssen Sie Ihr Mandat für Waffeninspektionen korrigieren.»

Mehr im Internet:
Die Seite war offenbar durch Werbung in diversen Foren und Weblogs extrem populär geworden, außerdem war sie so oft von anderen Seiten verlinkt worden, dass die Suchalgorithmen Googles sie auf den obersten Rang platzierten. Denn Googles PageRank-System achtet vor allem darauf, wie oft externe Links auf eine Seite verweisen. Die Idee ist so einfach wie plausibel und auf gewisse Weise auch tautologisch: Was oft von relevanten Seiten verlinkt wird, ist bereits von vielen für relevant erachtet worden. Natürlich ist diese Technologie wie jede andere ins Visier von Hackern und vor allem professionellen Consultants, so genannten «Optimierern», geraten, die ihren Kunden mit Tricks dazu verhelfen wollen, möglichst weit oben in den Suchergebnissen Googles zu rangieren, um dadurch für die Web-Massen überhaupt erst zu existieren.

Demgegenüber formuliert Google eine Politik der Transparenz und der Objektivität: «Im Gegensatz zu anderen Suchmaschinen kann von Google keine höhere Listung oder eine kommerzielle Veränderung der Ergebnisse gekauft werden. Eine Google-Suche ist ein einfacher, ehrlicher und objektiver Weg, qualitativ hochwertige Websites zu finden.» Allerdings mussten allzu gewitzte Optimierer bereits erleben, dass ihre Manipulationen mit gezieltem Ausschluss seitens Googles bestraft wurden.

Mediale Großmacht Google

Mehr in der Netzeitung:
Aus diesem Grund löste die Satire-Fehlermeldung in einschlägigen Mailinglisten wie «nettime», in denen der kritische Internetdiskurs gepflegt wird, rege Diskussionen aus. Amy Alexander etwa fragte sich, ob Google die Suchergebnisse womöglich manipuliert haben könnte, schließlich würde das durchaus zum Spaß-orientierten Image der Firma passen. Keith Sanborn warf ein, der Macher der Seite dürfte ein gefragter Mann werden, falls er dank intimer Kenntnisse der kulturellen Vorlieben der Community der Blogger diese zum Verlinken animieren und so eine Seite in kürzester Zeit auf die oberen Plätze katapultieren könne: «Am oberen Ende Googles zu erscheinen könnte den Letterman-Effekt ersetzen.»

In all diesen Debatten, die nicht erst mit den nicht auffindbaren Massenvernichtungswaffen begonnen haben, steckt natürlich das Bewusstsein, dass Google sich zu einer medialen Macht entwickelt hat, die erstens nicht zu unterschätzen, zweitens kaum zu kontrollieren und drittens von gut informierten Optimierern missbraucht werden kann. Derzeit wacht Sergey Brin, einer der Gründer des Unternehmens über die moralische Integrität Googles, das derzeit monatlich 28 Millionen Nutzer, das sind 69 Prozent aller Suchmaschinennutzer, ansteuern. «Man kann Geld verdienen, ohne Böses zu tun», lautet eine der selbst auferlegten Maximen, die man auf Googles Website nachlesen kann.

Google liebt seine Chinesen

Wie schwierig das werden kann, zeigte sich im September letzten Jahres, als die chinesische Regierung die Seite blockierte, man hatte Angst vor größeren Protestaktionen anlässlich des 16. Parteikongresses. Google sandte darauf hin Emissäre aus, um Verhandlungsbereitschaft zu signalisieren, vier Tage später war Google in China wieder erreichbar. Allerdings können Chinesen seither zwar nach bestimmten Begriffen suchen, sie werden von den Goggle-Resultaten ausgehend aber durch Regierungssoftware umgeleitet. Brin erklärte der Zeitschrift «Wired»: «Sie haben einen neuen Mechanismus, der die Ergebnisse von bestimmten Suchanfragen blockieren kann.» Auf die Frage, ob Google den Chinesen dabei geholfen habe, sagte Brin nur lapidar: «Wir haben an unseren Servern keine Veränderung vorgenommen.»

Google kommt aber auch demokratischen Regierungen entgegen, diesmal mit Hilfe der eigenen Server. Da es etwa in Deutschland verboten ist, verfassungsfeindliche Symbole zu zeigen oder Material zu veröffentlichen, das als Volksverhetzung gilt, hat man bei Google offenbar im letzten Jahr damit begonnen, bestimmte Seiten für User aus Deutschland zu blockieren, wie amerikanische Forscher herausgefunden haben. Ähnliche Maßnahmen wurden für User aus Frankreich und der Schweiz ergriffen. Nicht nur solche Selbstzensur hat Google negative Schlagzeilen eingebracht.

Alles andere als demokratisch

Für Daniel Brandt, der www.google-watch.com betreibt, ist Googles PageRank-Technologie alles andere als demokratisch, da sie systematisch die Großen bevorzugt und die Kleinen nicht zum Zug kommen läßt. Das hat neben den erwähnten Algorithmen damit zu tun, dass die Bots, die für Google im Turnus von vierzehn Tagen das Web durchforsten, zuerst auf Seiten suchen, die bereits von Google indiziert worden sind. Neue Sites sind damit eher chancenlos, ganz abgesehen von der Tatsache, dass der PageRank-Populismus über keinerlei technische Möglichkeiten verfügt, den tatsächlichen Inhalt von Seiten zu bewerten. So kommt es immer wieder vor, dass Seiten, deren Inhalt perfekt der Suchanfrage entsprechen, gar nicht erst von Google gelistet werden.

Darüber hinaus kritisiert Google Watch die fragwürdige Politik des Unternehmens, wenn es um den Datenschutz geht: Google war die erste Suchmaschine, die einen mehr oder weniger «unsterblichen» Cookie auf den Festplatten seiner User implantierte: Google-Cookies schalten sich erst im Jahr 2038 ab. Bei jeder Suche speichert Google die Identität des Cookie, die IP-Adresse, Datum und Uhrzeit, die Suchbegriffe und die Browser-Konfiguration. Google hat allem Anschein nach jederzeit schnellen Zugriff auf diese gespeicherten Daten, hat sich diesbezüglich zu keinerlei Datenschutzpolitik bekannt und weigert sich außerdem darüber Auskunft zu geben, wofür diese Daten benutzt werden. Google sei daher eine «Datenschutz-Zeitbombe» angesichts der neuen Vollmachten für staatliche Datensammler nach dem 11. September.

Auch in Bezug auf optimisierende Webmaster hat Google keinerlei Richtlinien formuliert. Einerseits werden Webmaster gezwungen, sich auf das PageRank-Spiel einzulassen, andererseits können sie jederzeit für «Missbrauch» bestraft werden, der von Google willkürlich festgestellt wird. Google müsse also auf das intensive Datensammeln verzichten und außerdem den Einfluß der PageRank-Algorithmen minimieren, glaubt man bei Google Watch.

Unmündige User?

Vor diesem Hintergrund hat nun auch die Bertelsmann-Stiftung Bedenken angemeldet. Die Stiftung stellte in einer Sudie fest, dass viele Nutzer nur eine Suchmaschine, nämlich Google, benutzen, von anderen Maschinen hingegen keine Kenntnis haben und darüber hinaus auch nicht verstehen, wie diese überhaupt funktionieren. Darüber hinaus bemängelte die Stiftung, der Missbrauch der Optimierer führe dazu, dass naiven junge Menschen bei Suchanfragen nicht jugendfreie Angebote untergejubelt werden würden – vergaß dabei allerdings zu erwähnen, dass das beliebteste Suchwort im Internet immer schon «Sex» lautete.

Die Stiftung ist damit aber immerhin schon einen Schritt weiter als Pulitzer-Preisträger und «New York Times»-Kolumnist Thomas Friedman. Der überschrieb einen naiven und alles andere als Google-kritischen Kommentar mit der Frage: «Ist Google Gott?»

Wir verstaatlichen Google

In der Tat, in gewisser Weise ist Google Gott, und aus eben diesem Grund sollte das Unternehmen kritisch begutachtet und zu Veränderungen in seiner Politik genötigt werden. Für den altgedienten Webmaster Brandt stellt sich sogar die Frage, ob Google nicht wie eine öffentliche Einrichtung behandelt werden sollte. Immerhin ist die Google-Suche zum zentralen Medium der Informationsbeschaffung für Millionen von Usern geworden. Im alten Alten Europa hätte es an diesem Punkt vermutlich sogar geheißen: Wir verstaatlichen Google.

In zweierlei Hinsicht ist diese Vorstellung gar nicht einmal so absurd, sowohl in Bezug auf die Frage des Gemeinnutzes und der Verplichtungen, die sich aus staatlichen Forschungsgeldern ergeben, als auch in Hinblick auf den staatlichen Zugriff auf sensible Daten. Zum einen hätte Google womöglich nie existiert, hätten staatliche Einrichtungen in den USA, unter anderem die National Science Foundation, Darpa und Nasa das Forschungsprojekt der späteren Firmengründer nicht gefördert. Zum anderen gibt es bereits heute Verbindungen von Google zur Bush-Regierung, ihr Weg führt unter anderem über die Risikokapitalfirmen Kleiner Perkins und Sequoia Capital zur «Technical Advisory Group» George Bushs und zum Verteidigungsministerium.

 
Drucken
VersendenSocial Bookmark Mister Wong Yigg Google del.icio.us Oneview Webnews
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
Zum Wissenstest

Alle Wissenstests

Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
Live Top 5
netzeitung.de auf Ihrer iGoogle-Seite
Aus anderen Ressorts
Zur Autogazette

Geschäftsführer: Dr. Robert Daubner | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2008 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.