Bücherverbrennung:
Deutsche Studenten verbrannten die Bücher
09. Mai 2003 11:16
 | Bücherverbrennung nachgeholt: Residenzplatz, Salzburg 1938 | Foto: aeiou.at |
|
Eine Tagung zum Jahrestag der Bücherverbrennung von 1933 beschäftigte sich mit deren Traditionen und der inzwischen entstandenen Gedenkkultur. Letztere vergisst gern, dass die deutsche Studentenschaft die Aktion organisiert hat.
Von Kai MichelAusgerechnet ein Satz aus einem Buch, das Heinrich Heine selbst für gänzlich misslungen hielt, machte große Karriere: «Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen», heißt es in seinem «Almansor», einer Tragödie, die im Spanien der Reconquista spielt und davon erzählt, wie der Kardinal Ximenes nicht nur den Koran verbrannte, um die Mauren zum Christentum zu bekehren. Das aber weiß kaum jemand, der den Satz dieser Tage zitiert, da sich am 10. Mai die nationalsozialistische Bücherverbrennung zum 70. Mal jährt.
Aus diesem Anlass veranstaltete das Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung (ZFA) am Donnerstag eine Tagung, auf der die Literaturwissenschaftlerin Mona Körte den inflationären Gebrauch des Heine-Zitats beklagte. Längst sei es zum bloßen Klischee verkommen. Es reicht nicht hin, sekundierte Institutsleiter Wolfgang Benz, alljährlich die immer gleichen Gedenkrituale zu praktizieren: Heine zitieren, aus den verbrannten Werken lesen oder gar die «Feuersprüche» der Nazis («Ich übergebe der Flamme die Schriften von») Revue passieren lassen – «auch nicht mit der gebotenen Verachtung». Es komme vielmehr darauf an, das Ereignis in seinen Kontext zu stellen, um so die Besonderheiten ebenso wie die Traditionen und Kontinuitäten herauszuarbeiten.
«Undeutsches Schrifttum»
Dass es nicht eine von oben durch das Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda initiierte Bewegung war, die am Abend des 10. Mai 1933 in zahlreichen deutschen Städten zu Tausenden die Bücher von Heinrich und Klaus Mann, Brecht, Döblin und Remarque, Marx und Freud dem Scheiterhaufen übergab, ist mittlerweile einhellige Forschungsmeinung. Es war die deutsche Studentenschaft, die die «Aktion wider den undeutschen Geist» organisierte und sich dabei der Unterstützung ihrer Professoren sicher wusste. Alles war gut vorbereitet. Schwarze Listen verzeichneten «undeutsches Schrifttum», das in Bibliotheken und Buchhandlungen konfisziert wurde. In Berlin trug man die Bücher im Studentenhaus in der Oranienburger Straße zusammen. Um 22 Uhr startete der Fackelzug.
 | Sigmund Freud | Foto: ambushmag.com |
|
Nachdem das Brandenburger Tor durchschritten war, setzte sich berittene Polizei an die Spitze der Marschkolonne. Dann ging es Unter den Linden entlang zum Opernplatz, wo eine johlende Menschenmenge half, die Bücher zum Scheiterhaufen zu transportieren. Mit großem Pathos erklangen dort die «Feuersprüche»: «Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist. Verschlinge, Flamme, auch die Schriften der Tucholsky und Ossietzky!» 20.000 Bücher verbrannten. Joseph Goebbels hielt eine Rede: «Das ist eine starke, große und symbolische Handlung, – eine Handlung, die vor aller Welt dokumentieren soll: Hier sinkt die geistige Grundlage der November-Republik zu Boden, aber aus diesen Trümmern wird sich siegreich erheben der Phönix eines neuen Geistes».
Bücherverbrennen mit Tradition
Erich Kästner erinnerte sich später: «Und im Jahre 1933 wurden meine Bücher in Berlin, auf dem großen Platz neben der Staatsoper, von einem gewissen Herrn Goebbels mit düster feierlichem Pomp verbrannt. Vierundzwanzig deutsche Schriftsteller, die symbolisch für immer ausgetilgt werden sollten, rief er triumphierend bei Namen. Ich war der einzige der Vierundzwanzig, der persönlich erschienen war, um dieser theatralischen Frechheit beizuwohnen. Ich stand vor der Universität, eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform, den Blüten der Nation, sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners. Begräbniswetter hing über der Stadt.»
 | Bücherverbrennung auf dem Berlin Opernplatz | Foto: DHM |
|
Dass man vor 70 Jahren nichts Neues tat, betonte Wolfgang Benz. Vielmehr habe man sehr deutlich das Wartburgfest des Jahres 1817 kopiert. National gesinnte Burschenschafter verbrannten damals auf Anregung Friedrich Ludwig Jahns «undeutsche» Schriften wie den «Code Napoléon» und Kotzebues «Geschichte des deutschen Reichs». Aber auch jene Studenten folgten bereits einem Vorbild: War man doch zusammengekommen, um den 300. Jahrestag von Luthers Thesenanschlag zu begehen. Und hatte nicht der Reformator selbst auf dem Schindanger von Wittenberg die päpstliche Bannandrohungsbulle ins Feuer geschmissen?
Noch in den Fünfzigern brannte der Schund
Das Bücherverbrennen war also nicht Neues im Abendland. Im Gegenteil, wie Johannes Heil, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZFA, ausführte: Schon im antiken Griechenland verbrannte man auf dem Marktplatz von Athen die Schriften des Sophisten Protagoras und verbannte diesen nach Sizilien. Bibel und Tacitus berichten von brennenden Büchern. Römische Kaiser zündelten ebenso wie Papst Gregor IX., der 1242 in Paris Wagenladungen voll mit Exemplaren des jüdischen Talmud ins Feuer werfen ließ. Vom 14. Jahrhundert an organisierten Bußprediger «Verbrennungen der Eitelkeiten», um «unsittliche» Literatur auszumerzen; die bekanntesten inszenierte Savanarola in Florenz 1497/98, dann bereitete man ihm selbst ein Autodafé.
 | Hier geht womöglich ein Student in SA-Uniform ans Werk | Foto: Web |
|
Auch Luther war womöglich von einem Wunsch zur Revanche getrieben, hatten päpstliche Legaten doch zuvor seine Schriften verbrannt. Beispielsweise in Köln, wo, wie die Publizistin Stefanie Endlich anmerkte, noch 1957 der Bund der katholischen Jugend mit Hilfe von «Schund- und Schmutzliteratur» ein großes Feuer anfachte.
Es waren nicht «die Nazis»
Stefanie Endlich war es auch, die darauf hinwies, wie schwer man sich in Deutschland tut, der Bücherverbrennung Denkmäler zu setzen. Im Vergleich mit anderen Gräueln des Nationalsozialismus sei die Zahl der Bücherverbrennungsmahnmale gering. Und selbst wo es Gedenktafeln gebe, sei diesen meist lange Debatten vorausgegangen. Das ist befremdlich. Denn, wie Wolfgang Benz’ beobachtete, ist der frühen Opfer des «Dritten Reichs», den Eingesperrten und Totgeschlagenen, in der öffentlichen Rede nie so gedacht worden wie den am 10. Mai verbrannten Büchern. Dazu passt jedoch – so Endlich –, dass auf den Gedenktafeln meist nur das Heine-Zitat auftaucht und der stereotype Hinweis, «die Nazis» hätten diese Barbarei begangen. Unterschlagen wird damit, dass es Studenten und Professoren waren, hochgebildete Bürger also, die mit großer Inbrunst solchen mittelalterlich anmutenden Kulturvandalismus begingen, um die Sache des Nationalsozialismus zu befördern. Das ist in dem Land, das sich so gerne als das Land der Dichter und Denker geriert, noch immer ein Skandal.