Bookcrossing:
Mit achtzig Lesern um die Welt
08. Jul 2003 07:36, ergänzt 07:37
 | Bookcrossing: Bücher zum Mitnehmen | Foto: bookcrossing.com |
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Mit «Bookcrossing» reisen an öffentlichen Orten abgelegte Bücher um die ganze Welt. Eine lesende Internet-Gemeinde diskutiert die Werke und verfolgt ihren Weg.
Von Max Oppel«Ich bin frei! Niemand hat mich verloren! Nimm mich mit und hilf mir auf meiner Reise...» Bücher mit dieser Aufschrift lassen sich derzeit auf Parkbänken, in der U-Bahn oder auf öffentlichen Toiletten finden. Sie sind mit einer Nummer versehen, damit man sie mitnehmen und im Internet unter www.bookcrossing.com nachschauen kann, wer sie ausgelegt hat. Anschließend kann man sie lesen und wieder «verlieren». Auf diese Weise reisen «befreite» Bücher von Jamaika über China bis nach Italien oder Deutschland.
Majakowski taucht wieder auf
Das Prinzip ist nicht neu. Wenn man ein Buch in eine Flasche stopfen könnte, wäre «Bookcrossing», wie sein Erfinder das Prinzip des gezielten Aussetzens von Literatur nennt, vielleicht schon vor hundert Jahren erfunden worden. Ein Roman geht auf Kreuzfahrt: Für «Robinson Crusoe» wäre das wohl ein adäquater Werbegag gewesen. In Zeiten von Flugzeug und Internet ist die Flasche aber nicht mehr nötig: Es reicht, ein Buch bei «Bookcrossing.com» zu registrieren und dann irgendwo liegen zu lassen. Ein Finder wird sich dann (hoffentlich) per E-mail auf der Seite melden und einen Kommentar abgeben. Die Idee des Amerikaners Ron Hornbaker ist seit etwa zwei Jahren online und findet seit kurzem auch in Deutschland Anhänger.
 | Ron Hornbaker, Erfinder von Bookcrossing | Foto: ad.nl |
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Einer von ihnen stellt sich auf seinem persönlichen «Buchregal» bei «Bookcrossing.com» so vor: «Ich heiße Wladimir Majakowski, nahm mir das Leben am 14. April 1930 und tauche wieder auf, wo eines meiner Bücher gelesen wird.» Majakowski ist seit dem Ende des Realsozialismus allenfalls als Straßenname in Ostdeutschland aufzufinden – eben das ist für den unter Pseudonym agierenden Anhänger des «Bookcrossing» Grund genug, Majakowski als Autor wieder in Erinnerung zu rufen.
Bücher im Fundbüro
Bislang hat es der in Berlin ausgesetzte Titel «Ich selbst», Majakowskis Autobiographie, immerhin bis nach Wuppertal geschafft. Der Finder mit dem Decknamen «Linguistchris» schreibt Ende April bei «Bookcrossing.com»: «Mit Herzklopfen an konspirativem ‘Toten Briefkasten’ empfangen: meine Überraschung pünktlich zum Welttag des Buches. Oh danke, danke, danke!»
Soviel Begeisterung für einen vergessenen russischen Dichter – das muss der Nervenkitzel beim Finden des Exemplars gewesen sein. «Konkrete Absprachen soll es nicht geben, das wäre gegen die Philosophie von Bookcrossing», erzählt «Majakowski» bei einem Treffen in einem Berliner Café. Also teilt er «Linguistchris» aus Wuppertal per E-Mail lediglich mit, dass er in den nächsten Tagen einen Band in der Nähe des Briefkastens xy auslegen wird. Der hat sich offenbar auf die Lauer gelegt und das Buch ergattert, bevor es ein anderer Leser oder die Stadtreinigung mitnehmen konnte.
 | Bookcrossing-Logo: "Hilf mir auf meiner Reise" | Foto: bookcrossing. com |
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Besonders gut könne man Bücher in Geldautomaten-Vorhallen aussetzen, sagt «Majakowski». «Da fühlen sich die Leute einen Moment unbeobachtet und lassen mal ein Buch mitgehen, auch wenn sie nicht wissen, dass genau das gewollt ist.» Ansonsten kann es mitunter schwierig werden, die Lektüre loszuwerden: Fürsorgliche Passanten schlagen Alarm oder geben die Bände trotz Kennzeichnung im Fundbüro ab.
Harte Zeiten für deutsche Gedichte
Insgesamt wird nur etwa ein Viertel aller ausgesetzten Werke gefunden und registriert, schreibt Ron Hornbaker auf seiner Website. «Wahrscheinlich sind es noch weniger», vermutet «Majakowski» und beklagt die Achtlosigkeit der gestressten Stadtmenschen. Dabei kann sich ein bisschen Aufmerksamkeit lohnen: In Deutschland kursieren zur Zeit beispielsweise «Der Fremde» von Albert Camus, «Per Anhalter durch die Galaxis» von Douglas Adams oder auch «Das Tümpelaquarium», ein Ratgeber für Liebhaber des mitteleuropäischen Kleinlebewesens im Wasser.
Es reisen also auch Werke von praktischem Gebrauchswert quer durchs Land. Dennoch drängt sich hier ein wenig der Verdacht auf, dass nicht jeder seine Lieblingsbücher auf diese Weise «entsorgt». Andererseits lässt sich der Geschmack des zukünftigen Finders nicht erahnen.
 | Douglas Adams | Foto: Offizielle Website |
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Ein Minette-Walters-Krimi soll von Kanada nach London und von dort über Wien und Madrid in die Dominikanische Republik gereist sein, berichtet Hornbaker. Nicht zuletzt spielt die Sprache eine entscheidende Rolle – die meisten Bücher sind englische Ausgaben. Ein Krimi auf japanisch oder ein Gedichtband auf deutsch haben es erheblich schwerer, weltweite Verbreitung zu finden.
Warmes Gefühl gratis
Um nicht ausschließlich vom Zufall abhängig zu sein, haben Bookcrosser einen «Buch-Ring» gestartet: «The Royal Game» (Schachnovelle) von Stefan Zweig, ausgesetzt von «Mr. Bones» aus Regensburg, hat bereits gelistete Empfänger in Finnland, Israel und weiteren 17 Ländern. Weltweit wächst die bibliophile Tausch-Gemeinde schnell an. Etwa 125.000 Mitglieder und mehr als 390.000 Titel sollen registriert sein, rund 4.000 Bookcrosser gibt es in Deutschland. Die Teilnahme ist kostenlos – Erfinder Ron Hornbaker will nach eigenen Angaben auch zukünftig jeden, der mitmacht, das «warme, kribbelige Gefühl» gratis spüren lassen, das er selbst bei der Arbeit an «Bookcrossing.com» empfand.
Die Internet-Seite des Programmierers aus Kansas City hat sich durch die vielen Mitglieder und ihre Bücherlisten gewaltig vergrößert: Mittlerweile haben Italiener, Spanier, Deutsche und andere Europäer ihre eigenen Zonen darauf eingerichtet und tauschen sich in ihrer jeweiligen Sprache über die kursierenden Bücher aus.Wer trotz dieser Vision einer weltumspannenden Bibliothek nicht bereit ist, sein Lieblingsbuch allein und einsam der Straße zu überlassen, für den hat «Bookcrossing.com» eine Lösung parat: Gute Bücher, so Ron Hornbakers Rat, soll man einfach doppelt kaufen.